Der visionäre Blick nach innen

Zum Tode von Nicolaus Prinz zu Bentheim-Tecklenburg

Nachruf von Andreas Tietz

In jeder Familie gibt es den einen Bruder, die eine Tochter, Neffen, Oma oder eben Onkel, der nicht so ganz ins Bild passen will. Kein „Schwarzes Schaf“, sondern eher ein sehr weißes. Eines, dass die Werte und Traditionen seines Hauses auf ganz andere Weise lebt und pflegt, die Perspektive verändert und dafür nicht immer Zuspruch, aber immer Respekt erntet. Nicolaus Prinz zu Bentheim-Tecklenburg war ein Ästhet ohne Allüren, standesbewusst und zugleich bescheiden, unkonventionell und doch ein echter Spross der Familie. Am 26. März 2020 ist er im Alter von 95 Jahren in seinem Wohnsitz in Herzebrock-Clarholz verstorben.

Geboren wurde Nicolaus Prinz zu Bentheim-Tecklenburg am 12. März 1925 in Rheda als eines von vier Kindern von Adolf zu Bentheim-Tecklenburg und Amélie Prinzessin von Schönburg-Droyßig. Sein Bruder Moritz-Casimir wurde später Erbe und Oberhaupt des Fürstenhauses Bentheim-Tecklenburg. Nicolaus ist damit der Onkel des jetzigen Familienoberhauptes, Maximilian Fürst zu Bentheim-Tecklenburg.

Das Unkonventionelle, der Blick auf die Dinge mit dem inneren Auge, lag Nicolaus offenbar im Blut. In der Zeit, in der er aufwuchs, war das keine sehr gefragte Eigenschaft. Die Nazidiktatur verlangte Gleichschaltung, brachte Männer hervor, die Phrasen droschen und sich mit albernen Abzeichen schmückten ­– schon als Schüler kann Nicolaus dem nichts abgewinnen. Entfliehen kann er dem System nicht, aber vereinnahmen lässt er sich auch nicht: Als der musisch begabte, schon früh von der Klassischen Musik begeisterte junge Nicolaus den Kontrabass in einer Kapelle der Hitlerjugend spielte, wurde er von deren Leiter gefragt, ob er nicht der Partei beitreten wolle. Die Nazis schmückten sich gerne mit Adelssprösslingen in ihren Reihen. Doch Nicolaus wehrt dieses Ansinnen mit der ebenso spitzbübischen wie falschen und nicht ganz ungefährlichen Behauptung ab, er sei Freimaurer. Er wurde nie wieder gefragt.

Gleichwohl meldet er sich mit 17 Jahren für ihn selbstverständlich zur Wehrmacht und wird zum Panzersoldaten ausgebildet. Als Ladeschütze nimmt er 1943 an Kämpfen im Grenzgebiet von Polen, der UDSSR und der Ukraine teil sowie 1944 in Ungarn im Raum Debrecen. Vielleicht waren es diese Tage und Wochen, die seine spätere künstlerische Arbeit prägten: Hinter Stahl, ohne Sicht auf die Außenwelt, aber stets in dem Bewusstsein, was „draußen“ passiert, beobachtet er fasziniert die nachglühenden Flecken, die der Beschuss auf der Innenseite der Panzerung erzeugte. Eine Realität, die nur ein Abbild von etwas für ihn Unsichtbarem war, und dieser Surrealität spürt er Zeit seines Lebens in seinen Werken nach.

Nicolaus erlebt das Kriegsende als junger Leutnant in Süddeutschland und gerät dort in amerikanische Gefangenschaft. Im September 1945 wird er entlassen und geht zurück an den Familiensitz in Rheda. Dort hält es ihn aber nicht lang: 1946 wird er, obwohl nur ein Abgangszeugnis der 7. Klasse in der Tasche, an der Kunstakademie Düsseldorf angenommen – zeitgleich mit Joseph Beuys, der dort später auch Professor werden sollte. Für Nicolaus bleibt die Akademie ein kurzes Intermezzo. Er geht stattdessen schon ein Jahr später per Rad auf Wanderschaft, bereist ganz Deutschland und gelangt 1949 bis nach Italien, wo seine lebenslange Liebe für die Kultur und Lebensart dieses Landes entfacht wird.

Und noch eine lebenslange Liebe beginnt hier: Auf seinen Reisen, bei denen er immer wieder für Tage und Wochen Station macht, lernt Nicolaus die wichtigste Person seines Lebens kennen: Gräfin Franziska „Sissa“ von Hoyos, die er 1952, nach dem Ende eines weiteren Kunststudiums an der Werkschule Köln, schließlich heiratet. Sie teilt sein Faible für Kunst und Musik, vor allem aber seine Leidenschaft für lange, tiefgründige Gespräche, in denen immer wieder die Religion im Mittelpunkt steht: Hier der reformierte Protestant, dort die Katholikin ­– eine Verbindung, die von außen durchaus kritisch gesehen wird, aber auch ein Beispiel ist für den offenen Blick, mit dem Nicolaus auf die Welt sieht und in dem nichts in Stein gemeißelt ist außer den architektonischen Schätzen Roms, aber dazu später. Vor allem aber liebt Nicolaus den großen Humor von Sissa, ihr Talent zur Komik und Pantomime. Die beiden bleiben bis zum Tode Sissas im Jahr 2009 zusammen – 57 Jahre lang und zu ihrem großen Kummer kinderlos.

Das junge Paar lebt in den 1950-er Jahren abwechselnd im fürstlichen Schloss in Hohenlimburg oder auf dem Familienanwesen in Herzebrock, später in den 1960-er Jahren aber vor allem in einer Mietwohnung in Köln, wo Nicolaus über viele Jahre als Grafiker, Maler, Bühnenbildner und Designer arbeitete. 1970 dann packen die beiden aus einem spontanen Entschluss heraus die Koffer und fahren nach Rom, nicht für eine Stipvisite, sondern, wie sich herausstellen sollte, für über 30 Jahre. Nicolaus und Sissa suchen und finden nach acht Tagen eine kleine, einfache Wohnung, die fortan der Mittelpunkt des Lebens und Schaffens von Nicolaus ist – ein Künstlerhaushalt, bescheiden in materieller Hinsicht, aber reich an Genuss und Kreativität. Tagsüber erkundet er die Ewige Stadt zu Fuß, saugt das italienische Leben in sich auf und wird nach und nach zu einem ausgewiesenen Kenner der Architektur und Geschichte Roms, zu einem Italiener unter Italienern.

Dabei lässt er sich auch zu seinen Zeichnungen inspirieren. In diesen manifestiert sich nicht so sehr das Offensichtliche, sondern das, was Nicolaus mit geschlossenen Augen sieht: Phantastisches, Verstörendes, manchmal Düsteres verschmilzt mit der scheinbaren Realität zu rätselhaften, vielgestaltigen Bildwelten, für die der Begriff Surrealismus zu kurz greift. Es sind Visionen, die sich ihm für kurze Zeit wie ein Theatervorhang öffnen, so hat er es selbst geschildert. Nicolaus beobachtet akribisch, zeichnet detailversessen und mit großer Disziplin, teilweise auch sehr große Formate. Dabei interessieren ihn besonders die Gegensätze und Widersprüche, die Rom in seiner rund 3000-jährigen Geschichte angehäuft hat und die in Architektur und Stadtbild allgegenwärtig sind. Seelenverwandte findet er dabei in italienischen Malern und Grafikern wie Giorgio de Chiricos und Fabrizio Clericis, beide Vertreter der phantastisch-surrealistischen Malerei beziehungsweise der metaphysischen Malerei, aber auch in deutschen Vertretern der Kunstrichtung wie Fabius von Gugel und Mac Zimmermann.

Von letzterem stammt ein Zitat, mit dem Nicolaus seine Arbeit am besten beschrieben sah: „Phantastische Kunst ist anachronistisch, selten Gegenwart, nie aktuell. Sie kann visionär sein, das heißt, im Geiste geschaut, traumhaft. Wer phantastische Bilder malt, blickt nach innen, dorthin, wohin ihm sehr schwer ein anderer folgen kann. Er ist ein Einzelgänger, ein Außenseiter. Ihm kann der Versuch, seine Phantasie in gültige Form zu bannen, lebensnotwendig sein.“

Die Zeit in Italien ist nicht nur die seines intensivsten Schaffens als Künstler, sie ist auch die beste Zeit seines Lebens, oder, wie er später sagen wird: „In Italien ist es immer besser.“ Nicolaus und Sissa pflegen zahlreiche Kontakte zu anderen Künstlern, meiden aber die große Bühne. Nur einmal während dieser Zeit, 1992, stellt Nicolaus seine Bilder aus – nicht in Italien, sondern in der ostwestfälischen Heimat. Hierhin zieht sich das Paar schließlich zurück, als Sissa schwer erkrankt und pflegebedürftig wird. 2007 verlässt das Paar das geliebte Rom und lässt sich in Herzebrock nieder. Sissa stirbt zwei Jahre später in einem Pflegeheim. 2008 widmet der Kunstverein Gütersloh den Arbeiten von Nicolaus Prinz zu Bentheim-Tecklenburg eine Einzelausstellung im Schlosskeller Nordkirchen, gefolgt von Ausstellungsbeteiligungen 2009 und 2011. Ein feiner, zurückhaltender, sehr höflicher und gebildeter Mensch – so charakterisieren ihn Wegbegleiter aus Familie und Kunstszene. Nicolaus Prinz zu Bentheim-Tecklenburg, der im engsten Familienkreis den Kosenamen „Onkel Halla“ trug, stirbt am Donnerstag, dem 26. März 2020, zwei Wochen nach seinem 95. Geburtstag.