Die Reformation in Rheda

von Johann Friedrich Gerhard Goeters, 1977

Es gehört zum Oktoberende jeden Jahres, daß wir in unseren evangelischen Gemeinden der Reformation gedenken. Reformation, das heißt Wiederherstellung der reinen Predigt des ursprünglichen Evangeliums von Christus nach Mafigabe der prophetischen und apostolischen Schriften, der Bibel, und eine dementsprechende Ordnung von Gottesdienst, christlichem Leben und christlicher Gemeinde. Am 31. Oktober haben wir Martin Luther vor Augen, den Augustinermönch und Theologieprofessor in Wittenberg, der eben an diesem Tage des Jahres 1517 einen Brief an seinen kirchlichen Oberen, den Erzbischof Albrecht von Magdeburg und Mainz, richtete mit Beschwerden gegen die Ablaßpredigt in der weiteren Wittenberger Umgebung und diesem Brief Thesen, theologische Sätze zu Theorie und praktischer Auswirkung des Ablasses, beilegte, die er zum Zweck wissenschaftlich-theologischer Diskussion verfaßt hatte.

Graf Konrad„Da Konrad, Graf von Tecklenburg und Lingen, Herr in Rheda, durch Heirat dem großmütigen und hervorragenden Fürsten, dem Landgrafen Philipp von Hessen, verwandtschaftlich verbunden war, hat er auf dessen Rat hin als erster vor allen übrigen Grafen Westfalens die evangelische Lehre angenommen, nämlich um das Jahr 1525.“
Hermann Hamelmann, 1570

Die Folge ist ein kirchlicher Prozeß, angeheizt durch Ordensrivalitäten. Der theologische Disput hat sich ausgeweitet: Von der speziellen Frage eines kirchlichen Nachlasses von Sündenstrafen – das meinte Ablaß – hin zu Grundfragen von Sünde und Gnade überhaupt, zur Frage kirchlicher, insbesondere der Papstgewalt, zu Grundfragen von Predigt und Sakramentsverwaltung und -gebrauch, von Priestertum und Gemeinde. Publizistik und öffentliche Diskussion geben diesen von Hause aus theologischen und kirchlichen Fragen schnell auch politische Relevanz, bringen sie in Worms 1521 vor Kaiser und Reich. Die Folge ist das Zerbrechen der abendländischen Christenheit. Der evangelischen Reformation tritt, darauf antwortend, die katholische Reform entgegen. Es entsteht das Gegenüber der Konfessionen, die im Streite darüber liegen, was die christliche Wahrheit und die rechte christliche Kirche ist.

Hier und in diesem Jahre soll nun der Blick von solch Allgemeinem aufs Besondere gerichtet werden, auf Rheda und seine engere Umgebung. Das hat in diesem Jahre 1977 seine besondere Bewandtnis. In Rheda, wie übrigens auch in Tecklenburg, gilt das Jahr 1527 – zehn Jahre nach Luthers erster Wortmeldung zu kirchlichen Mißständen -als das Jahr der örtlichen Reformation, der Entstehung der evangelischen Gemeinde am Orte. Man könnte da« auf die Kurzformel bringen, wie das der Titel der Festschrift tut: 45o Jahre evangelische Gemeinde zu Rheda.

Kurzformeln aber bergen die Gefahr sachlicher Verkürzungen. Christliche Gemeinden entstehen nicht mit einem Schlage, an einem Tage oder auch in einem Jahre. Dasselbe gilt für die Entstehung einer evangelischen Gemeinde in der Reformationszeit. Sie ist ein Wesen, das ja nicht aus dein Nichts entsteht, sondern eine mittelalterlich-katholische Vorgängerin besitzt. Durch deren Umformung nach den evangelischen Grundsätzen erst entsteht die evangelische Gemeinde«. Und eben das ist in aller Regel ein Prozeß, eine kürzere oder längere Entwicklung, bei der mindestens zwei Stadien historisch faßbar werden, die so gut wie nie ein einziger Schritt gewesen sind.

Das ist einmal die Besetzung einer mittelalterlich-katholischen Pfarrei mit einem evangelisch gesinnten Geistlichen, der oft, noch ganz im Rahmen des überkommenen katholischen Gottesdienstes, in der Predigt nach den theologischen Grundsätzen der Reformation lehrt und so die Gemeinde beeinflußt. Dies kann auch, ohne Neubesetzung der Pfarrstelle, eintreten durch den persönlichen Übergang eines bisher katholischen Stelleninhabers zur Reformation, was sich dann eben in der Predigt äußert. Reformation oder evangelischer Glaube ist, wesenhaft wie historisch, so sehr mit der Predigt verbunden, daß Besetzungen von Pfarrstellen und Grundsätze der Predigt von entscheidenden Gewichte sind.

Hier in Rheda sind die Dinge offensichtlich nicht mit einem Schlage geändert worden, ist nicht in einem Schritt aus einer mittelalterlich-katholischen Pfarrei eine evangelische Pfarrgemeinde geworden.

Und ein zweiter Schritt ist dann immer die Änderung des Gottesdienstes, der Übergang von der bisherigen Meßfeier zur evangelischen Abendmahlsfeier. Die hat als wichtigste Kennzeichen den Gebrauch der deutschen Sprache statt der lateinischen und die Austeilung von Brot und Wein, also mit dem Kelch für die Laien, an die Kommunikanten, die Gemeinde, statt der bisherigen Kommunion mit der Hostie für die Laien und des Kelches allein für den die Messe feiernden Priester, wie es spätmittelalterlicher Kirchenbrauch war.

Mindestens diese beiden Schritte, Beginn evangelischer Predigt und Änderung der Gottesdienstform, fallen in der frühen Reformationsgeschichte so gut wie nie zusammen. Erst nach dem Protestationsreichstag von 1529 und dem Augsburger Reichstag von 1530, wo die evangelischen Fürsten und Städte ihr Augsburger Bekenntnis überreichen, sind die konfessionellen Fronten im Reich geklärt. Und 1532 wird im sog. Nürnberger Anstand sichergestellt, daß die evangelischen Fürsten und Städte nicht von Kaiser und Reich in der Konfessions- und Reformationsfrage mit Waffengewalt Oberzogen werden dürfen. Erst seit 1532 beginnt die schnell wachsende Serie von Reformationen deutscher Länder und Ländchen durch ihre Landesfürsten, wo dann öfters in einem Akt das Kirchenwesen in diesen Ländern umgeformt wird, in allen zugehörigen Pfarreien mit ihrer Stellenbesetzung und dann auch der Gottesdienstform, was in aller Regel durch Erlaß einer evangelischen Kirchenordnung, die die Gottesdienstform zum Hauptgegenstand hat, geschieht.

Hier in Rheda sind die Dinge offensichtlich nicht mit einem Schlage geändert worden, ist nicht in einem Schritt aus einer mittelalterlich-katholischen Pfarrei eine evangelische Pfarrgemeinde geworden.

Die Reformation in Rheda stellt uns darüber hinaus noch besondere Probleme. Diese resultieren daher, daß wir eigentliche Urkunden und Akten der Zeit, auch Äußerungen von Zeitgenossen über die Verhältnisse in der frühen Reformationszeit so gut wie nicht mehr besitzen. Es gibt da nur ganz vereinzelte Nachrichten. Erst anderthalb Jahrzehnte später, um 1540, beginnen – bildlich gesprochen – die geschichtlichen Nachrichten zu tröpfeln, um gegen Ende des Reformationsjahrhunderts immer zahlreicher zu werden, so daß wir erst dann ein wirkliches Bild der Verhältnisse zu zeichnen imstande sind. Dies betrifft dann schon den Übergang der Gemeinde zum reformierten Bekenntnis.

In solcher Situation und Forschungslage vergleicht sich die Arbeit des Historikers am besten der eines Hannes, der ein zerborstenes und trümmerhaftes Mosaikbild wiederherzustellen hat. Er muß die noch vorhandenen Steine – das, was wir aus den Zeugnissen der Vergangenheit sicher wissen – an den richtigen Stellen einsetzen und beim Fehlenden wenigstens die Umrißlinien zu rekonstruieren versuchen – soweit man dies wissen kann. Das gesamte Bild mit allen Einzelheiten wird nicht mehr hergestellt werden können. Dazu fehlen uns zu viele dieser Mosaiksteine. Und selbst in den Umrißlinien wird es manches geben, was wir gern genauer wissen möchten, aber so, daß sich die Fragen erledigen, nicht mehr wissen können. Einiges läßt sich durch die Einordnung in die geschichtliche Umwelt noch mit etwas mehr Farbe versehen, so daß die Anschauung lebendiger wird. Aber auch dies hat seine sehr bestimmten Grenzen, damit nicht die Phantasie die historische Wissenschaft überwuchert.

Ich muß betont bemerken, daß alle Forschung in diesem Bereich aufbaut auf den zahlreichen und wichtigen Arbeiten von Franz Flaskamp eines um die westfälische Geschichte ungewöhnlich verdienten Mannes. Das gilt für dies Folgende, ohne daß das im einzelnen angegeben ist.

Unser Anschauungsbild vom Mosaik Übersetzen wir in das einer geschichtlichen Entwicklung, die im folgenden in fünf Abschnitten erfaßt wird. Das betrifft einen Zeitraum vom Beginn der Reformation bis zum Beginn des Dreißigjährigen Krieges und damit das erste Jahrhundert des evangelischen Rheda. Wir machen aus der historischen Not, daß wir von den Anfängen nicht viel wissen, gewissermaßen eine Tugend, indem wir auch Rhedas Obergang zum reformierten Bekenntnis miteinschließen, was nach der Auffassung der Zeitgenossen seine zweite Reformation oder die Vollendung der ersten war. Und damit gewinnen wir zugleich ein geschichtliches Verständnis dafür, wie diese Gemeinde zu ihrer Besonderheit in diesem ihrem Umkreis gekommen ist, der in alter Zeit in ihrem reformierten Bekenntnis, der reformierten Kirchenordnung und Gottesdienstform bestand.

1. Die Anfänge evangelischer Predigt auf Schloß Rheda 1527-1534.

Hermann Hamelmann, der Geschichtsschreiber der Reformation in Westfalen, als einstiger Priester in Münster, Kamen und Bielefeld, dann als evangelischer Prediger in Lemgo und zuletzt Superintendent in Oldenburg mit den Verhältnissen wohl vertraut, schreibt um 1570 über die Reformation in der Grafschaft Tecklenburg:

Graf Konrad ist in diesen, wesenhaft politischen Konflikt, der die kirchlichen Befugnisse nur am Rande berührte, hineingeboren worden. Und sein Bild als eines machtbewußten, zugreifenden und seine Chancen nutzenden und dabei auch nicht sehr zimperlichen Mannes, ja des kriegsbereiten „wilden Grafen“ gehört zu dieser, ihm vorgegebenen politischen Aufgabe.

„Da Konrad, Graf von Tecklenburg und Lingen, Herr in Rheda, durch Heirat dem großmütigen und hervorragenden Fürsten, dem Landgrafen Philipp von Hessen, verwandtschaftlich verbunden war, hat er auf dessen Rat hin als erster vor allen übrigen Grafen Westfalens die evangelische Lehre angenommen, nämlich um das Jahr 1525.“ Und weiter heißt es bei Hamelmann dann: „Er stellte im Jahre 1527 an die Spitze seiner Kienen den Johannes Pollius, den berühmten Dichter, und ließ durch ihn seine Kirchen visitieren“, d.h. kirchlich beaufsichtigen. Pollius erscheint hier in der Funktion eines evangelischen Superintendenten, der durch eine Landesreformation evangelisch gewordenen Gemeinden.

Wir haben uns die hier genannten Personen und die damaligen geschichtlichen Verhältnisse des näheren anzusehen. Da ist Graf Konrad von Tecklenburg oder Cordt, wie er in der deutschen Kurzform des Namens selbst seine Briefe zu unterschreiben pflegt. Er ist ältester Sohn des Grafen Otto und seiner Frau Irmgard, geborener Gräfin von Rietberg, ältester von insgesamt zehn Geschwistern. Sein Geschlecht besitst die Grafschaften Tecklenburg und Lingen, die letztere damals unter einem Onkel Konrads, dem Grafen Nikolaus. Und mit Tecklenburg ist seit 1365 durch lippische Erbschaft verbunden die kleine Herrschaft Rheda, deren Alleinbesitz durch die Tecklenburger, gegenüber den lippischen Ansprüchen, 1491 endgültig rechtlich geregelt war.

Das Tecklenburger Grafengeschlecht steht im späten Mittelalter in einem ständigen Machtkonflikt mit seinen großen Nachbarn, den Bischöfen von Münster und Osnabrück. Von Tecklenburgischer Seite geht es um den Ausbau, ja die Ausdehnung einer gräflichen Landesherrschaft, wobei Gerichtsbefugnisse und sonstige Grafenrechte durchzusetzen und territorial abzurunden waren. Hier, im Bereich von Rheda, besteht der Interessenkonflikt gegenüber dem Stift Osnabrück, also dem Gebiet, wo der Bischof auch weltlicher Landesherr ist. Das betrifft das Osnabrücker Amt Reckenberg mit Wiedenbrück, Gütersloh, St. Vit, mit Herzebrock und Clarholz, wo abgesehen von der Stadt Rheda insbesondere in Gütersloh die Gerichtsbefugnisse und Besteuerungsrechte zwischen Bischof und Graf strittig waren.

Graf Konrad ist in diesen, wesenhaft politischen Konflikt, der die kirchlichen Befugnisse nur am Rande berührte, hineingeboren worden. Und sein Bild als eines machtbewußten, zugreifenden und seine Chancen nutzenden und dabei auch nicht sehr zimperlichen Mannes, ja des kriegsbereiten „wilden Grafen“ gehört zu dieser, ihm vorgegebenen politischen Aufgabe.

Junggraf Konrad ist vor Eintritt in eine Regentenverantwortung am Hofe des Landgrafen Philipp von Hessen auf sein späteres Amt vorbereitet worden. Was Reichspolitik ist, lernt er in der hessischen Reichstagsgesandtschaft in Worms 1521, was das Kriegshandwerk betrifft, alles Nötige in der Sickingenfehde. Dazu kommt das Normalpensum in Regierung und Kanzleibetrieb des Landgrafen. Von daher datieren die weiteren hessischen Beziehungen Konrads auch im späteren Regiment daheim.

1524, mit 25 Jahren, tritt Konrad in die Regierungsverantwortung neben seinen Vater Otto und bekommt das Nebenländchen Rheda zu eigener Verantwortung zugewiesen, offenbar mit der Absicht, hier Wahrung und Ausbau der Tecklenburgischen Rechte gegenüber Osnabrück aktiv und tatkräftig in die Hand zu nehmen. Dies wird zu einem 40jährigen Grenzstreit.

Die hessischen Beziehungen verstärken sich, indem Graf Konrad 1527 Mechtild, eine Cousine des Landgrafen Philipp, heiratet. Diese war zuvor, bis 1526, Nonne im hessischen Kloster Heißenstein gewesen. Es ist dies eine politische Heiratsverbindung, ein Element in der weitgespannten Politik des Landgrafen, die ganz Nordwestdeutschland im Auge hat.

Aber eben in diesen Zusammenhang gehört offenbar auch die Zuwendung des Grafen zur evangelischen Sache. Man darf das noch nicht in die Ausbildungsjahre Konrads am hessischen Hofe datieren, denn dieser war damals noch katholisch. Landgraf Philipp ist erst 1524, nach einer Korrespondenz mit Philipp Melanchthon, evangelisch geworden. Und erst 1526, nach dem l. Speyerer Reichstag, hat er die Reformation in seinem Land betrieben, was ja auch seine Cousine aus dem Kloster geführt hat.

Nach alledem, was wir wissen, läßt sich knapp feststellen: Wohl der erste evangelische Christ in Rheda dürfte Gräfin Mechtild gewesen sein, die mit ihrer Heirat am 13.Mai 1527 hier auf dem Schloß Wohnung nimmt. Und in dieser Zeit ist auch ihr Mann evangelisch geworden, sicher nicht viel früher. Das von Hamelmann genannte Jahr 1525 will keine exakte Angabe sein. Den politischen Zusammenhang dieses Glaubenswechsels darf man nicht für den alleinigen halten. Es gibt seit apostolischen Zeiten in der Christenheit die Verheißung und vielfältige Erfahrung, daß Männer durch den gottseligen Wandel ihrer Frauen bekehrt werden.

Und noch 1527 erscheint in Rheda der erste evangelische Prediger in Gestalt des Johannes Pollius, wie er sich lateinisch nennt. Sein deutscher Name ist Polhen oder Polhenne. Pollius stammt aus Bielefeld, hatte in der Domschule von Münster die damals moderne humanistische Schulbildung empfangen und dann in Köln das Philosophiestudium an der Universität absolviert. Er ist dann mehrere Jahre selbst wieder im Schuldienst gewesen, so an der Domschule in Minden, dann Priester geworden und ist seit etwa 1521 – also der Zeit nach dem Wormser Reichstag – Domkaplan unter Dompfarrer Liborius Missing in Osnabrück, wo beide für Gemeindegottesdienst und Beichtseelsorge an der Bischofskirche zuständig sind. Das ist die Zeit, in der besonders durch Luthers Ordensgenossen Gerhard Hecker, dann auch andere, in Osnabrück mit evangelischer Predigt begonnen wird, bei sonst fortbestehendem katholischem Gottesdienst in den Kirchen der Stadt, die ein immer stärkeres Echo in der Bürgerschaft findet. 1526 läßt sich hier der bereits in Münster und Wesel wegen evangelischer Propaganda abgesetzte Schulmann Adolf Clarenbach als humanistischer Privatlehrer nieder. Und dieser kann, mit Hilfe von Pollius und unter Zulassung des Doflflpfarrers, in der Weihnachtszeit 1526 zweimal die Domkanzel zu öffentlichen Predigten besteigen. Das ist ein kirchenrechtlicher Skandal, denn Clarenbach ist nicht Priester, sondern Laie. Die Sache hat Clarenbach die Ausweisung aus der Stadt eingetragen, er ist 1529 in Köln Märtyrer seines Glaubens geworden. Das betroffene Domkapitel hat den beteiligten Pollius abgesetzt. Dompfarrer Missing ist durch baldigen Tod den Maßregelungen entgangen «.- “

Diesen jetzt stellenlosen, evangelisch gesinnten Priester Johannes Pollius hat Graf Konrad 1527 nach Rheda berufen. Damit wir uns von dessen kirchlicher Tätigkeit hier eine klare Vorstellung machen können, Bussen wir die kirchlichen Verhältnisse von Rheda in näheren Augenschein nehmen.

Schloß Rheda ist nicht der erste Ort evangelischer Predigt in Westfalen gewesen, wahrscheinlich aber der erste einer evangelischen Gottesdienst- und Abendmahlsform. Damit ist Schloß Rheda die erste evangelische Gemeinde Westfalens im Vollsinne gewesen, eine „Hausgemeinde“.

Rheda besitzt zu damaliger Zeit einmal seine Schloßkapelle im romanischen Torturm des Schlosses, die Romanuskapelle, bestimmt für den gräflichen Herrschaftssitz mitsamt dem Personal und ausgestattet mit einer Kaplanei. Zum ändern: die spätmittelalterliche Stadtgründung Rheda ist jünger und nur ein Teil der alten, umfangreicheren Pfarrei, ja die Johannes dem Täufer geweihte Pfarrkirche lag vor den Toren der alten Stadt. Sie ist volle Pfarrkirche mit einem Pfarrer und, was den Unterschied zu Kapellen ausmacht. Über die Abhaltung des Gottesdienstes hinaus mit voller Sakramentsbedienung ausgestattet In der Stadt selbst befindet sich, zum dritten, aber noch eine ebenfalls spätmittelalterliche Heilig-Blut-Kapelle, die einer der Grafen am Anfang des 14.Jahrhunderts zu einer Kirche, zunächst nur mit einem ständigen Vikar, hatte erhoben wissen wollen. Gedacht war wohl an eine neue Stadtkirche, an der der Graf auch das Stellenbesetzungs-recht hätte gewinnen können. Das war gescheitert. Die Kapelle hat keinen regelmäßigen Gottesdienst erhalten und ist offenbar als Grabkapelle benutzt worden.

Von besonderem Belang sind in unserem Bereich die Befugnisse der Besetzung der kirchlichen Stellen. Mit der Erhebung der alten karolingischen Urpfarrei St. Aegidli in Wiedenbrück im Jahre 1259 zu einem Kollegialstift und der Angliederung der umliegenden Pfarreien an Wiedenbrück stand dem dortigen Stiftskapitel die Benennung der künftigen Pfarrer in Wiedenbrück (St. Marien), St. Vit, Gütersloh und Rheda zu, die dann der Archiediakon im kirchlichen Sinne in ihr Amt einsetzte.

Die Berufung des Pollius nach Rheda 1527, von der wir durch ihn selbst aus einem von ihm später veröffentlichten Buche mit Sicherheit wissen, wirft nun die Frage auf, wo er seine kirchliche Anstellung gefunden habe Überblickt man die gegebenen kirchlichen Rechtsverhältnisse, so kommt eigentlich nur eine Stelle in Rheda in Frage, nämlich die Schloßkaplanei. Denn Über diese besaß Graf Konrad das alleinige Verfügungsrecht. Bei der Rhedaer Pfarrstelle an St. Johannis hätte der Graf einen Eingriff in fremde Rechte, in solche des Stifts Wiedenbrück, vornehmen müssen. Das wäre gewiss nicht ohne Konflikt und Rechtsstreit abgegangen. Darüber aber haben wir keinerlei Nachrichten.

So haben wir uns die erste evangelische Gemeinde Rhedas 1527 als Schloßgemeinde auf Schloß Rheda vorzustellen. Das ist das evangelische Grafenpaar mit seinen Bediensteten und mit dem evangelischer Prediger Johannes Pollius, dieser auf der Stelle des Schloßkaplans. Von der Predigt des Pollius können wir uns nach seinem späteren Buche ein gewisses Bild machen. Es ist eine dezidierte Evangeliums- und Christuspredigt, die zugleich auch stark von Auseinandersetzung, ja Polemik gegen Lehren und Brauch der katholischen Kirche geprägt gewesen ist. Man hat demnach anzunehmen, daß auf Schloß Rheda bald auch die gesamte Gottesdienstform, also auch die Abendmahlsfeier, im evangelischen Sinne umgestaltet worden ist.

Wir wissen aber nicht, wann und in welcher Weise die evangelische Predigt und Gottesdienstform auch die Pfarr- und Stadtkirche von Rheda erreicht und erobert hat. Leider wissen wir überhaupt nicht von Veränderungen auf der Rhedaer Pfarrstelle bis zum Jahre 1552, also für das erste Vierteljahrhundert der Reformationszeit. Nachrichten über Pfarrerwechsel sind ja leicht Indizien für kirchliche Veränderungen.

Und ihr Pastor Pollius ist von solchem Range, daß man ihn 1533 beim Durchbruch der Reformation in der Stadt Münster dorthin ausgeliehen haben will, vergebens. Dafür hilft er im kirchen- und pastorenreichen Soest mit bei der Organisation des dortigen Kirchenwesens.

Es gibt allerdings eine beiläufige Nachricht vom September 1533, im Zusammenhang der Rheda-Osnabrücker Grenz- und Rechtsstreitigkeiten und eines diesbezüglichen Vertrages, der zu dieser Zeit in Wiedenbrück unter hessischer Vermittlung abgeschlossen wurde. Da lautet eine Bestimmung, der Religionszustand in Rheda solle, gemäß dem Nürnberger Anstand von 1532, der Gewaltanwendung gegen die Protestanten ausschloß, erhalten bleiben. Das bedeutet doch wohl, daß Osnabrück darauf verzichtete, eine Reformation in Rheda rückgängig zu machen. Hingegen hätten Rheda und Gütersloh ihre Zinspflichten gegenüber dem Stift Wiedenbrück unverkürzt zu erfüllen. Man kann daraus den Schluß ziehen, daß auch die Pfarrei Rheda 1533 schon in evangelischer Hand gewesen sei. Denn die Schloßkaplanei hatte ja mit diesen Rechtsstreitigkeiten nichts zu tun.

Dazu fügt sich eine andersartige Nachricht. Gerade in dieser Zeit, 1533-1534, hat Graf Konrad seinen Schloßprediger Johannes Pollius für mehr als ein Jahr auf eine Pfarrstelle der inzwischen evangelisch gewordenen Stadt Soest ausgeliehen. Es ist schwer vorzustellen, wie man den wichtigen Mann in Rheda über ein Jahr entbehren konnte, zumal wir von einem Vertreter nichts wissen. Man kann sich das aber sehr gut vorstellen, wenn der Schloßprediger zu dieser Zeit in einem evangelischen Pfarrer an St. Johannis in Rheda bereits einen Kollegen am Orte gehabt hätte. So spricht einiges dafür, daß auch die Pfarrkirche von Rheda zwischen 1527 und 1533 der Reformation zugefallen ist, aber weder kennen wir die Umstände noch ist dies mit voller Sicherheit zu behaupten.

Gleichwohl ist eine evangelische Schloßgemeinde Rheda, wie sie 1527-1534 mit Sicherheit bestand, in Westfalen nichts Nebensächliches. Die frühe evangelische Bewegung in Westfalen gehört in die Städte, die ersten Umschlagplätze des geistigen Lebens, wie wir es am Beispiel Osnabrücks sahen. Zu nennen sind für die Zeit um 1530 Lippstadt, Minden, Herford, Soest, Lemgo, Höxter und Münster, wo städtische evangelische Bewegungen mit ihren Predigern in den Jahren 1530-1533 auch die Stufe der evangelischen Gottesdienstform und des evangelischen Abendmahlsbrauchs erreichen. Schloß Rheda ist nicht der erste Ort evangelischer Predigt in Westfalen gewesen, wahrscheinlich aber der erste einer evangelischen Gottesdienst- und Abendmahlsform. Damit ist Schloß Rheda die erste evangelische Gemeinde Westfalens im Vollsinne gewesen, eine „Hausgemeinde“. Und ihr Pastor Pollius ist von solchem Range, daß man ihn 1533 beim Durchbruch der Reformation in der Stadt Münster dorthin ausgeliehen haben will, vergebens. Dafür hilft er im kirchen- und pastorenreichen Soest mit bei der Organisation des dortigen Kirchenwesens.

2. Eine Zeit der Unsicherheit für evangelisches Kirchentum in Rheda 1534-1540.

Das Jahr 1534 ist für die Reformation in Westfalen ein erstes Schicksalsjahr geworden. Eben jetzt gewinnt in der vitalen Reformationsbewegung der Stadt Münster, die die meisten Stadtpfarrkirchen bereits erobert hatte, das Täufertum die Oberhand . Es entsteht das Reich von Münster, das ein Jahr später in einer Reichskreisexekution von katholischen und evangelischen Fürsten kriegerisch niedergeworfen und ausgelöscht worden ist. Die Folge sind der Anfang katholischer Reformbemühungen des Erzbischofs von Köln, zu dessen Kirchenprovinz die westfälischen Bistümer gehören, aber auch landesherrliche Reformationen im evangelischen Sinne in verstärktem Maße, um solche kirchlichen und politischen Exzesse wie in Münster unmöglich zu machen.

In Tecklenburg-Rheda ist das Jahr 1534 von gesonderter Bedeutung , weil Altgraf Otto 1534 in Tecklenburg stirbt, Graf Konrad mit seiner Familie Rheda verläßt und in Tecklenburg die Regierung Übernimmt. Er hat dort in den nächsten Jahren in allen Pfarreien, ja sogar in Stiften und Klöstern, die Reformation von Landes wegen eingeführt. Zu diesem zweck offenbar wird der nach Soest ausgeliehene Pollius zurückberufen. Und 1539 erscheint er dort als Superintendent. 1538 ist Graf Konrad dem Schmalkaldischen Bund, der protestantischen Allianz im Reich, beigetreten. Die Reformation der Länder gehört zu den Beitrittsbedingungen dieses konfessionellen Schutzbundes.

Daß in Tecklenburg schon 1527 und damit unter Graf Otto die Reformation begonnen worden sei, diese spätere Nachricht, die aus einem Pfarrerwechsel in Tecklenburg in diesem Jahre nur erschlossen worden ist, steht historisch auf recht unsicheren Füßen. Das bedarf neuer Forschung. Eindeutige Reformationsmaßnahmen dort sind uns erst seit 1534, der Regierungsübernahme Graf Konrads, bezeugt.

Wir haben uns vor Augen zu halten, daß im Tecklenburger Grafenhaus nur Graf Konrad mit seiner jungen Familie sich dem evangelischen Glauben zugewandt hatte, nicht aber seine Eltern und seine zahlreichen Geschwister. Von Konrads Brüdern sind zwei Domherren geworden, einer in Köln, der früh starb, der andere, der Konrad sogar überlebte, in Osnabrück. Und dieser ist zeitlebens katholisch geblieben. Drei seiner Schwestern sind Kanonissen in geistlichen Stiften geworden, zwei von diesen in eben diesen Jahren Äbtissinnen. Da ist die Annahme, sie seien evangelisch gesinnt gewesen, direkt unwahrscheinlich.

Für Rheda bedeutet das, daß auf Schloß Rheda, das nun die Gräfinmutter Irmgard von Rietberg 1534 bis zu ihrem Tode 1540 als Witwensitz innehatte , in diesen Jahren kaum evangelischer Gottesdienst fortbestanden haben kann. Die persönlichen Bediensteten der jungen Grafenfamilie dürften mit dieser nach Tecklenburg und Lengerich umgezogen sein. Die Gräfinmutter aber war noch katholisch. Sie läßt in dieser Zeit eine junge Verwandte im benachbarten Benediktinerinnenkloster Herzebrock erziehen. Daß sie dann in ihrem Testament auch den Pollius bedenkt, wird man nicht überbewerten dürfen.

Wie die kirchlichen Verhältnisse in der Stadt Rheda ausgesehen haben, können wir mit letzter Sicherheit nicht sagen. Wohl ist Graf Konrad als einer der Mitvormünder eines minderjährigen Verwandten und mit hessischer Hilfe energisch tätig geworden bei der Einführung der Reformation in der kleinen benachbarten Grafschaft Rietberg. Aber zu Rheda haben wir einstweilen nur eine einzige Nachricht aus dem Jahre 1539, noch vor dem Tode der Gräfin Irmgard. Damals verbieten die gräflichen Beamten katholische Prozessionen von Herzebrock aus zu einem Heiligenstock an der Rhedaer Grenz, ja sie entfernen sogar den Gegenstand der Verehrung. Hier erscheint das Rhedaer Gebiet schon so gut wie evangelisch im Gegensatz zur Nachbarschaft. Wenn die Pfarrei Rheda schon 1533 evangelisch war, wofür einiges spricht, wie wir oben sahen, so scheint sie es auch in diesen Jahren geblieben zu sein. Nur ist auch dies ein Indiz, nicht aber ein Beweis.

3. Die Reformation von Pfarrkirchen in Rheda und Umgebung seit 1540.

In den Jahren nach dem münsterschen Kriege hat die Reformation in Westfalen, ebenso wie im gesamten Reich, eine ganze Reihe von Ländern gewonnen. Hier sind das neben Tecklenburg und dem schon genannten Rietberg die Grafschaften Lippe und im Süden Nassau-Dillenburg (mit dem westfälischen Siegerland). Und als 1541 mit dem Tode seines Onkels dem Grafen Konrad auch die Grafschaft Lingen zufiel, hat er dort ungesäumt mit Tecklenburger Kräften die Reformation eingeführt. Spätestens jetzt, nach dem Tode der Gräfin Irmgard in Rheda, muß auch dort die kirchliche Neuordnung stattgehabt haben. Ersichtlich wird uns das 154o am benachbarten Benediktinerinnenkloster Herze brockr wo die Herren von Rheda die weltliche Vogtei innehatten. In diesem Jahre wird die Äbtissin dreimal vom Grafen Konrad aufgefordert, im Kloster einen evangelischen Prediger anzustellen und den katholischen Gottesdienst abzuschaffen. Sie hat sich dem unter Osnabrücker Schutz erfolgreich widersetzt. Mehr Glück hatte der Graf in dem von ihm beanspruchten Gütersloh, wo eben in dieser Zeit das evangelische Leben beginnt. Wenn Rheda selbst nicht schon evangelisch war, spätestens jetzt dürfte Graf Konrad keinen Eingriff gescheut haben.

Das zweite und eigentliche Schicksalsjahr der Reformation im deutschen Nordwesten ist das Jahr 1543 geworden. In ihm schließt sich Hermann von Wied, Erzbischof von Köln, zugleich Landesherr im sauerländischen Herzogtum Westfalen und Verwalter des Stifts Paderborn, der Reformation an. Und ihm folgt Bischof Franz von Waldeck, der die Stifter Münster, Minden und Osnabrück in seiner Hand vereint, in Osnabrück sogar mit einer aktiven Reformationspolitik. Selbst der Herzog Wilhelm von Kleve-Jülich-Berg mit seinen westfälischen Grafschaften Mark und Ravensberg neigt, im Geldrischen Erbstreit mit dem Kaiser entzweit, zur evangelischen Sache. Kaiser Karl hat den Abfall der rheinischen Gebiete von der alten Kirche mit einem kriegerischen Feldzug verhindern können.

Eben 1543 ist die Reformation in die Pfarreien des Osnabrücker Amtes Reckenberg im Namen des bischöflichen Landesherrn eingeführt worden. Für Wiedenbrück, Gütersloh und Herzebrock wissen wir das mit Sicherheit, von Clarholz müssen wir das annehmen. Sowohl in Gütersloh als auch in Herzebrock treffen dabei Reformationsinitiativen des Grafen Konrad und solche des Bischofs Franz in Konkurrenz aufeinander. Die politischen Spannungen zwischen den beiden Herren hören nicht auf, obwohl beide jetzt evangelisch sind und mit Reformationen dasselbe unternehmen. In Gütersloh und in Herzebrock hat sich bei der Anstellung der neuen evangelischen Pastoren der Bischof durchgesetzt, in Rheda behält Graf Konrad die Dinge fest in seiner Hand. Die Tecklenburger Kirchenordnung von 1543, über die die Festschrift so gut orientiert, erscheint sowohl für Tecklenburg als auch für Rheda, beides der Diözese Osnabrück zugehörig, wie ein gräfliches Konkurrenzunternehmen gegenüber den Ordnungen des Bischofs. Diese obrigkeitliche Reformation unterscheidet sich, wie die in Kurköln, in einem wohltätig von sonstigen Landesreformationen der Zeit. Der katholische Gottesdienst wird nicht unterdrückt. In Wiedenbrück besteht neben dem jetzt eingerichteten evangelischen Gottesdienst in der Stiftskirche auch der katholische Gottesdienst fort. In Herzebrock wird neben einem evangelischen Gottesdienst für die Pfarrgemeinde das Stundengebet und die Konventsmesse der Benediktinerinnen fortgesetzt.

Doch diese von allen hiesigen Landesherren unterstützte Reformation der Pfarreien im ganzen alten Landkreis Wiedenbrück hat nur vier Jahre ungehinderte Ausbreitungsmöglichkeit gehabt. Dann sprechen in der Religionsfrage im Schmalkaldischen Kriege zwischen Kaiser und protestantischen Fürsten die Waffen. Ein kaiserliches Reichsgesetz von 1548 verordnet die volle Wiederherstellung des katholischen Gottesdienstes in allen deutschen Ländern.

4. Die Stabilisierung des lutherischen Kirchenwesens in den letzten Jahren Graf Konrads und unter Gräfin Anna 1552-1580.

Graf Konrad ist neben dem Kurfürsten von Sachsen und dem Landgrafen von Hessen, den beiden Führern der Protestanten, einer der Hauptverlierer des Krieges gewesen. Der Besitz von LIngen, das der Kaiser selbst als herzoglich Geldrisches Lehen beanspruchte, hat ihn direkt’in den Krieg und die Niederlage verstrickt. So hat er Lingen verloren, auch Rheda hat Belagerung und Brandschatzung erlitten. Es hat den Anschein, daß Graf Konrad sich auch den kirchlichen Bedingungen des kaiserlichen Diktats kurzfristig hat fügen müssen, wohl nur für seine Lande, nicht aber für seine Person.

Denn eben in dieser Zeit beherbergt er zum zweiten Male den 1543 nach Osnabrück als Pfarrer und Superintendenten übergegangenen Johannes Pollius, der dort erneut abgesetzt worden war.

Kaum aber war die Macht des Kaisers durch die Fürstenrevolution von 1552 gebrochen, benutzt Graf Konrad eine Pfarrvakanz in Rheda, um gegen einen Besetzungsversuch des Stifts Wiedenbrück hier einen evangelischen Pfarrer zu installieren, in Hermann Beventrup, der aus dem Tecklenburgischen Mettingen stammt. Seitdem ist für Pfarrei und Stadt Rheda der Bestand des evangelischen Gottesdienstes und einer evangelischen Pfarrgemeinde gesichert, ebenso wie das, mit etwas stärkerem Nachdruck, Graf Konrad um diese Zeit auch in Gütersloh erreicht hat.

Graf Konrad ist 1557 gestorben, seine Frau hat ihn nur um ein gutes Jahr überlebt. Die Verantwortung fällt nun der einzigen Tochter Anna zu, die mit dem Grafen Eberwin III. von Bentheim verheiratet war, aber schon 5 Jahre später, nach 9 Jahren Ehe, Witwe wurde, so daß sie nicht nur die Regierung in Tecklenburg und Rheda nach dem Vater, sondern bald auch die Regierung in Bentheim, Steinfurt, Gronau und im rheinischen Wevelinghoven für den minderjährigen Sohn zu führen hatte. Und sie hat die gräflichen Rechte, die in Steinfurt und Wevelinghoven ebenso wie hier in Rheda von den großen Nachbarn angegriffen wurden, erfolgreich behauptet. Für Rheda geschah dies durch den Bielefelder Vergleich von 1565, der Rheda die weltliche Herrschaft am Orte, auch in Teilen von Gütersloh und in Herzebrock und Clarholz vertragsmäßig sicherte, zugleich aber auch die kirchlichen Rechte des Wiedenbrücker Stifts garantierte. Daraus hat sich, wenn auch mit gelegentlichen Schwierigkeiten, die Praxis entwickelt, daß das katholische Stift Wiedenbrück in Rheda und Gütersloh evangelische Pfarrer in ihr Amt kirchlich einsetzte. In Rheda ist auf die Dauer aus einem gräflichen Vorschlagsrecht ein reguläres Kirchenpatronat erwachsen, zumal noch Gräfin Anna auf eine Einwirkung auf die kirchlich Stellenbesetzung in den katholischen Dörfern Herzebrock und Clarholz Verzicht leistete.

So verdanken die beiden evangelischen Gemeinden Rheda und Gütersloh den letzten des Tecklenburger Grafenhauses, Graf Konrad und seiner Tochter Anna, die äußere Sicherung, ihres evangelischen Glaubens leben zu können.

Rhedas Übergang zum reformierten Bekenntnis unter Graf Arnold II. seit 1587.

Rheda hat, endgültig von 1552 an, bis fast zum Jahrhundertende eine evangelische Gemeinde lutherischen Gepräges besessen, mit seinem Pastor Hermann Beventrup, der ganze 46 Jahre hier als Pastor amtiert hat. Wir wissen aus dieser Zeit, daß die alte Schloßkaplanei nicht mehr an einen Geistlichen vergeben worden ist. Der Gottesdienst im Schloß, das ohnehin von der gräflichen Familie nur gelegentlich als Wohnsitz benutzt wurde, hat geruht.

Die konfessionelle Sonderung innerhalb des deutschen Protestantismus nach lutherisch und reformiert gehört in die Zeit nach Luthers Tod und nach dem Protestantenkrieg. Der Lehrgegensatz zwischen Luther und Zwingli im Abendmahlsverständnis hat letztendlich nur den schweizerischen, niederländischen und französischen Protestantismus vom deutschen getrennt, aber nicht in Deutschland selbst zwei protestantische Konfessionskirchen entstehen lassen. Das gehört erst in die zweite Hälfte des Refonnationsjahrhunderts mit einer Fülle von theologischen Streitigkelten im deutschen Luthertum, die im Streit mit der milden und ausgleichenden Lehrweise Melanchthons und seiner Schüler einen schärfer profilierten Begriff von „lutherisch“ hervorbringen. Westfälische Beispiele sind die Stadtkirchen von Lemgo, Soest und Herford. Zusätzlich wirksam wird der Internationale Einfluß, den der Genfer Reformator Johannes Calvin gewinnt, auf den Protestantismus Westeuropas, des Ostens mit Polen und Ungarn, aber auch in Deutschland. Und so gibt es eine ganze Reihe deutscher Fürsten, die in der ihnen nach dem Reichsrecht aufgetragenen Fürsorge für die kirchlichen Verhältnisse in ihren Ländern den Weg zum reformierten Erkenntnis einschlagen und ihre Landeskirchen nach den reformierten Grundsätzen ordnen lassen. Der erste ist Kurfürst Friedrich III. von der Pfalz, der bei dieser Gelegenheit den Heidelberger Katechismus hat herstellen und in seiner Landeskirche hat einführen lassen. Aus dem westfälischen Bereich sind hier zu nennen Johann der Ältere von Nassau-Dillenburg, der Bruder Wilhelms von Oranien, Ludwig der Ältere von Sayn-Wittgenstein und, etwas später, Siroon VI., Graf zur Lippe. Der letzte in dieser Serie ist Johann Sigismund von Brandenburg-Preußen, der aber seine Landeskinder beim lutherischen Bekenntnis bleiben läßt.

Für die Tecklenburgisch-Bentheimischen Lande ist dies Graf Arnold II., der Sohn der so früh verwitweten Gräfin Anna, der Stammvater der beiden heute noch blühenden Fürstlich Bentheimisehen Häuser. Das Leben dieses bedeutenden Mannes würde zu ausholender Schilderung einladen. Wir müssen uns das versagen. Lutherisch erzogen, hat er seinen Glauben während seiner Ausbildung an katholischen Fürstenhöfen bewahrt. Offenbar auf seiner Kavalierstour mit Studium in Straßburg hat er die ersten Eindrücke vom reformierten Glauben empfangen.

Wieder scheint eine Heirat für die Konfessionsgeschichte unseres Gebiets von Bedeutung geworden zu sein, jetzt die des jungen, eben großjährig gewordenen Grafen Arnold 1573 mit Magdalena von Neuenahr, aus jenem rheinischen Grafengeschlecht, dessen Haupt in Moers mit Wilhelm von Oranien und Kurfürst Friedrich von der Pfalz zugleich verschwägert war. Das junge Grafenpaar, das in Burgsteinfurt und Bentheim seine Residenzorte hat, während Gräfin Anna die Tecklenburger Lande noch bis 158o selbst regiert, holt schon zur Taufe seines ersten Kindes, obwohl es einen lutherischen Pastor am Orte hat, einen reformierten aus dem Herveldt1sehen Coesfeld herbei. Dieser Johann Kemener wird drei Jahre später ständiger Schloßprediger der reformierten Grafenfamilie, die in ihren Ländern, auch hier in Rheda, ein lutherisches Kirchenwesen unter sich hat. Und diese Konfessionsdifferenz zwischen Landesherrschaft und Landeskindern hat rund zehn Jahre bestanden, in Bentheim sogar noch länger.

Erst 1587 hat Graf Arnold in Tecklenburg eine Konferenz mit seinen Beamten und Pastoren abgehalten, in deren Folge dann das reformierte Bekenntnis das allgemein gültige geworden ist. Für die Gemeinden bedeutete dies in der Hauptsache Ersetzung der Altäre in den Kirchen durch den freistehenden Abendmahlstisch, Brotgebrauch beim Abendmahl statt der bisherigen Oblaten, stehender statt kniendem Empfang, Entfernung der Bilder aus den Kirchen, insgesamt eine schlichtere Gottesdienstform, die ganz auf Gebet, Gemeindegesang und Predigt beschränkt war. Das ist enthalten in einer neuen Tecklenburgischen Kirchenordnung von 1588, die aber einfach der Moerser Kirchenordnung des rheinischen Schwagers entspricht und den pfälzisch-niederländischen Forsten folgt.

In diesen Zusammenhang des Übergangs von Tecklenburg zum reformierten Bekenntnis 1587/88 gehört eine entsprechende Entwicklung im zugehörigen Rheda. Und diese ist, was für die Zeit insgesamt keineswegs die Regel gewesen ist, offenbar frei von obrigkeitlicher Zwangsgewalt gewesen. Pfarrer Beventrup in Rheda ist auf seinem Platze geblieben und anscheinend blieben Pfarrkirche und Gottesdienst in Rheda zunächst unverändert. Dafür wird, um 159o, die frühere Schloßkaplanei erneut besetzt, jetzt mit einem reformierten Pastor, dem Johannes Vorbrock, einem Sohn der Grafschaft Bentheim, der sich nach der Gelehrtensitte der Zeit in griechischer Umschreibung Perizonius nennt und der auf der reformierten Akademie in Herborn studiert hatte.

So besteht um 159o ein ganz ähnlicher Zustand, wie er in den allerersten Anfängen 1527 geherrscht haben muß: damals evangelischer Gottesdienst auf dem Schloß und noch katholischer Gottesdienst für die Stadt in der Pfarrkirche, jetzt reformierter Gottesdienst auf dem Schloß und gleichzeitig lutherischer in der städtischen Pfarrkirche.

Dies Nebeneinander ist in zwei Schritten zu einem Miteinander geworden. Einmal, um 1595, ist der bisher lutherische Gottesdienst aus der alten Pfarrkirche, die vor den Toren der Stadt gelegen war, in die Stadt, in die Heilig-Blut-Kapelle umgezogen, die dann in der Folgezeit zur neuen und heutigen Stadtkirche ausgebaut wurde. Dabei werden die reformierten Gesichtspunkte in der Gestaltung des Kirchenraumes zur Anwendung gelangt sein, in sehr ansprechender Gestalt, wie man noch heute beurteilen kann. Zum ändern, nach dem Tode des Pfarrers Beventrup, gelingt es 1598 dem Grafen Arnold, gegenüber dem Stift Wiedenbrück mit großer Beharrlichkeit, seinen bisherigen Schloßprediger Perizonius auf die Pfarrstelle in der Stadt zu bringen. In diesem Zusammenhang wird man sich wohl die Einbürgerung der reformierten Gottesdienstform in der Gemeinde vorzustellen haben. Und diese Entwicklung findet, nun schon unter Graf Adolf, 1619 ihren Abschluß, als die Gemeinde, nach einer leistungsfähigen Schule, nun mit einem Konsistorium (Presbyterium) auch die reformierte Form ihrer Gemeindeleitung erhalten hat.

Graf Adolf hat gleichfalls noch versucht, auch in Gütersloh das reformierte Bekenntnis zur Geltung zu bringen, im Zusammenhang mit einer dortigen Pfarrstellenbesetzung im Jahre 16o5. Das ist gescheitert am Widerstand dieser Gemeinde, die sich die Hilfe des zuständigen katholischen Stiftskapitels in Wiedenbrück zunutze machen konnte. Doch hat dies die gräfliche Familie in der Folgezeit nicht gehindert, auch dem lutherischen Gütersloh ihre kirchliche Förderung angedeihen zu lassen.

Wir haben fast ein Jahrhundert durchmessen. Trotz mancher Unsicherheiten im einzelnen, weil manche Nachrichten, die wir gern hätten, uns fehlen, ergibt sich doch ein Bild der Linien im Großen, von jener ersten westfälischen evangelischen Gemeinde, die diesen Namen verdient, bis hin zur dauerhaften kirchlichen Prägung von Pfarrgemeinde und Stadt, die das Bild bis zum Beginn des 19.Jahrhunderts ausmacht. Dies alte reformierte Rheda ist getreten neben ein lutherisches Gütersloh und ein, in manchen weiteren Kämpfen katholisch erneuertes Wiedenbrück.

Reformationsgedenken heute sollte nicht die Kämpfe älterer Zeit zum Zwecke des Aufrechnens, der Abwägung historischer Schuldfragen, beschwören. Reform ist nie und auch nicht heute die Sache einer einzigen Konfession, wenn es sich denn um die Erneuerung des Sinnes zum rechten Gottesdienst handelt, von der der Apostel spricht. Jede der Konfessionen hat aus den Kämpfen in älterer Zeit auch Segen empfangen.

Die katholische Kirche wäre nicht das, was sie ist, wäre ihr nicht die Reformation – bei allen Verlusten – eine Nötigung zur Selbstreform geworden durch das Konzil von Trient. Und die katholische Kirche in Westfalen besäße nicht ihre unverwechselbare Eigenart von Stabilität und Innerlichkeit, wenn sie sich nicht auf breitester Front in allen Landesteilen mit dem Protestantismus hätte intensiv auseinandersetzen müssen.

Gütersloh, die lutherische Schwester, hat aus alter Standhaftigkeit in zweieinhalb Jahrhunderten im 19.Jahrhundert Kräfte entwickelt die sehr tief und weithin in die gesamte westfälische Evangelische Kirche gewirkt haben.