Politik, Wirtschaft und Gesellschaft in der Grafschaft Limburg

Prof. Dr. Harm Klueting (1980)
Territoriale Ausdehnung der Grafschaft Limburg

Die Grafschaft Limburg war eines jener zahlreichen Kleinterritorien des alten Reiches, die dem Betrachter einer historischen Landkarte Deutschlands vor allem die Gebiete westlich der Elbe und des Bayerischen Waldes als eine Art „Flickenteppich“ erscheinen lassen . Doch zählte die Grafschaft Limburg nicht etwa zu den kleinsten territorialen Gebilden des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation. Die winzigen reichsritterlichen Gebiete südlich von Mosel und Lahn konnten sich mit ihr hinsichtlich Größe, Einwohnerzahl und wirtschaftlicher Bedeutung ebenso wenig messen wie manche Reichsstadt Schwabens.

Auch im heutigen Lande Nordrhein-Westfalen gab es am Ende des 18. Jahrhunderts sehr viel kleinere und bedeutungslosere Herrschaften als Limburg, etwa die münsterländische Herrschaft Gemen mit rund 21 Quadratkilometern Fläche oder das bei Bocholt an der niederländischen Grenze gelegene Ländchen Anholt, das nur etwa 14 Quadratkilometer umfasste und trotzdem groß war gemessen an der Reichsherrschaft Styrum im Gebiet der heutigen Stadt Mülheim an der Ruhr, deren Fläche gerade 3,55 Quadratkilometer ausmachte. Demgegenüber bedeckte die Grafschaft Limburg immerhin eine Räche von 118 Quadratkilometern und gliederte sich in sieben Kirchspiele, von denen jedes für sich ungleich größer als die Herrschaft Styrum war, nämlich neben dem Hauptort Limburg (1879: Hohenlimburg) die Kirchspiele Elsey, Letmathe, Berchum, Oestrich, Ergste und Hennen.

Limburg grenzte im Südosten, Süden, Westen und Norden an die seit 1609/14 brandenburgische bzw. preußische Grafschaft Mark. Im Osten hatte die Grafschaft eine gemeinsame Grenze mit dem Herzogtum Westfalen, einem Zubehör des Kurfürstentums Köln. Bis 1974 bildete die ehemalige Grafschaft Limburg den westlichen Teil des 1817 geschaffenen Landkreises Iserlohn. Durch die 1975 erfolgte kommunale Neuordnung des Landes Nordrhein-Westfalen, welche die Eingemeindung der Stadt Hohenlimburg unter Einschluss ihres Ortsteils (seit 1901) Elsey und der Gemeinde Berchum durch die Stadt Hagen, die Eingliederung der bereits 1956 um den größten Teil der Gemeinde Oestrich erweiterten Stadt Letmathe und der Gemeinde Hennen in die Stadt Iserlohn sowie den Zusammenschluss der Gemeinde Ergste mit der Stadt Schwerte bewirkt hat, ist die territoriale Integrität der alten Grafschaft Limburg wohl endgültig zerstört worden.

Anfänge der Burg und Grafschaft Limburg
Die räumliche Ausdehnung dieses Territoriums über die genannten sieben Kirchspiele war Folge der im 13. Jahrhundert in dieser Gegend bestehenden Gogerichtsrechte und Ergebnis kriegerischer Auseinandersetzungen, die während der dreißiger und vierziger Jahre des 13. Jahrhunderts um den ausgedehnten Allodialbesitz (vererbbares Eigentum) des Isenberger Grafenhauses geführt wurden. Das Gebiet der späteren sieben limburgischen Kirchspiele bildete dabei nur einen kleinen Teil dieser erheblich umfangreicheren Besitzungen, die die Grundlage für eine entscheidende Machtstellung dieser Dynasten im rheinischwestfälischen Raum hätten abgeben können.

Doch wurde diese mögliche Entwicklung unterbrochen durch den unglücklichen und in dieser Form wohl auch unbeabsichtigten Ausgang des Machtkonflikts zwischen dem Grafen Friedrich von Isenberg (um 1190 -1226) und seinem Onkel, dem politisch hervorragenden Kölner Kirchenfürsten Engelbert l. von Berg (um 1185 -1225), bei dem dieser den Tod fand. Engelbert hatte, nachdem sein Bruder Graf Adolf IX. von Berg 1218 als Kreuzfahrer gefallen war, neben dem linksrheinischen Kölner Erzstift und dem Herzogtum Westfalen auch die dazwischen liegende Grafschaft Berg in seine Hand gebracht und damit eine außerordentliche Machtkonzentration geschaffen.

Bald darauf hatte er sich mit Friedrich von Isenberg, dem er die Vogtei (Schutzherrschaft) über das Essener Frauenstift entzog, verfeindet, wie er überhaupt bestrebt war, die Klöster von dem Druck ihrer adeligen Vögte zu befreien. Mit dieser Politik und mit seiner wachsenden Herzogsgewalt in Westfalen entstanden ihm viele Gegner unter rheinischen und westfälischen Grafen. Doch konnten diese Dynasten wegen der Machtstellung Engelberts als Vertreter des Kaisers Friedrich II. und Vormund seines Sohnes Heinrich (VII.) keinen offenen Widerstand wagen. Es kam daher zu einer Verschwörung unter der Führung des Isenbergers. Nach neunjähriger Regierung wurde der Erzbischof am 7. November 1225 auf der Rückreise von ergebnislosen Verhandlungen mit seinen Gegnern in Soest in einem Walde bei Gevelsberg überfallen und dabei von Vasallen Friedrichs von Isenberg erschlagen.

Friedrich wurde als Mörder von Kirche und Reich gebannt und geächtet. Seine Burgen Isenberg bei Hattingen an der Ruhr und Nienbrügge an der Lippe wurden erobert und zerstört, der Graf selbst ein Jahr später in Köln durch Räderung hingerichtet. Friedrichs Vetter, Graf Adolf l. von Altena-Mark, griff mit Billigung von Engelberts Nachfolger, dem Kölner Erzbischof Heinrich von Molenark, der ihm die kölnischen Lehen Friedrichs übertrug, nach den Besitzungen des Isenbergers. Damit war die Macht des Isenberger Grafenhauses gebrochen. Doch nicht die Kölner Kirche füllte das Machtvakuum, sondern die Grafen von der Mark, deren Besitzungen sich nun zu der späteren Grafschaft Mark ausformten.

Um 1230 scheint der älteste Sohn Friedrichs, Dietrich (um 1215-1299), Forderungen auf Restitution seines väterlichen Erbes erhoben zu haben. Aus diesem Anspruch entstand ein langjähriger Krieg zwischen Dietrichs Onkel Heinrich, seit 1226 als Nachfolger Engelberts Graf von Berg und Bruder von Herzog Walram d. J. von Limburg sowie von Dietrichs Mutter Sophia, und Graf Adolf l. von Altena Mark. Konnte dieser neben seinen zahlreichen Vasallen und dem Grafen von Ravensberg vor allem der Unterstützung des Kölner Erzbischofs Heinrich von Molenark und der Kölner Kirche sicher sein, so fochten auf der Seite Heinrichs und seines Neffen Dietrich verschiedene westfälische Dynasten, wohl u. a. die Grafen von Tecklenburg, die Grafen von Schwalenberg, die Herren von Steinfurt und von der Lippe und der Osnabrücker Bischof Engelbert von Isenberg, ein Bruder Friedrichs von Isenberg.

Im Rahmen dieser Kämpfe errichtete Heinrich in den dreißiger Jahren im Gebiet der unteren Lenne, wo bereits 1222/23 das Frauenkloster Elsey als Familienstiftung des Isenberger Grafenhauses entstanden war, einen Stützpunkt, der zum Kristallisationspunkt der späteren Grafschaft Limburg wurde. Zunächst wird nur ein befestigtes Lager entstanden sein, in dem die Wallburg auf dem Schleipenberg in der Nähe des heutigen Schlosses Hohenlimburg zu erblicken sein wird, und im Anschluss daran die urkundlich zuerst 1242 erwähnte Burg Limburg.

Nach dem Bericht des Chronisten Levold von Northof gab Heinrich dieser Burg ihren Namen in Anlehnung an den Namen der Burg Limburg in seiner maasländischen Heimat. Levold macht wahrscheinlich, dass die Burg ein Holzbau oder mit hölzernen Befestigungsanlagen versehen war. Daher wird die Burg, von der Levold spricht, das befestigte Lager auf dem Schleipenberg gewesen sein. Mit der Erbauung der Burg konnte Heinrich die Stellung seines Neffen Dietrich in diesem Teilbereich der entfremdeten Isenberger Besitzungen festigen und sich selbst eine Einflusszone innerhalb des erstarkenden Machtbereiches der Grafen von der Mark schaffen. 1242 übertrug Dietrich die wohl auf zurückgewonnenem Allodialbesitz seines Vaters errichtete Burg seinem Onkel Heinrich und empfing sie als Lehen zurück, und zwar gewiss nicht, wie man gemeint hat, aus Dankbarkeit, sondern zur Absicherung seiner mühsam erworbenen Stellung durch Anlehnung an einen Mächtigeren.

Am 1. Mai 1243 schlössen die streitenden Parteien einen Vergleich. Die wichtigsten Bestimmungen der im Original nicht mehr erhaltenen Urkunde waren der Verzicht Dietrichs auf bedeutende Teile der von ihm bis dahin beanspruchten Besitzungen seines Vaters und die Regelung der Vasallitätsverhältnisse der jeweiligen Burgmannen. Die Burgmannen des Grafen Adolf von Altena-Mark auf den Burgen Mark, Altena und Blankenstein sollten ihre früher isenbergischen Lehen in Zukunft vom Grafen von der Mark empfangen. Ebenso sollten die Burgmannen Dietrichs auf seiner neuen Burg Limburg das waren die Ritter Albert von Horde, Herbord von Dortmund, Dietrich von Berchum, dessen Bruder Gerhard, Rutger von Apierbeck, Heinrich von Apierbeck und Albert von Letmathe ihre zuvor von Graf Adolf empfangenen Lehen nunmehr von Graf Dietrich erhalten. Die Freigrafschaft, das Gericht und der Hof Bochum mit dem Patronat der Kirche zu Bochum sollten ebenso wie die Gerichte zu Halver und Kierspe einvernehmlich zwischen beiden Grafen geteilt werden. Doch sind dieser Regelung entgegen Bochum, Halver und Kierspe uneingeschränkt in der Hand des Grafen von der Mark geblieben.

Darüber hinaus bewirkte die außerordentlich zerstreute Lage der Dietrich außerhalb des Gebietes der späteren Grafschaft Limburg immerhin noch verbliebenen Rechte und Besitzungen in vielen Fällen Entfremdung und Verlust. Für die Entwicklung zu einem geschlossenen Territorium konnten diese Güter und Rechte keine ausreichende Grundlage abgeben. Erst 1248 (1247) legte der Kölner Erzbischof Konrad von Hochstaden auch die altena -isenbergischen Auseinandersetzungen um die Essener Vogteirechte bei und beendete damit den Streit um die Besitzungen des Grafen Friedrich von Isenberg.

Die Stadt Hohenlimburg

Die Anfänge der bürgerlichen Siedlung, der Freiheit und späteren Stadt Limburg lagen an der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert. Die Entstehung des Ortes in das 13. Jahrhundert zu legen und mit der Errichtung der Burg in Verbindung zu bringen, erscheint bei einer kritischen Prüfung der Überlieferung als Fehlinterpretation. Die einzige erzählende Quelle des Mittelalters, die Chronik Levolds von Northof, lässt eine Siedlung gänzlich unerwähnt. Levold berichtet nur ohne Angabe einer Jahreszahl über die Errichtung der Burg. Der rund 200 Jahre später als Levold schreibende Dortmunder Chronist Diederich Westhoff (gest. 1551) griff auf Levolds Bericht zurück und fügte seiner Chronik eine freie Übersetzung aus dessen Werk ein. Westhoff, dessen Chronik für die Zeit vor seinem Leben nur sehr geringen Quellenwert hat (J. Hansen), legte die von Levold übermittelten Geschehnisse in die Zeit „ 1230, vmb dusse tidt“. Auch die wenigen Urkunden aus dem 13. Jahrhundert, die wir aus der Zeit nach der ersten urkundlichen Erwähnung der Burg Limburg 1242 besitzen, enthalten keine Hinweise, die sich zweifelsfrei auf einen Ort Limburg beziehen lassen, der in einer Kontinuität mit der späteren Freiheit und Stadt stünde.

Der Vergleich von 1243 beinhaltet, jedenfalls in der aus dem 15. Jahrhundert abschriftlich überlieferten Textgestalt, einen Satz, in dem man bisher eine vertragliche Verpflichtung des Grafen Dietrich hat sehen wollen, die am Fuße des Schlossberges im Tal der Lenne wahrscheinlich in den Kriegsjahren im Zusammenhang mit der Errichtung der Burg entstandene Siedlung nicht zu befestigen. Dieser in der Abschrift aus dem 15. Jahrhundert als Randnotiz eingefügte Punkt des Vergleiches wird, da sich ältere Spekulationen über eine Münzstätte Limburg an der Lenne im späten 12. Jahrhundert heute nicht mehr aufrechterhalten lassen (Berghaus 1968), als die älteste Erwähnung des späteren Ortes Hohenlimburg gewertet. Der entscheidende Halbsatz der Randbemerkung lautet: „nee Theodericus oppidum muniet ante castrum super Lennam Limburg“ (und Dietrich wird das „oppidum“ vor der Burg Limburg über der Lenne nicht ummauern). Da in der Rechtssprache der mittelalterlichen Urkunden „oppidum“ eine große Bedeutungsvielfalt hat und ebensogut Befestigungswerk oder Kastell wie kleine Stadt oder Marktort heißen kann, legt die Geländebeschaffenheit in Verbindung mit dem Text der Urkunde hier eine andere Deutung nahe. Das „oppidum ante (vor) castrum“ wäre also nichts anderes als eine vor der Hauptburg gelegene Vorburg, die zu errichten dem Grafen nicht gestattet wurde, um seine Burg weniger stark befestigt bleiben zu lassen.

Die vielfach als Marktrechtsverleihung auf den Ort Limburg bezogene Urkunde vom 25. April 1252, in der der römische König Wilhelm von Holland dem Grafen Dietrich von Isenberg-Limburg das Recht zur Abhaltung eines Wochenmarktes gab (Westfälisches Urkundenbuch VII, Nr. 768 a), ist eine interessante Quelle für die Politik, mit der dieser Gegenkönig Konrads IV. von Staufen seine Stellung zu befestigen suchte. Ein Beweis für die Existenz der Siedlung Limburg bereits in der Mitte des 13. Jahrhunderts ist die Urkunde dagegen nicht, da Dietrich das Markt recht nicht für den Ort Limburg, sondern zur Ausübung „in quocunque loco et villa sua“ (in einem beliebigen Ort oder Besitztum) erhielt. Darüber hinaus ist nicht zu ermitteln, ob Dietrich von diesem Recht Gebrauch gemacht hat. In der Urkunde über die „Öffnung“ der Burg Limburg für den Grafen von Berg vom 15. Dezember 1271 (Westfälisches Urkundenbuch VII, Nr. 1412) werden zu Offenhäusern erklärt „castra nostra Limburg et Gulge (?) cum opido Limburg in suburbio sito“ (unsere Burgen Limburg und Gulge mit dem „oppidum“ Limburg, gelegen im „suburbium“). Diese Textstelle bedeutet, dass die beiden Burgen Limburg und das unbekannte Gulge sowie die Befestigungsanlagen zu Limburg in der Vorburg dem Grafen von Berg zur militärischen Nutzung im Kriegsfall eingeräumt werden. Damit ist jedoch nichts über eine bürgerliche Siedlung ausgesagt. Ebenso wenig muss die im späteren 14. Jahrhundert nachweisbare Münzstätte Limburg mit einem Bürgerort in Beziehung stehen.

In einem für das Stift Elsey 1435 ausgestellten Ablassbrief wird als Ausgangspunkt einer Marienprozession ein „ante pontem prope Lymburg“ (vor der Brücke in der Nähe von Limburg) gelegener Platz erwähnt. Aus der Urkunde über einen Burgfrieden vom 1. Februar 1455 (Graven van Limburg-Stirum ll,2 Nr. 1262) wissen wir, dass dort an der Lenne, wo die Brücke war und der Wesselbach in die Lenne floss, ein Marienbild stand. Von einer Siedlung ist nicht die Rede. Bei diesem Gnadenbild ist eine als Vikarie zur Elseyer Stiftskirche gehörende Wallfahrtskapelle entstanden, die zuerst 1500 urkundlich erwähnt wird als „capella in ripa fluminis Lenne sub Castro Lymborch“ (Kapelle am Lenneufer unterhalb der Burg Limburg). Von einer Siedlung wird auch jetzt noch nicht gesprochen. Kein Beweis, aber ein bemerkenswertes Indiz ist, dass auf dem Hogenbergschen Stich, der Nr. 213 einer Folge zeitungsähnlicher Einblattdrucke über den Kölnischen Krieg, 1584 immer noch nur die Wallfahrtskapelle mit ihren Nebengebäuden, aber keine Siedlung erscheint. Trotzdem werden in dieser Zeit die ersten Anfänge der Siedlung Limburg zu suchen sein, da mit der Polizeiordnung von 1582 ein Schultheißenamt eingerichtet wurde. Die kölnische Besetzung von Burg und Grafschaft Limburg von 1584 bis 1610 machte diese Entwicklung jedoch offenbar wieder zunichte. 1610 gab es in Limburg ohne Nahmer und Oege sieben Hausstätten, 1619 waren es bereits 17,1611 wurde der neue Ort aus der Parochie Elsey ausgepfarrt, 1612 machte die Wallfahrtskapelle einer neuen Pfarrkirche Platz. Seit 1610 wird auch ein Bürgermeister genannt.

Die Freiheit und spätere Stadt Limburg ist erst nach der Wende zum 17. Jahrhundert mit dem Aufschwung des Drahtgewerbes und zugleich mit der Einrichtung einer dauernden gräflichen Hofhaltung auf der Burg Limburg im Jahre 1610 entstanden.

Verfassung, Verwaltung und Gesetzgebung

Der schwäbische Reichsstaatsrechtslehrer Johann Jakob Moser erklärte im 18. Jahrhundert „Landeshoheit“ als das den Reichsständen zukommende Recht, in ihren Ländern und Gebieten alles dasjenige zu gebieten und zu verbieten, was nach göttlichem Recht, Naturrecht und Völkerrecht einem jeden Regenten zu gebieten und zu verbieten erlaubt sei, soweit es ihnen nicht durch Reichsgesetze oder Verträge mit ihren Landständen, d. h. durch die Reichsverfassung oder die Verfassung ihrer Territorien, eingeschränkt sei. Voraussetzung für diese „tatsächliche Gewalt über ein bestimmtes Gebiet“ war einerseits die Abschließung des Territoriums nach außen, ein Vorgang, den wir im vorigen Abschnitt kennengelernt haben. Andererseits bedurfte die Landeshoheit der Abschließung nach unten und der Konsolidierung im Inneren.

Die Ausbildung der Landeshoheit (im 16. Jahrhundert „landesfürstliche Obrigkeit“, 1648 „superioritas territorialis“) erfolgte in Deutschland im allgemeinen seit dem 13. und vor allem im 14. und 15. Jahrhundert auf der Basis der Landesherrschaft, wobei mit Historikern wie Hans Spangenberg, Adolf Gasser oder Otto Brunner beide Begriffe zu unterscheiden sind. Dieser Prozess war eine der bedeutendsten Entwicklungen der deutschen Verfassungsgeschichte, da er den späteren föderalistischen Aufbau Deutschlands bis heute entschieden hat. Grundlage der älteren Landesherrschaft waren, beginnend in karolingischer Zeit, Immunität, Vogtei Landfriedenswahrung, das Grafenamt und vor allem die Blut – oder Hochgerichtsbarkeit. Das hat in der Vergangenheit Historiker wie Georg von Below sagen lassen, der Zustand der „Landeshoheit“ sei eingetreten, wenn ein Herr die Hochgerichtsbarkeit erworben habe. Diese Ansicht wird man heute nicht mehr in dieser Einseitigkeit vertreten können, das ich daneben auch Allodialherrschaften edelfreier Geschlechter, die Grundherrschaft, Geleitsrechte, Forsthoheit und Wildbann und andere mehr als konstituierende Elemente mittelalterlicher Landesherrschaft erwiesen haben. Dabei führte die Verbindung mehrerer herrschaftlicher Funktionen häufig zur Landesherrschaft, oft genügte die Wahrnehmung eines dieser Rechte: entscheidend war jedoch immer die konkrete Machtausübung, also der Einsatz, mit dem die Rechte ausgeübt und verteidigt wurden.

Graf Dietrich l. von Isenberg-Limburg (um 1215 -1299) besaß in dem Gebiet der Grafschaft Limburg in der Mitte des 13. Jahrhunderts die Hochgerichtsbarkeit in vollem Umfang, und zwar sowohl das Freigericht als auch das Gogericht. Wahrend der Gogerichtsbezirk sich räumlich wohl ungefähr mit der späteren Grafschaft Limburg deckte, reichte das in einem späteren Nachtrag zur Großen Vogteirolle des Grafen Friedrich von Isenberg von etwa 1220 als „cometia Osteric“ (Oestrich) bezeichnete Gebiet des Freigerichtes darüber hinaus in den Raum Menden sowie nach Langschede nördlich der Ruhr und nach Schwerte und Westhofen. Außerdem besaß der Graf das Freigericht, nicht aber das Gogericht, auch in den sogenannten Krummen Grafschaften südlich von Dortmund und bei Oesede im Münsterland. Das Freigericht war das alte Blut- oder Hochgericht, während das Gogericht ursprünglich die niedere Gerichtsbarkeit besorgte. Doch besaß der Inhaber des Gogerichts über Täter, die auf frischer Tat gestellt wurden, ebenfalls die Blutgerichtsbarkeit, so dass auch er an Leib und Leben strafen konnte. Seit dem 13. Jahrhundert wurde überdies die Blutgerichtsbarkeit zwischen Go- und Freigerichten strittig.

Wahrscheinlich hatte schon Friedrich von Isenberg das Frei- und das Gogericht im Raum der späteren Grafschaft Limburg besessen. Mit dem Wiedergewinn von Teilen der väterlichen Besitzungen und Rechte und ihrer Behauptung im Isenberger Erbstreit erwuchs seinem Sohn Dietrich aus der Hochgerichtsbarkeit Landesherrschaft, und zwar nur in dem Raum, in dem er die Hochgerichtsbarkeit umfassend, nämlich Frei- und Gogericht einschließend, ausüben konnte. Von der „Entwicklung der Grafschaft Limburg aus der Grafschaft Osteric“ zu sprechen, geht daher nicht an. Voraussetzung war dabei, dass der Graf als Gerichtsherr keine andere Gewalt landrechtlicher Art über sich hatte. Diese Voraussetzung war seit dem Rückzug des Königtums von einer auch landrechtlichen auf eine nur noch lehnsrechtliche Herrschaft gegeben. Hinzu kam nun in diesem Gebiet, in dem Friedrich von Isenberg keine Burg besessen hatte, seit den dreißiger Jahren der Besitz einer Burg, die den Komplex der hier konzentrierten Besitzungen und Rechte, vor allem eben die Hochgerichtsbarkeit, zum Zubehör der Burg werden ließ. Dadurch wurde die Landesherrschaft stabilisiert und zentralisiert und durch die Person ihres Inhabers zusammengehalten. Ablesbar ist diese Entwicklung etwa daran, dass sich die alte Bezeichnung des Freigerichtsbezirkes als „cometia Osteric“ alsbald verliert und das Freigericht zur Pertinenz der Burg, zum Freigericht bzw. zur Freigrafschaft Limburg wird. Hierher gehört mit dem Blick auf den weiteren Ausbau der Landesherrschaft auch der Prozess der Verdinglichung oder Territorialisierung des Lehnswesens. Das Lehnsobjekt, in unserem Falle die seit 1242 von den Grafen von Berg lehnsrührige Burg Limburg, wurde von dem Haus, das dem Lehnsherrn „geöffnet“ war, ausgedehnt auf den zugehörigen Herrschaftsbezirk, der mithin auch auf diese Weise als solcher konstituiert wurde.

Dagegen scheint die Grundherrschaft, also das Recht des Grafen an seinem landwirtschaftlichen Grundeigentum und an den darauf sitzenden und dieses nutzenden und ihm gegenüber abgabepflichtigen Bauern, als Grundlage der limburgischen Landeshoheit kaum von Bedeutung gewesen zu sein. Sicher bedeutungslos war die Kirchenvogtei. Das 1222/23 von Friedrich von Isenberg gegründete Frauenstift Elsey, für dessen Anfangszeit die Vogtei des Gründers als wahrscheinlich anzunehmen ist, war 1227 von dem Kölner Erzbischof Heinrich von Molenark von der Vogteigerichtsbarkeit befreit worden und seitdem vogtfrei. Von den Gütern des Stiftes Essen und der Klöster und Stifte Rellinghausen, Möllenbeck, Kaufungen, St. Pantaleon in Köln, Siegburg, Werden und Fischbeck, insgesamt 36 Oberhöfe mit ihren zahlreichen Unterhöfen, über die Friedrich von Isenberg Vogteirechte besaß, lagen nur drei Unterhöfe in der späteren Grafschaft Limburg, und zwar ausnahmslos im Kirchspiel Hennen. Nach der sogenannten Kleinen Vogteirolle Friedrichs von Isenberg von vor 1220 handelte es sich dabei um die zum Oberhof (Dortmund-) Eving gehörenden Höfe Hennen und Rheine des Stiftes Essen und um den Hof Gerkendahl der Villikation (Dortmund-) Apierbeck des Klosters Möllenbeck an der Weser.

Die Anfänge der Landesherrschaft Dietrichs l. in der Grafschaft Limburg fallen in einen Zeitabschnitt, der für die deutsche Verfassungsgeschichte und insbesondere für die Entstehung der Landeshoheit von höchster Bedeutung war. 1220 hatte Kaiser Friedrich II. als Preis für die Königswahl seines Sohnes Heinrich (VII.) in der „Confoederatio cum principibus ecciesiasticis“ auf die Ausübung von Hoheitsrechten zugunsten der Reichskirche verzichtet und damit die Landesherrschaft der geistlichen Fürsten anerkannt. Im „Statutum in favorem principum“ verzichtete König Heinrich (VII.) 1231 auf die Ausübung der königlichen Hoheitsrechte über Gericht, Geleit, Münze, Zoll, Burgen- und Städtebau in den Gebieten weltlicher Landesherren. Obgleich mit beiden Fürstenprivilegien lediglich bereits bestehende Zustände sanktioniert wurden, spielten sie doch eine nicht zu übersehende Rolle dadurch, dass zuvor widerrechtlich angeeignete oder durch Sonderprivilegien erworbene Rechte nun in zwei Gesetzen zusammengefasst wurden. Die folgenden Jahre des Interregnums (1254 bis 1273) gaben den Landesherren Gelegenheit zur Usurpierung weiterer Hoheitsrechte und zum Ausbau ihrer Herrschaftsstellung. Heirat und Erbfall, Kauf und Tausch, Erbverbrüderung sowie Einziehung erledigter Lehen und Missachtung des Leihezwangs nach dem Sachsenspiegel musste die Neuvergabe eines erledigten Lehens innerhalb von Jahr und Tag erfolgen führten zur Auffüllung und zur Abrundung der Territorien, von denen man mit Fritz Härtung seit dem Interregnum sprechen kann. Dabei waren die Territorien noch vielfach von fremden Herrschaftsbezirken durchsetzt und verdienen daher die Bezeichnung „territorium non clausum“. Doch begann mit der Abschließung der Herrschaft nach unten jetzt die Entwicklung von der älteren Landesherrschaft zur Landeshoheit. Das Ergebnis dieses Prozesses hat man mit Formeln zu umschreiben gesucht wie „Territorialstaat“ statt des älteren Territoriums oder „Frühmoderner Staat“. In kleinen und kleinsten Herrschaftsgebieten, mit denen wir es im Falle Limburgs zu tun haben, kam diese Entwicklung entweder gar nicht oder erst im 18. Jahrhundert zum Abschluss, im Zeitalter des Absolutismus und vor der Schwelle der Französischen Revolution.

Die spätmittelalterliche Verdinglichung des Lehnswesens, von der bereits die Rede war, hat den Modernisierungsprozess der Landesherrschaft zur territorialen Landeshoheit befördert. Doch gilt dies nicht für die Grafschaft Limburg. Die Lehen, die der Graf als Lehnsherr vergab, hatten nur eine sehr untergeordnete Bedeutung für den Ausbau seines Territoriums. Die 1364 beim Regierungsantritt Graf Dietrichs IV. (1344 -1401) angelegte und bis zu seinem Tode fortgeführte Limburger Lehnsrolle verzeichnet zwar 160 Belehnungsvorgänge und, da einige Vasallen mehrfach belehnt waren, noch mehr Lehnsobjekte (Höfe, Kotten, Vogteien, Grundstücke, Mühlen, Zehnten, Geldrenten u. ä.). Doch diese lagen ganz überwiegend zerstreut über weite Gebiete außerhalb der Grafschaft Limburg in der Grafschaft Mark, im Herzogtum Westfalen, im Herzogtum Berg, im Gebiet der Reichsabtei Werden, im Herzogtum Kleve, im Vest Recklinghausen, im Hochstift Münster und im Hochstift Minden. Aus Limburg werden nur sehr wenige Lehen genannt, und zwar das Einhaus zu Berchum, ferner im Kirchspiel Ergste das Gut Bürenbruch und die Vogtei des Hofes Papenberg, im Kirchspiel Hennen eine Geldrente von 10 Schillingen und im Kirchspiel Oestrich der Hof und der Zehnt zu Droeschede und der Hof zu Stenglingsen. Nach dem Isenberger Erbstreit hatte Graf Dietrich l. aufgrund des Vertrages von 1243 im limburgischen Gebiet zwei Adelssitze als Lehen vergeben können: Berchum und Letmathe. Seit 1349 war das adelige Haus Letmathe aber ein Lehen der Grafen von der Mark, da in diesem Jahr Hunold von Letmathe sein Haus dem Grafen Engelbert III. von der Mark als „Offenhaus“ auftrug. 1580 erscheint dann der Adelssitz Hennen als limburgisches Lehen. Bei diesen zwei vom Landesherrn lehnsrührigen Adelshäusern innerhalb der Grafschaft Limburg, Berchum und Hennen, blieb es bis zum Berliner Vergleich von 1729. Erst dann wurden auch die drei anderen in der Grafschaft Limburg gelegenen Rittersitze Letmathe, Ohle und Gerkendahl in einen Lehnsnexus mit dem Landesherrn gestellt. Da deren Inhaber diese Lehen zuvor von den Grafen von der Mark empfangen hatten, ging vom Lehnswesen in Limburg bis dahin ein destabilisierender Einfluss auf die Landeshoheit aus.

Wichtiger als das Lehnswesen waren daher andere Faktoren wie die in Limburg seit etwa 1380 nachweisbare Wahrnehmung des Münzregals, vor allem aber die in den größeren Territorien seit dem 14. Jahrhundert entstandene und vom Lehnswesen gelöste bürgerliche Beamtenschaft und die Rezeption des Römischen Rechtes. Der Typ des modernen, auf Universitäten gebildeten Beamten stand am Anfang der Entwicklung von einer sich privatrechtlich begreifenden Herrschaft zu einer öffentlich-rechtlichen Auffassung der Landeshoheit.

In Limburg trat der erste gelehrte Jurist als Beamter erst sehr spät auf mit dem 1617 mit Beschwerden des limburgischen Adels befassten bentheimischen Rat Dr. jur. Pagenstecher. Ihm folgen später zunächst unregelmäßig und dann dauernd beschäftigte, juristisch gebildete Beamte. Überhaupt erweist sich der Zeitraum des Kölnischen Krieges und der kölnischen Besatzung Limburgs, d. h. die Jahre von 1582/84 bis 1610, als die entscheidende Zäsur zwischen der weitgehend noch mittelalterliche Formen bewahrenden Landesherrschaft der Grafen von Limburg und ihrer Erben, der Grafen von Neuenahr, und dem modernen Regiment der Grafen von Bentheim, die Limburg 1589 nach dem Tode Adolfs von Neuenahr geerbt und nach dem Abzug der Okkupanten 1610 übernommen hatten und nun, unterstützt durch qualifizierte Beamte, ihre Landeshoheit ausbauten.

Erst jetzt kam es in Limburg zu einem Zusammenspiel zwischen dem herrschaftlichen und dem genossenschaftlichen Element, zwischen dem Landesherrn und seiner ihm genossenschaftlich organisiert gegenübertretenden Untertanenschaft. Diese Erscheinung war in Europa seit dem 13. Jahrhundert als Voraussetzung für die Frühform des modernen Staates wirksam. Das „Miteinanderverhandeln“ des Inhabers der Landesherrschaft mit den Landständen konstituierte Landeshoheit. Diese Landstände, die als adelige, kirchliche oder städtische Sondergewalten in ihrem Bereich selbst Herrschaft ausübten, vertraten nach einem viel zitierten Wort Otto Brunners dem Landesherrn gegenüber nicht das Land, sie waren das „Land“. Das war nun etwas grundsätzlich anderes als bloße Grundherrschaft, Leibherrschaft, Vogteiherrschaft oder Hochgerichtsherrschaft und daher auch mehr als nur das Ergebnis einer kontinuierlichen Fortentwicklung der älteren Landesherrschaft. Am Anfang standen dabei häufig Verträge, die der Landesherr und das „Land“ miteinander schlössen. Der Historiker Werner Näf hat sie „Herrschaftsverträge“ genannt: 1215 die Magna Charta in England, 1222 die Goldene Bulle König Andreas II. von Ungarn, 1283/86 die Aragonischen Privilegien, 1312 die Charte von Cortenberg für Brabant, 1316 der Friede von Fexhe für Lüttich, 1356 die Joyeuse Entree für Brabant, 1472 der Vergleich des Markgrafen Albrecht mit den Ständen der Mark Brandenburg oder 1514 der Tübinger Vertrag. In diese Linie gehört auch der „Herrschaftsvertrag“ der Gräfin Johannetta Elisabeth mit den Adeligen der Grafschaft Limburg vom 21. Juli 1648. Der Anspruch des limburgischen Adels auf ständische Mitwirkung wurde 1617 bei einer Zusammenkunft der Adeligen auf dem Hause Gerkendahl ausgesprochen. Als Ergebnis dieses Treffens wurden am 27. August 1617 fünf Gravamina (Beschwerden) an den Landesherrn, Graf Konrad Gumprecht von Bentheim, abgefasst. Der entscheidende Beschwerdepunkt war der erste, in dem die Abschaffung der „verordneten 6 Männer“ verlangt wurde. Dabei handelte es sich um sechs vom Grafen eingesetzte Männer bäuerlicher Herkunft, die in den sechs Kirchspielen Elsey, Berchum, Ergste, Hennen, Oestrich und Letmathe bestimmte öffentliche Angelegenheiten regeln sollten. Hier zeigen sich Anfänge sowohl einer landesherrlichen als auch einer gemeindlichen Lokalbeamtenschaft. Da diese Einrichtung aber die Interessen der Edelleute berührte, forderten diese unter Hinweis auf die Zeiten des Grafen Adolf von Neuenahr, denen derartige Einrichtungen unbekannt gewesen seien, der Landesherr möge die Neuerung wieder zurückziehen und dafür mit ihnen und anderen Beerbten die fraglichen öffentlichen Angelegenheiten verhandeln. Nachdem die fünf Gravamina gräflicherseits unbeantwortet geblieben und daher am 31. Dezember 1617 von den Adeligen erneut vorgelegt worden waren, kündigte Gräfin Magdalena von Neuenahr, die Mutter des erkrankten Grafen Konrad Gumprecht, in ihrer Antwort vom 12. Januar 1618 an, „dass sobald möglich ein Tag und Zusammenkunft angestellt und diesen Sachen der Gebühr nach Befindung abgeholfen werden möge“. Hier nun begann das „Miteinander/erhandeln“ von Landesherr und „Land“ auch in der kleinen Grafschaft Limburg. Im Juli 1648 sahen sich Gräfin Johannetta Elisabeth und Graf Moritz von Bentheim-Tecklenburg zu Konzessionen gegenüber dem Adel Limburgs gezwungen, die mit dem am 21. Juli 1648 ausgefertigten Vergleich über die beiderseitigen Gerechtsame verbrieft wurden. Dieser „Herrschaftsvertrag“ brachte dem Adel als Ergebnis der langjährigen ständischen Konflikte und als Antwort auf seine zahlreichen, auch nach 1617 immer wieder vorgebrachten Gravamina die Befriedigung seiner Forderung nach ständischer Mitwirkung an den öffentlichen Angelegenheiten, indem vor allem sein Steuerbewilligungsrecht festgestellt wurde.

Damit wurden in der Folgezeit regelmäßige Konferenzen der Adeligen notwendig, auf denen Steuererhebungen beraten, bewilligt oder auch abgelehnt werden konnten. Aus diesen Verhandlungen, die im 17. Jahrhundert zunächst als „Zusammenkunft“ bezeichnet wurden, ist der periodisch tagende Landtag der Grafschaft Limburg hervorgegangen. Die erste uns bekannte Sitzung dieses Gremiums fand im April 1671 statt, die letzte im August 1807. Den fünf landtagsfähigen Rittergütern Berchum, Hennen, Ohle, Gerkendahl und Letmathe entsprachen fünf Landtagsstimmen, über die die jeweiligen Inhaber dieser Adelshäuser, soweit sie selbst von Adel waren, verfügten. Im späteren 18. Jahrhundert waren die fünf Stimmen in der Hand von nur noch zwei Adeligen. Die Familie von Brabeck hatte 1731 neben ihrem Hause Letmathe auch Haus Ohle erworben und besaß später zeitweise Haus Hennen von der Familie von Cloet als Pfand und verfügte daher über drei Stimmen (Letmathe, Ohle, Hennen). Haus Berchum war 1703 durch Erbgang an die Familie von Ketteler zu Gerkendahl gekommen, die seitdem im Besitz der beiden anderen Landtagsstimmen (Gerkendahl, Berchum) war. Bis 1693 waren die Adeligen stets persönlich auf dem Landtag anwesend, wobei Vollzähligkeit nicht die Regel war. 1693 erschien erstmals ein Deputierter für das Haus Letmathe. Seit 1734 wurde der Landtag, der häufig, aber nicht immer, auf Schloss Hohenlimburg tagte, nur noch von bürgerlichen Deputierten als Vertreter ihrer Herren besucht.

Der Hauptort der Grafschaft, die erst 1709 mit begrenzten städtischen Selbstverwaltungsrechten ausgestattete Freiheit Limburg, war ebenso wenig landtagsfähig wie das adelige Damenstift Elsey. Als im Jahre 1793 Haus Berchum, das im Vorjahre in den Besitz eines bürgerlichen und daher nicht landtagsfähigen Viehhändlers gelangt war, von diesem zum Kauf angeboten wurde, veranlasste der lutherische Pfarrer zu Elsey, Johann Friedrich Möller, das Kapitel des Stiftes Elsey zum Ankauf des Gutes, der am 12. August 1793 durch die Äbtissin Amalie von dem Bottlenberg gen. Kessel vorgenommen wurde. Damit konnte das Stift Elsey, ohne selbst landtagsfähig zu werden, von nun an über die Berchumer Landtagsstimme verfügen. Möller, der sich als historischer, politischer und volkswirtschaftlicher Schriftsteller einen bekannten Namen gemacht hat, hatte dem Stiftskapitel zuvor eine umfangreiche Denkschrift über die landständische Verfassung der Grafschaft Limburg vorgelegt. Neben dem Vergleich von 1648 und den Landtagsprotokollen stellt diese bemerkenswerte Beurteilung eines aufmerksamen Zeitgenossen für uns eine wichtige Quelle für dieses Kapitel der limburgischen Verfassungsgeschichte dar. Auch nach dem Abschluss des „Herrschaftsvertrages“ von 1648 ging der Ausbau der Landeshoheit in der Grafschaft Limburg parallel zu ihrer Abschließung nach außen weiter.

Zunächst wirkte sich für die reformierten Grafen von Bentheim die im Westfälischen Frieden von 1648 erfolgte Aufnahme der Reformierten in den Augsburger Religionsfrieden von 1555 in der Weise aus, dass sie das landesherrliche Kirchenregiment bis zu einem gewissen Grade zur Befestigung ihrer Landeshoheit einsetzen konnten. Der Inhalt des Kirchenregiments umfasste die Berufung der Pfarrer, die Visitation der Gemeinden, die Vermögensverwaltung u.a.m. Doch waren den Grafen in Limburg durch die konfessionelle Gemengelage und durch andersgläubige Landstände enge Grenzen gesetzt. Ein Recht, den Glauben der Bewohner seines Territoriums verbindlich festzulegen, bestand nach 1648 aufgrund der Normaljahrregelung des Westfälischen Friedens ohnehin nicht mehr.

Die verfassungsgeschichtliche Entwicklung der Grafschaft Limburg vor dem Untergang des alten Reiches endete in der Mitte des 18. Jahrhunderts mit einem Hausgesetz, der Sukzessions- und Primogeniturordnung vom 12. Juli 1746. Damit schuf Graf Moritz Casimir l. für seine Territorien Limburg und Rheda eine Erbfolgeregelung nach dem Recht der Erstgeburt und legte auf diese Weise auch die Unteilbarkeit seines Territorialbesitzes fest. In größeren Territorien und bei bedeutenden Fürstenhäusern waren derartige Regelungen schon Jahrhunderte früher erfolgt. Bereits 1356 hatte die Goldene Bulle Karls IV. den Kurfürsten das Privileg der Erblichkeit in der Primogenitur und der Unteilbarkeit der Kurlande gegeben. 1380 folgte Baden, 1482 Württemberg, 1506 Bayern. Dagegen hatte Graf Arnold II. von Bentheim 1591 seine Territorien testamentarisch so geteilt, dass nach seinem Tode 1606 von seinen Söhnen Adolf die Grafschaft Tecklenburg mit Rheda, Arnold Jobst die Grafschaft Bentheim, Wilhelm Heinrich Steinfurt, Konrad Gumprecht die Grafschaft Limburg und Friedrich Ludolf die Herrschaft Alpen erhielten. Doch sollten auch damals schon die einzelnen Territorien ungeteilt nach der Primogenitur vererbt werden. Das Hausgesetz von 1746 hatte verfassungsrechtlich nur untergeordnete Bedeutung, da es weder vom Kaiser noch von den limburgischen oder den rhedaischen Landständen bestätigt wurde. Es bedeutete auch keine engere Verbindung zwischen der Grafschaft Limburg und der Herrschaft Rheda, etwa im Sinne der Union von Kleve und Mark von 1461. Zwischen Limburg und Rheda bestand vielmehr weiterhin das Verhältnis einer bloßen Personalunion. Dem steht nicht entgegen, dass gelegentlich in beiden Ländern gleichlautende Gesetze erlassen wurden.

Von großer Bedeutung war schließlich die verwaltungsgeschichtliche Entwicklung, die seit dem späteren 17. Jahrhundert eine kontinuierliche Ausweitung und Differenzierung der Regierungs- und Verwaltungstätigkeit erkennbar werden lässt. Das zeigt sich deutlich an den Instruktionen und Reglements für die Beamten aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.

An der Gesetzgebung war der limburgische Landtag wie die Ständevertretungen fast aller anderen deutschen Territorien nicht beteiligt. Von Fall zu Fall mögen die Landstände informell herangezogen worden sein, wie es etwa für die rhedaischen Landstände beim Erlass der Trauerordnung von 1778 bezeugt ist. Das lag nicht an geringer gesetzgeberischer Aktivität, die man für ein solch kleines Gebiet wie die Grafschaft Limburg vermuten könnte. Von der gräflichen Gesetzgebung zeugen immerhin eine 43 Paragraphen umfassende und den weiten Bereich der öffentlichen Ordnung regelnde Polizeiordnung vom 8. Februar 1683 sowie Dutzende spezieller Polizeiverordnungen, wie diese im 18. Jahrhundert üblich wurden. Zur Beförderung des „Gemeinen Besten“ griff der Graf hier mit seinen Beamten obrigkeitlich bevormundend in den Privatbereich des Einzelnen ein.

Die Polizeiverordnungen waren landesherrliche Rechtsgebote, mit denen eine Ordnung befohlen wurde, die als Recht zu befolgen war. Bestandteil der Landeshoheit war das Gesetzgebungsrecht, das der Landesherr ohne Beschränkung durch Landstände ausüben konnte. Dennoch waren diese Gesetze nicht Produkte schrankenloser Willkür, da die landesherrliche Gesetzgebung an den durch Kaiser und Reich und die Reichsgerichte vorgegebenen Rahmen gebunden blieb. Jeder Untertan im alten Reich konnte seinen jeweiligen Landesherrn vor einem der beiden Reichsgerichte, dem Reichshofrat in Wien und dem Reichskammergericht in Wetzlar, verklagen. Landeshoheit war nicht Souveränität.

Gräfliche Hofhaltung

Nach der Räumung der Grafschaft Limburg durch die kölnischen Besatzungstruppen im Mai 1610 bezog Graf Konrad Gumprecht von Bentheim die Burg Limburg als Wohnsitz und als Amtsgebäude für die Regierung und Verwaltung der Grafschaft. Zwar hatte es schon vor dem Kölnischen Krieg, vor allem im 16. Jahrhundert unter den Grafen von Neuenahr, verschiedene Um- und Ausbauten an der Burganlage aus dem 13. Jahrhundert gegeben. Auch Konrad Gumprechts eigene Baumaßnahmen hatten die alte Burg in den kurzen Jahren zwischen 1610 und seinem Tode 1618 etwas wohnlicher werden lassen. Gleichwohl blieb in Limburg trotz der sehr viel großzügigeren Bautätigkeit unter Graf Moritz Casimir l. im 18. Jahrhundert eine nach Verteidigungsgesichtspunkten des Mittelalters angelegte Burg Schauplatz der gräflichen Hofhaltung.

„Hof wird genennet, wo sich der Fürst aufhält“, so schrieb im 18. Jahrhundert unter dem Stichwort „Hof“ das 68 Bände umfassende Zedlersche „Große vollständige Universal-Lexicon aller Wissenschaften und Künste“ (1732 -1754):

„Durch sich alleine kan der Landes-Fürst den Staats-Cörper nicht bestreiten, er sey auch so klein als er wolle. Doch das ist noch nicht genug. Der Fürst muss bey fremden sowohl als einheimischen Ansehen haben. Fehlt dieses, wer wird seinen Befehlen gehorchen? Wären alle Unterthanen von der tieffen Einsicht, dass sie den Fürsten wegen innerlichen Vorzuges verehrten, so brauchte es keines äusserlichen Gepränges; so aber bleibet der größte Theil derer gehorchenden an dem äusserlichen hängen. Ein Fürst bleibt derselbe, er gehe alleine oder habe einen grossen Comitat bey sich. Gleichwohl fehlet es nicht an Exempeln, da der Fürst, wenn er allein unter seinen Unterthanen herum gegangen, wenig oder gar kein Ansehen gehabt, da man ihm hingegen gantz anders begegnet, wenn er seinem Stande gemäß aufgezogen. Dieserhalben ist also nöthig, dass der Fürst nicht nur Bediente habe, die dem Lande vorstehen, sondern auch, die ihm zum äusserlichen Staate und eigener Bedienung nöthig sind“.

Nach dem Tode Konrad Gumprechts residierte dessen Witwe Gräfin Johannetta Elisabeth von Nassau-Dillenburg, die für ihren Schwager Graf Adolf von Bentheim-Tecklenburg (gest. 1628) und danach für ihren Neffen Graf Moritz in Limburg die Regentschaft führte, bis 1654 auf der Burg Limburg. Unterbrochen wurde ihre Hofhaltung durch die kaiserliche Besatzung in der Burg während des Dreißigjährigen Krieges in den Jahren 1633 -1636. Einblick in die Hofhaltung der Grafen von Bentheim in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts geben die Hofordnungen, mit denen das Leben und die Haushaltsführung am Hof geregelt wurden. Sie enthielten Verhaltensmaßregeln für Dienerschaft und Gesinde und legten oft auch die Zahl und die Rangfolge der Höflinge und der Hofdienerschaft fest, vor allem die Sitzordnung an den verschiedenen Tischen der Hoftafel.

Nach dem Ableben Johannetta Elisabeths hat die Burg Limburg unter Graf Moritz und unter seinem Sohn Friedrich Mauritz, der durch einen Teilungsvertrag mit seinem älteren Bruder Johann Adolf vom 13. März 1681 Limburg erhalten hatte, nur von Zeit zu Zeit als Aufenthaltsort des Landesherrn gedient. Sie blieb aber Verwaltungsmittelpunkt der Grafschaft.

Eine dauernde gräfliche Hofhaltung bestand auf der Burg Limburg erst wieder unter Graf Moritz Casimir l. von Bentheim-Tecklenburg, der seit 1726 in Rheda und Limburg selbständig regierte. Er ließ die alte Burg umbauen und gab ihr einen wohnlichen und, soweit die architektonischen und die finanziellen Möglichkeiten es erlaubten, repräsentativen Charakter. Der Repräsentation dienten zwei schlichte Säle von 12 x 8 bzw. 8 x 8 Metern Fläche in dem zwischen dem ältesten Teil des Neuen Palas und dem zweiten Teil aus dem 16. Jahrhundert eingefügten Baukörper sowie der auf einer angeschütteten Terrasse angelegte Barockgarten. Der spätere Göttinger Professor Johann Stephan Pütter (1725 -1807) hat als gebürtiger Iserlohner drei Jahre seiner Jugend als Privatschüler des reformierten Hofpredigers Christian Friedrich Stolte in Limburg verbracht und hatte in dieser Zeit Zugang zum Hof Moritz Casimirs l. Seine 1798 niedergeschriebene Erinnerung an die Feier des Geburtstags des Grafen auf Schloss Hohenlimburg im Jahre 1736 ist der einzige bekannte Bericht eines Zeitgenossen über den Limburger Grafenhof des 18. Jahrhunderts. Er zeugt von dem Verzicht des Grafen auf übertriebenen Luxus und der Musikpflege, die in Limburg wie später in Rheda unter seinem Sohn Moritz Casimir II. kennzeichnend für diese beiden Grafen war, deren Lebensspanne das ganze 18. Jahrhundert, von 1701 bis 1805, umfasste.

Die Angaben Pütters werden bestätigt durch die Haushaltungsregister des Hofes zu Limburg. Eine Zusammenstellung über die Hofbedienten von etwa 1735 gibt neben der Anzahl dieser Personen auch deren Rangfolge und deren Gehalt an. 1757 schränkte Moritz Casimir l. die Hofhaltung in Limburg aus Gründen der Kostenersparnis ein. Schloss Rheda wurde zum Ort der dauernden gräflichen Residenz und blieb es, nachdem 1768 Moritz Casimir II. seinem Vater gefolgt war. Zeitweise hielten sich die Landesherren oder andere Angehörige der gräflichen Familie aber auch nach 1757 auf Schloss Limburg, dem Sitz der Verwaltung der Grafschaft, auf.

Gewerbliche Wirtschaft

In der Geschichtswissenschaft wird neuerdings von „Protoindustrialisierung“ gesprochen. Gemeint ist damit die seit dem Spätmittelalter in vielen Gegenden zu beobachtende „Industrialisierung vor der Industrialisierung“, die lange vor der im 18. Jahrhundert in England beginnenden und im 19. Jahrhundert Deutschland erreichenden Industriellen Revolution eine hausindustriell betriebene gewerbliche Massengüterproduktion für überörtliche oder überregionale Märkte hervorbrachte und auch bereits kleine Gewerbebetriebe entstehen ließ. Dabei handelt es sich in erster Linie um das vorwiegend auf dem Lande angesiedelte Textilgewerbe und um die ländliche Eisen- und Metallwarenverarbeitung.

In der gesamten Mittelgebirgsregion der südlichen Grafschaft Mark, im kölnischen Sauerland, im Siegerland, im Bergischen Land und in den südlich angrenzenden Gebieten waren die Bewohner auch außerhalb der Städte schon früh auf gewerbliche Tätigkeit oder Nebentätigkeit für den Markt angewiesen, da die geographisch-klimatischen Verhältnisse dieser Gegenden dem Ertragsreichtum der Landwirtschaft verhältnismäßig enge Grenzen setzten. Dagegen boten die Erzvorkommen, die Flüsse und wasser- und gefällereichen Waldbäche, die die für den Betrieb des seit dem 15. Jahrhundert für Hammerwerke genutzten Wasserrades erforderliche Antriebsenergie liefern konnten, und der ursprüngliche Holzreichtum der Wälder, die sich zur Gewinnung von Holzkohle ausbeuten ließen, günstige Standortbedingungen für das Eisen- und Metallgewerbe. Dieser Produktionsbereich wurde daher im 17. und 18. Jahrhundert in der Grafschaft Mark, im Herzogtum Westfalen und in der Grafschaft Limburg zum wichtigsten Zweig der gewerblichen Wirtschaft.

Für Limburg ermittelte der preußische Fabrikenkommissar Friedrich August Alexander Eversmann 1804 neben einigen Drahtrollen im Kirchspiel Oestrich 18 Drahtwerke in den Tälern der Nahmer, der Nimmer und des Wesselbaches und drei Hammerwerke. Diese bezogen ihr Roheisen hauptsächlich von der Oberkaltenbacher Hütte im Oberbergischen und verarbeiteten es zu Stabeisen, das in den Drahtwerken weiterverarbeitet wurde, und zwar vornehmlich zu Kratzendraht. Der Grobdraht, der etwa ein Viertel der Produktion ausmachte, war in dieser Zeit offenbar ein Abfallprodukt.

Am Anfang des protoindustriellen Limburg stand aber wohl nicht der Drahtzug, sondern ein Kupferhammer, zu dessen Errichtung Graf Adolf von Neuenahr am 4. November 1571 dem Burghardt Stade aus Essen ein Privileg erteilte. In dieser Urkunde wird zwar eine gräfliche „Korn- und Draetmuelle“ in der Nahmer erwähnt, so dass anzunehmen ist, dass bereits vor 1571 Draht in der Grafschaft Limburg gezogen wurde. Von Industrialisierung vor der Industrialisierung wird man bei diesem und anderen wohl nur Eigenbedarf deckenden Betrieben aber noch nicht sprechen können.

Erst mit den gehämmerten Kupferplatten des Kupferhammers in der Nahmer begann eine exportorientierte Gewerbetätigkeit. Die Kupferplatten, für deren Herstellung das Kupfererz überwiegend aus der Gegend von Olpe bezogen wurde, waren das Ausgangsmaterial für kupferne Gebrauchsgegenstände verschiedener Art, die bald auch in Limburg produziert wurden. Der Kupferhammer bestand bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Erst nach der Zeit der kölnischen Besatzung (1584 -1610), die sich also auch unter wirtschaftsgeschichtlichem Aspekt für Limburg als entscheidende Zäsur erweist, arbeiteten im Jahre 1619 15 Drahtrollen im Gebiet der Freiheit Limburg, und zwar wohl überwiegend im Tal der Nahmer. Doch wurde das Wesselbach! unterhalb der Burg auch bereits gewerblich genutzt. Nach diesem ersten Aufschwung erfuhr das Limburger Drahtgewerbe dann in der zweiten Hälfte des 17. und im 18. Jahrhundert seine Blütezeit. 1690 unterschrieben 19 Drahtgewerken aus der Grafschaft Limburg, darunter 14 aus der Freiheit und fünf aus dem Kirchspiel Oestrich, die Satzungen der von ihnen begründeten Drahtziehergilde.

Das Limburger Drahtgewerbe konnte sich dank der auch von Eversmann hervorgehobenen guten Qualität seiner Erzeugnisse und dank ihrer niedrigen Preise gegenüber der mächtigen Konkurrenz aus den führenden märkischen Drahtstädten Lüdenscheid, Altena und Iserlohn relativ erfolgreich behaupten. Neben der Leistung der Reidemeister, der Rollenpächter und der Lohnarbeiter war das auch auf die Förderung dieses Wirtschaftszweiges durch die Grafen Moritz Casimir l. und Moritz Casimir II. zurückzuführen. Auf dem Boden der kameralistischen Wirtschaftsauffassungen ihrer Zeit griffen sie unterstützend und fördernd, zugleich aber auch reglementierend und damit hemmend in die Gewerbetätigkeit ein. Auch Qualitätsnormen, die Arbeitsverfassung und die Löhne der Arbeiter unterlagen landesherrlicher Regelung. So setzte Moritz Casimir II. 1785 obrigkeitlich Lohnerhöhungen für die Arbeiter fest.

Im Laufe des 18. Jahrhunderts scheint sich aus dem Kreis der Gewerken der Eisenhämmer und Drahtrollen eine kleine Gruppe Limburger Familien eine führende Stellung erworben zu haben. Sie bildeten gemeinsam mit den höheren Beamten des Grafen die bürgerliche Oberschicht Limburgs und damit ein neues, über die sozialen Strukturen des Ständestaates in das 19. Jahrhundert hinausweisendes Bevölkerungselement. Besonders erfolgreich sind offenbar gegen Ende des 18. Jahrhunderts die Brüder Johann Hermann Böing und Dr. med Conrad Böing gewesen. Daneben sind Namen wie Hengstenberg, Boecker und andere zu nennen.

Am Ende des 18. Jahrhunderts kündigte sich aber auch bereits eine Krise der Drahtindustrie an, obgleich davon in Eversmanns Bericht von 1804 noch nichts verlautet. Als nach dem Ende der napoleonischen Kontinentalsperre gegen Großbritannien, die anfangs wohl fördernd gewirkt hatte, billige englische Drähte die kontinentalen Märkte eroberten, war das Ende des alten Drahtgewerbes der Grafschaft Limburg gekommen. 1822 heißt es in einem amtlichen Bericht: „Von der einst so blühenden Drahtfabrikation bei Limburg existiert nur noch ein Schatten“. Erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts begann mit den Anfängen der Kaltwalzindustrie eine neue industrielle Epoche, die bald in die Hochindustrialisierung einmündete.

Bevölkerung

„Die Vielheit der Einwohner eines Reiches ist dessen erste Grundsäule“, schrieb 1749 der Göttinger Professor Gottfried Achenwall. Sein Kollege Matthias Christian Sprengel in Halle sagte 1793 über die Volksmenge: „Ihre Anzahl bestimmt die größere oder mindere Fruchtbarkeit des Landes, die höhere oder mindere Kultur der Nation, die Leichtigkeit sich zu ernähren und die Sorgfalt der Landesregierung, fehlenden oder stockenden Gewerben aufzuhelfen und die Unterthanen vor Druck zu beschützen. Um die Volksmenge des Ganzen oder einzelner Provinzen zu erfahren, dienen Zählungslisten, dergleichen von den mehresten Staaten vorhanden sind, und wenn diese fehlen, Schätzungen nach den Gebohrnen und Gestorbenen, nach der Häuserzahl und im Nothfall nach dem Ertrage persönlicher Abgaben“.

Bevölkerungszählungen waren 1695 im Habsburger Reich, 1725 in Preußen, 1742 in Hessen-Darmstadt, 1747 in Hessen-Kassel, 1749 in Schweden und 1769 in Dänemark und Norwegen durchgeführt worden. Im Gegensatz dazu konnte in dem östlich an die Grafschaft Limburg angrenzenden Herzogtum Westfalen noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts niemand die Einwohnerzahl des Landes einigermaßen genau angeben. Der geheime und Oberappellationsrat Friedrich Arndts musste daher 1802 über seine sauerländische Heimat bemerken, dass „es wohl nur wenige Länder giebt, die ärmer an statistischen Notizzen sind als eben mein Vatterland“.

In der Grafschaft Limburg und in seinen anderen Besitzungen ließ Graf Moritz Casimir II. 1786 Bevölkerungszählungen durchführen. Für die Grafschaft Limburg ergab sich dabei eine Gesamteinwohnerzahl von 5.518 Menschen. Davon entfielen auf den Ort Limburg mit Nahmer und Oege 1.291 und auf Elsey 505 Einwohner. Das bevölkerungsreichste Kirchspiel war Hennen mit 1 .335 Einwohnern. Letmathe hatte 664, Oestrich 797, Ergste 652 und Berchum 274 Einwohner.Für die Zeiten vor der Bevölkerungszählung unter Graf Moritz Casimir II. ist der Historiker bei der Frage nach der Einwohnerzahl der Grafschaft Limburg auf Schätzungen angewiesen, wie Sprengel sie 1793 angeführt hat. Der Heimatforscher Otto Bierhoff hat 1958 anhand eines Einkünfteverzeichnisses des Grafen Conrad Gumprecht von 1610 eine solche Schätzung vorgenommen und die Einwohnerzahl für 1610 mit 2.498 errechnet. Diese Zahl liegt um rund 1.000 Einwohner zu hoch. Bierhoff ist von durchschnittlich acht Personen (in der Freiheit Limburg sechs) für jeden der 288 Haushalte (Feuerstätten), die das Verzeichnis nennt, ausgegangen. Diese Voraussetzung ist sicher falsch. In der Bevölkerungsgeschichte gilt für vergleichbare Verhältnisse der Multiplikator 5 als zu hoch; realistisch dürfte die Multiplikation der Zahl der Haushalte mit 4,5 sein. Nachweisbar ist für die Freiheit Limburg im späteren 18. Jahrhundert sogar nur die Relation 3:1 zwischen der Einwohner- und der Haushaltszahl, wobei haushaltsangehöriges Gesinde mit berücksichtigt ist. Außerdem hat Bierhoff für die Freiheit Limburg, für die das Register sieben Haushaltungen nennt, eine bei weitem zu große Bevölkerungszahl angesetzt. Ihm erschien eine Einwohnerzahl von nur 56 Personen (7 x 8) als nicht glaubhaft. Tatsächlich wird die Zahl der steuerpflichtigen Einwohner der Freiheit ohne die dort wohnenden Angehörigen der gräflichen Hofhaltung noch niedriger gewesen sein . Geht man von der in dem Verzeichnis belegten Zahl der Haushaltungen aus und bedient sich des bewährten Multiplikators 4,5, so ergibt sich für die ganze Grafschaft ohne die gräfliche Hofhaltung eine wahrscheinliche Einwohnerzahl von 1.296 Personen im Jahre 1610. Davon werden rund 40 in der Freiheit Limburg unter Einschluss der Nahmer, für die zwei Haushaltungen genannt werden, gewohnt haben. Hinzu kommen Beamte und andere Bediente und das Gesinde des gräflichen Hofes mit ihren Familien, von denen ein Teil gewiss in der Freiheit ansässig war. Wenn wir für diesen Personenkreis mit Bierhoff fünf Familien sowie vier weitere Familien annehmen, so haben wir für die Freiheit mit der Nahmer von insgesamt 18 Haushalten, mithin von rund 80 Einwohnern auszugehen. Das bedeutet für die ganze Grafschaft etwa 1.336 Menschen, wobei diese Zahl wahrscheinlich noch zu hoch ist, da für die Freiheit der Multiplikator 4,5 zu hoch angesetzt sein dürfte.

Diese Zahlen deuten für den Zeitraum von 1610 bis 1786 auf ein ganz beträchtliches Bevölkerungswachstum hin, das offenbar über dem für ganz Deutschland ermittelten Bevölkerungszuwachs lag. Daran zeigt sich die große Bedeutung der Drahtindustrie seit dem 17. Jahrhundert. 1619 gab es im Ort Limburg ohne Nahmer und Oege 17 Wohnstätten. Bis 1746 erhöhte sich deren Zahl auf 92.

Aus dem Jahre 1765 besitzen wir eine Steuerliste nur für die Freiheit Limburg, die die Annahme einer Personenzahl von weniger als fünf pro Haushalt als richtig bestätigt. Aufgeführt werden 223 steuerpflichtige Haushalte, und zwar 107 im Ort Limburg selbst, 96 in der Nahmer und 10 in Oege. Hinzu kommen 10 jüdische Familien mit ihren Haushalten. Auf Limburg ohne Nahmer und Oege entfielen 323 Einwohner, auf die Nahmer 285 und auf Oege 44. Die Juden zählten 36 Personen. In Limburg und in der Nahmer mit ihrer bürgerlichen und handwerklich-industriellen Bevölkerungsstruktur kamen im Durchschnitt also nur drei Personen auf einen Haushalt, und zwar unter Einschluß von Knechten und Mägden. Im vorwiegend agrarisch geprägten Oege waren es rechnerisch 4,4 Personen, die einen Haushalt bildeten. Verzeichnet werden 219 Männer, 218 Frauen und 190 Kinder, außerdem deren Gesinde, nämlich 29 Knechte und 32 Mägde. Die Zahl der Kinder lässt auf eine gesunde Altersstruktur der Bevölkerung schließen. An der Gesamtbevölkerung (ohne Knechte und Mägde) waren die Kinder mit 30,3°/o beteiligt. Noch höher war der Kinderanteil im bäuerlichen Oege mit 40,5 °/o. Auch die Juden waren fortpflanzungsfreudiger als die Bürger und die Tagelöhner Limburgs und der Nahmer. Bei den Juden lag der Anteil der Kinder bei 38,2.

Die Steuerliste von 1765 verzeichnet mit insgesamt 688 Einwohnern nur den steuerpflichtigen Bevölkerungsteil, nicht jedoch alle in Limburg, Nahmer und Oege wohnenden Personen. Als Berufe genannt werden vor allem Professionist (Handwerker) und Tagelöhner, daneben Kaufmann, Krämer und Wirt, Müller und Handelsmann sowie in Oege Ackersmann. Es fehlen Pfarrer, Küster und Lehrer, die gräflichen Beamten und andere, mit ihren Familien im Ort wohnenden Bedienten sowie alle wegen Armut nicht besteuerbaren Personen.

Steuerfreiheit genossen in der Grafschaft Limburg der Adel, das Stift Elsey und Geistliche, Küster und Lehrer. Darüber hinaus waren alle Bewohner der Freiheit Limburg mit Nahmer und Oege als auf gräflichem Grunde wohnende Untertanen von der normalen Besteuerung befreit. Nur in besonderen Fällen, so etwa 1765, wurden sie zu Abgaben herangezogen. Landessteuern wurden daher nur in deri sechs Kirchspielen Berchum, Ergste, Hennen, Oestrich, Letmathe und Elsey erhoben.

Daneben gab es bis in die Mitte des 17. Jahrhunderts eine große Bevölkerungsgruppe, die doppelt besteuert wurde. Das waren die sogenannten Freimärkischen, nämlich in der Grafschaft Mark geborene Söhne oder Töchter märkischer Mütter, die in die Grafschaft Limburg eingeheiratet oder sich dort aus anderen Gründen niedergelassen hatten. Auch ihre weiblichen Nachkommen galten noch für eine oder zwei Generationen als Freimärker. Diese Personengruppe war durch ein doppeltes Untertanenverhältnis gekennzeichnet, das doppelte Verpflichtungen einschloss, und zwar sowohl gegenüber dem limburgischen als auch gegenüber dem märkischen Landesherrn. Aus dem Jahre 1511 liegt eine Liste über eine „Schattungh der Lymborgschen“ vor. Mit dieser Schätzung wurde von den Freimärkischen der Grafschaft Limburg, unabhängig von ihrer limburgischen Steuerschuld, anlässlich der Vermählung Herzog Johanns von Kleve mit Maria von Jülich eine märkische Steuer erhoben. Dem doppelten Untertanenverhältnis und der doppelten Besteuerung konnten die Freimärkischen nur durch Auswechslung gegen gebürtige Limburger entgehen, die in der Grafschaft Mark lebten und ebenfalls in einem doppelten Untertanenverhältnis standen. Aus dem 15. und 16. Jahrhundert gibt es eine ganze Reihe derartiger Wechselbriefe. Diese haben, da die Eigenhörigkeit in Limburg damals bereits bedeutungslos war, nichts mit der in anderen Gegenden üblichen Auswechslung von Eigenhörigen zu tun.

Die meisten Höfe und Kotten der Grafschaft waren von den Grundherren, neben dem Grafen vor allem das Stift Elsey und die limburgischen Adeligen sowie auswärtige Adelsfamilien, als freie Erbzins- oder Zeitpachthöfe an persönlich freie Bauern ausgegeben. Bei den Verpflichtungen, die diese ihren Grundherren gegenüber zu erfüllen hatten, handelte es sich daher nicht um leibherrliche, auf der Person des Leistungspflichtigen ruhende Abgaben, sondern um grundherrliche Verpflichtungen, die auf den Höfen lagen, an denen die Grundherren ein Obereigentum hatten. Die Zeitpacht lief gewöhnlich über 15 Jahre oder ähnlich bemessene Zeiträume. Beim Antritt des Hofes und bei jeder Verlängerung des Pachtverhältnisses nach Ablauf der Pachtjahre hatte der Pächter ein sogenanntes Gewinngeld an den Obereigentümer zu zahlen und außerdem in jedem Jahr zu festgesetzten Terminen seine Pacht in Naturalien oder in Geld zu entrichten. Dazu kamen gegebenenfalls Dienstleistungen wie Mistfahren oder Heuwenden auf den Ländereien, die der Grundherr selbst bebaute. Dafür besaß der Pächter während der Laufzeit des Pachtvertrages das Nutzungsrecht an seinem Hof und an den zugehörigen Ackerstücken und in der Regel auch an der Allmende. Der Bauer konnte die landwirtschaftliche Nutzung seines Landes selbst bestimmen und selbständig wirtschaften. Doch war er bei der Bestellung seiner Ackerstücke, die fast immer im Gemenge lagen, durch den Flurzwang gebunden. Das bedeutete, dass alle Bauern einer Gemarkung ihre jeweiligen Ackerstücke während bestimmter Fristen mit den gleichen Früchten bestellen mussten. Durchweg entwickelten sich diese Zeitpachtverhältnisse gewohnheitsrechtlich zur Erbpacht, indem nach dem Tode des Bauern und seiner Witwe der Sohn oder der Schwiegersohn den Hof „gewann“ und das Pachtverhältnis fortsetzte.

An öffentlich-rechtlichen Abgaben kannte die Grafschaft Limburg direkte und indirekte Steuern. Die direkten Steuern wurden nicht wie heute regelmäßig erhoben, sondern von Fall zu Fall ausgeschrieben. Im späteren 17. und 18. Jahrhundert konnte sie der Graf weder selbst ausschreiben noch für sich nutzen. Er beantragte beim Landtag die Ausschreibung einer Steuer, meistens in einer bestimmten Höhe. Der Landtag musste über diesen Antrag befinden und die Steuerausschreibung genehmigen oder ablehnen. Anders als heute wurde die Steuer nicht nach einem bestimmten Prozentsatz vom Einkommen, Lohn, Umsatz oder vom Ertrag des einzelnen Steuerzahlers erhoben. Der Landtag legte aufgrund des gräflichen Antrages eine Steuersumme fest, die auf die steuerpflichtigen Kirchspiele der Grafschaft und auf deren Bewohner umgelegt wurde. Maßgeblich für die Umlegung auf den einzelnen Steuerzahler war in der Regel dessen Vermögen. So konnte etwa eine Steuer auf das Vieh erhoben werden (Viehschatz) oder auf die Feuerstätten (Schornsteine) im Hause (Rauchschatz) oder eine Grundsteuer auf den Grundbesitz. Zur Umlegung der Grundsteuer war die ganze Grafschaft, ausgenommen nur die Freiheit Limburg, nach Hermann Esser in 100 Pflüge zu je 10 Kotten eingeteilt. Die 100 Pflüge verteilten sich auf die sechs steuerpflichtigen Kirchspiele: Elsey 11, Berchum 7, Oestrich 18, Letmathe 10, Ergste 22 und Hennen 32. Das Kirchspiel Hennen trug also 32 der Steuersumme, das Kirchspiel Berchum nur 7 . Bei einer vom Landtag ausgeschriebenen Steuersumme von beispielsweise 5.000 Reichstalern hatte Elsey 550 Reichstaler aufzubringen, Berchum 350 Reichstaler, Oestrich 900 Reichstaler, Letmathe 500 Reichstaler, Ergste 1.100 Reichstaler und Hennen 1.600 Reichstaler . Von der Ebene des Kirchspiels ließ sich diese Steuer auf den einzelnen Steuerzahler umlegen, indem ein Bauer, dessen Hof groß genug war, um als ein Pflug zu gelten, 1 der Steuersumme, also in unserem Fall 50 Reichstaler, zahlte, während ein Kotier entsprechend 0,1 oder 5 Reichstaler gab. Neben den Vermögenssteuern gab es auch eine Personensteuer (Kopf- oder Leibschatz), bei der auf jeden Familienangehörigen eines steuerpflichtigen Haushaltes eine bestimmte Summe entfiel.

Die Erträge aus den direkten Steuern flössen im 18. Jahrhundert nicht dem Grafen zu. Sie bildeten eine „cassa patriae“ genannte Landeskasse, über die die Landstände verfügten. Aus dieser Kasse wurden als Äquivalent für die Reichslasten der Grafschaft die Vertretungsgelder an Preußen, ein Teil der Schlossbaukosten, die Diäten der Landtagsdeputierten, die Gehälter für den Aufseher der öffentlichen Wege, den Landarzt, den Wundarzt, den Landrezeptor, die polizeilichen Aufsichtsund Ordnungskräfte und andere Bedienstete bestritten, Zinsen bezahlt und Schulden getilgt und Gelder für Aufgaben der Wohlfahrt bereitgestellt, z. B. für den Bau und den Unterhalt von Schul- und Spritzenhäusern, für Hebammen und deren Ausbildung, für die Unterstützung Armer und Gebrechlicher und für die Beseitigung von Unwetterschäden. Darüber hinaus konnte aus diesen Mitteln dem Grafen nach dem Gutdünken des Landtages ein „don gratuit“, ein Geschenk, gemacht werden. Beim Landtag lag es, so Johann Friedrich Möller, „ob dem Regenten oder seiner Familie ein freiwilliges Geschenk vom Lande soll gemacht werden und wieviel es betragen soll“. Doch wurde dieses Geschenk in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, von seltenen und durch eine schlechte Haushaltslage bedingten Fällen abgesehen, Jahr für Jahr in wechselnder Höhe bewilligt.

Der Graf selbst erhielt die Erträge aus den indirekten Steuern, die außerhalb der Zuständigkeit des Landtages lagen. Dabei handelte es sich vor allem um eine Verbrauchssteuer auf Bier und Branntwein sowie Wegegelder und Zölle, ferner das Brückengeld für die Benutzung der 1796 erbauten Lennebrücke, Schutzgelder der nach Limburg eingewanderten Juden, Gerichtsabgaben und das von den Gewerbetreibenden an der Nahmer und anderen Gewässern an den Grafen als Flussherrn zu zahlende Flussgeld. Dazu kamen privatrechtliche Einkünfte durch die Abgaben der Pächter auf den Höfen, über die der Graf das Obereigentum hatte, Erträge seiner Kammergüter und manches mehr. Die letzte Steuererhebung der selbständigen Grafschaft Limburg fand 1807/08 statt. Es handelte sich um einen Kopf- und Viehschatz der sechs steuerpflichtigen Kirchspiele. In den darüber angelegten Listen erscheinen noch einmal sämtliche Haushaltsvorstände von Elsey, Berchum, Ergste, Hennen, Oestrich und Letmathe, wobei jetzt auch gräfliche Beamte wie der Regierungsrat Hellwig in Elsey besteuert wurden.