Das Haus Bentheim-Tecklenburg und seine Bedeutung für die westfälische Geschichte

Dr. Gerhard Rödding, 2001

Wenn ich als elf- oder zwölfjähriger Junge mit meinem Großvater, der in den Jahren zwischen 1940 und 47 meinen Vater vertrat, durch die heimatlichen Wälder im vorderen Sauerland ging, dann fragte ich ihn wohl einmal: „Wem gehören eigentlich all die Bäume und die steilen Berghänge, auf denen sie wachsen?“ Seine Antwort war dann: „Sie gehören zum Schloß.“

Gemeint war damit, wie ich wohl wußte, das Schloß Hohenlimburg, das auf einer vorspringenden Bergnase weithin sichtbar über dem Tal der unteren Lenne liegt, wenige Kilometer, bevor sie in die Ruhr mündet. Von unserer Wohnung war es eine gute halbe Stunde Fußweg bis dahin, den die Familie sonntags öfter zurücklegte. Wir Kinder hatten eine gewisse Scheu vor dem Bauwerk; denn jedem von uns war schon einmal gesagt worden, daß dort die abgeschlagene Hand eines Halbwüchsigen aufbewahrt werde, die dieser gegen seine Mutter erhoben habe. Später habe ich die Mumie gesehen, auch heute kann man sie noch besichtigen.

Ich fragte meinen Großvater, wer denn wohl in dem Schloß wohne. In seiner Antwort wies er auf das Haus Bentheim-Tecklenburg hin, das einst unsere kleine Grafschaft regiert und nun seinen Stammsitz in Rheda habe. Aber eine Prinzessin wohne noch im Schloß.

Heute weiß ich, daß es die Prinzessin Margarethe, geborene Reuss-Köstritz war, Gattin des bereits 1939 verstorbenen Prinzen Karl, Großonkel des heutigen Fürsten Moritz Casimir. Sie lebte dort bis zu ihrem Tode, danach wurde das Schloß Heimatmuseum der Stadt Hohenlimburg.

Eines Tages sah ich die Prinzessin. Wir bekamen in unserer Kirchengemeinde einen neuen Pfarrer. Bei seiner Einführung in der Kirche und hernach bei der Begrüßung im Gemeindehaus saß sie in der ersten Reihe. Sie sprach sogar ein paar Worte und sagte, daß sie im Auftrage ihres Neffen, des Fürsten Adolf, der Patron unserer Kirchengemeinde sei, dem neuen Pfarrer eine gute Hand und Gottes Segen wünsche. So lernte ich, daß es in Westfalen Patronatsgemeinden gibt und wir den Vorzug hatten, eine davon zu sein. Auch heute noch stellt der Patron die Berufungsurkunde bei einer Pfarrstellenbesetzung aus und kann auch Persönlichkeiten zur Wahl vorschlagen. All das ist geregelt im sogenannten ,3osfelder Abkommen“, in dem nach 1945 die Rechte und Pflichten der Patrone vertraglich neu mit der Evangelischen Kirche von Westfalen vereinbart wurden.

Die Prinzessin hat mich übrigens enttäuscht. Für mich war eine Prinzessin damals ein hübsches junges Mädchen in weißen Kleiden, das mit goldnen Kugeln spielt und beschwingt durch einen Park hüpft. Diese jedoch glich eher meiner Großmuter und war von anderen Leuten auf der Straße kaum zu unterschieden. Heute weiß ich, daß sie damals bereits im neunten Lebensjahrzehnt stand. 1952 ist sie im Alter von 88 Jahren gestorben.

Immerhin, so lernte ich Geschichte. Ich wußte also bereits als Kind, daß der Fürst von Bentheim-Tecklenburg als Graf von Limburg einst unser Landesherr gewesen war. Jedoch die Landessouveränität hatte das gräfliche Haus bereits 1808 verloren, als Napoleon die Grafschaft Limburg dem Großherzogtum Berg zuschlug. Als sich dieses 1812 zusammen mit der napoleonischen Herrschaft wieder auflöste, marschierten preußische Truppen ein, ein Makel, der dem Haus Hohenzollern bis heute anhängt. Auch der Wiener Kongreß stellte trotz erheblicher Bemühungen die Selbständigkeit des Landes nicht wieder her. Der damalige Graf Emil Friedrich und seine Gemahlin die Gräfin Luise, geborene Sayn-Wittgenstein, wurden Privatleute. 1817 wurden sie in den erblichen preußischen Fürstenstand erhoben und damit den regierenden Häusern ebenbürtig, ein Standesrecht, das 1918 erlosch. So wurde der Fürstentitel dem alten Namen hinzugefügt. Dieser heißt nun vollständig: Fürst zu Bentheim-Tecklenburg, Graf von Tecklenburg und Limburg, Herr zu Rheda, Wevelinghoven, Hoya, Alpen und Helpenstein, Erbvogt zu Köln.

Sprechen wir zunächst noch ein wenig von der Grafschaft Limburg, dem kleinen etwa zehn Kilometer langen und sechs Kilometer breiten Streifen beiderseits der unteren Lenne, wo diese die sauerländischen Berge verläßt und durch ein mäßiges Hügelland fließt.

Es begann mit einem Mord, der damals das ganze Deutsche Reich erschütterte. Kaiser Friedrich II. hatte im Jahre 1220 Deutschland verlassen, um sich in sein Königreich Sizilien zu begeben. Seinen minderjährigen Sohn Heinrich VH., den er gerade zum deutschen König hatte wählen lassen, unterstellte er der Vormundschaft des Erzbischofs und Kurfürsten von Köln, eines Grafen Engelbert von Berg, eine der angesehensten Persönlichkeiten des Reiches, dem großes Verhandlungsgeschick und Durchsetzungsvermögen nachgesagt wird. Natürlich versuchte er, den kurkölnischen Einfluß auch in Westfalen auszudehnen und zu festigen, was ihn in Konflikt mit den eignen Verwandten brachte. Die bergische Familie, zu deren rheinischer Linie er gehörte, hatte auch einen westfälischen Zweig, die Familie Isenberg-Altena, wobei ein Sproß dieser Familie, Friedrich von Isenberg, den westlichen Teil der Grafschaft Altena beherrschte. Dieser war auch Vogt des Stiftes Essen, mit dem er aber in ständigem Konflikt lebte und das unter seiner harten Hand seufzte, so daß Erzbischof Engelbert als Metropolit und Reichsverweser schlichtend eingreifen mußte. Das gefiel dem Isenberger überhaupt nicht, so daß er eine Reihe von Reichsfürsten hinter sich brachte, so die Grafen von Tecklenburg und Arnsberg, und seine Brüder, die Bischöfe von Münster und Osnabrück, auch Hermann von der Lippe, eine ansehnliche Verschwörung westfälischer Landesherren. Drei Tage verhandelte man in Soest vergeblich um einen Ausgleich. Dann reiste der Erzbischof weiter nach Schwelm, wo er eine Kirche weihen wollte. In einem Hohlweg bei Gevelsberg wurde er am 5. November von Friedrich von Isenberg überfallen und ermordet, eine ungeheuere Freveltat. Wir schreiben das Jahr 1225. Annette von Droste-Hülshoff hat diesem Ereignis 1841 eine lange Ballade gewidmet: ,,Der Anger dampft, es kocht die Ruhr…“.

Der Erzbischof ist später heilig gesprochen worden. Friedrich kam in Acht und Bann und wurde in Köln auf dem Rad hingerichtet. Seine Familie, allen voran die Bischöfe von Münster und Osnabrück verloren ihre Ämter und Lehen. Friedrich hinterließ einen dreijährigen Sohn mit Namen Dietrich, der es später verstand, einige Adlige des märkischen Raumes auf seine Seite zu bringen und sich das Wohlwollen des neuen Erzbischofs von Köln, des berühmten Konrad von Hochstaden, zu erwerben. Am Ende hat man ihn mit einen kleinen Landstück abgefunden, das dann zur Grafschaft Limburg wurde. Wir schreiben das Jahr 1243, das Jahr des Ausgleichs, in dem auch die Ursprünge des Hohenlimburger Schlosses liegen.

Der Name Isenberg ist schnell aus der Geschichte verschwunden. Er war zu sehr belastet, als daß ihn noch einer tragen wollte. Das Haus Isenberg-Altena nannte sich bald Graf von der Mark, nach der Grafschaft, die später zu den klevischen Ländern gehörte und mit dem Xantener Vertrag von 1614 an Brandenburg fiel. Dietrich nannte sich fortan Graf von Limburg.

Acht Generationen haben unter diesem Namen die kleine Grafschaft regiert, bis der letzte Graf keinen männlichen Erben mehr hatte. Seine Tochter heiratete einen Grafen aus dem Hause Neuenahr, so daß die in Limburg regierende Familie seit 1457 Neuenahr hieß. Auch hier fehlte nach fünf Generationen der männliche Erbe. Die Erbtochter Magdalena von Neuenahr heiratete den Grafen Arnold IV.von Bentheim, von dem nun bald die Rede sein muß.

Blicken wir zurück! Die Grafschaft Mark, um ein Vielfaches größer als die Grafschaft Limburg, wurde schon früh ein wenig bedeutendes Nebenland, das von Kleve und Düsseldorf aus regiert wurde und bald seine Selbständigkeit an Brandenburg verlor, dessen Herrscher diesem Besitz aber keine große Beachtung schenkten, bis man dort im 18. Jahrhundert Kohle fand. Limburg hingegen konnte 200 Jahre länger als die Mark, also bis in die napoleonische Zeit, seine Selbständigkeit erhalten.

Aber nun müssen wir unseren Blick auf zwei andere Territorien richten, auf zwei Grafschaften am Rande und im Grenzbereich der drei mächtigen Hochstifter Utrecht, Münster und Osnabrück, wo sich eine Reihe von selbständigen weltlichen Herrschaften erhalten konnte, auch wenn es sich um nur kleine Landstriche handelt. Jedoch führten selbst stete Reibereien nicht zu deren völliger Auslöschung, auch dann nicht, wenn sich in der Reformationszeit diese Länder der neuen Lehre zuwandten. Die Toleranz war im 16. und 17. Jahrhundert doch noch größer, als man heute zu glauben vermag, insbesondere in den geistliche Territorien. Sonst hätte sich die Selbständigkeit der Grafschaft Steinfurt inmitten des Münsterlandes und die Herrschaft Rheda als münstersches Lehen nicht halten lassen.

Blicken wir zunächst nach Bentheim und Steinfurt. In beiden Ländern kam es Jahre 1421 zu Vakanzen und Erbgängen. In Bentheim starb das Geschlecht der Grafen von Bentheim, einer Seitenlinie der Grafen von Holland, aus. Ferner erlosch im Mannesstamm das der Edelherren von Steinfurt. Gemäß dem geltenden Erbrecht fielen beide Territorien an eine rheinische Familie, die Herren von Götterswick, die ihren

Hauptsitz an rechten Niederrhein in der Nähe von Dinslaken hatte. Nach ihrem neuen Besitz nannten sie sich Grafen von Bentheim-Steinfurt.

Steinfurt wurde später zur Grafschaft erhoben, verlor aber im Laufe der Zeit fast seinen gesamten ländlichen Besitz an das Hochstift Münster, so daß am Ende lediglich die Stadt Burgsteinfurt übrig blieb mit dem umliegenden ländlichen Kirchspiel. Die Einzelheiten dieser politischen Verwicklungen zu betrachten, würde zu weit fuhren.

Bedeutend größer und wichtiger war die Grafschaft Bentheim, die allerdings zwischen dem Erzstift Utrecht und dem Hochstift Münster nicht unumstritten war und sich wahrscheinlich nicht zuletzt deswegen in ihrem ursprünglichen Bestand behaupten konnte. Ein Teil dieser Grafschaft war Lehen des Utrechter Erzbistums, so daß die Grafschaft nur teilweise reichsunmittelbar war. Die beiden Zentren bildeten das heutige Bad Bentheim und Schüttorf. Dadurch, daß es den Grafen im Laufe der Zeit gelang, einen Teil des ländlichen Adels in ihre Abhängigkeit zu bringen, entwickelte sich eine zunehmend bedeutendere Herrschaft in diesem Raum.

Von hier aus gilt es, noch ein weiteres Territorium zu betrachten, die Grafschaft Tecklenburg. Sie gehörte einst ganz gewiß zu den bedeutenderen Ländern des nordwestdeutschen Raumes. Immerhin waren die Grafen die wichtigsten weltlichen Konkurrenten der Hochstifter Münster und Osnabrück. Bevor die Grafschaft an das Haus Bentheim kam, genoß sie eine relative Blüte unter einem Grafengeschlecht, das in Westfalen sonst keine Rolle gespielt hat, die Grafen von Schwerin, denen die Erbschaft bereits 1368 zugefallen war. Neben seinem Tecklenburger Kemland konnte sich das Haus im heutigen münsterschen Niederstift auf einen nicht unbedeutenden Streubesitz stützen, z.B. auf Kloppenburg, Friesoyte, und Lingen. Dazu kamen Gogerichtsrechte und andere Gerechtsame in verschiedenen Territorien. Allerdings verlor die Grafschaft bereits um 1400 die Gebiete des heutigen Niederstifts an das Hochstift Münster, und wie so oft führten Familienstreitigkeiten zur Teilung des Besitzes in Tecklenburg-Rheda und Lingen.

Nun aber müssen wir von Rheda reden, das uns am nächsten liegt. Der erste Name eines Herrn von Rheda begegnet uns im Jahre 1142 mit Everwin von Rheda, der einen Sohn und Erben mit Namen Widukind hatte. Dieser ist mit Kaiser Friedrich Barbarossa 1189 zum dritten Kreuzzug nach Palästina aufgebrochen, wo er wohl auch gestorben ist. Jedenfalls verliert sich seine Spur in der Geschichte. Vor seiner Abreise hat er seinen gesamten Allodialbesitz dem Zisterzienser-Kloster Marienfeld vermacht, das er wenige Jahre vorher gegründet hatte.

Etwa um die Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert sind die Edelherrn zur Lippe auch Herren in Rheda geworden und dies sieben Generationen lang geblieben. Wie das Haus Lippe in den Besitz von Rheda kam, ist allerdings ungeklärt. Der erste, Bernhard H. zur Lippe, war ein höchst interessanter Mann. Er hatte eine Menge Erben aus seiner Ehe mit Heilwig von Ähre, aber als er die Erbfolge gesichert glaubte, trat er mit 55 Jahren als Mönch in das Kloster Marienfeld ein. Später treffen wir ihn als Bischof von Semgallen im heutigen Lettland wieder. In einem für die damalige Zeit ungewöhnlichen Alter von 89 Jahren ist er gestorben.

Im Jahre 1344 kam es zur zweiten lippischen Landesteilung, bei der Rheda an den Edelherrn Bernhard V. fiel, der aber bei seinem Tod keinen männlichen Erben hinterließ. Eine seiner beiden Töchter, Adelheid, war verheiratet mit dem Grafen Otto VI. von Tecklenburg, so daß auf diese Weise Rheda zu Tecklenburg kam. Das Haus Lippe hat im Laufe der Geschichte immer wieder versucht, diese Teilungsfolgen rückgängig zu machen, was aber nicht gelang, Rheda blieb bei Tecklenburg.

Die Herrschaft Rheda war reichsrechtlich ein Lehen des Hochstiftes Münster, was später noch eine große Rolle spielen sollte; sie war also nicht reichsunmittelbar. Landständisch wurde Rheda daher auch nicht durch seinen Landesherrn vertreten, sondern durch die Klöster Marienfeld und Herzebrock sowie durch das Praemonstratenser-Stift Clarholz, wobei Marienfeld nicht einmal im Territorium von Rheda lag.

Der letzte Graf von Tecklenburg -Rheda war Konrad IV., dem es noch einmal gelang, Lingen unter seine Botmäßigkeit zu bringen, der aber wiederum keinen männlichen Erben hatte. Seine Tochter Anna und Erbin heiratete den Grafen Everwin EU. von Bentheim, so daß Tecklenburg und Rheda an das Haus Bentheim fielen.

Diese fünf Territorien bildeten einen nicht unbedeutenden Streubesitz im nordwestlichen Deutschland. Er ist letztlich durch Heirat und Erbrecht zusammengekommen, jene friedliche mittelalterliche Weise, ein Land zu vergrößern. In der Neuzeit ging das nur noch mit kriegerischen Mitteln, insbesondere als der nationale Gedanke die Völker erfaßt hatte. Um Erbansprüche durchzusetzen, sind nur wenige Kriege geführt worden, wenn man deren Zahl mit derjenigen der Erbgänge vergleicht oder mit dem, was für Blut um des nationalen Imperialismus willen geflossen ist.

So haben wir es nach der „Sammlung“ der Bentheimschen Länder im 16. Jahrhundert mit einem Besitz zu tun, der bei geschickter und zielbewußter Politik in den Wirren der Reformation zu einem bedeutenden und zusammenhängenden Territorium hätte ausgebaut werden können, zumal sich zeigte, daß die neuen Ideen sich auch in den Hochstiften Münster und Osnabrück durchzusetzen begannen.. Hinzu kam, daß der Bischof von Münster Franz von Waldeck, der in der Reformationszeit gleichzeitig Bischof von Osnabrück und Minden war, die Dinge nicht nur treiben ließ, sondern eine ausgesprochene Sympathie für die lutherische Lehre hatte, wobei ihn allerdings mehr dynastische als religiöse Motive leiteten; denn seine Absicht war es, seine Bistümer zu säkularisieren, um der Waldecker Familie eine Machtbasis in Nordwestdeutschland zu verschaffen. So erklärt sich auch seine Duldung des Einströmens der reformatorischen Ideen in die Bentheimschen Länder, die zwar nicht zu seinen Hochstiftern, aber zu seinen Diözesen gehörten.

All das wurde jedoch durch die Katastrophe von 1535 zunichte gemacht, als die Reichexekution gegen die Wiedertäufer von Münster durchgeführt werden mußte. Wenn die Reformation solche Folgen wie in Münster hatte, auch wenn die Wittenberger dafür natürlich nicht unmittelbar verantwortlich waren, dann konnte sich ein Bischof wie Franz von Waldeck, ein eher zaghafter als entschlossener Charakter, schlecht auf ihre Seite stellen.

Im übrigen Westfalen ist die Reformation nicht von oben, also durch den Landesherrn eingeführt worden, wie etwa in Kurfürstentum Sachsen oder in der Landgrafschaft Hessen und anderswo, sondern sie ist langsam eingesickert. Das gilt sowohl für die weltlichen Territorien wie für die Hochstifter. Darum kann man in vielen Fällen auch kein Datum nennen, ab wann sich eine Kirche, ein Kloster oder eine Stadt zur Reformation bekannte. Lediglich, wenn aus den Quellen hervorgeht, daß man irgendwo die Eucharistie in beiderlei Gestalt feierte, also mit Brot und Wein, kann man daraus schließen, daß sich bereits reformatorisches Gedankengut durchgesetzt hatte. Die wichtigsten westfälischen Landesherren, die Herzöge von Kleve , die ja gleichzeitig Grafen von der Mark und von Ravensberg waren, förderten die Reformation zwar nicht, aber sie duldeten sie. Sie blieben zwar selbst der alten Kirche treu, auch sahen sie die Notwendigkeit einer umfassenden Reform der Kirche ein, aber sie suchten sie in anderer Richtung. Sie waren hochgebildete Humanisten, die sich vor allem dem Erasmus von Rotterdam verpflichtet fühlten, der ja trotz mancher Kritik an den kirchlichen Zuständen die Kontinuität in der abendländischen Kirche in jedem Fall bewahren wollte und sich darum nicht der lutherischen Reformation anschloß. Immerhin ergab sich für die Herzöge von Kleve daraus eine abwartende und tolerante Haltung, die den reformatorischen Ideen weitgehend freien Lauf ließ.

Etwas anders war die Entwicklung in den Bentheimschen Ländern. Der letzte Tecklenburger Graf Konrad, den man den „wilden Cord“ nannte, fuhrt uns aus der kleinen Grafschaft in die großen Auseinandersetzungen der Zeit. Konrad hatte nämlich seine Jugendjahre am hessischen Landgrafenhof in Kassel verbracht und in der unmittelbaren Umgebung des Landgrafen Philipp von Hessen gelebt, eines der größten Förderer der Reformation und einer ihrer Führer, mit dem ihn eine enge Freundschaft verband. Mit ihm hat Konrad auch 1521 am Reichstag zu Worms teilgenommen und vielleicht Luthers Auftritt erlebt. Landgraf Philipp hat dann bereits auf der Homburger Synode von 1526 die Reformation in Hessen durch eine neue Kirchenordnung einführen und die Klöster auflösen lassen . Seine Cousine, die Landgräfin Mechthild, eine ehemalige Augustiner-Chorfrau, wurde daraufhin mit dem Tecklenburger verlobt, der sie im Jahr darauf in Anwesenheit des Bischofs von Osnabrück als des für Tecklenburg zuständigen Ordinarius heiratete. Von da an förderte er die Reformation in seinen Ländern. So berief er im gleichen Jahr den aus Bielefeld stammenden Osnabrücker Domherrn Johannes Pollius, der sich dem Luthertum zugewandt hatte, zu seinem Hofkaplan und theologischen Berater. Spätestens seit seinem Herrschaftsantritt nach dem Tode seines Vaters im Jahre 1534 wurde in allen Tecklenburger Kirchen evangelisch gepredigt. In allen Fragen der kirchlichen Ordnung lehnte man sich an die Landgrafschaft Hessen an, vor allem auch bei dem Erlaß der Kirchenordnung von 1543, mit der die eigentliche Reformation in Tecklenburg abgeschlossen wurde.

Konrad bezog nach seiner Hochzeit das Schloß Rheda, wo er mit seiner hessischen Prinzessin die ersten Ehejahre verbrachte. Im gleichen Jahr ist auch Johannes Pollius nach Rheda gekommen und hat eine evangelische Schloßgemeinde gegründet, während in der Stadt die Reformation nicht vor 1540 nachzuweisen ist. Graf Konrad war der erste evangelische Landesherr in Westfalen.

Größere Probleme gab es bei der Einführung des Luthertums eigentlich nicht. Nur in Lengerich, wo der Graf ein Standbild der heiligen Margarethe entfernen ließ, das als wundertätig galt und Ziel vieler Wallfahrten war, kam es zu Unruhen. Wegen der bestehenden Klöster allerdings flammten immer wieder Streitigkeiten mit dem zuständigen Bischof von Osnabrück auf. In Rheda waren das das Benediktinerinnen-Kloster Herzebrock und das Praemonstratenser -Stift Clarholz. Dabei ging es allerdings kaum um religiöse Fragen, sondern um die Abgrenzung der gräflichen Landeshoheit von den kirchlichen Belangen. Es kam auch in Rheda zu heftigen Grenzstreitigkeiten mit dem Bischof von Osnabrück, die erst im sogenannten Bielefelder Rezeß von 1565 beigelegt werden konnten. Daß aber die beiden Klöster überhaupt bestehen bleiben konnten, lag sicherlich auch an ihrer Nähe zum Hochstift Münster, war aber ebenfalls ein Zeichen von großer Toleranz, die in der damaligen Zeit meistens größer war, als man später glaubte.

Zur Sonderentwicklung in Lingen will ich nicht viel sagen. Nur so viel: Mit den übrigen evangelischen Fürsten erlitt Graf Konrad eine verheerende Niederlage im Schmalkaldischen Krieg gegen Kaiser Karl V., der nach dem Erwerb des Herzogtums Geldern die Gelegenheit nutzte, die Ostgrenze der burgundischen Niederlande abzurunden. Lingen, wo trotz der Reformen Graf Konrads die Reformation nicht richtig Fuß gefaßt hatte, wurde aus seinen nachbarlichen Bindungen herausgelöst und dem neugegründeten Bistum Deventer als Enklave unterstellt. Seitdem hat Lingen eine politische und konfessionelle Sonderentwicklung genommen, insbesondere nachdem Philipp II., Karls Sohn, den alten Glauben vollständig wiederhergestellt hatte. In Tecklenburg hingegen konnte sich das Luthertum trotz der Niederlage im Schmalkaldischen Krieg ruhig weiterentwickeln.

In der kleinen Grafschaft Limburg hat die Familie von Neuenahr die lutherische Reformation im Jahre 1560 eingeführt, wenngleich geduldet wurde, daß z.B. die Familie

von Brabeck in Letmathe beim alten Glauben blieb. In Bentheim und Steinfurt ist die Reformation bereits 1545 eingeführt worden..

Allerdings bahnte sich für die gesamten Bentheimschen Länder am Ende des 16. Jahrhunderts eine tiefgreifende Änderung an; denn nun müssen wir von Graf Arnold IV. reden, der in anderer Zählung auch Arnold JJ. ist. Wir haben gehört, daß ihm durch seine neuenahrsche Heirat die Grafschaft Limburg zugefallen war wie seinem Vater bereits Tecklenburg-Rheda. Als in Steinfurt sein Onkel Arnold EI. kinderlos starb, fiel ihm auch diese Grafschaft zu, so daß er nun zum ersten Mal alle Bentheimschen Länder in seiner Hand vereinigte. Ob Graf Arnold am Ende ein weiser Landesvater war, steht dahin, aber ohne Zweifel war er einer der gebildetsten Fürsten seiner Zeit. In jungen Jahren war er am humanistischen Hof des Herzogs Wilhelm von Kleve in Düsseldorf erzogen worden und hatte in den siebziger Jahren an der berühmten evangelisch-humanistischen Hochschule in Straßburg studiert und kam daher mit calvinistischer Theologie und französischem Wesen in Berührung, so daß er 1575 zum reformierten Bekenntnis übertrat. Enge Beziehungen verbanden ihn überdies mit den Grafen von Nassau-Dillenburg und dem Hause Oranien, so daß der niederländische Freiheitskampf gegen Phillip U. sein übriges tat und das reformierte Bekenntnis wie ein Bollwerk gegen die Spanier erschien. Nach und nach führte er es daher auch in seinen Landern ein, weil „das gemeine Volk der groben lutterschen Lehr noch anhengig“. 1588 wurde Tecklenburg reformiert, 1591 Steinfurt, „obwohl deshalb von den Unverstendigen und Einfeltigen viel Klagens“ war. Im Jahre 1604 hielt der Graf für alle seine Länder eine Synode ab und führte eine reformierte Synodal- und Presbyterialverfassung ein, mit der die „zweite Reformation“ abgeschlossen wurde. Am Rande sei nur vermerkt, daß Nassau-Dillenburg, also auch Siegen, und Wittgenstein im Jahre 1578 und Lippe im Jahre 1605 den gleichen Schritt taten.

Der Graf selbst war voller Eifer für seine Sache. Persönlich leitete er Kirchensäuberungen und Bilderstürme, indem er Altäre, Heiligenbilder, Kerzenständer und liturgische Gewänder entfernen ließ, die die lutherische Reformation beibehalten hatte. Anschließend feierte dann die ganze gräfliche Familie gewissermaßen als Bekenntnisakt das Abendmahl nach reformiertem Ritus. Viel Kulturgut ist auch bei dieser Bilderstürmerei verloren gegangen. Fortan war also das Haus Bentheim reformiert. Für die Prinzen und Prinzessinnen bedeutete das allerdings eine starke Einschränkung in der Wahl ihrer Ehegatten; denn eine Mischehe zwischen Lutheranern und Reformierten war genau so unmöglich wie zwischen Reformierten und Katholiken. So finden wir in der folgenden Zeit mit wenigen Ausnahmen nur Ehepartner aus den Häusern Nassau-Dillenburg, Sayn-Wittgenstein oder Anhalt.

Graf Arnold war ein sorgsamer Mann, wenn es um die Religion ging; denn dem humanistisch gebildeten Landesherrn half es wenig, wenn seine Untertanen ungebildet blieben, vor allem, wenn man nicht genügend reformierte Theologen hatte. Er mußte dem Reformiertentum einen geistigen Rückhalt schaffen, und das tat er, indem er zunächst in Schüttorf, dann in Steinfurt eine Hohe Schule errichtete. Vorbild war ihm dabei die Hohe Schule in der Grafschaft Nassau-Dillenburg, die ihren Sitz in Herborn hatte und die man getrost als Universität bezeichnen kann. Die neue Schule hatte eine theologische, eine juristische und eine philosophische Fakultät. Später kam eine medizinische dazu. Hohe Studentenzahlen wie in Wittenberg oder Straßburg gab es zwar in Folgezeit nicht, aber die Schule, die nach dem Landesherrn Arnoldinum genannt wurde, hatte eine nicht zu unterschätzende Bedeutung für das reformierte Nordwestdeutschland und das nördliche Niedersachsen. Sie sollte ein Bollwerk sein gegen das Jesuitenkolleg in Münster, das Paulinum. Die Hohe Schule hat 200 Jahre lang Bestand gehabt und wurde erst in der napoleonischen Zeit aufgelöst. In dieser Zeit war sie die zentrale Bildungseinrichtung der gesamten Region und diente der Heranbildung des Pfarrer- und Beamtennachwuchses sowie der Sicherung des reformierten Bekenntnisses. Hier lehrten bedeutende Wissenschaftler z.B. der berühmte Jurist und Philosoph Johannes Althusius, einer der ersten, die weit vor Rousseau die Vertragstheorie in das Staatsrecht eingeführt und das Widerstandsrecht gegen eine tyrannische Obrigkeit vertreten haben. Arnold IV. holte überhaupt moderne Wissenschaftler in seine Nähe, so den Arzt Johannes Weyer, einen bekannten Gegner der Hexenprozesse. Auf seinen Einfluß geht es zurück, daß es in den Bentheimschen Ländern niemals Hexenprozesse gab. Jedenfalls die Hohe Schule zu Burgsteinfurt bildete eine Brücke in der internationalen reformierten Bildungslandschaft von Genf über Straßburg und Heidelberg sowie dem nassauischen Herborn bis in die Niederlande. Ob Graf Arnold ein weiser Mann und ein vorausschauender Politiker war, mag man bezweifeln. Das friedfertige Erbrecht hatte die Bentheimschen Länder zusammengebracht, und sie hätten in einer Hand bleiben müssen, wenn sie eine bedeutende Rolle in der Mächtekonstellation Nordwestdeutschlands hätten spielen sollen. Aber das Erbrecht war stärker, und Graf Arnold hat ihm nicht widerstanden. Nun, schließlich war er ein Kind seiner Zeit. So verfugte er in seinem Testament, daß seine fünf Territorien auf seine fünf Söhne aufzuteilen seien, was 1606 auch geschah. Zwar blieben glücklicherweise drei der neu entstandenen Linien ohne Nachkommen, so daß ihre Länder an die beiden anderen Linien zurückfielen, aber es kam jedoch zu einer Teilung: Bentheim und Steinfurt einerseits sowie Tecklenburg-Rheda und Limburg andererseits. Diese beiden Linien gibt es bis auf den heutigen Tag. Sie haben sich im Laufe der Jahrhunderte auch nur einmal wieder durch Heirat verbunden.

Dem Haus Bentheim- Tecklenburg blieben neben einigen kleineren Besitzungen und der bedeutungslos gewordenen Erbvogtei Köln im wesentlichen die Grafschaften Limburg und Tecklenburg sowie die Herrschaft Rheda, die nun zum Hauptsitz wurde. Freilich ging die Grafschaft Tecklenburg, die ja schon durch den Verlust von Lingen kleiner geworden war, dem Hause bald verloren, und dieser Vorgang ist für die Rechtsverhältnisse im alten Reich höchst interessant. Es kam nämlich zu einem viel beachteten Rechtsstreit vor dem Reichskammergericht, dem folgender Sachverhalt zugrunde lag: Eine Schwester des letzten Grafen von Tecklenburg, Konrads IV., von dem wir gesprochen haben, heiratete einen Grafen von Solms-Braunfels und verzichtete gegen eine Abfindung von 6000 Gulden auf ihren Anteil an der Grafschaft Tecklenburg. Damit aber waren deren Erben nicht einverstanden, sondern klagten im Jahre 1577 beim Reichskammergericht auf Herausgabe eines Teils von Tecklenburg. Nach 109 Jahren, im Jahre 1686 hat das Gericht den Fall entschieden und zwar so, daß es den Rechtsnachfolgern in der Familie Solms-Braunfels je drei Achtel der Grafschaft Tecklenburg und der Herrschaft Rheda zusprach.

Mit dieser Entscheidung war das Haus Bentheim-Tecklenburg höchst unzufrieden, so daß es 1701 den Streit erneut wieder aufnahm, dieses Mal vor dem Reichshofrat in Wien. Aber nun kam es zu einem raffinierten Schachzug: Das Haus Solms-Braunfels verkaufte seinen Anteil an der Grafschaft Tecklenburg und Rheda für 250000 Reichstaler an das neu entstandene Königreich Preußen. Nun also standen sich Preußen und Bentheim-Tecklenburg gegenüber, wahrlich ein ungleiches Paar. Im Jahre 1715 entschied der Reichshofrat zugunsten des Hauses Bentheim-Tecklenburg und zwar so, daß gegen die Herausgabe von 250000 Reichstalern Tecklenburg und Rheda ungeschmälert bei Bentheim-Tecklenburg bleiben sollten.

Aber dieses letztinstanzliche, rechtskräftige Urteil ließ sich gegenüber Preußen nicht durchsetzen, das längst von Tecklenburg Besitz ergriffen hatte. Preußen hatte nach dem Tode des letzten Oraniers aus dem Hause Nassau, Wilhelm HI. ja auch Lingen in Besitz nehmen können, indem es entfernte Erbansprüche durchsetzte. Der erste preußische König Friedrich I. legte besonderen Wert auf Lingen, mit dem der Glanz des oranischen Namens aus den niederländischen Freiheitskriegen auf ihn als einem der Nachkommen fiel. Auch fand er allerlei Rückhalt im Lande; den schließlich stammte die reformierte Beamtenfamilie Danckelmann aus Lingen, die in Berlin wichtige Positionen bekleidete. Man denke an den Minister Eberhard von Danckelman und seine Bedeutung für das eben erst entstehende Königreich. Nein, auf Tecklenburgischen Besitz wollte in Preußen nicht mehr verzichten, auch wenn es ein rechtskräftiges Urteil gab. Preußen war eben nicht in allen Fällen ein früher Rechtsstaat.

Nachdem der Gerichtsweg erschöpft war, kam es zu direkten Verhandlungen mit Preußen und im Jahre 1729 zum den sogenannten Tecklenburger Vergleich, eine politische Lösung, die ja allemal besser ist als ein Urteil. Graf Moritz Casimir von Bentheim -Tecklenburg verzichtete darin auf Tecklenburg und erhielt dafür von Preußen 185000 Reichstaler. Gleichzeitig blieben Rheda und Limburg in vollem Maße erhalten., wobei Preußen auf Hoheitsrechte in Limburg verzichtete. Ob es diese wirklich hatte, ist unklar. Preußen hat es jedenfalls behauptet, weil es glaubte, als Erbe der Grafschaft Mark die Oberhoheit über Limburg zu haben, das ja im 13. Jahrhundert von der Mark abgetrennt worden war, aber deswegen noch nicht reichsunmittelbar geworden, sondern ein märkisches Lehen geblieben sei. Immerhin wurde nun auch diese Frage entschieden und der Bestand der Bentheim -Tecklenburgischen Länder bis zum Ende der Landeshoheit gesichert. Vom Einreichen der ersten Klage waren 152 Jahre vergangen. Man nahm sich eben Zeit, um solche Fragen zu entscheiden.

Tecklenburg war ein herber Verlust. Manchmal meint man, Preußen habe damals schon eine Nase dafür gehabt, wo man später Kohle finden konnte. Das war in der Grafschaft Mark genau so der Fall wie in Tecklenburg. Jedenfalls war Tecklenburg weit wertvoller als Rheda und Limburg zusammen.

Für die Familie Bentheim-Tecklenburg brachte der Tecklenburger Vergleich noch einen Vorteil: Sie war zwar persönlich reichsgräflichen Standes, nicht aber waren ihre beiden Territorien reichsunmittelbar; denn Rheda galt noch immer als ein Lehen von Münster und wie wir gesehen haben, war das in Limburg umstritten. Nun sah der Vergleich vor, daß eine unmittelbare Belehnung durch den Kaiser in Wien erfolgen sollte, womit die Reichsunmittelbarkeit erreicht worden wäre. Aber zu einer solchen Belehnung ist es nicht gekommen, so daß es Preußen ziemlich leicht fiel, in den napoleonischen Wirren, seine Ansprüche wieder geltend zu machen und die kleinen Territorien an sich zu bringen. Auf dem Wiener Kongreß, der Europa neu ordnete, sind noch eine Reihe von Versuchen gemacht worden, die Bentheimschen Länder insgesamt wiederherzustellen. Doch lag dies nicht mehr im Zuge der Zeit und die Machtverhältnisse hatten sich geändert. Was der Fürstin Pauline von Lippe-Detmold gelang, mißriet sowohl den Rhedaer wie den Steinfurter Grafen. Man war preußisch geworden und blieb es. Schade, das friedliche alte Deutschland war am Ende.

Der Verlust der Landeshoheit und die Säkularisation brachten dem Hause Bentheim-Tecklenburg erheblichen wirtschaftlichen Gewinn. Nach Paragraph 35 des Reichsdeputationshauptschlusses von 1803 durften Klöster und Stifter durch den Landesherrn aufgelöst werden. Das betraf in der Herrschaft Rheda Herzebrock und Clarholz. Die Säkularisation des Praemonstratenser-Stiftes Clarholz wurde am 27. Oktober 1803 durchgeführt. Damit fielen 2771 Morgen Liegenschaften an das gräfliche Haus, außerdem 238 Höfe und Kotten, die an Eigenbehörige vergeben waren, und 148 Morgen verpachteter Landbesitz in Beckum und Ahlen. Allerdings mußten auch 34718 Reichstaler an Schulden übernommen werden. Die Säkularisation des Benediktinerinnen-Klosters Herzebrock war auch für 1803 angesetzt, konnte aber wegen des Widerstandes der tapferen Frauen erst zwei Jahre später durchgeführt werden. Das Landvermögen war nicht so üppig wie in Clarholz; es umfaßte 119 Höfe. In der Grafschaft Limburg gab es nur das bereits im 18. Jahrhundert evangelisch gewordene adlige Damenstift Elsey, einst als Praemonstratenser-Stift von jenem unglücklichen Friedrich von Isenberg gegründet, der in Köln hingerichtet wurde. Später war es ein frei weltliches Stift. Es wurde 1812 durch das napoleonische Großherzogtum Berg aufgelöst. Nach Ende der napoleonischen Wirren kam der Landbesitz zum Hause Bentheim-Tecklenburg. Er umfaßte 53 Höfe und Kotten. Durch diesen Zuwachs an Privatbesitz aus den drei säkularisierten Ordensgemeinschaften, deren Mitglieder natürlich eine Rente und Abfindung ausgesetzt werden mußte, ergab sich für das gräfliche Haus eine wirtschaftliche Grundlage, die ein standesgemäßes Leben ermöglichte. Freilich blieben den mediatisierten Landesherren durchaus eine Reihe von hoheitlichen Aufgaben, z.B. die niedere Gerichtsbarkeit, die Ortspolizei und eben die Kirchen- und Schulaufsicht, in manchen Fällen auch kommunale Aufgaben der Gutsgemeinde.

Die kirchlichen Verhältnisse haben sich seit der Zeit, die wir besprochen haben, insbesondere aber seit dem Dreißigjährigen Krieg nicht mehr wesentlich geändert. Die Gemeinden in den ehemals fünf Bentheimschen Ländern haben den reformierten Bekenntnistand behalten, der nach der heutigen Ordnung der Evangelischen Kirche von Westfalen nicht verändert werden kann. Während die Sayn-Wittgensteinsche Entwicklung und die in Siegen durch Nassau-Oranien der westfälischen Kirche am Rande reformierte Gemeinden verschaffte, brachte das Haus Bentheim diese in die Mitte des im wesentlichen lutherischen Westfalen hinein . Als Lutheraner gefallt mir das natürlich nicht, aber die Geschichte richtet sich nicht immer nach unseren Wünschen.

Die westfälische Geschichte ist kompliziert. Im wesentlichen ist sie geprägt durch die großen geistlichen Territorien Münster, Osnabrück und Paderbom, später durch Preußen. Aber die kleinen Herrschaften und Grafschaften gaben dem Land einst ein ganz unverwechselbares Bild in der Geschichte des alten Reiches. Wir haben heute noch bedeutende Zeugen davon: die Schlösser in Rheda und Hohenlimburg, sowie in Burgsteinfurt. Sie sind Zeugen aus der Tiefe der Geschichte in unserer Zeit. Aber es leben ja auch noch die Familien, deren Aufgabe es ist, dieses wichtige Erbe zu hüten. Wenn ich in den vergangnen Jahren mit dem heutigen Fürsten durch die Herzebrockschen Wälder ging, um Hasen zu schießen, dann war mir diese bunte Geschichte immer bewegend bewußt, die Geschichte friedlicher Länder, für deren Herren kaum jemand sein Leben hat lassen müssen.

Bielefeld, am 26. August 2001 GR