Schönes Altes Rheda

ERINNERUNGEN DES FÜRSTEN ADOLF ZU BENTHEIM-TECKLENBURG
SELBSTVERLAG 1975

Ein altes Schloss, wie das Rhedaer, welches in seinen Anfangen bis auf 1189 und wahrscheinlich noch weiter zurückgeht, hat schon Vieles in seinen Mauern gesehen. Geschlechter kamen und gingen, Glück und Unglück wohnten dort auf dem Hügel über der Ems in stetem Wechsel.

In einer Zeit, wo das Haus Bentheim Tecklenburg durch Feinddiktat einerseits und durch die furchtbare Not der Nachkriegszeit gezwungen wurde, dieses Schloss, in welchem das Geschlecht ununterbrochen seit 1365 gewohnt hat, zu räumen und aufzugeben, lohnt es sich, einen Rückblick zu tun in jene Zeit, da Glück und Glanz einer nie wiederkehrenden Epoche hier eine Stätte hatten. In den folgenden Zeilen soll die Rede sein von den Räumen, ihren Benennungen, welche sich mit Gliedern der Familie verbinden und dem Leben in jenen Tagen, das der Verfasser als einer der Letzten noch selber miterlebte. Gestalten treuer Leute und alter Rhedaer Typen sollen sie wieder beleben und so kommenden Geschlechtern ein Bild vermitteln, das ihnen vielleicht wie ein Traum vorkommen wird.

Seit jeher war es alter Brauch, Schlossraume nach langjährigen Bewohnern oder solchen, die häufig wiederkehrten, zu benennen.

Wahrend der ,,Alte Teil“, der Renaissancebau, wohl immer als Wohnung für den Herrn des Hauses und seine engste Familie gedient hat und daher keine Zimmernamen kennt, nahm der ,,Neue Teil“, der Barockbau von 1720, welcher nach dem großen Brande von 1718 durch den ,,Meister von Gildehaus“ (nach den letzten Forschungsergebnissen) errichtet wurde, die Gäste auf und diese gaben den Räumen zumeist ihre Namen. Es gibt dort eine Philippinenstube. Sie ist benannt nach der Gräfin Philippine zu Ysenburg Meerholz, der Gattin des Grafen Moritz-Casimir, des früh verstorbenen Bruders des Fürsten Emil Friedrich; sie war also seine Schwägerin und ist dort in hohem Alter und geistig nicht mehr ganz frisch gestorben. Sie war die Besitzerin eines alten Hundes, welcher das ganze Haus tyrannisierte und eines Tages von der Galerie in den Hof stürzte. Zur allgemeinen Enttauschung lief er alsbald die Treppen wohlbehalten wieder hinauf zu seiner Herrin. (Im Plan Nr. 46).

Gegenüber liegen die Reck’schen Stuben (Nr. 37/38). Hier lebte Caroline, eine Tochter Emil Friedrichs und seiner Gemahlin Luise Wittgenstein Hohenstein (vermahlt 1791, gestorben 1828). Caroline heiratete 1817 den Grafen Karl von der Recke Volmerstein und beschloss, ihr Leben bei ihrem Bruder Moritz-Casimir 18 , das in dieser Ehe scheinbar nicht ganz leicht gewesen sein muss, denn sie pflegte in späteren Jahren zu sagen ,,Reck ist Dreck“. ,,Tante Kuni“ Recke war eine Verwandte und Pflegerin von ihr, die sie ihrem Bruder als ,,teures Vermächtnis“ hinterließ und die es verstanden hat, ihr Dasein auf diesem günstigen Fundament so fest zu gründen, dass sie erst 1886 durch meinen Vater Gustav bei der Obernahme des Besitzes (1885) darüber aufgeklart wurde, Rheda sei ,,keine bleibende Statt“. Worauf sie nach Gütersloh zog und dort eine Schulerpension eröffnete, um später im Stift Fulda das Zeitliche zu segnen. Emilzimmer nennen sich die Räume nach dem Hof im Erdgeschoss (Nr. 17/18), well dort Emil Friedrich seinen Lebensabend verbrachte, vermutlich nach dem Tode seiner Gattin 1828; er starb dort 1837. Das Vorzimmer (Nr. 16) wird Totenzimmer genannt. Ich weiß nicht, ob hier schon Emil Friedrich aufgebahrt worden ist, jedenfalls stand dort die Leiche des Fürsten Franz 1885.

Dieser bewohnte die Franzstuben (Nr. 35/34) seit er aus Hohenlimburg zurückgekehrt war, wo er seinen regierenden Bruder Moritz-Casimir als Drost der Grafschaft vertreten hatte. Eine unglückliche Liebe zu einer schonen Limburger Bürgerstochter hatten ihn mehr und mehr zum Sonderling gemacht und er lebte in der fixen Idee, seine Stellung als Fürst (seit 1872) und Fideikommissbesitzer verpflichte ihn zu aussäerster Sparsamkeit, denn er sei nur der Verwalter und Nutznießer, nicht aber der Besitzer. Später bannte ihn die Gicht in den Rollstuhl und meist ans Zimmer. Dass dergestalt unter der Leitung von ,,Tante Kuni“ diese seine Tendenz immer zu ihrem Recht kam, darf nicht angenommen werden. Er aber trank weiter den sauren Wein, den er nicht aus dem Keller, sondern aus der ,,Eintracht“ holen ließ. ,,Die Frau kann aus dem Haus mehr in der Schurze tragen

,,Als je einfahren kann der Mann im Erntewagen“

In diesem Sinne wurde eine mehr als fürstliche Wohltätigkeit geübt und mein Vater hatte unter dem Rufe eines Geizkragens lange zu leiden, als die Kanäle verstopft wurden. Unterdessen waren die Motten in die alten Renaissancegobelins im Saal gekommen und der alte Herr befahl in seiner ohnmächtigen Wut, sie zu verbrennen; was leider dieses Mai pünktlichst befolgt wurde. Bis heute schauen die vier weißen Rechtecke wie tote Augen auf die schone Ornamentik des Weißen Saales.

Der langjährige Pfarrer Schengberg, welcher etwa Mitte der neunziger Jahre nach Herford ging, ein sehr duldsamer Herr, muss wohl einmal den höchsten Unwillen erregt haben, denn nach einem Besuch des gicht-brüchigen Herrn, welcher nicht ungefährlich war, weil in seiner Stube eine Riesendogge jeden Besucher anfletschte, schoss dieser aus dem Fenster hinter dem Pfarrer her, so dass der nur dadurch gerettet wurde, dass ihn der schützende Torbogen gerade aufgenommen hatte.

Dass die Kapellenstuben (Nr. 62/63) im Alten Teil ihre Bezeichnung von der nahen Nachbarschaft der Kapelle herleiten, ist klar. Sie waren wohl seit jeher Fremdenstuben. Für den Verfasser gewannen sie erhöhte Bedeutung, als Herr Kandidat Werner aus Dessau hier 1898 seinen Einzug hielt und sie bis 1904 seinen Nachfolgern Hachtmann, Möller und Erfling als Wohnung dienten und gleichzeitig als Unterrichtsraum benutzt wurden, in dem auch Wilhelm Schulte Mönting bis 1903 an den Brüsten der Weisheit mitsaugen durfte. Die Gütersloher Gymnasialzeit schloss diese Periode ab. Das Stöhnen selbstquälerischer Schulpein klingt in ihnen aber auch heute noch nach. Daneben freilich auch vergnügte Stunden, in denen Weihnachtsarbeiten gefertigt wurden oder die Grundversuche der Chemie von Herrn Erfling vorgeführt worden sind. Große Tage waren unter Hachtmanns Leitung, als hinter einem Vorhang, welcher eine Ecke abdeckte und der richtig zum Ziehen war, Stücke wie Rotkäppchen usw. über die Bretter gingen. Weitere Akteurs waren der Familie Schulte Mönting entnommen.

Machen wir nun einen Rundgang durch die Wohnräume der Familie.

Die Zimmer der Hausfrau dürften wegen ihrer praktischen Lage immer die gleichen gewesen sein (Nr. 27/ 31). Jedenfalls wurden sie bereits von Tante Agnes Wittgenstein Hohenstein seit ihrer Heirat mit Moritz-Casimir 1828, also im Todesjahr ihrer Schwiegermutter Luise bewohnt, bis zu ihrem Tode 1866. Ihr Gatte wohnte in den Zimmern des Hausherrn (Nr. 26/27), nachdem sie sein Vater mit den Emilzimmern vertauscht hatte. So ist es geblieben bis zum Verlassen des Schlosses. Die Einteilung in Vorzimmer, Schreibzimmer, Salon war gegeben. Im Erker des Salons, der durch eine leichte Wand abgetrennt war, starben Moritz-Casimir und seine Gattin 1804 zwei Tage nacheinander. Für Schlafhygiene hatte die Zeit noch keinen Sinn.

Meine Eltern benutzten das Giebelzimmer oben (Nr. 53) als Schlafzimmer, wo ich auch 1889 geboren wurde. Die Betten standen an der langen Wand des danebenliegenden Treppenzimmers und ich erinnere mich noch wohl, dass ich dort bei meiner Mutter im Bett als kleiner Knirps manche behagliche Morgenstunde verbrachte. Mein Vater hatte die Treppe in den Räumen 29 und 54 gebaut, als er die Räume vor seiner Heirat 1888 durch eine Stuttgarter Firma im Geschmack der damaligen Zeit sehr reich nur herrichten ließ. Sie wurden von allen Besuchern als besonders gemütlich gepriesen.

Das Schlafzimmer oben wurde dann 1923 zum Kinderzimmer (Nr. 53) und meiner Mutter Ankleideraum daneben (Nr. 52) wurde von Schwester Flora Werner bezogen.

Die Stube Nr. 56 war 1888 als Jungfernzimmer gedacht, 1889 jedoch nahm sie bereits mich auf mit meiner lieben alten Kinderfrau Lina Asthoff.

Zur Zeit von Tante Agnes war die obere Treppenstube (Nr. 54) Jungfernzimmer gewesen. Bis zum Jahre 1925 bewohnte ich mein altes Kinderzimmer als Schlafzimmer und benutzte es seit der Heirat lediglich als Garderobe. Dann hielten die Kinder ihren Einzug und bis zuletzt diente des Gustava als Wohnzimmer. Viele Erinnerungen sind mit diesem Räume verknüpft. Ich sehe noch sehr deutlich mein Bettchen in der Mitte stehen und den alten Dr. Buchheister herantreten, welcher gewöhnlich ratlos war, insbesondere gegenüber meinem Ausschlag, der mich zeitweilig ganz in Verbände hüllte. Ich höre noch das Schleichen des Ofenheizers Fisse, wenn er im Morgendunkel mit einer Laterne herumging und die Öfen entfachte. „Lina, Fisse hat Holz gebracht“, gellte es dann durch die Stille, denn ich hatte ausgeschlafen, während Lina noch in allen Tönen schnarchte. Alsbald wurde sie aber doch genötigt, das Konzert abzubrechen und ihre spärliche Wäsche in einer Zimmerecke zu beginnen. Ich bewunderte dann jedesmal ihr schönes volles Haar, das sie in dicke Zöpfe flocht und am Hinterkopf befestigte; nicht minder den Flanelllappen, der täglich auf die Brust gelegt wurde, ehe sie ihr Kleid schloss. Zuweilen musste ich in den Nächten speien. Dann kochte Lina mir Fliedertee oder Fencheltee und gab mir einen Zwieback. Den Geruch werde ich nie vergessen. Zur Winterszeit wurden mit den Kameraden aus der Stadt auch Lotto- und ähnliche Spiele an dem ovalen Tisch mit der dunkelroten schwarzbedruckten Decke gespielt oder die Fürstenauer Großmama las mir Grimms Märchen vor, während Lina dabei strickte. 1898 absolvierte ich hier eine „herrliche Krankheit“, die Masern und Herr Werner spendete aus dem großen Schatz seiner prächtigen Bleisoldaten, die später auch in meinen Besitz übergingen, einige Schachteln, mit denen historische Schlachten aufgebaut wurden. Auch der erste Elementarunterricht durch Herrn Keiser fand in diesem Zimmer statt, aber erst später, denn 1896 wurde er im Frühstückszimmer meiner Eltern (Nr. 28) erteilt. Hier war es auch, wo mir im Eifer der Stabübungen, die Herr Keiser eingeführt hatte, etwas sehr plötzlich und reichlich aus dem langen Hosenbein hervorrieselte, so dass er die Übungen eilends abbrach „Nur schnell hinauf, nur schnell zur Lina!“ 1898 heiratete Lina des Rhedaer Zigarrenfabrikanten Heinr. Lewecke und damit trat der erste große Schmerz in mein Leben. Trotz ihrer Ehe fand sie sich doch bereit, an Sonntagen bei mir Kaffe zu trinken und mit mir spazieren zu gehen; wenn meine Mutter abwesend und ich in dem oberen Stock allein war, dann kam Lina sogar auch nachts wieder zu mir. Zu diesem Zweck hatte mein Vater in den kleinen Raum neben meinem Zimmer (Nr. 57) eine Tür brechen lassen und sie schlief nun neben mir, während die Vorräte, die dort gestanden, anderwärts untergebracht wurden. 1911 habe ich dann daraus ein Badezimmer gemacht

Die anschließenden Stuben (Nr. 58/59) waren für mich damals auch ein sehr beliebtes Reich. Hier hatte Onkel Karl in seiner Junggesellenzeit beim Bruder sein Quartier aufgeschlagen (1885 – 91) und es roch noch nach ihm. 1908 hatte mir mein Vater die eine Stube als Wohnzimmer zugewiesen, ich benutzte sie als solches bis 1914. 1922 wurde sie unser Schlafzimmer und alle unsere Kinder erblickten hier das Licht der Welt. Die Nebenstube diente als Ankleidezimmer.

Das folgende Zimmer (Nr. 60) war Garderobe für alle alten Uniformen und Theaterkostüme, die sich zahlreich erhalten hatten, bis die Nöte des ersten Krieges Lücken in die Bestände fraßen und die Plünderungen des Jahres 1945 ihnen weiter Abbruch taten. Damals war es für mich aber eine beliebte Sehenswürdigkeit und mein Vater liebte es, mich in die alten Uniformen zu stecken, die z. T. noch den Schnitt der Befreiungskriege zeigten. Kürassierstiefel gab es da und die gewickelte Husarenmützen friderizianischer Zeit (es gibt ein Bild von Moritz-Casimir 11. mit dieser Mütze auf), ein Kürass, eine Menge Säbel, ein ganz altmodischer Husarenattila und nicht zuletzt die Uniformen meines Vaters. 1922 hielt die Jungfer Rosa Müller hier ihren Einzug, bis ich mein altes Kinderzimmer verließ und hier meine Anziehstube aufschlug, in der ich bis zuletzt verblieb. Von den hier anschließenden Kapellenstuben war schon die Rede.

Machen wir noch einen kurzen Rundgang durch den unteren Stock, den wir oben schon teilweise erwähnt haben.

Unter der Kapellenstube lag (Nr. 23) die frühere Leibjägerstube. Um die Mitte der neunziger Jahre spielte sich hier eine Tragödie ab. Der damalige Leibjäger Otto erschoss sich, weil er einem Hausmädchen Magdalena ein Kind erzeugt hatte. Die Auffassung der damaligen Zeit war noch nicht so lax und ihm schien nur dieser Ausweg übrig zu bleiben. Ich erinnere mich noch gut des betrübten Vaters, der die Leiche des Sohnes abholte, auch an das tränenüberströmte Gesicht der hübschen Magdalena, die mir zum Abschied einen Kuss gab. Lina begleitete die unverhoffte Szene mit den Worten „l gitt, nun küsst sie auch noch das unschuldige Kind!“ In meinem Alter hatte der Kuss dieser Magdalena aber weiter noch keine Folgen. Von 1925 an diente diese Stube als Jungfernstube bis zuletzt.

Das Schreibzimmer meines Vaters, welches auch Onkel Casimir schon als solches benutzt hatte (Nr. 25), war ein Heiligtum und stets verschlossen. Wenn ich hier morgens eintrat, pflegte mein Vater die rechte Schublade seines Schreibtisches (derselbe der seit Onkel Casimirs Zeiten bis zuletzt zwischen den Fenstern gestanden hat) aufzuziehen und ein bestrickender Duft verbreitete sich. Hier lagen immer Zuckerstückchen, von denen ich mir eins nehmen durfte. Dann hing dort neben dem eingelassenen Bücherschrank Säbel und Revolver nebst einer blauweißroten Schärpe; erstere Gegenstände waren von meinem Vater bei Weissenburg und Wörth geführt worden. Die Scheide zeigte eine Beule und ich bildete mir ein, sie rühre von einer Kugel her. Die Schärpe mochte ein Beutestück sein.

Am Ofen stand ein Liegesofa, welches mein Vater in seiner Krankheit 1908 – 09 viel benutzte, um ungestört zu sein.

Sein Stube (Nr. 26) wurde durch eine Wand in der Längsrichtung durchteilt, so dass zwei Räume entstanden, wie in den Stuben darüber. Der Erker hatte zu Onkel Casimirs Zeiten als Vogelvoliere gedient, welche nach außen noch weiter vorgebaut gewesen war. Unzählige Gehörne „zierten“ alle Wände, wo heute der Kamin liegt, stand das Tafelklavier und in der Mitte befand sich ein großes Etablissement mit einem großen Stuhl, in welchem der Hausherr den größten Teil der Nächte zubrachte und bei einer spärlichen Petroleumlampe las, nicht selten so lange, dass diese verlosch. In diesem Stuhl ist er am 9. Mai 1909 auch mittags gestorben. An der Tür zu seinem Ankleide- und späteren Schlafraum stand ein hoher Aktenschrank und an derselben Wand der Mahagonischrank mit alten Orden, Uhren, Dosen und sonstigen Raritäten, die bei der Plünderung teilweise auch abhanden gekommen sind. Festtage waren es, wenn diese Dinge einmal ausgepackt und gezeigt wurden. Insbesondere mein Vetter Konrad Erbach war wie elektrisiert von den Orden, unter denen sich auch ein Schwarzer Adler in gestickter Ausführung vorfand. Er kannte sie alle und verlieh“ sie dann den staunenden Zuschauern. Im Erker pflegte mein Vater in späteren Jahren zu frühstücken, da er sehr spät aufstand.

1913 habe ich mich dann auf Zureden meiner Mutter entschlossen, diese Räume für mich herzurichten, obgleich viele Erinnerungen für mich damit verschwinden mussten. Hier hatte ich die ersten selbständigen Briefe an einem kleinen Spieltisch in der Fensternische verfasst und hier war der Exerzierplatz für meine Kanone gewesen, eine hölzerne Nachbildung einer Mitrailleuse als Zigarrenkasten ausgebildet und einem eingeschnitzten „Sedan“ im Deckel.

Die Trennwand fiel und dadurch entstand der schöne große Raum. Die alten Balken wurden hergerichtet und aus der Decke herausgeholt, eine Treppe zu meinem Schlafzimmer (Nr. 56) durch den Tischler Heinr. Neuhaus in Rheda sehr glücklich in die Ecke gebaut und die Fenster mit Butzen verglast. Vor dem Kriege baute ich den Kamin hinein, dessen Teile sich in dem Dachraum über der Kapelle befanden und in der alten Garderobe (Nr. 60). Das Feuerloch brachte ich mir aus London mit und in späterer Zeit tauschte ich mit dem Museumsdirektor Baum-Dortmund die alten Kacheln gegen einen Gobelinrest ein. Die Einrichtung besorgte während meiner Abwesenheit im Kriege 1914 — 18 meine Mutter mit ihrem zweiten Gemahl, meinem Vetter Hermann Schönburg. Sie gelang so gut, dass sie bis zuletzt fast unverändert geblieben ist. Der Messingkronleuchter stammte von Helbing-Nürnberg und der große Eichentisch mit den dicken Beinen war ein Geschenk des Archivars Dr. Müller, ein altes Bremer Stück. Dieses schenkte mir meine Mutter, während die übrigen Möbel größtenteils solche aus dieser Stube meines Vaters waren. Nach dem Abendessen haben wir eigentlich regelmäßig hier gesessen bis zur Ankunft der zahlreichen Flüchtlinge des Jahres 1945.

Meine Mutter liebte es sehr, ihre Stuben womöglich zweimal im Jahr völlig umzuräumen. Es ist daher nicht möglich, die vielen sehr verschiedenen Bilder, welche sich dadurch ergaben, festzulegen, wenn sich auch mehrere meinem Gedächtnis für immer eingeprägt haben.

Der schöne Kamin im Schreibzimmer (Nr. 30) war damals gänzlich verunziert durch eine Blechverkleidung mit aufgelegten Bronzeornamenten. In seiner ursprünglichen und auch noch heutigen Gestalt zeigt er sich erst wieder seit neuerer Zeit.

Im Vorzimmer (Nr. 31) haben wir in den schlechten Jahren bis zu meiner Heirat immer gegessen, zumal meine Mutter in der Kriegszeit fast stets allein war. 1945 wurde dieser Brauch infolge Kohlenmangel trotz der zahlreichen Flüchtlinge wieder aufgenommen.

Trotzdem die Räume im Erdgeschoss unpraktisch liegen, waren sie wohl seit jeher die Wirtschaftsräume des Schlosses, jedenfalls nach dem Brande von 1718. Personal war eine Menge vorhanden und so war die Einteilung in einer Weise auch praktisch.

Ich erinnere mich noch, dass die Dienerstube in der späteren Weißzeugstube (Nr. 7) untergebracht war und ein Klingelzug mit Fußpedal im Vorzimmer darüber alarmierte den damaligen Diener Klose, dessen lautes Gähnen man oben deutlich vernehmen konnte. Das Weißzeug hielt Ende der neunziger Jahre hier seinen Einzug und die Diener in der Dienerstube (Nr. 6). Mein Vater verlangte, dass einer der zahlreichen Männer nächtlich im Hause schlafe. Ursprünglich war das Aufgabe des Leibjägers. Nach der geschilderten Tragödie wurde dieser aber in das Stallgebäude ausquartiert und einer der verheirateten Männer logierte, sittlich gefestigt gegen Sirenengesänge, in der Dienerstube, später in der bisherigen Jägerstube. Die Stuben neben der Dienerstube dienten immer als Wohnung der Beschließerin (Nr. 3/4) und wurden als solche erst von Rosa Müller aufgegeben, die stark an Rheumatismus litt, als sie in späteren Jahren den Beschließerinposten übernahm. Das Zimmer nach dem Hof wurde Esszimmer des Personals, während das kleine Zimmer nach dem Wall Fremdenzimmer für Dienerschaft blieb. Die Kaffeeküche daneben (Nr. 2) war der hierfür gegebene Raum und das Arbeitszimmer der Mädchen schloss sich praktisch daran. In meiner Jugend gab es auf dem Unterhof im Oekonomiegebäude (jetzt Landarbeiterwohnung) unten noch ein Plättzimmer und einen Raum, in dem eine riesenhafte hölzerne Wäschemangel stand. Diese Räume wurden später aufgegeben und in das genannte Arbeitszimmer verlegt. Das alles war das Reich der alten Beschließerin Huneke und dann durch 30 Jahre das der Fräulein Greiner, deren Katze immer auf der Fensterbank saß und noch heute in meiner Erinnerung als Schlossinventar weiterlebt.

1885 hatte mein Vater gleich das Archiv in das Erdgeschoss des Kapellenturmes verlegt und diesen Raum dafür herrichten lassen, daher denn auch das Gitter über dem Fenster der Türe stammt. Gleichzeitig hatte er in den oberen Stockwerken des anderen Turmes alle Bücher konzentriert und die Räume von unendlichen Mengen Taubenmistes und Dohlenschmutzes, den Lieblingen von Onkel Casimir, säubern und für den neuen Zweck herrichten lassen. Er selbst ordnete die überall verstreuten Bücher und stellte sie in Schränken auf. Aus der Kapelle entfernte er in diesen Jahren eine unschöne Kanzel und einen hölzernen Lettner.

Ich erinnere mich noch der alten Gestalt des Luisengärtchens, so benannt nach der Gemahlin Emil Friedrichs Luise Wittgenstein Hohenstein. Vom Häuschen zur Hausecke des Neuen Teiles waren heckenartig verschnittene Obstbäume gepflanzt, während in der Mitte ein kleiner Rasenplatz mit Efeu und einem Beet angelegt war. Auf dem Abhang des Walles gegenüber dem Waschhaus stand eine Laube aus Wein und nicht weit von ihr ein Apfelbaum, dessen Zweige ohne Stamm aus der Wurzel entsprangen und daher zum Klettern herrlich geeignet waren. Die Geißblattlaube grade gegenüber dem Häuschen des Luisengärtchens ist auch der jüngsten Generation noch bekannt. Nach Eingehen der Obstbäume versetzte meine Mutter etwa 1915 das Denkmal von Onkel Casimir und Tante Agnes ins Luisengärtchen; es hatte bisher an den Platanen an der Kegelbahn im Garten gestanden (Kinderspielplatz).

Wir gehen nun hinüber in den Neuen Teil und besuchen zunächst die Fremdenzimmer des ersten Stockes, um auch meine Erinnerungen, welche sich an sie knüpfen, festzuhalten.

Die Eckstube (Nr. 51) ist für mich unlösbar mit Weihnachten verknüpft. Sie war gewiss am längsten unsere Weihnachtsstube von etwa 1898 an. Das große Schlafzimmer (Nr. 50) und der Blaue Salon (Nr. 49) waren die Fremdenzimmer der Sommergäste und wurden oft und regelmäßig von Onkel Arthur Erbach und seiner Gattin Marie sowie von der Familie Onkel Eduard Salm Horstmar wochenlang bewohnt. Aus meiner frühesten Kindheit erinnere ich mich auch, dass hier Onkel Georg Schönburg an einer schweren Influenza niederbrach, so dass man lange für sein Leben fürchten musste. Bei meiner Heirat 1922 bezog meine Mutter diese drei Stuben und wohnte dort bis 1926, als sie mit ihren Möbeln nach Hohenlimburg ins Nassauer Schlösschen umzog, im allgemeinen jedoch ihren Wohnsitz nun ganz zu ihrem Mann nach Hermsdorf verlegte. Im Balkonzimmer (Nr. 48) wurde auch einmal Weihnachten gefeiert, als Onkel Karl aus Hohenlimburg und die Fürstenauer Großmama da waren; die Eckstube wäre zu klein geworden. Im Zimmer daneben (Nr. 47), das ich wegen Erneuerungsarbeiten in meinen Räumen im Sommer 1922 bewohnte, brachte ich spannende Tage und Nächte nach meinem Motorradunfall zu; es fragte sich, ob es gelingen würde, den Hochzeitstermin trotz meiner Verletzungen innehalten zu können. Die Philippinenstube (Nr. 46) gehört wieder zu meinem Jugendland. Hier wohnte regelmäßig Tante Emma, die Schwester meiner Mutter, bis zu ihrer Verheiratung 1898. Sie war künstlerisch reich begabt, war eine gute Pianistin und malte künstlerisch. In ihrer Stube war es mir gestattet, alle ihre Gerätschaften anzufassen und sie war jederzeit bereit, mir bei meinen Malversuchen und sonstigen Handfertigkeiten zur Hand zu gehen. Was konnte es schöneres für einen 7—9-jährigen Jungen geben. Ich weiß nicht genau, ob es in diese Periode fällt, oder in späteren Jahren passiert ist, jedenfalls wurden alle romantischen Geister in Aufregung versetzt durch die Tatsache, dass es in „der Philippine“ spuke. Meine Tante hatte allein in dem langen Flügel geschlafen — offenbar war meine Großmama damals nicht mit zu Besuch gekommen, wie sonst immer — und wachte durch heftige Schläge gegen die Tür zum Gang auf. Als alles ruhig blieb, schlief sie wieder ein, um abermals durch Bersten und Bullern unsanft geweckt zu werden. Das war ihr denn doch sehr unheimlich und die altgewohnte Stube wurde ihr nächtlicherweise zum Tummelplatz der 1806 verstorbenen Tante Philippine, die ja auch nicht mal ganz dreizehnlötig gewesen sein sollte. Im Nachthemd eilte sie den langen Gang im Dunkeln herunter zu meiner Mutter. Diese machte sich mit der Schwester und einem Licht auf und beide untersuchten die Stube gründlich, aber resultatlos. Meine Mutter fand sich bereit, mit ins Bett zu kriechen und kaum waren die beiden Schwestern eingeschlummert, begann der Spektakel aufs Neue. Im Kleiderschrank spukte es, kein Zweifel! Die Sache konnte nicht anders aufgeklärt werden. Erst im Jahre 1922 wurde der Grund darin festgestellt, dass die Fundamente des Hauses, welche auf Pfahlrosten seit urdenklichen Zeiten ruhten, langsam nachgaben und sich lange Risse von oben nach unten in den Innenmauern gebildet hatten. Wie schon einmal vierzig Jahre vorher sah ich mich daraufhin genötigt, große Betonklötze zur Befestigung der Fundamente unter diesen Gebäudeteil zu versenken. Seither hat der „Spuk“, welcher eigentlich in jedes ordentliche Schloss gehört, aufgehört. Die letzte Stube in der langen Reihe nach Süden gelegener Räume ist die „Große Jungfernstube (Nr. 45), welche mit der kompakten Figur von Fräulein Ochs für mich verbunden ist, der Jungfer meiner „Guteborner oder Rudolstädter Großmama“, welche genauso streng war, wie ihre unter ihr logierende Gebieterin. Später wurden die „Erbacher Buben“ hier eingesperrt, denen der Ruf größter Unsauberkeit und Zerstörungswut vorausging, weshalb sie besserer Räume nicht gewürdigt wurden. Dass dieser Ruf nicht völlig unbegründet war, scheint mir dadurch erwiesen zu sein, dass sie gelegentlich der gemeinsamen Reise zur Beisetzung meiner Rudolstädter Großmama 1902 den Fürstlich Schwarzburgischen Salonwagen, in dem die Schwarzburger Herrschaften reisten, vollgespieen hatten und die Möbel mit schmutzigen Schuhen versauten, was höheren Orts sehr übel vermerkt worden war.

Zweifellos die schönsten und nachhaltigsten Erinnerungen verknüpfen sich mit den Reck’schen Stuben und dem dazu gehörigen Jungfernzimmer (Nr. 37—39). Sie waren das ständige Quartier der Fürstenauer Großmama und ihrer beiden treuen Jungfern Zenzl (von Lina „Sense“ genannt) und später Gretchen. Solche Gestalten, wie diese Großmutter gehören mit ihrer gewohnten Umgebung und allen Einzelheiten für die ganze Lebenszeit zu dem Unvergesslichen und immer Lebendigen. Jeder Mensch kann nur immer wieder dankbar sein, wenn es ihm vergönnt war, neben seinen Eltern solchen Menschen zu begegnen und sie aus dem Leben wegzudenken, wäre ein unersetzlicher Verlust. Es wird später noch eingehend von dieser lieben Großmama die Rede sein.

Die Franzstuben (Nr. 35/34) wurden in der Regel bewohnt von Hermann Schönburg, wenn er von seinen verschiedenen diplomatischen Posten nach Deutschland kam und fast stets über Rheda zu kurzem Aufenthalt reiste. Später waren sie das ständige Quartier für Onkel Karl, als der die Vormundschaft führte und dann mein Bevollmächtigter während meiner Dienstzeit war. Auch in neuer Zeit wohnte das Ehepaar immer dort und in der Kalten Stube (Nr. 33), wenn es zu Jagden oder zu Weihnachten erschien, um sich an den Kindern zu erfreuen. Die Franzstube war auch das Ziel des Einbrechers, welcher den „steinreichen Prinzen“ zu schröpfen gedachte, jedoch nur zwanzig Mark in seinem Schreibtische fand. Es war der Schlosssoldat Manhenke, der zu diesem beschwerlichen und gefährlichen Behufe den Weg über das Fenster auf der Wallseite am Bibliotheksturm gewählt hatte und von dem Hellseher Petzold aus Bielefeld entlarvt wurde. Bei meiner Mutter hatte er reichere Beute gemacht, indem ihm ein goldenes Kreuz in die Hände gefallen war. Da alsbald der erste Krieg ausbrach und der ungetreue Wächter eingezogen wurde und fiel, ließ man die Sache auf sich beruhen.

In der Kalten Stube (Nr. 33) müssen die ersten Weihnachtsfeste gefeiert worden sein, denn ich erinnere mich noch an Geschenke, wie einen kleinen Milchwagen, einen Hühnerhof und dergleichen, die auf ein recht jugendliches Alter des Beschenkten hindeuten. Vom Vorzimmer meiner Mutter (Nr. 31) kann man die Fenster der Kalten Stube sehen und der in höchster Spannung der Bescherung harrende wurde dort damit beschäftigt, aufzupassen, ob er nicht das Christkind aus der Kalten Stube fliegen sehen werde; dann würde die Klingel zur Bescherung ertönen.

Dass alle diese Räume in der Kriegszeit 1939 bis 1945 durch Einquartierung „ihr Gesicht verloren“ und zu Kasernenstuben im übelsten Sinne herabgewürdigt wurden, sei nur nebenbei bemerkt, denn es soll hier ja nur vom „schönen alten Rheda“ die Rede sein. Der nachmalige Generaloberst und Flakkommandeur Deßloch hauste hier mit seinem Korpsstabe zu Kriegsbeginn. Später quartierte sich eine Flakabteilung unter Major Siegfried dort ein, dieselbe, welche infolge einer Beobachtungsstelle auf dem Kapellenturm die hässlichen Dachfenster in den Turm baute und schließlich gab eine Abteilung vom Stabe des Generalkommandos unter Major Lumbeck den Stuben den Rest.

Das Große Treppenhaus, auch „der Große Entree“ genannt, hatte ehedem ein anderes Aussehen. Im ersten Stock befand sich eine Art Saal, der an seinen Schmalseiten je eine Tür hatte. Diese führte zu zwei sehr engen, dunklen und vor allem lebensgefährlich steilen Treppen, welche kurvenreich abwärts führten. Ich kann mich nur noch sehr dunkel daran erinnern.

Hiermit wären wir bei der Schilderung der Umbauten meines Vaters angelangt. Es muss jedoch zum Saal über dem großen Treppenhaus (Nr. 36) noch erwähnt werden, dass hier die Bilder meiner Eltern entstanden sind. Der Maler Söhn aus München hatte sein Atelier in diesem Raum mit Nordlicht 1892 aufgeschlagen, um das Bild meines Vaters zu malen, während der Düsseldorfer Künstler Daelen ein Bild meiner Mutter anfertigte, auf dem sie wie eine Chokoladenreklame aussah; es hing dann in meines Vaters Zimmer, musste jedoch auf ihren Wunsch nach seinem Tode zusammengerollt werden. Ein sehr schönes Bild ließ mein Vetter Hermann Schönburg von ihr 1912 durch den polnischen Maler von Szankowsky malen, welcher im Weißen Saal arbeitete. Ich hatte dieses Gemälde geerbt. Leider ist es durch den Russeneinbruch in Hermsdorf verloren gegangen.

Aus der Zeit von Daelen und Söhn erinnere ich mich noch sehr dunkel — ich war erst drei Jahre alt —, dass ich Herrn Daelen zum Spielen aufforderte „Herr Daelen Adöllchen fangen!“, worauf dieser wie ein riesiger Bär hinter mir herstürzte den ganzen langen Gang entlang, von mir „Kollidor“ genannt.

Als meine Rudolstädter Oma einmal köpflings die alten barocken Treppen hinabgestürzt war, hatte für diese die Stunde geschlagen und mein Vater ließ das Treppenhaus in seiner jetzigen Gestalt umbauen. Dem Schreiner Büscher-Wiedenbrück war das alte Treppenhaus (Nr. 8/32) zum Muster angegeben worden; leider wurde das neue durch die Maschine verunstaltet, denn die neunziger Jahre verpönten jede Handarbeit.

Das war die erste bauliche Veränderung, an welche ich mich erinnere. Etwa um die gleiche Zeit muss die Treppe entstanden sein, welche zur Kapelle hinaufführt. Der Architekt war Nordhoff-Münster. Bis dahin musste die Gemeinde immer die Treppe im Alten Teil (Nr. 61) hinaufgehen und der Leibjäger verteidigte dann den Eingang zum Zimmer meines Vaters. Das wurde damit abgestellt und die traditionelle Silvestergemeinde flutete nun unbehelligt über die neue Treppe. In der Kapelle selbst wurde die besonders hässliche Kanzel entfernt und der Lettner weggenommen. Sie klebte wie ein Schwalbennest vor dem Altar an einem der Pfeiler und hat sich noch lange auf dem Speicher erhalten, erinnern kann ich mich nicht mehr daran.

1901 entstand als nächstes die Veranda, zu welcher Dr. Müller, der Archivar, die Zeichnungen geliefert hatte.

Bis dahin wurde die lange Südfront auf dem Wall nur durch zwei Kirschbäume unterbrochen, welche hart an der Wand des Gelben Salons (Nr. 13) standen und recht wenig Schatten boten. Darunter standen höchst unbequeme Gartenmöbel. Hier wurden Bowlen getrunken, wenn Herren zu Besuch waren, insbesondere Einquartierung, denn es war damals noch die schöne Zeit, wo der „Krieg“ spätestens 11.30 Uhr zu Ende war. Im Sommer bekam ich auch hier mein Abendessen serviert. Einmal war dabei Luise Salm zugegen und ich hatte ein winziges rotes Fastnachthütchen auf dem Kopf, welches ich so zu balancieren verstand, dass es nicht herunterfiel. Luise bewunderte das und versprach mir eine Mark (einen für mich unerhörten Betrag), wenn ich es nicht in die Suppe fallen lassen würde. Da lag es auch schon drin!

Aus dem Konzertzimmer heraus bis zur gegenüberliegenden Hecke, die damals noch aus wildem Wein bestand — erst meine Mutter ließ 1914 die Heimbuchenhecke pflanzen —, war der Wall mit Quadersteinen gepflastert, welche ich lange für eine Brücke hielt. An der Hecke wurde das Pflaster durch zwei dicke Baumstämme flankiert, auf denen grüne Kissen lagen. Sie waren aus Ton.

Vor dem Landschafts-Wohnzimmer (Nr. 21) stand ein ungewöhnlich geschmackloses quadratisches Zelt, welches aus einem Eisengerippe bestand und mit Leinwand verkleidet war. Ebensolche Möbel bevölkerten es. Ich habe nie jemand darin sitzen sehen und mir machte es nur im Regen Spaß, darin zu verweilen, weil es momentan durchregnete. Trotzdem wurde es jährlich neu aufgebaut. Ulrich Schönburg, der damals auf der Reitschule Hannover war, hatte es beschafft und mein Vater war zu sparsam, um es nicht in Benutzung zu nehmen, obgleich seine Zwecklosigkeit erwiesen war.

Unter den Linden am Bibliotheksturm stand immer an der Südseite ein Etablissement. Zwischen den Linden hing eine Hängematte, in der meine Mutter zuweilen lag und auch ich ab und an verstaut wurde, bis ich einmal herausstürzte und mit dem Kopf auf eine dicke Wurzel aufschlug, so dass mich meine Mutter wie tot wegtragen musste. Hier stand auch mein Kinderwagen 1889. Um die Ecke herum nach der Ostseite des Turmes war ein Kegel-Baumelschub errichtet worden, welcher nach dem Essen fleißig benutzt wurde, zumal wenn meine Fürstenauer Oma zu Besuch war, die dieses Spiel für alle Beteiligten durch ihre sehr lebhafte süddeutsche Art ungemein würzte. An kühleren Tagen liebte es mein Vater auch, Federball zu spielen, wobei meine Großmutter auch die Hauptattraktion war. Das war also das Gesicht des Walles vor dem Verandabau.

1900-01 ließ mein Vater mit dem entstehenden Wasserwerk auch das Schloss mit Wasser und Gas versorgen. Ich erinnere mich, dass es eine endlose Arbeit war, die vorzugsweise von Italienern ausgeführt wurde, mit denen mein Vater gern einige Brocken sprach, was mir sehr imponierte. Die Gaskandelaber im Hof, sowie die Gasbeleuchtung auf Treppen und Fluren und in den Küchen kam einem damals feenhaft vor und einer der Diener stellte bewundernd fest, dass man im Hof jetzt sogar lesen könne. Bescheidene Zeiten.

Damals entstand auch das erste Badezimmer im Neuen Teil (Nr. 19) und es gehörte ein gewisser Heroismus dazu, zur Winterszeit dort zu baden, denn die Gänge waren eisig kalt. Außer mir hat es auch wohl niemand versucht. Aber es war eine „Errungenschaft der Neuzeit“, wenn man bedenkt, dass bis dato die einzige Bademöglichkeit im Schloss lediglich in der Kammer neben dem Waschhaus bestand, wo ein Ofen geheizt wurde und eine verwahrloste Badewanne stand. Ich weiß mich aber auch noch zu erinnern, dass ich von Lina in das Badehaus geführt wurde. Dieses stand an der Stelle, wo im Park die Ems nach Westen abbiegt und heute die moderne Villa errichtet ist. Das Haus wurde erst 1936 oder 37 als baufällig abgebrochen, nachdem es längst seinen Zwecken nicht mehr diente. Über die Ems führte vom Garten her eine Brücke und man musste läuten, um das Brückentor geöffnet zu bekommen. Dann erschien eine ungeheure alte Frau mit einem gestrickten Kopftuch und einem großen Haffzahn im Munde, die Bademeisterin Frau Ellbracht. Sie war die Witwe des alten Ofenheizers, den ich auch noch gekannt habe und der sich mit einem großen weißen Bart geschmückt hatte. Mir war sie sehr zugetan, doch war sie mir trotz ihres Wohlwollens immer etwas unheimlich, denn sie erschien mir als die verkörperte Frau Holle. Im Sommer schwamm unmittelbar vor den Mühlenrädern — es gab damals fünf und das Einradsystem führte mein Vater erst 1907 ein — ein Häuschen mit Leinwandwänden, welche drei Badezellen umschlossen, in denen Treppen in große Gitterkästen hinabführten, durch die die Wellen der Mühlräder mit großer Gewalt brausten. Mein Vater liebte es sehr, hier zu baden und es war auch weit mehr der Treffpunkt der eleganten Welt, wie das Badehaus der Frau Ellbracht. Später wurde es, da unrentabel, nicht mehr errichtet. Diese Erinnerungen mögen dartun, dass das neue Bad im eigenen Haus nichts Geringes war zu meiner Zeit.

Elektrisches Licht und Zentralheizung — damals nur für den Neuen Teil — habe erst ich in den Jahren 1912 und 1913 eingerichtet. Das Bad für das Personal neben der Anrichte (Nr. 8) und darüber (Nr. 32) entstand erst viel später, nämlich 1937; dazu musste die Kalte Stube verkleinert werden. Einen Telefonanschluß gab es gar erst seit 1919 und zwar zunächst nur für die Domänenkammer, wozu allerlei Kämpfe mit dem Kammerdirektor Krietemeyer nötig waren.

Außer diesen modernen und unerlässlichen Verbesserungen habe ich wenig bauliche Spuren im Haus hinterlassen können, wenn man davon absieht, dass ich den oberen Hof umgestaltet habe, der früher mit dichtem Fliedergebüsch vollgepfropft war. Eine Pumpe mit hölzerner Verkleidung stand in der Mitte des Hofes und Onkel Casimir soll es geliebt haben, hier nach dem Essen zu sitzen.

Mir war es beschieden, fast nur anormale Zeiten zu erleben und die wenigen guten Jahre von 1909 bis 1914 war ich in Potsdam. Nach 1919 kam durch den Verlust von Stablewitz und die Inflation ein Vermögensverfall, welcher lediglich zuließ, entstandene Löcher zu stopfen. Als es allmählich wieder aufwärts ging, war das Schloss so verwohnt, dass wir viel Geld in die Räume hineinstecken mussten, um diese wieder herzurichten, was auch sehr gut und bis auf wenige Reste gelungen war. Amsel hätte sich damit für Jahrzehnte ein Denkmal setzen können, denn sie war die stete Triebfeder und Anregerin aller Verschönerungen. Da aber kam der Krieg 1939 und machte die Arbeit von 17 Jahren zunichte.

Die meisten Erneuerungen und Verbesserungen, welche mein Vater gemacht hat, liegen jedoch längst vor meiner Zeit.

Als er im Jahre 1885 als Erbe seines Onkels Franz nach Rheda kam fand er ein Schloss vor, das wohl noch die Spuren ordentlicher und pfleglicher Wirtschaft aus der Zeit von Tante Agnes und Onkel Casimir aufwies, sonst aber sehr einer neuen und energischen Hand bedurfte.

Zunächst wurde die Verwaltung reorganisiert sowie die kleine Landwirtschaft abgeschafft, welche, zum Spott der ganzen Stadt, eine Quelle unrechtmäßiger Bereicherung für andere war.

Sodann wurde aufgeräumt. Die ziemlich beträchtlichen und wertvollen Archivalien waren auf den Böden zerstreut, wo sie ihre Unterkunft mit unzähligen Tauben und noch mehr Dohlen teilten. Im Erdgeschoss des Kapellenturmes wurde nun alles gelagert. 1902 etwa erschien Dr. Gustav Müller aus Bremen, ein Studienfreund von Onkel Arthur Erbach, um sich der Urkunden anzunehmen. Er wohnte unter teils sehr hübschen Möbeln in genialer Unordnung im Stallgebäude in den Räumen, die sich an die der Domänenkammer anschlössen. Die Arbeit war beträchtlich, wurde aber auch von Dr. Müller gestreckt, der sich in Rheda in seinem Element fühlte. Bis etwa 1913 hat er den Zettelkatalog des Archivs gefertigt und die Urkunden gebündelt. Es war offenkundig, dass er niemals fertig werden würde, weshalb auf ihn nunmehr ein sanfter Druck ausgeübt werden musste. Diesen nahm er so übel, dass er abging, ohne sein Werk zu Ende geführt zu haben. Die vorhandene Büchersammlung wurde zusammengestellt und in die dazu hergerichteten Räume im zweiten Turm, der seither Bibliotheksturm heißt, gestellt. Die Ordnung führte mein Vater selbst durch und muss dazu Monate gebraucht haben, denn sie erwies sich als so gut, dass sie durch den Verfertiger des Zettelkataloges, Pastor Prof. Möller-Gütersloh im Jahre 1920 ganz übernommen werden konnte.

Die Räume im Neuen Teil, in welchen zuletzt das Billardzimmer (Nr. 9) das Konzertzimmer (Nr. 11), der Gelbe Salon (Nr. 13) und das Vorzimmer (Nr. 12) um das Esszimmer herum waren, wurden auch neue hergerichtet. Im Billardzimmer war Steinfußboden und die Weißzeugkammer war hier untergebracht. Es musste ein neuer Fußboden gelegt werden; die Täfelung aus Lärchenholz entstammt einer späteren Zeit, etwa den neunziger Jahren.

Das Konzertzimmer erhielt einen Parkettboden und die Täfelung. Hier wurde ein tiefer Brunnen gefunden und zugedeckt; er muss wohl in dem 1718 abgebrannten Schlossflügel eine Rolle gespielt haben. Die gleichen Verbesserungen erfuhren Gelber Salon und Vorzimmer. Im Esszimmer blieb das alte Parkett erhalten, jedoch wurde der Raum im Geschmack der Zeit sehr reich mit Täfelung, geschnitzten Büffets und einem großen Kachelofen ausgestattet. Diese Tischlerarbeiten — ebenso wie die Ausstattung des Schreibzimmers meiner Mutter (Nr. 30) fertigte der sehr geschickte Tischler Zeitler-Gütersloh.

Auf unserem weiteren Rundgang verlassen wir nun das eigentliche Schloss und wenden uns den umgebenden Gebäuden zu.

Da ist noch die Küche zu erwähnen, auch ein mir sehr liebes Reich, zumal in der Winterszeit. Hier herrschte patriarchalisch der alte Keiser, der Vater unseres letzten Küchenchefs. Er war von Onkel Casimir bereits in den sechziger Jahren engagiert worden und stammte aus Anhalt. Seine Kochkunst Übertragern manchen Dingen noch die des Sohnes, welcher in der bekannt guten herrschaftlichen russischen Küche gelernt hatte. Vater und Sohn waren 80 Jahre bei uns, der jüngere Keiser folgte im Jahre 1909 und verließ uns erst beim Umzug nach Bosfeld. Wenn der Alte am Herd stand, war es, als zelebriere er das Hochamt. Seine Ministrantin war etwa mit ihm gleichzeitig eingetreten. Marie Güthenke, genannt „Küchenmarie“ war auch für ihre Zeit ein Unikum und wäre heute nicht mehr denkbar . Täglich stand sie um 6 Uhr in der Küche und besorgte alles allein, ob für 10 oder 20 Personen zu kochen war. Außerdem hielt sie nicht nur die Geschirre — damals noch schöne kupferne, welche einer Kupfersammlung des ersten Krieges geopfert werden mussten, ebenso wie die Prospektpfeifen der Kapellenorgel — blitzblank, sondern reinigte auch Küche und Keller selber. Wenn es gar zu arg wurde, nahm sie sich Frau Witte, ihre Schwester, zur Hilfe. Ihren sonntäglichen Kirchgang in Kapotte und Kragenmantel aus den siebziger Jahren ließ sie sich durch keine noch so große Arbeit nehmen. Dann wurde eben um fünf Uhr angefangen und um Mitternacht aufgehört. Bei ihrer Pensionierung fand man in ihrer Stube ein völlig zerlesenes Gebetbuch und eine Bibel, die noch Tante Agnes in die Stube gelegt hatte. Sie wohnte dann mit einer anderen Schwester, Frau Zehlen, seit 1919 auf dem Unterhof im Wirtschaftsgebäude, dort, wo ehedem die Bügel- und Mangelstube gewesen war, bis zu ihrem Tode. Nicht nur bei mir, sondern auch bei den Erwachsenen war es sehr beliebt (bei Letzteres wegen des urkomischen Anblickes), wenn ich an möglichst dunklen Abenden mit einem Kapuzenmäntelchen angetan und eine Laterne in der Hand herumspazierte. Dann war das Ziel dieses Nachtwächters stets die Küche, wo es immer etwas Gutes zu essen gab, was eigentlich verboten war. Aber Ermahnungen von Küchenmarie, etwa „Herr Papa und Frau Mama will das aber charnich ehern haben“ hielten sie nicht davon ab, mir etwas zuzustecken. Besonders imponierte mir stets das Hochwerfen von Pfannkuchen und Bratkartoffeln in der Pfanne, das Keiser mit Meisterhand auszuführen verstand.

Im Obergeschoss der Küche im heutigen Mädchenzimmer (Nr. 43) war damals das Esszimmer des Personals, streng geschieden in Kammertisch und Leutetisch, wobei an Ersterem der alte Keiser mit großer Würde präsidierte. In der Stube nach dem Hof, welche zuletzt die Beschließerin Rosa Müller innehatte (Nr. 42), saß der alte Keiser, der selbstverständlich erst dann in der Küche erschien, wenn alles von Küchenmarie bis auf den letzten Handgriff vorbereitet war und es sich nur noch um die letzte Feinheit der wahren Kunst handelte. Im winzigen Kämmerchen neben ihm (Nr. 41) hat die alte Marie vierzig Jahre gehaust, d. h. eigentlich nur ihr Gebetbuch gelesen und geschlafen; der Raum war von wahrhaft spartanischer Einfachheit. Heute kann man sich solche pflichttreue, fleißige, bescheidene Menschen von so hoher Leistung einfach nicht mehr denken. Sie kannten nur Pflichten und keine Rechte, die man ihnen niemals vorenthalten hätte. Heute ist es genau umgekehrt. Bei denen, welche die Ehre gehabt haben (man kann es nur so nennen) sie gekannt zu haben, haben sie sich ein Denkmal gesetzt, das unvergänglich ist. Wir werden noch Mehrere zu rühmen haben.

Im Gebäude am Toreingang nördlich war die Schlosswache untergebracht, daher das Haus „die Wache“ genannt wird, obgleich sein überwiegender Teil Wohnung des Haushofmeisters war. Die erste Stube links von der Eingangstür war das Wachlokal, damals noch nicht mittels einer Mauer in zwei Räume geteilt und im altpreußischen Stil hergerichtet. Zwischen den Fenstern stand eine Pritsche für drei Mann aus enormen Eichenbohlen gezimmert, ein Tisch und zwei geflochtene Bauernstühle nebst einem langen Uniformschrank vervollständigten die Einrichtung. Die Wände zierte kein Bild, sondern nur die Namenstafel der Schlosssoldaten mit dem verzeichneten Wachturnus.

Diese Einrichtung geht auf die Zeit der Burgmannen zurück und hat sich durch die Jahrhunderte bis 1925 erhalten. Waffen aus friderizianischer Zeit, Tschakos aus den Befreiungskriegen, Trommel und Sponton waren bis zum Einbruch der Amerikaner noch vorhanden.

TcTiKenne die Schlosssoldaten nur in blauer Uniform mit dunkelgrünem Kragen im preußischen Schnitt und einer kleinen Schirmmütze nach Art der „Krätzchen“. Im Winter trugen sie einen schwarzen Mantel und riesige Filzschuhe. Goldene Knöpfe mit dem Rhedaer Löwen und ein kurzer Säbel, ebenfalls im Stil der 1760er Jahre vervollständigten den Mann. Das rotweiß gestrichene Schilderhaus war drehbar und eine Freude für das Kinderherz.

Die Männer rekrutierten sich aus dem Rhedaer Handwerkerstand, taten einen um den anderen Tag Dienst und besorgten ihr Handwerk an den freien Tagen, so dass sie mit dem damals sehr niedrigen Tagelohn und freier Kleidung recht gut auskamen. Als uns die Inflation den Begriff des „Existenzminimums“ beschert hatte und man hinter „Doppelverdienern und Schwarzarbeitern“ herschrie, schlug die Todesstunde dieser segensreichen Einrichtung. Der Letzte war ein nicht ganz normaler und daher verkrachter Zahntechniker.

Neben dem Wachdienst, der sich alle zwei Stunden ablöste, hatte der jeweils freie Soldat Botengänge zur Post mit einer großen umgehängten Tasche und Besorgungen für die Domänenkammer zu erledigen. Nach dem Schritt des Boten, welcher die Post vors Fenster auf dem Treppenabsatz an meines Vaters Stube zu legen hatte, konnte man die Uhr stellen. Nachts musste alle zwei Stunden das Schloss umschritten werden, wobei eine Kontrolluhr am Bibliotheksturm zu bedienen und an bestimmten Stellen zu pfeifen war. Dies geschah mit einem offenbar uralten Instrument, das einen klagenden Ton hatte, den ich nie mehr vergessen habe.

Das Wachlokal war aber durchaus auch der Treffpunkt aller. Hier saßen sie auf der Pritsche, besonders Ofenheizer und Kutscher, rauchend und klönend. Hier schlief auf der harten Pritsche in der Mittagszeit der Schlosstischler Stork, welcher seines Amtes in der Tischlerwerkstatt im Waschhaus waltete bis er etwa 1917 so versoffen war, dass er den täglichen Weg zur Wöste, wo er in besseren Zeiten sich ein kleines Anwesen erspart hatte, nicht mehr leisten konnte. Hier fanden aber auch die Geburtstagsbiere statt. Mein Vater stiftete den Angestellten zu den drei Geburtstagen der Familie jedesmals ein Fässchen Bier. Noch heute höre ich den Gesang herauf schallen, dessen Chorführer Husemann, der Renteibote, Fischer und Wiesenwärter war. Als Kriegsteilnehmer von 1870 und Inhaber des Eisernen Kreuzes legte mein Vater Wert darauf, dass seine Schlosssoldaten ebenfalls nach Möglichkeit damit dekoriert waren. Unter ihnen gab es unvergessliche Spitzwegtypen.

Da war der alte Freiherr von Recklinghausen, einer gänzlich verarmten Adelsfamilie entstammend und seines Zeichens ein Schuster, der unter seinem grauen Vollbart an Festtagen die Düppelmedaille und das Eiserne Kreuz trug. Meist war er schlechter Laune und daher von den Kindern sehr gefürchtet. Er war ohne seine halblange Pfeife, die er auch auf Posten sitzend zu rauchen pflegte, nicht denkbar. Um den gefürchteten und geehrten Vaterlandsverteidiger zu gewinnen, schenkte ich ihm zuweilen ein Paket Tabak. Ein anderer Kamerad war der „junge Recklinghausen“ , jung wohl nur deshalb, weil sein wallender Vollbart nicht ergraut war. Zwei weitere Zeitgenossen waren Elges und Möhrs, die mir nicht so auf die Finger passten und deshalb beliebter waren. In späterer Zeit, etwa Anfang des Jahrhunderts, war eine besonders martialische Erscheinung der „alte Stork“, Besitzer eines kleinen Kottens im Gaukenbrink, alter Gardist und ebenfalls Kriegsteilnehmer aller Kriege mit entsprechenden Auszeichnungen. Er war ein großes Original und ein Geschichtenerzähler ersten Ranges, allerdings nur auf Plattdeutsch. Dass seine Döhnkes immer für die reifere Jugend gewesen wären, kann man nicht behaupten. Wenn er die Wache hatte, war immer „was los“; leider habe ich seine Erzählungen vergessen. Seinen alten Mantel dritterGarnitur nannte er nicht anders als den „ollen Pißmäntel“, weil er ihn nur auf dem Gang zum Austreten benutzte, denn er hielt was auf sich. Und als einst mein Spielgenosse Wilhelm Schulte Mönting sich um das Fegen der Straße, was den Soldaten mit oblag, bemühte, sagte er nur verächtlich „Hei steit do chrade, äs wann hei in de Fühlen kacken wull“. Die Urwüchsigkeit seiner Äußerungen mag hiermit dargetan sein. Man darf aber nun nicht annehmen, dass die Schlosssoldaten trotz ihrer mannigfachen Verwendung nicht auch stramme Soldaten gewesen seien. Wenn meine Eltern oder Gäste die Wache passierten, standen sie wie die Bolzen stramm neben dem Schilderhaus. Konrad Erbach machte sich als Siebzehn- bis Achtzehnjähriger immer das Vergnügen, möglichst oft die Wache zu passieren, um ihre Ehrenbezeugungen entgegenzunehmen, die er mit tief abgezogenem Hut zu erwidern pflegte wie der Präsident der Französischen Republik bei der Parade.

Zu meiner Zeit gab es gleichzeitig nie mehr wie drei, höchstens vier Schlosssoldaten. Onkel Casimir hatte noch zehn, einen Unteroffizier und einen Trommler. Alte Leute konnten sich in meiner Jugend noch gut erinnern, dass diese Schlossgardekompanie unters Gewehr trat, auf dem rechten Flügel der Unteroffizier mit dem Sponton und neben ihm der Trommler. Die Herrschaften fuhren dann unter tambour battant in der großen alten Kalesche mit Hängefedern und Wappen am Türschlag vierspännig mit Lakai hinten aufgetreten etwa zur Kirche.

Ein Ereignis mag hier Platz finden, welches in die Geburtsstunde der „Motorwagen“ zurückreicht. Ein Arzt, Dr. Ricke, war mit dem Bürgermeister Schulte Mönting befreundet und kam zuweilen nach Rheda. Es muss etwa 1895 gewesen sein, als dies wieder einmal geschah, diesmal aber in der sensationellsten Weise, nämlich wie Ellas mit dem feurigen Wagen. Es war das erste Auto, was ich zu sehen bekam. Ganz Rheda sprach davon. Was lag näher, als dass der Doktor diesen Wagen auch meinem Vater einmal vorführte. Dieser hatte für alle Neuerungen ein heimliches Interesse, was er jedoch unter größtem Skeptizismus zu verbergen trachte. So gab er bei der Vorführung dem Doktor auf, der solle mit dem feuerspeihenden Ungeheuer doch einmal den „Treibweg“ durch das Bosquet befahren. Man muss wissen, dass dieser Weg ein tiefer Sandweg damals war, der selbst den modernen Autos nicht besonders zugesagt haben würde, weshalb ich ihn dann ja auch befestigen ließ. Um die Ehre des Motorwagens zu retten, blieb dem guten Doktor nichts übrig, als den Versuch zu wagen. Sein Gefährt war ein Phaeton, von dem die Pferde abgespannt waren, vorn niedrige, hinten hohe Räder, ein steiles Steuer in der Mitte des Wagens, wie auf einer Elektrischen, hinten ein Kasten, in welchem es entsetzlich bullerte, stank und — wie es mir wenigstens schien — Feuer spie. Eine Unzahl von Hebeln war zu bedienen und die Kraftübertragung geschah durch einen Treibriemen, wie bei einer Nähmaschine. Der Start fand an der Wache statt und den Weg abwärts zum Bouquet ging auch alles recht gut. Die Schlosswache war vollzählig angetreten, um dem Gefährt weiterzuhelfen, wenn es — wie man hoffte — stecken bleiben würde. Dies geschah zwar nicht, aber die Vollgummireifen lösten sich in dem Sand alsbald von den Rädern, Peumatiks gab es damals noch nicht. Nun war es an den Schlosssoldaten und dem alten Haushofmeister Dahm, diese wieder aufzulegen und kaum war es gelungen, flog der Treibriemen ab und am Denkmal musste Dr. Ricke das Rennen tatsächlich aufgeben.

Da vom Motor in seinen Kinderjahren die Rede ist, mag auch mein zweites Zusammentreffen mit ihm hier Platz finden. Es muss schon nach der Verheiratung Linas gewesen sein, etwa um 1900, als ich einmal allein zum Doktorsplatz, heute Hindenburgplatz, kam, ein Ereignis, was zur Zeit Linas undenkbar gewesen wäre. Dort stand ein nun schon wesentlich modernerer Motorwagen, welcher einem Dogeart der Bauart „Tonneau“ nicht unähnlich sah. Ein Haufen Kinder umringte ihn und alsbald erschien eine bis zur Unkenntlichkeit vermummte Gestalt mit langem Mantel, Autobrille und „Respirator“, einer Art Gasmaske, welche das Atmen bei dem wahnsinnigen Luftdruck erleichtern sollte, der entstand, wenn ein Fahrzeug mit einer Geschwindigkeit von 30 km in der Stunde daherbrauste. Es war Herr Dittmann aus Langenberg, meines Wissens der erste Tollkühne, welcher im weiten Umkreis so ein Mordinstrument besaß. Und dieser lud mich zu einer kurzen Mitfahrt ein! Ich bedauere noch heute, dass ich dazu nicht den Mut aufbrachte, weniger aus Angst vor der Fahrt, als davor, was meine Eltern zu dem Wagnis sagen würden. 1901 kam dann die Fernfahrt Paris — Berlin durch Rheda. Das war schon etwas, an dem die heutige Entwicklung des Autos erkennbar wurde; die Wagen sahen nicht mehr wie Kutschwagen aus und die Geschwindigkeiten näherten sich der 80-km-Grenze, immerhin bei den Bremsen und Reifen ein Wagnis. Ich sehe den Sieger Fournier noch an der katholischen Kirche um die Ecke sausen, Ehrenpforten waren errichtet und unzählige Kinder winkten den Fahrern die Richtung zu.

Zu gleicher Zeit, vielleicht noch 1899 fuhr ich mit meinen Eltern selbst zum ersten Mal in einem Motorwagen in Leipzig und ich erinnere mich noch lebhaft des Gruseins, als hinter uns eine Elektrische auftauchte, die weit schneller war, wie unsere Kutsche, so dass ich meinte, wir würden überrannt. Diese Erinnerungen muten heute an, wie die Schrecken der ersten Eisenbahn Nürnberg — Fürth.

Kehren wir nun zu den Schlossgebäuden auf dem Unterhof zurück.

Gegenüber dem Wachgebäude steht das alte Schlosstheater, welches seinen Zwecken noch zu Zeiten meines Urgroßvaters Emil Friedrich gedient hat — wann es gegründet wurde, weiß ich nicht, es befindet sich aber ein Eckstein mit der Jahreszahl 1790 an seiner Südwestecke —; Kostüme waren früher zahlreich vorhanden und mussten der Stoffnot in den Kriegen geopfert werden und Dekorationen gibt es noch heute. Auch Theaterzettel erzählen von den Aufführungen einheimischer Künstler oder durchreisender Truppen. Der Haken für den Vorhang befand sich bis vor kurzem noch an der Wand neben dem Haupteingang, so dass man annehmen darf, dass die Hälfte des Hauses Zuschauerraum, die andere Hälfte Bühne war. Ich kenne das Gebäude nicht anders als Reitbahn und meine Erinnerungen daran sind langweiliger Art, denn mein Vater liebte das Schulreiten nicht, unterrichtete mich auch nicht darin, ritt aber an Regentagen hier sein Träbchen und etwas Galopp . Zuweilen musste auch meine Mutter mittun, dann bewegten wir die Pferde eine halbe Stunde auf diese Weise und es war eine Erlösung, wenn mein Vater an dem Klingelzug riss, der einen Kutscher herbeizitierte. Damals hingen viele Hirschgeweihe an den Wänden, deren Stangen mit Schienen verbunden waren, auf denen Kerzenhalter angebracht waren. Die Geweihe interessierten mich weit mehr, als die Reiterei und stammten wahrscheinlich aus Theaterzeiten her.

Das Stallgebäude war weit mehr nach meinem Geschmack.

Der Stall war vorzüglich aufgezogen. Alle Boxen waren besetzt mit meist schönen Pferden, teils aber auch alten Tieren, denn mein Vater konnte sich nicht von ihnen trennen, gehörte überhaupt, wie die meisten Herren dieser Zeit zu denen, die nur zufrieden waren, wenn die Pferde im Stall standen. Es kostete oft Kämpfe, wenn ein Wagen etwa nach Lippstadt oder Gütersloh gebraucht wurde. Nur zum Spazierenfahren und zu Jagdfahrten wurden Gespanne bereitwillig spendiert und eine wesentliche Aufgabe meiner Großmütter bestand während ihrer Besuche darin, die Wagen zu Spazierfahrten zu bevölkern. Drei Kutscher und ein Stallknecht sorgten für Tiere, Geschirre und Wagen. Dass sie sich überarbeitet hätten, konnte nicht erwartet werden, dafür war aber alles wie geleckt, besonders an Sonntagen, wenn die Stallgasse mit weißem Sand bestreut war und der diensthabende Kutscher im „besten Zeug“ jeden Strohhalm aufsammelte.

Ich erinnere mich auch noch, in einem schneereichen Winter meinen Vater gesehen zu haben, wie er den alten Barockschlitten benutzte. Mit zwei Pferden bespannt und einen Kutscher auf der Pritsche hinter ihm sah das Gefährt recht stattlich aus.

Wenn Lina an Regentagen gar nichts mit mir anzufangen wusste, dann gingen wir in die „Heuecke“, dort, wo das Heu vom Boden herabgeworfen wurde. Hier spielte ich gern, baute Nester und Höhlen und sah hernach wie ein Schornsteinfeger aus.

Die alten Kutschen aus dem 18. Jahrhundert, welche in der Remise am Ende des Gebäudes standen, waren auch ein sehr beliebtes Objekt zum spielen, was aber eigentlich verboten war. Vor dem sechssitzigen Schlitten mit dem gemalten Löwenkopf an seiner Front hatte ich eigentlich etwas Angst, denn das Gesicht des Löwen hatte etwas Drohendes; andererseits ähnelte es aber auch wieder dem Gärtner Poppe.

Das Spritzenhaus im Holzstall war immer verschlossen und man konnte die Feuerspritze aus dem 18. Jahrhundert nur durch die Lattentür staunend betrachten. Wenn es aber in der Stadt brannte, dann wurde die alte „Kora“ davorgespannt und alle dienstfreien Kutscher und Schlosssoldaten eilten im Zuckeltrab den Steinweg hinab zur Branntstelle. Auch mein Vater versäumte es nie, stets in einen alten ärmellosen Havelock gehüllt und einen schwarzen steifen Hut auf, seiner Spritze zu folgen und übernahm selbst mitten in der Nacht das Löschkommando, so z. B. beim Brande von Schmits Scheune hinterm Krökelteich, deren züngelnde Flammen ich noch heute vor mir sehe. Schiller hätte seine „Glocke“ nach solchen Ereignissen dichten können; nebenbei hatten sie aber auch etwas von der gruseligen Stimmung des „Feuerreiters“ für mich kleinen Knirps. Dazu tat Lina das ihrige und sie war es auch, die mir bis zum heutigen Tage die Abneigung gegen das Läuten der Glocken beigebracht hat; „Chott, er hat doch sonne Angst fürs Sterben“ sagte sie damals einmal erklärend zu meiner Mutter.

Das Wirtschaftsgebäude hatte damals, wie erwähnt, schon seinen Zweck erfüllt und stand leer. Der Anbau gegen Westen, der heute ein Dach trägt und als Schuppen dient, war der frühere Brackenstall mit einem Haus und einem Hof, welcher von einer hohen Mauer umgeben war; er stammt aus der Zeit von Moritz-Casimir l., wie ein Eckstein besagt. Hier hausten meine Freunde, die Hunde, bis ihnen ein neues wärmeres Quartiert im alten Kuhstall angewiesen wurde. Einmal war ich hier in den gefüllten Eimer rücklings hineingefallen, der allerlei sehr unappetitliche Ingredienzien als Hundefutter enthielt. Lina war außer sich und sagte einmal über das andere „l Gitt, i Gitt, was’n eklig Kind“! Ich habe meinem hinzukommenden Vater nie wieder so lachen sehen. Der Eimer hatte dauerhaft an meinem Hinterteil gehaftet.

Von den Wirtschaftsräumen des Gebäudes und des Waschhauses, der Bügel- und Mangelstube, welche später nach ihrem Umbau der Küchenmarie als Wohnung dienten, von der Tischlerwerkstatt, in welcher Stork amtierte und mich zuweilen alte Farbenreste — denn er war auch Anstreicher — verschmieren ließ, sowie endlich von der Waschküche, war bereits vorher die Rede. Zur Zeit der Landwirtschaft hatte der alte Müller Stuchtey auch einen Raum inne in der späteren Wohnung von Küchenmarie. Er war der Hofverwalter und schrieb hier seine Listen über Ausgang und Eingang von allen Produkten der Wirtschaft. Der Betrügerei auf dem Hofe hatte aber auch dieser umsichtige Ehrenmann nicht zu steuern vermocht.

Am Zufluss des toten Emsarmes in den Fluss steht ein historisches Häuschen das „Grüne Häuschen“ von Lina „Fischerhäuschen“ genannt, weil hier die versenkbaren Fischkästen sich befanden, welche als Hälter dienten. Dieses spitze altmodische Häuschen stand früher im Bouquet und diente Onkel Casimir als Voliere für seine Vögel. Den Obelisk davor hat erst mein Vater dahin gesetzt, vermutlich war er ein Denkmal für ein gefallenes Pferd. Ein monströser Kahn war hier verkettet, der sich durch ungewöhnliche Unbeweglichkeit auszeichnete, aber gern zum Rudern auf der Ems benutzt wurde, was wir später mit den Hauslehrern eifrig betrieben, wobei Herr Erfling uns — d. h. mir und meinen Kameraden — Karl May vorzulesen pflegte.

Nachdem wir das Erdgeschoss der Unterhofsgebäude kennen gelernt haben, steigen wir in die zahlreichen Räume des Stallgebäudes in seinem ersten Stock hinauf.

Gleich rechts an der Treppe hinter der ersten Tür lag das Gehirn der Gesamtverwaltung, die „Fürstliche Domänenkammer“.

Der alte Kammerrat Borgemann und der Kammersekretär Breeder saßen sich hier an einem großen Tisch gegenüber. Zuweilen durfte ich das Allerheiligste betreten, um mit Lisa mir Tinte auszubitten. Mir will es heute scheinen, dass dies relativ häufig geschah und der Konsum wird wohl darauf in der Hauptsache zurückzuführen sein, dass Lina mich hier an der Hand von Herrn Breeder gut beschäftigt fand. Dieser war ein kleines buckliges Männchen, der mich gleich Borgemann sehr ins Herz geschlossen hatte. Er ließ für mich dann die Kuckucksuhr schlagen, wobei ein kleiner Vogel flügelschlagend sichtbar wurde und weihte mich dann in die Geheimnisse der Schreibkunst ein, wobei er mir die Hand führte. Mich interessierte diese Tätigkeit jedoch viel weniger, wie das Pfeifen in seiner armen verkrüppelten Brust, der er auch allzu früh erlegen ist. Herr Heller, der spätere Rechnungsrat, kein geringeres Original, wurde dann sein Nachfolger.

In der Nebenstube thronte olympisch der Chef, Oberkammerrat und Justizrat Quensel. Doch zu meiner Zeit nur noch selten, vielmehr ließ er sich in einem besonders dafür gefertigten, noch vorhandenen zweiräderigen Karren die Akten in sein Haus kommen. Ich erinnere mich nur noch wenig an ihn. Als er sein 40- oder sogar 50-jähriges Jubiläum feierte, wurde ich schön angezogen und fuhr mit den Eltern in der alten Glaskutsche, die so schwer wie eine Kanone war, zu ihm, um zu gratulieren. Er wohnte in dem später von Beermann erworbenen Haus in der Wilhelmstraße. Gegenüber der Kammer befand ich damals die Gewehrkammer (zuletzt Registratur), ein Raum, den ich zuweilen, aber nur in Begleitung meines Vaters, betreten durfte. Was gab es hier nicht alles zu sehen. Da waren zunächst die vielen Gewehre aller Sorten, angefangen bei einigen großkalibrigen Wallbüchsen, den schon erwähnten Gewehren der Schlosssoldaten nebst Trommel und Sponton, Wilddiebswaffen, auseinandernehmbar, sogenannte Stockflinten, ein Chassepotgewehr von 1870 und sehr altertümliche Jagdwaffen, Pulverhörner, Jagdtaschen, sogenannte „Hasensärge“, nicht zuletzt eine Anzahl schön eingelegter Gewehre mit Steinschloss und eine große Auswahl von Pistolen, große, kleine, Schwesterwaffen und solche mit schönen Messingbeschlägen. In einer Ecke stapelten sich die alten Tschakos und überzähligen Säbel nebst Patronentaschen der Soldaten. Die größte Sehenswürdigkeit war jedoch das große Richtschwert, das mir von Blut immer noch etwas verrostet schien. Mein Vater pflegte es dann aus der Scheide zu ziehen und den eingravierten Spruch vorzulesen, der einem stets ein angenehmes Gruseln verursachte „Wenn ich dies Schwert duh‘ aufheben, dann wünsche ich dem armen Sünder ein ewiges Leben“. Wenn ich nicht irre, stand noch eine Jahreszahl vor dem Dreißigjährigen Kriege dabei.

Einige Handschellen und Ketten sowie ein geschmiedetes Hirschgeweih, welches den am Pranger stehenden Delinquenten umgebunden wurde, sofern sie Wilddiebe waren und nicht eine höhere Strafe verwirkt hatten, gab mir das Empfinden, dass selbst meine kleinen Hände mit der höheren Gerichtsbarkeit etwas zu tun hatten.

Gegenüber an der Wand stand ein Pferdegerippe. Obgleich ich die Geschichte längst kannte, glaubte ich, Anspruch auf jedesmalige Wiederholung zu haben und mein Vater erzählte mir dann von den schlimmen „Büschern“ in Gütersloh, den Leuten, die auf dem „Busch“ wohnten und übel berüchtigt waren, wie diese den Landesherrn Moritz-Casimir l. einmal fangen wollten und er nur durch die Schnelligkeit dieses Pferdes entkam. Dabei erinnerte ich mich dann auch der Geschichte des alten Hülsmann, der am Schwarzen Holz eine Art Waldhüter war, über dieselben „Büscher“, die einmal ein junges Mädchen gefangen hatten“ und da wollten se se unterkriegen und wenn se das nich wollte, dann sollte se den chanzen Popo voll Nägel kriegen, Schuhnägel“. Was ich mir dabei vorstellte, weiß ich nicht mehr, aber der Anblick des Richtschwertes und der Ausrüstung der Schlosssoldaten hatte dann etwas Beruhigendes.

Auf einem Tisch standen eine Anzahl bronzene Kanonenmodelle aus dem 18. Jahrhundert, die jedoch leider nie zu Spielzwecken hergegeben wurden; hier hatte es sein Bewenden mit der bereits erwähnten Mitrailleuse.

In einem Schrank hingen eine Anzahl Säbel und ein schöner Stichdegen mit Emailleminiaturen, ein sogenannter Galanteriedegen der Rokokozeit, der an Galaabenden auf unserem Theater später sogar herausgegeben wurde. Eine dunkelgrüne Feldmütze mit rotem Rand war die Kopfbedeckung meines bei Gravelotte gefallenen Onkels Adolf gewesen, ein scheinbar ungewöhnlich kleiner Kürass gehörte meinem Großvater.

Die meisten Gegenstände sind während der Besatzungszeit 1945 gestohlen worden, vor allem alle Pistolen und blanken Waffen, so dass auch hier nur noch Reste „von vergangener Pracht künden“, wie überall im Schloss.

In den anschließenden Räumen wohnte Dr. Müller, wie schon erwähnt wurde. Er hatte drei Räume nach der Ems und zwei nach dem Unterhof inne, die „mit Urväter Hausrat vollgestopft“ waren und die überall zerstreuten Archivalien erhöhten die Unordnung noch mehr. Einige der Zimmer waren mit einfachen Arabesken im Empirestil auf hellblauem Grunde ausgemalt. Von Dr. Müller wird noch besonders zu reden sein.

An seine damalige Wohnung, welche späterhin von der pensionierten Beschließerin, Fräulein Greiner, dem Rentmeister Strakerjahn und dem Kanzleidirektor Dorsch bewohnt war, schließt sich der „Blaue Saal“. Dieser große Raum wurde zu Onkel Casimirs Zeiten zu Kinderfesten benutzt, die der gute alte kinderlose Onkel seinen zahlreichen Neffen und Nichten zu geben liebte. Hier holte er sich 1874 auch die Ursache zu seinem Tode, indem der alte Herr mit den Kindern tanzte und da er etwas starr geworden war, zog er sich dabei einen Schlaganfall zu, dem er dann erlegen ist. Die Wände dieses Raumes waren mit dem gleichen einfachen und leichten Empiremuster gestrichen, welches der Verwüstung in neuester Zeit (1946) erst zum Opfer gefallen ist. Hier standen zwei ziemlich unbrauchbare Billards, auf denen ich an Regentagen einexerziert werden sollte. Die Zeiten dieses Spieles waren aber schon vorbei und ich habe es niemals zu irgendeiner Fertigkeit gebracht. In zwei Schränken wurden allerlei Spiele aufbewahrt und vor allem eine ziemlich komplette Sammlung von Orchesterinstrumenten, von denen mir die altmodischen Waldhörner am besten gefielen. Sie waren, glaube ich, von Hohenlimburg hierher verbracht worden, denn dort, so erinnere ich mich, gab ich vor den Türen in früher Morgenstunde häufig ein Ständchen. Blasen konnte ich freilich nicht, aber ich sang in die Hörner hinein, was bei einiger Phantasie dem Waldhornton ähnelte. Dabei zog ich mir durch Grünspan eine erhebliche Blutvergiftung zu, die in zahlreichen Geschwüren an den Händen ausartete.

In den Blauen Saal habe ich später dann die Gegenstände der Gewehrkammer verbracht und letztere zur Registratur gemacht.

Die Südecke des langen Stallgebäudes besaß noch zwei große Zimmer, die „das Lazarett‘ genannt wurden. Hier hatte Onkel Casimir 1870 einige Verwundete untergebracht, da diese damals in großem Ausmaße noch der privaten Pflege anheim fielen; es muss wohl eine Art Genesungslazarett gewesen sein, von dem die Eisenbetten und sonstiges Mobiliar sich noch erhalten hatte. In jener Zeit standen die Räume immer leer und nur Einquartierung pflegte sie jeweils zu bevölkern, was allerdings ziemlich häufig geschah, da die Truppen damals in der Regel per Fußmarsch zur Senne zogen. An das große Brigademanöver des Jahres 1889, oder war es 1888, kann ich mich freilich nicht mehr erinnern. Damals war der ganze Stab im Schloss untergebracht und es muss ein sehr reges militärisches Leben geherrscht haben. Meine Eltern pflegten die exerzierende Truppe meist zu Pferde in die Fixier Heide zu begleiten, die damals ihren Namen noch zu Recht trug und die Begeisterung meines Vaters, der mit Leib und Seele Soldat gewesen war, vermag ich mir gut vorzustellen.

Es fanden jedes Jahr Truppendurchzüge statt, meist die Kürassiere aus Münster oder die dortige, auch zuweilen die Mindener Artillerie.

Wir waren von Einquartierung, Requisition von Pferden und anderen Kriegslasten genauso freigestellt, wie die regierenden Häuser, das bedeutete aber nur, dass mein Vater es verteufelt übel nahm, wenn Offiziere etwa in der Stadt oder der Bauernschaft und nicht im Schloss untergebracht waren. Das war auch bekannt und die Quartiermacher, sofern es Offiziere waren, meldeten stets schriftlich in einem Buch, das auslag, das bevorstehende Einrücken der Truppe und hatten damit die Einladung in der Tasche. Zuweilen wurden die Nachmittage mit ihnen auf der Kegelbahn im Garten zugebracht, oder sie schliefen auch, um abends zum Dinner um so leistungsfähiger zu sein, was auch wohl immer gelang. Nicht selten begleiteten wir die abmarschierende Truppe dann noch zu Pferde viele Kilometer weit und regelmäßig brachte uns die Musik ein Abschiedsständchen. Auch an Felddienstübungen in Rhedas Umgebung kann ich mich erinnern, bei denen ich von früh bis spät — mittags wurde ohnedies immer „das Ganze halt“ geblasen — in fieberhafter Spannung mit dem Hauslehrer teilnahm. Einmal durften wir sogar die Verfolgung aufnehmen bis in die Gegend von Herford, wobei ich mich erinnere, den Kronprinzen gesehen zu haben.

Eine solche Lust kann man sich kaum noch vorstellen. Die deutsche Armee war das beste Heer der Welt und wirklich ein glänzendes Instrument, nicht nur infolge der schönen Uniformen; Deutschland hatte einen Kaiser und war in die erste Reihe der Völker aufgerückt, an Krieg dachte niemand. ..0 welche Lust, Soldat zu sein!“

Das „Lazarett“ wurde von mir später ausgebaut zu einer vierräumigen Wohnung, welche der Rentmeister Strakerjahn zunächst bezog; später wohnte der Förster Luke in ihr und zuletzt war sie hübsch eingerichtet für den Fall, dass bei besonderen Gelegenheiten die Schlossräume dem Gästeandrang nicht mehr genügten.

Bisher ist versucht worden, die Räume des Schlosses in ihrer alten Gestalt und Verwendung kennen zu lernen und sie zugleich mit den Menschen meiner Jugend zu beleben. Um das Bild vollständig zu machen, müssen hier noch einige erwähnt werden, die größtenteils Originale waren und mit ihrer Zeit dahingegangen sind.

In den frühen neunziger Jahren hat mir der Pfarrer Hövelpöker aus Herzebrock, welcher auf dem dortigen Friedhof auch begraben liegt, einen mächtigen Schrecken eingejagt. Er war wohl zu Besuch bei meinem Vater gewesen und traf mich mit Lina an der Wache. Dabei erhob der kleine Mann in seinem bis auf die Füße reichenden langen schwarzen Mantel seinen Spazierstock hoch in die Luft – vermutlich um etwas lebhaft zu schildern —; das habe ich falsch aufgefasst, machte kehrt und rannte schreiend davon. Es soll sehr mühsam gewesen sein, mich wieder zu beruhigen. Nachts fuhr ich schreiend auf und Lina pflegte dann bekümmert meiner Mutter zu melden „Er hat sonnen siechten Traum chehabt“; stets aber war es der gutmütige Hövelpöker. Er ist damit meine früheste Erinnerung überhaupt.

Damals war der nachmalige, erst 1925 gestorbene Hegemeister Löhre schon als Förster in Herzebrock angestellt, gehörte aber eigentlich noch immer nach Rheda, wo er seine jungen Jahre als Leibjäger verbracht hatte. Zuerst noch beim kranken Onkel Franz, dann bei meinem Vater, den er auf seiner Reise zur Heimführung der Braut nach Köln begleitete, wo ihn meine Mutter im April 1888 als erster Rhedaer kennerlernte, wie sie mir oft erzählte. Solche treue, anständige Menschen wachsen nur alle hundert Jahre heran, in neuester Zeit ist dafür anscheinend kein Kulturboden mehr. Löhrke hatte auch mit mir sein Wesen und pflanzte schon früh die Jagdlust mir ein, indem er immer von der Jagd erzählte und wie ich schießen lernen werde. „Man muss durch das Feuer durchgucken!“ pflegte er zu sagen; mir schien das Zauberei zu sein. Bis zu seinem Tode war er für mich mit allen Jagden und schönen Tagen verknüpft und seine Witwe wohnte später eine Weile im Sommer in der „Lükewohnung“, dem früheren Lazarett im Stallgebäude. Sein Nachfolger als Leibjäger dürfte der erwähnte unglückliche Otto gewesen sein. Nach seinem jähen Tode war meinem Vater anscheinend die Lust vergangen und er versuchte es bis 1901 ohne einen Leibjäger. Dann folgte er jetzige Förster Reichelt in Herzebrock, welcher jedoch vorsichtshalber aus dem Schloss verbannt und gegenüber der Kammer einquartiert war. Geholfen hätte das zwar nichts, vielleicht im Gegenteil; Reichelt pflegte aber das Hornblasen eifrig und das konnte er im Stallgebäude ungestörter tun. Sein Nachfolger wurde der jetzige Förster Pieper in Clarholz, der uns vom Baron Nagel-Vornholz zugesandt war, wo er in dem strengen Hause nicht gut getan hatte. In und um Rheda raunte man sich seltsame Geschichten über ihn zu, in denen meist die Weiblichkeit eine Rolle spielte oder Schlägereien, in die er verwickelt war. Er verstand es aber, eben durch sein wüstes Auftreten, Ordnung in den Revieren zu machen und zu halten, denn der Oberförster Tuschoff hatte diese Autorität an seine Frau abtreten müssen, welche „aus dem Teubel seinem Tornister“ war, wie der Kammerrat Borgemann zu sagen pflegte; in Clarholz saß damals schon seit zig Jahren der Förster Stuckstette, ein Spielgefährte meines Vaters und seiner Geschwister und in Bosfeld der alte Knodt, einst Leibjäger meines Großvaters. Den Beschluss bildete Zumbansen, der Sohn des total versoffenen Vaters, der eigentlich das von meinem Vater erworbene und durch Löhrke angepflanzte Revier Kalthof-Ems zu betreuen hatte. Er fiel schon 1914 und ich habe ihm dann keinen Nachfolger mehr gegeben.

Anständig und statiös sah es freilich aus, wenn der Leibjäger bei Tafel im dunkelgrünen Überrock mit breitem Bandelier, an dem ein Hirschfänger hing, hinter dem Stuhl seines Herrn aufwartete. Das war noch die Zeit des alten Dahm, welcher schon unter Onkel Casimir Haushofmeister war, ein kleiner etwas korpulenter Mann mit dem typischen Kopf des Kammerdieners. Er hat drei Herren mit gleicher Treue gedient.

Einmal war er von Neidern und Feinden angezeigt worden. Wein entwendet zu haben; die Untersuchung ergab, dass er zwei halbvolle Wasserflaschen mit in seine Wohnung genommen. Er war ein wirklich treuer Mann und ich erinnere mich, an seinem Sterbelager in seiner Wohnung in der Wache gestanden zu haben, wo er auf dem Sofa lag und schon ganz blau im Gesicht war. Heitland folgte ihm, der im Regiment von Onkel Karl gestanden und von diesem 1885 als Reitknecht mit nach Rheda gebracht worden war. Mein Vater legte keinen Wert darauf, dass die Diener glatt rasiert waren; so trug denn Heitland stets einen richtigen Husarensergeanten-Bart, über den er 1909 auch stolperte. Nach dem Tode meines Vaters führte ich diese Mode allgemein ein und er ging deshalb. Ich weiß auch noch, dass ich mich als Junge stets über ihn geärgert hatte, wenn er nach dem Eintreten der Gäste die Flügeltüren schloss und sich gewissermaßen dazustellte. Seine grenzenlose Einbildung wurde durch sein Kostüm noch unterstützt, denn merkwürdigerweise hatte ihn mein Vater mit einem schwarzen Frack ohne blanke Knöpfe ausgestattet; draußen ging er immer mit einer „Dohle“, d. h. einem runden steifen Hut.

Sein Nachfolger war ein ganz anderes Format. Meine Mutter hatte mir dazu Vogelsang vorgeschlagen, welcher als Schlosssoldat angefangen hatte und lange Zeit Diener gewesen war. Sein Verlust — ob nun als Diener oder als Haushofmeister-Kammerdiener — riss 1926 eine Lücke, die nicht wieder geschlossen worden ist. Im Gegensatz zu Heitland war er sehr fleißig und konnte eigentlich alles . Durch die langen Dienstjahre hatte er eine rein patriarchalische Auffassung gewonnen. Einst stellte ich ihn, als er aus dem Holzstall für seine Wohnung Holz entnommen hatte, worauf er wie ganz selbstverständlich erwiderte „Aber Durchlaucht, das ist doch unser Holz“, womit er sagen wollte, dass zwischen mir und ihm kein Unterschied sei. Vogelsang begleitete mich 1909 auch nach Potsdam und war mir dort in meinen Anfängen von unschätzbarem Wert, denn es war für einen Primaner des Gütersloher Gymnasiums gewiss nicht ganz einfach, plötzlich und nahezu unvorbereitet den Königlich Preußischen Leutnant in Sr. Majestät Leib-Garde-Husaren-Regiment zu spielen in einer Garnison, die der Waffenplatz Deutschlands war und in welcher das Kaiserhaus selbst residierte.

Aber er hatte auch einen Fehler: Er musste herrschen. In der Stellung, welche er bei meinem Vater bekleidete, konnte er das nicht und es gab damals allerlei Anstände. Aber meine Mutter, deren Diener er hauptsächlich gewesen war, hatte das erkannt und so gelangte er in die leitende Stellung. Früher war er auch ein glänzender Reisemarschall gewesen. Er geleitete meine Fürstenauer Großmama, die anfing etwas schwerfällig zu werden, Gottweißwohin und rechnete alle Fahrpläne mit Genauigkeit aus. Damals konnte man telegrafisch noch ein Abteil erster Klasse vorausbestellen, in welchem man dann ungestört und allein fuhr. Auf irgendeinem Bahnhof war dies geschehen und er trat an das Abteil heran, um das Gepäck darin zu verstauen. Da rief ihm der Schaffner zu „Mein Herr, nicht dort!, das Abteil ist bestellt!“ „Jawohl, eben für uns!“ und ließ dann meine Mutter wie ein Sieger hineinpassieren. Er war es auch, der mich als kleinen Putz in Westerland das Tabakrauchen lehrte. Damals war es selbstverständlich, erste Klasse zu fahren und stets einen Diener mitzuhaben. So hatte er uns auch ins Seebad begleitet, wo er nichts zu tun hatte. Ich besuchte ihn in der „Villa Roth“, wo wir wohnten, immer in seiner Stube, in der er meist auf dem Sofa lag. Da riss er einmal ein Stück von einem Zeitungsblatt ab, legte eine Priese von seinem Pfeifentabak hinein, leckte die so entstehende „Zigarette“ sorgfältig zusammen und steckte sie mir wortlos in den Mund. Sein besonderer Freund war der alte Diener von Onkel Georg Schönburg, Steinbrecher geheißen , von welchem es auch Geschichten gibt, die Legion sind. Dieser hatte den Onkel in seiner Eigenschaft als Flügeladjutant des Königs Albert von Sachsen im Kriege 1870 schon begleitet und war ebenso ein Faktotum und Original, wie Vogelsang. Mir ist er noch gut in Erinnerung durch seine Geschichten aus den Krainer Bergen, in denen ich ein Menschenleben später durch zwanzig Jahre selbst die herrlichsten Jagderlebnisse haben sollte. Damals machte er mich gruseln, wenn er von den dortigen Bären und Wölfen sprach, die dort herumlaufen sollten und auch tatsächlich herumliefen.

Als es bei Vogelsang ans Sterben ging, war ich nicht da und nicht die Sorge um sich oder seine zahlreiche Familie war es, die ihn dabei bedrückte, sondern allein, dass er nicht zur Stelle sein könne, wenn ich heimkehrte. Man möchte mit Reuter sagen „Lögenhaft zu verteilen“, aber das war Vogelsang.

Ein Original in seiner Weise war auch Fissenebert, der unter Vogelsang als Diener begonnen hatte und dann sein Nachfolger wurde. Er hat den Kellnerberuf, den er gelegentlich ausübte, niemals ganz abstreifen können, war aber auch eine ehrliche und treue Haut. Auch er diente uns aufopfernd einige dreißig Jahre, wie es überhaupt ein Zeichen der Zeit war.

Als etwas ungeschliffenen Edelstein hat er sich, wie gesagt, nie an die Formen eines herrschaftlichen Hauses gewöhnen können, obgleich ihm meine Mutter den „Guten Ton in allen Lebenslagen“ schriftlich gegeben hatte. Er sagte trotz häufiger Verbesserungen nie anders als „Die Suppe ist da“ oder „Hier ist ein Briefchen — ich weiß nicht was drin steht“ oder auch „Durchlaucht, deree — Schneider Mense ist da! is oben“. In meiner Potsdamer Zeit sollte er Vogelsang einmal ablösen, das hat er aber nicht geschafft, obgleich er auch ganz gern einmal die „große Welt“ gesehen hätte. Seine Frau erlaubte ihm derartige Seitensprünge jedoch nicht.

Natürlich gehörten die Kutscher auch zu meinen Freunden. Wie schon erwähnt, war der Stall erstklassig aufgezogen. Sein Chef sozusagen war der alte Berner, welcher noch aus Onkels Franzens Zeit stammte. Leider war er stark dem Alkohol ergeben, aber wenn er sich etwas verunnüchtert hatte, fuhr er am besten. Er war der Einzige, welcher noch vierspännig zu fahren vermochte.

Als Zweiter war Kaupmann da, der eigentlich die Pferde meiner Mutter zu betreuen hatte. Ich weiß nicht mehr viel von ihm, ein Könner scheint er nicht gewesen zu sein, denn meine Mutter klagte eigentlich immer über ihre Reit- und Wagenpferde. Dafür fehlte freilich meinem Vater jedes Verständnis, denn er gehörte zu den Menschen, dem eigentlich alle Pferde „gingen“. Im Sinne der Reit- und Fahrkunst war er wohl kein großer Könner. Damals hatte ich darüber kein Urteil, es will mir nur rückschauend so scheinen. Er hatte aber die Gabe, dass unter ihm jedes Pferd alsbald ruhig wurde und dass heftige Wagenpferde für ihn nicht existierten; in wenigen Minuten gingen sie an seiner Leine wie ein Leichenwagengespann. Kaupmann wurde später durch Landwehr ersetzt, als auch der alte Berner pensioniert wurde. An die erste Kutscherstelle trat jedoch Beckord, der seit 1892 bei uns war und 1942 sein fünfzigjähriges Jubiläum feiern konnte. Auch er begleitete mich als Dienerchaffeur nach Potsdam und kurze Zeit nach London. Hier scheiterte er an der Sprache und fühlte sich heimwehkrank, so dass ich ihn nach drei Wochen heimschickte. Er war ein Mann von ganz seltenem Charakter und selbst in diesem Kreise treuer Leute von seltener Ergebenheit. Er ist erst so kurz pensioniert und gestorben, dass es sich erübrigt, seine hervorragende Persönlichkeit in diesen Blättern lebendig zu erhalten, denn die junge Generation hat ihn noch gut gekannt. Mit ihm verknüpfen sich die ältesten und fast nur schöne Erinnerungen. Als Junge ritt ich mit ihm spazieren, er fuhr mich samstags und sonntags von und nach Gütersloh. Dann kam die Potsdamer Zeit, wo er in älteren Jahren das Autofahren noch erlernen musste, nachdem ich den Dogcart aufgegeben hatte. Zur Meisterschaft hat er es freilich nicht mehr gebracht, vielmehr habe ich unter seiner — freilich sehr seltenen — Führung einige Accidents erlebt. So fuhr er einmal zu einer Hoffestlichkeit die abgesperrten Linden zum Schloss herauf; ich saß in voller Gala ausnahmsweise im Fond. Von weitem sah ich an der Kranzlerecke schon, dass der Schutzmann den Verkehr aus der Friedrichstraße für einen Augenblick durchlassen wollte, da die meisten Gefährte zum Schloss schon passiert waren. Mein guter Beckord sah das aber keineswegs und unsere eilige Auffahrt nahm zwischen den Linden auf dem breiten Gehsteig der via triumpfalis ihr jähes Ende an einem Fleischerwagen, den er auf die Hörner genommen hatte, wobei das Pferd getötet wurde.

Unbeschadet solcher kleinen „Schönheitsfehler“ war er aber immer und unter allen Umständen pünktlich zur Stelle, alles war stets in bester Ordnung und selbst die Pferde betreute er vorbildlich, denn die jeweiligen Burschen, denen es oblag, zeichneten sich zuweilen nicht durch allzu große Zuverlässigkeit aus. 1922 machte Beckord dann auch unsere Hochzeitsreise im Auto mit und fast alle Fahrten, die wir machten, wurden so lange von ihm begleitet, bis er älter wurde und durch einen jungen Dienerchaffeur ersetzt ward.

Das Aschenpuddel des Stalles war der Stallknecht Ramsbrock, welcher noch durch Kuni Recke aufgenommen war und seine Tuberkulose durch erquickende Stallluft kurieren sollte. Das ist auch gelungen, sonst zeichnete er sich durch Brauchbarkeit und Fleiß nicht sonderlich aus. Meine Esel und die schon erwähnte alte „Kora“ waren seine Gespanne. Da der Eselwagen klein war, musste er immer Nebenhergehen, ein dornenvolles Amt. Er liebte es aber, sich als meinen „Leiwkutsker“ zu bezeichnen und hauptsächlich ihm verdanke ich die profunde Kenntnis des Plattdeutschen; das soll ihm nicht vergessen werden. Wenn es auf dem Unterhof mal sehr laut wurde, dann unterhielt sich mein Vater mit ihm, d. h. durchaus einseitig. Entlassen wurde er aber trotzdem nicht.

Im Garten herrschte damals der „Hofgärtner“ Poppe, ein erstklassiger Mann in seinem Fach. Nie wieder ist der Garten in so guter und schöner Ordnung gewesen, wie unter ihm. Er verstand es nicht nur, einen prachtvollen Blumenflor zu jeder Zeit zu erhalten, vielmehr war er auch ein guter Kaufmann, der seine Kollegen aus der Umgegend zu einer Eingabe veranlasste, dass sie mit dem Schlossgarten nicht in Konkurrenz treten könnten. Er erfand immer wieder etwas Neues und ging damit, glaube ich, meinem Vater etwas auf die Nerven, der selbst gerne erfand. Auf Poppe ist das große Rondel vorn im Garten zurückzuführen, welches 1946 bei der Gartenneugestaltung etwas verkleinert und verlegt wurde sowie die Erdanfüllung am Steinweg entlang; bis dahin sah man dort gegen die Mauer, wie im Garten des Gärtnerhauses. Zu diesen Arbeiten, die in die Mitte der neunziger Jahre fielen, hatte er sich Loren von einem Unternehmer besorgt und beschäftigte eine große Anzahl Männer, darunter den Vater Husemann, dessen Sohn später längere Zeit Wiesenwärter und Fischmeister war, der Sänger der Geburtstagsfeiern in der Wache. Damals genierten sich die Arbeiter noch nicht, mit dem Henkeltöpfchen zu gehen, das heute in eine Aktentasche eingebaut sein muss und saßen über Mittag im Gerätehaus am Garteneingang, in welchem der Gehilfe im Oberstock seine Wohnung hatte. Der alte Husemann hatte immer sehr leckere Speisen in seinem Töpfchen und wollte mir gern davon anbieten; das erlaubte Lina aber keineswegs. Er dagegen versuchte mich zu reizen, dem Gebot zu trotzen, indem er fragte „Kannst Du auk met n‘ höltenen Läpel i-äten? “ Etwas später entstand eine hübsche Anlage hinter der Orangerie, das Wasser wurde durch eine Efeuhecke begrenzt und der schmale Streifen in einen Palmenhain verwandelt, in welchem eine Bank stand. Die Orangerie, von Lina „das Gerangenhaus“ genannt (lies „Gerangschen Haus“) war ein reizender kleiner Wintergarten mit sandbestreuten kleinen Wegen und einer sehr zahlreichen Kakteensammlung, in dem ich bei Regenwetter spazieren geführt wurde, selbstverständlich sehr zu meinem Unmut. Melonen und andere seltenere Gartenfrüchte waren im Überfluss vorhanden und die Artischocken hatten sogar Berühmtheit. Auch der Wein gedieh damals, wie nie wieder hernach. Mit dem Tode der alten Badefrau, Frau Elbracht, ließ mein Vater den Weg vom Steinweg über den Damm zwischen Ems und Krökelteich, der beim Badehaus über die Brücke führte, eingehen und diese abbrechen. Die jetzige Anlage stammt auch aus der Zeit. Ebenfalls die Anpflanzung im „Neuen Teich“ mit der Anlage der Brücken und Wege. Der Hirschzaun wurde entsprechend verkleinert und das zahme Wild vermindert, das bis zum Jahre 1925 eigentlich immer eine Quelle irgendwelchen Ärgers gewesen war, denn es wurde vom Publikum gehetzt oder anderweitig gequält und beunruhigt. Ich habe es dann ganz abgeschafft, obgleich es vermutlich seit Jahrhunderten dort vegetiert hatte, denn anders konnte man es vom weidmännischen Standpunkt nicht bezeichnen. Es gab eine Zeit, wo 6-8 Geweihte dort ihre Fährte zogen und während der Brunft dröhnte der Schrei der eingepferchten Hirsche bis in die Stadt hinein. Ein Zaun quer durch die Wiese und Schlupflöcher im Gatter, das damals noch mit niedrigen Fichten umgeben war, sollten die Dramen etwas vermindern, die sich trotzdem noch immer abspielten.

Die Hinzunahme des „Fasanenwäldchens“ und seine teilweise Auspflanzung nach der Wiese zu, gehört einer späteren Zeit gärtnerischer Gestaltung an. Ich erinnere mich aber noch an die Sandkuhle als Spielplatz, welche sich an der Südecke befand; sie wurde „Häschen in der Grube“ genannt. Beim späteren Heranwachsen des Wäldchens wurde dieses zu einem beliebten weihnachtlichen Jagdrevier. An seiner Südostecke schoss ich um die Jahrhundertwende mein erstes Stück Wild mit zitterndem Herzen, einen Hasen, den mir meine Mutter vom Eidthagen aus der Wiedenbrücker Gegend zugetrieben hatte. Damals konnte man noch , an den jetzt hohen Fichten stehend, über die jetzt ebenfalls hohen Eichen hinwegschießen. Die Treibjagd brachte unter Leitung eines Schlosssoldaten, in dessen Gefolge sich 10 Jungens befanden, eine erstaunliche Menge Kaninchen und Fasanen. Auch die Felder wurden von Osten her beigetrieben, ebenfalls der Neue Teich.

Doch wir haben uns vom Garten zu weit entfernt und kehren noch einmal dahin zurück. Am Ende des mittleren Querweges, an der Stadtseite des Krökelteiches befand sich damals eine Grotte, dieselbe, welche ich Ende der zwanziger Jahre an die Kegelbahn verlegte. In ihrer Mitte wuchs eine Linde, eine Bank stand darin und das vordere Rund war von Steinen gebildet, zwischen denen Ketten hingen. Ich vermute, dass dies die Überreste der Anlage in der „Dianenlust“ gewesen sind, einem „Lustgarten“ des 18. Jahrhunderts, welcher sich südlich der Gelder Chaussee, unweit des Gehöftes des Bauern Oldemeyer ausbreitete. Das Schild dieses Gartens mit Hirschgeweih und Hifthorn sowie der Überschrift „Dianenlust“ hing später am Hirschstall im Park, der durch die Bomben des Jahres 1945 weggefegt wurde; das Schild ist allen noch erhalten. Die besagten Steine stehen nun im Schlosshof als Mittelstück der Grenzmauer, die ich etwa 1920 einmal anlegte. Die Grenzsteine, sogenannte „Schnatsteine“, der alten Herrschaft Rheda stammen aus dem Eidthagen und finden sich auch sonst noch mehrfach in der Landschaft.

Unter den alten Platanen an der Kegelbahn wollte meine Mutter gern einen Tennisplatz gründen. Mein Vater war aber gegen diesen Plan und die Eltern einigten sich dann dahin, dass die Linien durch Eisenschienen dargestellt werden sollten, sonst aber alles unverändert bliebe. Es bleibt Poppes Geheimnis, wie er auch diese unlösliche Aufgabe löste und einen durchaus spielbaren Platz zustandebrachte. Eine geradezu sakrale Handlung war es, wenn die Orangerie ihre Gewächse im Mai an die Sommerplätze vor und hinter dem Gebäude und in den Schlosshof abgab. Mir war es dann zumute, wie den Alten, wenn die Frühlingsgöttin auf ihrem mit jungen Stieren bespannten Wagen ihren Umzug durchs Land hielt. Es waren zwar keine Stiere, nur die alte Kora vor einem hochbeinigen, besonders konstruierten Rollwagen, aber es war die Vorfreude auf den Sommer damit verbunden.

An meinem Geburtstag stand in der Regel mein Böllerwagen im Schlosshof, nicht wiederzuerkennen infolge eines künstlich geflochtenen Laubdaches und darin fanden sich Teller mit allen Beeren des Gartens, welche die Jahreszeit bot, eine Huldigung Poppes. Glückliche Zeiten!

Einige alte Faktoten hielten dieses Reich in Ordnung. Gewöhnlich waren zwei Gartenarbeiter ständig angestellt, Heße aus dem Gaukenbrink und Engau aus der Stadt. Linas besondere Freunde waren jedoch die Frauen „Malchen“, ein ältliches puckeliges Mädchen, die sonst noch auf den Namen Meiners hörte und „die Steenbeckske“, Frau Steinbeck, mit denen sich die Stunden, in denen ich im Garten spielte, so herrlich verplaudern ließen.

Wenn Not an den Mann ging, wurden etwa noch „Sundermanns Lieschen“ und ein ziemlich verkommenes Subjekt, welches den poetischen Namen „Aalröschen“ trug, hinzugezogen. Beide waren Säuferinnen und sollen von mir in der Perfektion nachgemacht worden sein. Sie jäteten in der Regel jedoch nur den Schlosshof, denn zu mehr waren sie wohl nicht mehr fähig.

Die Pflege und Beaufsichtigung der weiteren Umgebung lag in den bewährten Händen des jeweiligen Wiesenwärters, Renteiboten und Fischmeisters. Von ihnen ist Husemann schon erwähnt worden, der jedoch nach wenigen Jahren einer Lungenentzündung erlag. Sein Vorgänger war Vogelsänger. An ihn erinnere ich mich nur noch dunkel, hauptsächlich dadurch, dass er mich einmal an die Hand nahm und mir zum hellen Entsetzen von Lina den Platz in der „Laake“ zeigen wollte, wo „das Mädchen chelegen hat“, ein Kind, das in der Ems ertrunken und dort von ihm aufgefischt worden war. Er hatte wohl keinen Sinn dafür, dass dieses für ihn hochinteressante Erlebnis für einen Sechsjährigen nicht das Richtige war. Später folgte dann Schwake, der dieses Amt Jahrzehnte innehatte. Anfangs wurde er wie von seinem Schatten bei allen Arbeiten von einem Manne begleitet, der Humpe hieß und von mir und meinen Spielgenossen stets das Ziel unseres Spottes war; entweder war er nicht ganz normal, oder – was wahrscheinlicher ist -war er meist besoffen.

Zu den Gestalten jener vergangenen Zeit gehört auch noch der „Lord Heising“, welcher am Steinweg im Heising’schen Hause wohnte und – wie in der Familie leider erblich — stark an Gicht litt, so dass er als alter Herr, als den ich ihn nur kannte, allenfalls kurze Wege machen konnte. Deshalb sah man ihn auf dem Steinweg täglich promenieren . Er selbst war einer der in Rheda damals noch zahlreicheren größeren Kaufherren, die kein Ladengeschäft besaßen, wie Bonne und Wilkhausaber einen ausgedehnten Handel betrieben. Der Ruf seiner Firma in Indigo und ähnlichen Überseeartikeln ging weit über Westfalen hinaus. Er war der Sohn des letzten Fürstl. Richters und wurzelte noch ganz in der landesherrlichen Tradition. Die breite schwarze Halsbinde mit den herauslugenden „Vatermördern“ der dreißiger und vierziger Jahre hatte er bis in die neunziger gerettet und trug sie immer noch. An seiner Hand bin ich häufig den Steinweg hinuntergegangen, während er sich am Stock schon schwer weiterquälen musste; ich hatte eine große Hochachtung vor dem freundlichen alten Herrn.

Nicht wegzudenken aus dieser Zeit, ja bis zum Todesjahr meines Vaters, ist der alte Beermann, der „Fürstl. Hoffriseur“, den ich — obgleich einer völlig anderen Klasse angehörend, wie der Kaufherr Heising — im Geiste denselben Weg herauf- und heruntergehen sehe.

Die Vorliebe meines Vaters zu ihm war eigentlich unerklärlich und auf Befragen vermochte er sie auch gar nicht zu definieren. Denn der sonst sehr brave Beermann hatte eigentlich gar keine Qualitäten eines wahrhaften Figaros. Weder verstand er sein Fach, noch kannte er den Stadtklatsch, war dafür aber besonders unsauber, jedoch pünktlich und geduldig.

Morgens um neun Uhr stand er im Vorzimmer vor der Kapelle und wartete auf das Öffnen der Stubentür meines Vaters und seinen Ruf „Beermann“, der mir noch heute im Ohr tönt, denn ich hörte ihn immer von der Kapellenstube, dem Kandidaten- und Lernzimmer her durch viele Jahre. Häufig war ich bei der Zeremonie zugegen, die nun begann.

Der kleine Mann in einer doppelreihigen hochgeschlossenen Lodenjoppe, zu welcher er einen schwarzen, aufgebeulten Hut trug, der eigentlich in der Mitte einen Kniff hätte haben sollen, trat mit seinem viereckigen Lederköfferchen herein, um in stets gleichbleibendem Tonfall zum Gruß und Abschied „Mooorgen Herr Durchlaucht“ zu sagen. Ein Stuhl wurde bei der Tür zum Fenster gerückt, mein Vater ließ sich in seinem grauen Schlafrock mit der roten Paspelierung darauf nieder und derweilen hatte der Kleine sein Handwerkszeug gerichtet. Mein Vater hatte das große Glück, einen nur schwachen Bart zu besitzen, sonst wäre er nicht so davongekommen, trotzdem sah man nur geringe Unterschiede vor und nach der Rasur. In einem beachtlich schmutzigen Tuch wurde der Schaum dann vom Messer gewischt und das Tuch in dem Koffer geborgen. Das berührte meinen Vater jedoch in keiner Weise. Täglich wiederholte sich dabei folgendes Gespräch „Beermann, was ist mit dem Wetter? „. Ja, Herr Durchlaucht, dat is siecht was von zu sagen. Es mag Regen cheben, oder auch nich“. „Wie kommt das denn wohl? „. „Ja, das tuen die Veränderungen“.

Aber nicht nur die männlichen Originale waren eine Quelle der Freude für mich, auch die weiblichen. Seit alters her, gegründet von Tante Agnes, bestand ein Nähverein, zu dem sich die Honoratiorendamen im Schloss zu Kaffee und Kuchen und nachfolgendem Nähstündchen zur Winterszeit einzufinden pflegten. Da erschienen dann Frau Kammerrat Borgemann, eine alte sehr gemütlich aussehende Dame mit goldumrandeter Brille, welche damals jeden Menschen in Rheda kannte und über alle Familienverhältnisse genau Auskunft geben konnte. Das tat sich dann auch im unverfälschten hannoverschen Dialekt. Unzertrennlich von ihr war Frau Bürgermeister Fettköter, die ich sehr schätzte, welche mir aber trotzdem eine fatale Ähnlichkeit mit einer der „Hexen von Buschlabe“ hatte, denn sie trug nie etwas anderes als einen Kapott-hut und einen eng anliegenden Mantel ohne Ärmel. Sie soll damit einmal hingefallen sein und vermochte sich ohne Hilfe nicht wieder aufzuhelfen. Diese Silhouette, aber nicht ihr Wesen, vermittelten mir den Eindruck aus dem Bilderbuch. Fräulein Jünger und Fräulein Althoff, von meiner Großmutter der „Pater Althoff“ genannt, weil sie ein Kleidungsstück, ähnlich einer Kutte in braun stets zu tragen pflegte, gehörten ebenso dazu, wie die „neue“ Bürgermeisterin Schulte Mönting, die statiös, wie eine Karavelle dahersegelte und einen gewichtigen Platz einnahm, nicht nur wegen ihrer Körperbeschaffenheit, sondern auch wegen ihrer flotten Zunge. Weniger beliebt in diesem Kreise schien mir die „junge“ Pastorin Kleffmann zu sein, eine, wie ich glaube, törichte Frau, welche die beliebte Frau Pastor Schengberg zu ersetzen hatte, was schon deshalb erschwert war, weil diese Letztere eine Rhedaerin aus der geachteten Familie Bonne gewesen war. Das schnakte nun von vier bis sieben Uhr entweder bei meiner Mutter im Salon oder Vorzimmer, auch an großen Tagen, wenn alle kamen, im Esszimmer an einem langen Tisch, auf dem neben dem Nähmaterial vor jeder Dame ein schweres kleines Kissen lag, um damit das Arbeitsstück festzuhalten. Ich wurde selbstverständlich stets vorgeführt, prächtig angetan und nahm dann gewöhnlich neben Frau Borgmann Platz, wo ich ebenfalls „nähte“!

Am beliebtesten waren diese Tage natürlich, wenn meine Fürstenauer Oma teilnahm, die allgemein hochgeschätzt war und eine unnachahmliche Art des Umganges mit diesen Damen besaß. Obwohl ihr, als der Tochter des Kammerpräsidenten in Fürstenau, niemand an der Wiege gesungen hatte, in welchen Kreisen sie sich als Frau einmal hauptsächlich zu bewegen haben würde, habe ich doch nur ganz wenige Damen selbst höchster Häuser sich mit solcher Sicherheit und Grazie in allen Lebenslagen bewegen sehen, wie diese so sehr geliebte alte Frau, welche nicht einmal mehr schön war, als ich sie kannte. Nicht die erstklassige Erziehung, um die sich mein Großvater bemüht hatte, war der Grund, sondern ihre wahrhafte Herzensbildung und ihr Takt.

Ein erweiterter Kreis von Damen wurde auch regelmäßig zum Kaffee entboten, welcher sich im wesentlichen ebenso abspielte, jedoch ohne Näharbeit. Wir haben das in viel späterer Zeit bis zum Kriegsausbruch 1939 noch so fortgesetzt, wobei auch unsere Kinder dann in die Erscheinung traten.

Eine weitere Wohltätigkeitseinrichtung, welche durch die rege Hand von Tante Agnes ins Leben gerufen worden war, bestand in der „Rhedaer Armenlotterie“. Die Ziehung gehörte zu den Großtagen von Rheda. Vorher war durch eifriges Sammeln in allen Kreisen eine große Anzahl von Gewinnen zusammengekommen. Meist waren sie traditionell, je nach der Branche des spendenden Geschäftes oder des Gebers. Ein Regulator und ein Korblehnstuhl wurden von meinem Vater gestiftet, unzählige Handarbeiten breiteten sich auf dem langen Tisch aus, an dem die Verlosung im Saale der „Eintracht“ stattfand. Dieser war dicht gefüllt mit erwartungsvollen Menschen, die alle ihr Los in der Hand hatten und genau auf die die Nummern ausrufenden Stimmen der Lehrer Kaiser oder Griese lauschten als gelte es, alle Schätze Arabiens zu gewinnen. Zwei kleine Kinder zogen die Zettel und der Kammersekretär Heller verglich die Los- und Geschenknummern. „Ein Christusstatü“ oder „ein Überhandtuch“ (wobei der Ton auf Hand lag) wurde da mit sonorer Stimme verkündet und ein Raunen ging durch den gedrängten Saal, wenn der Gewinner sich vordrängte, um das Seine in Empfang zu nehmen. Nicht selten waren das dann „Arme“, zu deren Gunsten die Lotterie stattfand, aber dieselben „Armen“ stifteten auch Preise, um nicht arm zu erscheinen. In jenen glücklichen Zeiten gab es bei uns eben keine wahre Armut.

An diesem Fest hatte ich regelmäßigen Anteil, ging auch meist als Gewinner davon und durfte auch einmal die Lose aus der Suppenterrine ziehen.

Mein Vater liebte es ungemein, mit den Honoratioren auf Engste zu verkehren, ja dieser Verkehr riss eigentlich niemals ab. Ihm war es nicht um die Pflicht der Repräsentation zu tun, welche die mehr oder weniger anregende Gesellschaft des kleinen Städtchens im Schloss vereinigte, wie es allerorten geschah, wo ein mediatisiertes Haus bestand. Er fand sein Behagen in diesem Kreis von Männern und man muss schon sagen, dass diese, entweder durch ihn erzogen oder aus sich selbst heraus etwas darstellten, so dass auch anspruchsvolle Gäste von auswärts, die mitmachen mussten, immer ganz beeindruckt waren. Handelte es sich doch nicht nur um Männer der gebildeten Stände, wie etwa um den Pastor loci, den Richter, den Arzt, sondern auch um mittlere Beamte, Kaufleute usw., eben die „Gesellschaft“, welche sich in einer kleinen Landstadt zusammenfindet.

Durch seine „Aufopferung“ (wie meine Mutter es nannte, die aber gar keine war, weil es ihn wirklich freute) hatte er allerdings eine Stellung, die ihresgleichen suchte. Allerdings beherrschte seine sprühende Lebendigkeit, sein lebhaftes politisches und sonstiges sehr mannigfaltiges Interesse diese Szene absolut und so glaube ich heute, dass ihm dieser Verkehr als ein Ausgleich notwendig war. Dabei befleißigte er sich stets der vornehmsten und — wie es mir als Halbwüchsigem schien – der übertriebensten Höflichkeit und niemals ist irgendeine Entgleisung seitens eines Neulings in diesem Kreise vorgekommen. Dazu war mein Vater eine zu beherrschende Persönlichkeit.

Besagte Geselligkeit lief nach strengen Regeln uhrwerkmäßig ab.

Der ruhende Pol zu allen Jahreszeiten war die „Eintracht“, welche sich in dem heutigen Gasthaus in der Langen Straße befand, das der Gesellschaft gehörte. Man kam hier gegen sieben Uhr in einem ungewöhnlich unbehaglichen Zimmer, das einem Schulraum ähnelte, zusammen und trank Bier. Um halb neun kehrte mein Vater, der jeden Donnerstag dort erschien, zum Essen heim. In den Wintermonaten wurde einmal in der Woche bei ihm Skat gespielt. Drei Herren im Bratenrock erschienen um acht Uhr abends und bald nach dem Essen setzten sie sich zum Spiel im Vorzimmer des Esszimmers nieder, das meist bis zwei oder drei Uhr ausgedehnt wurde. Dazu gab es das übliche bittere Langenberger Flaschenbier und zum Abschluss einen Cognac. In einer Pause erschien mein Vater dann bei uns, um Gute Nacht zu sagen. Stammgäste dabei waren Herr Grimm, der am Doktorsplatz eine Zigarrenfabrik betrieb, der Lehrer Herr Griese, Herr Josef Hagedorn, der Bürgermeister Schulte Mönting, der Amtsrichter Dr. Dasau oder auch der Gerichtsrat Palaeske aus Gütersloh. Die Herren wechselten sich turnusmäßig ab.

Sie sehr häufig, war einmal meine Fürstenauer Großmama lange bei uns und nahm natürlich auch an dem vorausgehenden Essen teil, sich lebhaft mit den Herren unterhaltend. Nach dem Essen wurde im Konzertzimmer „geständert“ wie sie das nannte. Plötzlich fiel ihr ein, sie müsse Herrn Griese etwas erzählen, aber Herr Griese, der soeben noch dort gestanden hatte, war weg. „Wo ist denn nur Herr Griese? “ Ein ostentatives Schweigen sollte sie auf den Grund seiner Abwesenheit diskret aufmerksam machen, aber sie war nun in Fahrt. „Aber wo ist denn Herr Griese? Das ist doch zu komisch, eben war er doch noch hier? Wissen Sie denn nicht, Herr Bürgermeister, wo Herr Griese ist? Thekla, hast Du denn gar nicht gemerkt, als er wegging? Wo ist er denn nur? “ Die Unterhaltung begann nervös um sie herumzuschwirren, jeder tat sein Bestes, aber sie merkte noch immer nichts. Da tat sich die Türe auf und der langvermisste Herr Griese erschien von der Großmama freudigst wie ein Wiedergeschenkter begrüßt „Aber wo waren Sie denn nur Herr Griese? “ Seine Versicherungen, er habe nur Luft schöpfen wollen und es sei ihm schlecht gewesen, halfen nichts, denn „es sei ihm doch noch nie schlecht geworden“ wie meine Großmutter eindringlich feststellte. Erst am späteren Abend, als die Herren schon spielten, konnte ihr der Sachverhalt aufgeklärt werden und sie pflegte später noch oft Tränen über sich selbst zu lachen.

Nach dem Fortgang von Lina wurde ich nach wie vor früh ins Bett gesteckt. Die Spielabende machten diese Prozedur noch früher nötig und ich stand dann in der Regel wieder auf, um in ungeheuren gestrickten „Puschen“, die mir einmal die Gräfin Schmising aus Tatenhausen mitgebracht hatte und die den Vorzug hatten, ganz lautloses Gehen zu ermöglichen, durchs Haus zu schleichen, ins Vorzimmer des Esszimmers, um den Gesprächen zu lauschen und in die Anrichte, um dort von den herausgetragenen Speisen zu naschen. Auch früh am Morgen war das ein beliebter Sport und ich gespensterte dann herum, um die Mädchen zu erschrecken, oder mit dem Ofenheizer Fisse die Öfen anzuzünden, was mir besonders gefiel, weil er dazu eine Laterne benötigte.

Das Sommerhalbjahr stand im Zeichen noch vermehrter geselliger Ereignisse. Die Spielabende fielen zwar weg und der Besuch der „Eintracht“ wurde zwangsläufig durch die Rehpirsch eingeschränkt. Dafür trat aber das Kegeln und Schießen in seine Rechte.

Mittwoch -und Sonntagnachmittags wurde unter den Platanen im Schlossgarten auf der Kegelbahn gekegelt, welche der Urgroßvater Emil Friedrich zu seinem Geburtstag 1811 geschenkt erhalten hatte, wie ein Stein besagt, der dort eingegraben ist. Bereits im Mai begann das Spiel und wurde bis in den Oktober fortgesetzt, wobei besonders konstruierte Lampen verwendet wurden, während die Bahn durch große Holzplanken geschützt wurde. Es war dann nicht immer gemütlich, wenn es stürmte und regnete, tat aber der Passion keinen Abbruch. Der Kreis der Herren war ungefähr der gleiche, wie beim Skat, nur einige traten neu hinzu, wie z. B. Dr. Müller, der Archivar, Herr Reinert, welcher ein schönes Haus gegenüber dem Amtsgericht bewohnte und eine Lohgerberei jenseits des Krökelteiches und der Ems auf dem Gelände neben dem Badehaus betrieb, sowie der Rentmeister Krietemeyer, der Postmeister Wollenweber, Lehrer Kaiser und andere, welche im Laufe der Jahre auch wechselten. Die Herren waren fast alles Originale und jeder hatte seine Eigenart beim Spiel, die mir noch heute lebendig vor Augen steht. Besonders hoffnungslos war der „Zis“, wie Dr. Müller in Abkürzung von „Narziß“ genannt wurde, beim Kegelsport. Er sah schlecht und hatte verkrüppelte Füße, war überhaupt schwächlich, so dass er die Kugel nicht bändigen konnte. Er liebte lediglich die Unterhaltung und nicht selten hat er seine Gäste, die ihn besuchten, stundenlang bearbeitet, so dass es Brauch wurde, sich durch einen Bekannten bei ihm abholen zu lassen. Seine Unterhaltung war nie langweilig oder töricht, er verfügte über ein großes Wissen auf vielen Gebieten, war aber nicht nur körperlich, sondern auch geistig verschroben. Regelmäßig platze er mit dem robusten alten Herrn Reinert zusammen, der ein Geschäftsmann und Mann der Tat war, welcher für die Müller’sche Art keinerlei Sinn besaß. Die anderen Herren widmeten sich zumeist dem Sport ganz ausschließlich und der Postmeister Wollenweber war bekannt dafür, dass er vor Aufregung zu schwitzen begann, wenn es um die Siegespalme ging.

Mit etwa fünfzehn Jahren wurde ich zu diesem Kollegium zugelassen und als junger Mensch brachte ich es zu einer erstaunlichen Fertigkeit, so dass ich als vollwertiger Partner begehrt war.

Das geschah also regelmäßig mittwochs und sonntags von vier bis acht Uhr, kaum unterbrochen durch die Sommerreise ins Bad nach Ems oder Sylt oder auch zur Guteborner Großmama; sonst pflegte mein Vater Rheda nicht zu verlassen. An jedem Freitag kam ein Schießnachmittag hinzu, der auf dem alten schönen Scheibenstand in Herzebrock in der Putz abgehalten wurde. Das hatte Onkel Casimir schon so gehalten, wovon es noch ein altes Bild mit den damaligen Schützenbrüdern gibt und mein Vater setzte die Tradition mit Vergnügen fort. In einem riesigen Break wurde hinausgefahren. Aus Rheda kamen die jeweiligen Richter mit, sowie Borgemann und der ehemalige Rechnungsrat Kaspersmeier, der nun in Bielefeld otium cum dignitate verband.

Niemals fehlte der Herzebrocker Amtmann, Freiherr von Elmendorff, ein pensionierter Hauptmann, der dieses Schießen nicht mehr als Sport, sondern schon mehr als Beruf auffasste. Hatte er einmal schlecht geschossen, was zuweilen vorkam, da er ein großer Potator war, dann verschrieb er sich ein „Nacheserzieren“ an einem anderen Nachmittag. Er war der Steinerne Gast und sprach selten ein Wort, wozu ihn freilich das dünne Bier, welches auch hier verzapft wurde, nicht anregen konnte.

Die Seele des Unternehmens waren eigentlich die Zwillingsbrüder Beilmann, zwei originell aussehende Kötter in blauer Bluse und schwarzer Schirmmütze, wie beides damals von den Bauern noch allgemein getragen wurde. Mit ihrem stereotypen breiten Lächeln auf den dunkelroten glattrasierten Gesichtern machten sie die Honneurs und sahen dabei sich so ähnlich, wie ein Ei dem anderen. Dann verschwanden sie, um die Scheibe zu bedienen, welche bei einem guten Schuss zwei Figuren hervorschnellen ließ. Die Ringzahl wurde durch winken mit dem Anzeiger bekannt gegeben.

Dann wurde nach einer laufenden Sau geschossen, welche, an einem Strick von ihnen gezogen, aus einer Fichtenkulisse hervorbrach, aber erst, wenn der Schütze sie durch den Ruf „Hussau“ angefordert hatte. Immerhin blieb der Schuss in der engen Schluppe, wo sie nur zu sehen war, noch schwierig genug. Als letzte Konkurrenz kamen die „Flattern“ dran. Diese waren sternförmig auf einer Stange aufmontierte Tontäfelchen nach Art unserer modernen Tontauben. Sie zu treffen war nicht ganz einfach, besonders kam es vor, dass aus Versehen oder durch einen Fehlschuss eine falsche Platter heruntergeflattert kam, was dann für den Schützen verhängnisvoll sein konnte. Ich erinnere mich, dass verdammt scharf geschossen wurde. Mein Vater war ein guter Schütze, vielfach nahmen auch Gäste teil, die die Büchse auch zu führen verstanden, Borgemann und Elmendorf waren nicht zu unterschätzen und Herr Josef Hagedorn war, damals noch in den besten Jahren, ebenso wie der Vorgänger Elmendorffs und jetzige Rhedaer Bürgermeister Schulte Mönting gefürchtete Gegner.

Als kleiner Junge wurde ich schon mitgenommen, wenn am späteren Nachmittag etwa die Damen herausfuhren, um zuzuschauen. Auch meine Mutter pflegte dann am Schießen teilzunehmen; sie besaß unwahrscheinlich gute Augen und eine sehr ruhige Hand, so dass sie nur höchst selten nicht dahin traf, wohin sie wollte. Ich wurde derweilen von den Beilmännern unterhalten, welche während des Flatterschießens dienstfrei ihre Pfeife auf einer Bank im Walde rauchten und mir prachtvolle geringelte Stöcke anfertigten. Nicht nur der Sport, sondern auch der Platz auf der Waldwiese waren herrlich, überhaupt habe ich diese Sportnachmittage immer sehr genossen, schon damals, als ich nur als Mundschenk und nicht als Konkurrent zugelassen war. Einmal jährlich stiftete ein alter Freund aus der Münchener Studienzeit meines Vaters in den siebziger und achtziger Jahren, der Eisenbahndirektionsrat Reisenegger aus München, ein Fässchen Hof bräu. Dann machte nicht nur mein Schenkamt mehr Spaß, sondern die Stimmung stieg auf den Höhepunkt; gewöhnlich wurde dieses Bier aber beim Kegeln verzapft und die Kegeljungen rumpelten dann mit dem ehemaligen Quensel’schen Aktenkarren nochmal so lustig vom Keller herunter zur Kegelbahn.

Über einen großen Teil des Jahres wurden außerdem noch offizielle Dinners verteilt, welche zumeist die wohlverdiente Belohnung für eine Gratulationscour zu Neujahr und zu den Geburtstagen der Eltern darstellten. Diese Couren hatten sich aus der souveränen Zeit erhalten und wurden in verkleinertem Maßstab bis in die jüngste Zeit noch beibehalten.

Meine Eltern hatten sich freilich durch ihre Gastfreiheit, wie man gesehen hat, geradezu ein Recht darauf erworben, denn begreiflicherweise wünschten die Damen und Herren der Gesellschaft bei ihrem intensiven Verkehr auf dem Schloss auch ein Übrigen zu tun. Die Couren zur Zeit meiner Eltern waren durchaus höfischer Art.

Die Herren im Frack, weißen Handschuhen und Zylinder, die Damen im guten Schwarzseidenen kamen herein, brachten ihre Glückwünsche dar, wurden in aller Form angecerkelt und verschwanden gleich einer Prozession wie sie gekommen waren, ohne sich niedergelassen zu haben.

Das gleiche galt von den zermoniösen Dinners, bei denen hernach die, welche es noch nicht konnten, das Stehen erlernen konnten, worin man es bei uns zu großer Perfektion bringen konnte. Ich habe diesen selten gewordenen Brauch dann etwas modernisiert, indem ich die Gratulanten zum Niedersitzen einlud und der Frack wurde allmählich durch eine passendere Tageskleidung ersetzt.

Was war es für eine schöne harmlose Zeit. Es wird vielleicht begreiflich werden, wenn man mit solchen Erinnerungen lieber in der Vergangenheit sich bewegt, als in einer Zeit der Gleichmacherei und allgemeinen Öde, welche niemandem nützt, wohl aber viel schöne Tradition und Behagen zerstört hat. Wohl war solch ein kleines Höfchen, das nicht mal ein richtiges echtes mehr war, ein „Zaunkönigtum“, wie man heute spöttisch sagt. Aber in diesem Milieu sah man nur frohe Gesichter; das war der Unterschied gegen eine spätere Zeit, wo das „Erwachen“ gekommen war. Es hat schon einmal solch ein „Erwachen“ gegeben; im Paradies, und war auch kein Segen .

Der geschilderte Jahresablauf erfuhr aber auch gewisse Variationen durch die sommerlichen Gäste, welche wie die Schwalben fast jedes Jahr wiederkehrten.

Zu den ältesten Erinnerungen überhaupt gehört der erste Besuch von Onkel Karl und Tante Gritty nach ihrer Heirat. Ich war damals drei Jahre alt und es erscheint fast unglaublich, sich in diesem Alter noch an Einzelheiten erinnern zu können, so dass ich annehme, die Szene, die mir so lebhaft vor Augen steht, habe sich ereignet bei der Rückkehr der Eltern von der Italienreise oder ihrer Fahrt nach England, Reisen, die sie mit den Schwarzburgern gemeinsam unternahmen. Vielleicht ist mir die Ankunft von Onkel Karls nur deshalb so lebendig, weil ich davon oft erzählen hörte und sie ja auch jedes Jahr kamen. Ich sehe mich im „Lemgoer Wagen“ einem offenen Viersitzer, die heutige Chaussee nach Gütersloh hinausfahren, die damals noch ein zweigleisiger, tiefer Sandweg war, an dessen Seiten hohe Birken standen. Wir begegneten den Wagen, der die Gäste abholte und ich spräche ungeniert mein „Herzlich willkommen“, was mir eingelernt war; auf der Heimfahrt saß ich zwischen dem neugebackenen Ehepaar. Die neue Tante gefiel mir besonders gut, weil sie so zierlich und unendlich appetitlich war, stets lustige Augen hatte und mir — vor allem später — stets etwas mitbrachte.

Zu den Stammgästen gehörten regelmäßig Onkel Eduard Salm’s mit den Töchtern Luise und Marga, die oft wochenlang blieben, besonders dann, als der Onkel seine Garnison Münster mit Berlin vertauscht hatte. Marga störte mich, weil sie mich immer küssen wollte.

Onkel Arthur Erbach’s mit den Söhnen Konrad, Eberhard und Alexander gehörten auch dazu und mit Onkel Arthur hatten die Erwachsenen meist viel Spaß, denn er war gescheut und dabei originell, wozu seine unverfälschte Odenwälder Mundart nicht das wenigste beitrug. Die „Buwe“ taten nicht immer gut, wie schon geschildert wurde, für mich waren sie aber begehrte Spielkameraden, obgleich keiner eigentlich zu meinem Alter passte. Auch Tante Kuni Reck erinnere ich mich in seltenen Fällen von Gütersloh kommend. Diese Gäste wurden sofort, jeder nach seiner Weise, in den Mahlgang der Rhedaer Geselligkeit hineingestoßen und mussten die Damenkaffees, das Kegeln und Schießen mitmachen. In späterer Zeit trat Hermann Schönburg hinzu. Die Fürstenauer Großmama und Tante Emma können in diesem Zusammenhang kaum Erwähnung finden, denn sie gehörten mehr oder weniger ganz zum Haus und waren vielfach viele Monate in Rheda, besonders vor der Heirat Tante Emmas, als die Großmama noch keine Verpflichtung gegen weitere Enkel hatte. Ein Sondervergnügen, zu dem die Oma gewöhnlich anregte, waren die Gänge zu dem Hof von Maßmann an der Gelder Chaussee, der eine ausgezeichnete Gartenwirtschaft betrieb. In der Regel wurde hingefahren und zurück durch den Wald, beim Bauer Stork vorbei, durch den Hambusch und über die Kuhweide der reizende Weg benutzt. Damals war die Kuhweide als solche noch in Betrieb, weitläufig gepflanzte, etwa fünfzigjährige Eichen beschatteten den Weg und der Hirte mit seinem Hörn bewachte die Herde der Ackerbürger. Tutend, wie ein Feuerwehrmann, hielt er oft mit uns seinen Einzug im Städtchen und es war lustig zu sehen, wie die Kühe, an der alten Fehmlinde am Wiedenbrücker Tor anfangend, in den Seitensträßchen selbständig verschwanden, wo sich ihnen auf den Hornruf die Ställe auftaten. Um sechs Uhr in der Frühe habe ich oft diese Musik zum Ausmarsch der Herde gehört. Bei Maßmann gab es ländliche Genüsse ausgezeichneter Qualität und ein Kinderkarussell, das man selbst drehen konnte. Konrad verschwand dann sachverständig in den Ställen, um sich mit dem taubstummen Knecht über das Vieh zu verständigen. Dabei hat er sich sehr unbeliebt bei Frau Maßmann gemacht, indem er durch Öffnen des Schweinestalles rittlings verkehrt auf eine der Hauptsauen zu sitzen kam und mit ihr im Hof herumjagte. „Chutchut — das Swein, das Swein man herein!“ jagte nun die dicke Maßmannsche ihrerseits zur allgemeinen größten Freude hinter den beiden her.

Zumeist wenn meine Mutter verreist war, was häufiger geschah, ging ich gegen Abend zu Lewekes, wohin ein direkter Weg über den „Lehmannswall“ (so geheißen nach dem Major Lehmann, der ihn in Benutzung hatte) durch ein besonderes Pförtchen in Linas Garten führte. Lina war gegen Abend immer in ihrer winzigen Kochstube zu treffen, wo sie gute Sachen, wie Kartoffelpuffer, Pickert oder Speckpfannekuchen fabrizierte; dazu half ich ihr stets und meine so erworbenen Kenntnisse und Grundbegriffe sind mir später sehr zustatten gekommen. Die Stube vor dem Kochraum war öde eingerichtet und entbehrte jede bürgerliche Gemütlichkeit. Hier wurde gegessen und der Mann besorgte seine Schreibarbeiten darin. In der Mitte ruhte sie auf einem Holzpfeiler. Lina klopfte dann gewöhnlich daran und wie auf das Zeichen der Negertrommel erschien dann der Hausherr, mich zu begrüßen. Er war Zigarrenfabrikant und arbeitete immer selbst in blauer Schürze und eine schwarze Mütze auf mit den Arbeitern mit. Mir schenkte er gewöhnlich Bilder, welche man auf die Zigarrenkisten aufklebt.

Lina wusste immer etwas zu erzählen. Aus alten Zeiten, da ihr Vater noch das Rumpeln der durch Herzebrock ziehenden Kosakenwagen gehört hatte, die aber Rheda nicht berührten, von den Rhedaer Webern, denen die Asthoffs auch angehörten, von der einfachen Art des Webens, dem großen Betrieb auf der Bleiche, den weiten Überlandgängen der Weber zum Absetzen ihrer Erzeugnisse, von einem ihrer Vorfahren, der wöchentlich einmal nach Hohenlimburg als Fürstlicher Bote marschierte, wozu 8 Tage benötigt wurden, Geschichten aus meiner Kindheit und als Sonderzugabe, wie man ihrem Vater das Bein abgeschnitten hatte, das dann, mit einem Tuch bedeckt, in der Ecke gestanden hatte. Die Geschichten waren unerschöpflich und die kleine Stube, der summende Herd mit der stinkenden Petroleumfunzel darüber taten das ihre dazu, diese Stunden zu den behaglichsten zu machen. Ich habe die Besuche bis zu ihrem Tode 1913 fortgesetzt, worauf sie stolz war, während ich es nicht tat, um sie zu ehren, sondern weil mir etwas gefehlt hätte; seit die gute Alte tot ist, fehlt mir immer etwas — das persönlichste Interesse, wie es eben nur eine Mutter oder alte Kinderfrau hat.

Mein Jugendtraumland der neunziger Jahre bis zu meinem Abgang zum Gymnasium nach Gütersloh war wohl einzig in seiner Art. Die Meisten werden das behaupten, ich aber vielleicht mit mehr Recht, denn dieser Lebensabschnitt fiel in die schönsten Jahre in Deutschland, außer meinen Eltern war ich von vielen lieben Menschen umgeben und ich war der Einzige, auf den sie alle Liebe konzentrieren mussten. Selbst meine Rudolstädter Großmama, zu der ich außer der Furcht vor ihr kein Verhältnis hatte, tat das in ihrer dürren Weise in vollstem Maße. Sie konnte infolge der Gicht schon nicht mehr gehen und wurde im Rollstuhl gefahren; mein Vater hatte ihr zum Besteigen des Kutschwagens sogar eine Treppe bauen lassen müssen und wenn sie im Haus über eine Treppe musste, wurde sie von zwei Dienern auf einem Stuhl getragen. Da war es wohl schwer, sich mit einem kleinen Jungen zu beschäftigen. Aber ihre Tochter, Tante Elly, und deren Gesellschafterin, Fräulein Pichon, taten es mit um so größerem Erfolg. Doch das spielte sich stets in Guteborn ab, wo wir den Sommer einen Monat zubrachten; dort wohnte auch Onkel Karl und Tante Gritty damals ganz nah. Diese Besuche habe ich immer sehr genossen, sie zu schildern würde den Rahmen dieser Blätter aber überschreiten.

Da ich der Einzige geblieben war, musste für Spielgefährten gesorgt werden und die Kinder der Angestellten hatten dazu das erste Anrecht.

Heinrich Dahm und die drei Jungen vom Gärtner Poppe waren der festbegründete Stamm, der immer zur Hand war. Später trat Wilhelm Schulte Mönting hinzu, mit dem ich von den Hauslehrern unterrichtet wurde. Nach Bedarf und Neigung — denn sie waren schon etwas älter — kamen auch manchmal Wilhelm Ciass-mann, der Sohn des Bleichenpächters am Steinweg, Ernst Grimm, der Sohn des erwähnten Skatspielers, der später ganz nach Japan ging und Heinz Wilkhaus. Auch an die Schengbergs aus der Pfarre erinnere ich mich dunkel, sie mochten wohl viel älter sein. Zuweilen erschienen von Dortmund die Enkel von Borgemann, die Zwillinge Stade. Da gab es dann Schokolade.

Im Sommer spielten wir richtige Jungenspiele, wie Räuber und Gendarm, Bäumchen verwechseln, Soldaten usw. Meine Fürstenauer Großmama hatte dazu eine soldatische Ausrüstung gestiftet mit Gewehren, deren Kammern sich öffnen ließen, Mützen und Patronentaschen, Zelten und einer Kanone, welche auf zwei Meter eine Holzkugel ausspie und auf der die Kanoniere sitzen konnten. Natürlich besaß ich auch eine Husarenpelzmütze, Säbel und Pappbrust, ebenso wie dieselbe Ausrüstung als Ulan; das gehörte jedoch einer früheren Periode an. Jetzt wurde die Sache unter der Aegide von Kandidat Hachtmann, der ein verfehlter Theologe und begeisterter Soldat war, sachgemäß betrieben. Zuweilen exerzierte die kleine Kompanie vor, mein Vater strahlte. Im Fichtenbusch gab es noch eine Dickung. Dort wurde das Lager aufgeschlagen und die Kanone in Stellung gebracht, während Posten überallhin sicherten. Konrad Erbach liebte es — als Achtzehn- bis Neunzehnjähriger — den General zu spielen, zu überraschenden Besichtigungen in grotesken Sätzen angesprengt zu kommen, Orden zu verleihen, oder auch sehr grob zu werden. Es war eine Fundgrube unerschöpflicher neuer Ideen und „militärischer Lagen“. Damals wurde unser „Militarismus“ auch noch von niemand als „Fluchwürdig“ bezeichnet, es war die Zeit des Burenkrieges und der Chinaexpeditin, das Wort von Marschall Seymour „The Germans to the front“ war in aller Munde und ich begann als Zehn- bis Zwölfjähriger schon alles zu tun, um die Schulzeit zu überwinden (freilich zuweilen mit wechselndem Kriegsglück), um nur recht bald Soldat werden zu können. Damals wollte ich „bei die Paderbörner“, Husaren nämlich, später hatten die Münster’schen Kürassiere infolge ihrer häufigen Einquartierung den Vorrang und niemand dachte daran, dass die Potsdamer Husaren später einmal das Rennen machen würden.

Es mag dahingestellt bleiben, ob das Spiel im Haus nach eingetretener Dunkelheit nicht vielleicht noch schöner war. Dazu gehörte freilich meine Oma.

Niemand, der es nicht selbst gefühlt hat, kann die zitternde Erwartung nachempfinden, mit welcher jeder Glockenschlag der Lippstädter Kleinbahn auf dem einsamen Wiedenbrücker Bahnhof von weit her belauscht wurde, bis das prustende Bähnchen in Sicht kam und bis die liebe Gestalt am beleuchteten Fenster erschien, um im Triumph in den Wagen gebracht zu werden. Das war Advent, dessen heutige Feier damals noch nicht allgemein bekannt war, das war Weihnachten, das war die goldene Zeit des Jahres. Mit ihr zogen die Spiele in meinem Kinderzimmer und später ins Weihnachtszimmer ein. Da wurde „Guts“ gespielt. Einige Pfeffernüsse oder Pralinen wurden auf den Tisch gelegt, einer musste sich umdrehen, während die Gesellschaft eins der Stücke bezeichnete. Nun konnte der, welcher das nicht mit hatte ansehen dürfen, anfangen abzuräumen, bis diese Tätigkeit durch das allgemeine gellende Geschrei „Guts“ jählings unterbrochen wurde. Wie ein elektrischer Schlag fuhr einem das durchs Gebein.

Auch ein Bilderlotto war sehr beliebt mit der „Muhkuh“ und Hähnchen, Eseln und anderen Getier. Oder Menschendenken. Immer war der Pompadour der Oma unerschöpflich an kleinen Preisen aus Süßigkeiten. Spielen ist mir mein Leben lang als die primitivste Art der Unterhaltung und als geistige Armut erschienen; diese großmütterlichen Spiele jedoch spielte ich mit Leidenschaft. Längst erwachsen spielte ich mit ihr in der Weihnachtszeit ein Kartenspiel „Schellibelli“ oder „Weli“ genannt. Das Spiel ist mir völlig entfallen, nicht aber das hohe Vergnügen, mit ihr spielen zu dürfen, denn sie geriet alsbald in Extase und war dann urkomisch.

Nicht nur in der Weihnachtszeit, wo meist ein reicher Büchersegen niederging, sondern lange vor- und nachher wurde vorgelesen. Lina tat das zwar auch, obgleich sie gar kein Talent dazu hatte, aber die alten Kinderbücher und Grimms Märchen höre ich noch heute Wort für Wort in ihrer Stimme, wenn ich sie anschaue. Da war die Oma anders; sie las mit Ausdruck und vor allem unermüdlich bis zu anderthalb Stunden und mit ihr — gerade wie mit Lina — sind für mich gewisse Bücher unlöslich verbunden. Derweilen trieb ich irgendeine Handarbeit. Zuerst zeichnete und malte ich, wozu mich Tante Emma früh angeleitet hatte und höchst freigebig mit Material die „Kunst“ unterstützte. Dabei blieb es ihrerseits jedoch nicht, sie musste auch häufig die ermüdete Oma ablösen und erzählen; sie hat mir die Haufschen und Andersen’schen Märchen liebgemacht und scheute auch ganz langen, welche einem stets vorenthalten wurden, die „Galoschen des Glücks“ und den „Müller Radlauf“ keineswegs. Später verpestete ich dann die Reck’sche Stube mit meiner Brandmalerei, welche um Weihnachten zu einem Gewerbebetrieb auszuarten drohte und alle nur denkbaren Menschen mit kleinen Scheußlichkeiten überschüttete.

Ganz schrecklich war dafür dann aber auch die Abreise und ich weiß, dass „der Menschheit ganzer Jammer mich anfasste“, wenn ich an meinem Fenster stand und den Wagen an „Potts Scheune“, die man damals noch gut sehen konnte, nach Wiedenbrück oder Lippstadt abrollen sah. Ganz verloren habe ich dann wohl am Bosqueteingang gestanden und „Oooomaa….“ hineingerufen. Das war das erste kindliche Weh.

Um diese Jahreszeit war der Eidthagen beiderseits der Ems immer unter Wasser gesetzt und fror auch meistens für eine Woche zu.

Das waren dann schöne Tage für Rheda und Umgegend, denn die weite Eisfläche, welche bis Wiedenbrück reichte, lud die Leute ein und wenn sie aus Bielefeld kommen mussten.

Man sah unwahrscheinliche Gestalten auf Schlittschuhen. Herr Kaiser verschmähte es keineswegs, seine einfache Kunst zu produzieren; er lief im langen Mantel mit dem typischen schwarzen Hut auf daher, als habe er einen Ladestock verschluckt. Aber auch die Gesellschaft war auf dem Eis. Man sah die jungen Damen Grimm, die sehr hübschen Poppenburgmädchen, die ältlichen Fräulein Niemann — damals waren sie wohl noch leidlich jung, es merkte nur niemand — und die junge Herrenwelt, die natürlich ständig gewechselt hat. Es wurden Spiele gemacht und alle beteiligten sich daran. Derweilen fanden erbitterte Kämpfe unter den Rhedaer und Wiedenbrücker Jungens statt, welche unter dem unerklärlichen Feldgeschrei „Püle, Püle!“ ausgetragen wurden und zweifellos ihren Ursprung in den verschiedenen Territorien beider Städtchen hatten.

Einmal hatte die neu gepflanzte Lindenallee am Fasanenwäldchen daran glauben müssen, welche vielleicht als Kampfmittel den Streitenden gedient hatte; da es nicht zu ermitteln war, war auch dieser Traum ausgeträumt, wie so vieles Schöne und seither wurde gesorgt, dass während der Frostgefahr kein Wasser auf den Wiesen war.

Mit etwa vierzehn Jahren durfte ich zum ersten Mal mit an einer großen Treibjagd teilnehmen, welche fast immer ganz kurz vor Weihnachten auf den damals noch fast ganz unbebauten Rhedaer Stadtfeld abgehalten wurde. Als kleiner Junge konnte ich von meinem Fenster die Treiberkette mit ihren Klappern über den Eidthagen avancieren sehen; nun war ich selbst mit dabei. Von Gütersloh kommend, mit Ferien und einem Zeugnis ausgerüstet, eilte ich in unglaublich kurzer Zeit gleich von der Schule nach Haus, wo ich von meiner Mutter mit Kleidung bis zur Unkenntlichkeit und vor allem Unbeweglichkeit ausgerüstet wurde. So hetzte ich dann hinaus und es fragt sich nur, ob das nicht vielleicht die allerschönste Weihnachtslust war, schöner noch, als der riesige Baum mit den altbekannten gemütlichen Dingen daran, den Ketten, Kugeln, Zuckerbrezeln, die ich während seiner Zurüstung in meiner Mutter Salon mit Fäden versehen musste und des Ludwig Richterschen Transparentes davor. Freilich waren die Tische auch nicht zu verachten und hatte früher ein Milchwagen mit richtigen Kannen und ein Bahnhof mit dazu gehöriger Eisenbahn darauf gestanden, so lag da nun ein einläufiges Gewehr, später eine richtige Doppelflinte, Jagdtasche, Muff, hohe Gummistiefel, die mir nicht passten, aber doch mein Traum gewesen waren sowie andere weidmännische Dinge.

Nach dem Fest wurde im Fasanenwäldchen gejagt und dann an den „Christinenteichen“, d. h. das Feld westlich von Herzebrock. Dabei erhielt ich immer den besten Platz und wurde regelmäßig Jagdkönig . Am Scheibenstand in Herzebrock am Wasserloch schoss ich dann auch im selben Jahr meinen ersten Bock unter Leitung meines Vaters, der darob viel stolzer war, als wenn ich zwei Klassen übersprungen hätte. Das alles konnte nur beim alten Löhrke vor sich gehen.

Unvergänglich mit der Weihnachtszeit sind auch meine Fahrten verbunden, welche ich stets zu unternehmen hatte, um die Geschenke meiner Eltern am Morgen des Heiligabend in die Hände der glücklichen Empfänger zu bringen.

Meine Mutter machte sich eine wochenlange Mühe damit, für die Kinder der Angestellten Geschenke zu kaufen, die zu voluminösen Paketen zusammengepackt wurden und die ich dann auszutragen hatte, zuerst mit Lina, später dann allein. Dabei kam ich mir wie ein Weihnachtsengel vor. Zunächst wurden die Männer im Haus aufgesucht, der Koch, die Diener in ihren Familienwohnungen, ebenso die Kutscher. Mein Vater gab von der Firma Leweke noch eine Kiste Zigarren dazu und Geld, meine Mutter Spielsachen für die kleineren Kinder oder Kleidung und Wäsche. Bei Schnee, der immer sehnsüchtig erwartet wurde und in jener Zeit wohl auch häufiger war, wurde mit dem roten zweisitzigen Schlitten gefahren, sonst mit dem blauen Wagen. Waren die Angestellten bedacht, ging es hinaus in den Gaukenbrink, wo alljährlich Lohmanns mit ihren vielen Kindern und auch Hesses beschert wurde.

Auch an den offiziellen Feiern im Krankenhaus, damals noch am Fasanenwäldchen in dem Haus, welches später der Kammerdirektor Krietemeyer bewohnte, wobei der Schneider Mense und Frau Heinrichs die Honneurs zu machen pflegten oder in der Kinderschule an derselben Stelle, wie heute, aber noch im alten Haus mit seinem riesigen Saal, nahm ich teil. Einmal überreichte mir dabei die Lehrerin, Fräulein Weber, ein Pferdegeschirr aus rotem Stoff und roten Leinen mit Glöckchen daran, das mir die Kinder auf ihre Frage, wer das wohl erhalten solle, einstimmig mit dem gellenden Ruf „Für den kleinen Prinzen“ überreichten. Leider kam ich nicht ganz in den Genuss dieser Überraschung, weil die Kinder mich klein genannt hatten, was Kinder bekanntlich nicht sein wollen.

In späteren Jahren wurde ich auch bei der Bescherung der Mädchen in ihrem Aufenthaltsraum neben der Waschküche zugezogen, denen unter Gesang eines Weihnachtsliedes unter dem Weihnachtsbaum beschert wurde, wie es später in ihrem Esszimmer geschah.

Und dann war der große Augenblick gekommen.

Mein Vater war schon den ganzen Nachmittag mit dem Christkind beschäftigt und nicht sichtbar, die gemütliche Teemahlzeit hatte jeglichen Reiz verloren, ich musste außerdem dauernd „verschwinden“ und dabei steigerte sich die Aufregung der Großmama zusehends, die gewöhnlich über die „Hunderttausend Knöpf “ schimpfte, welche in letzter Sekunde zu öffnen und zu schließen waren.

Von weit her, aus dem Billardzimmer, aus der Kalten Stube, aus dem Eckzimmer tönte dann endlich, endlich das wohlbekannte dünne Stimmchen der Glocke. Seitdem habe ich manches Jahr, mit und ohne eigene Kinder, dieses Glöckchen in Bewegung gesetzt, vom Saal her, vom Balkonzimmer, vom Kaminzimmer neben dem Konzertzimmer, von diesem aus oder auch von meiner Stube. Es blieb die Weihnachtsglocke mit ihrem ganzen deutschen Charme, sie klang heimlich und vergnügt, wehmütig in Erinnerung an die Vielen, die sie nun nicht mehr hörten, bezaubernd im Hinblick auf die staunenden Augen der eigenen Kinder. So wie damals hat sie nie mehr geklungen, „0 du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit“.

Zu Ostern „kam der Osterhase“. Er erschien immer im Garten und dazu waren die Kutscher- und Dienerkinder geladen. Die Buchseinfassungen der langen Beete sahen aus, als blühten die ersten Krokusse darin; das Versteck war einfach, aber auch die Findigkeit nicht allzu groß. Das Geheimnisvolle um den Osterhasen wurde streng gewahrt und doch sprach meine Mutter oft davon, wer denn dies Jahr den „Hasen finden“ müsse. Einmal habe ich ihn auch „gefunden“ und könnte noch heute die Stelle bezeichnen; es war ein sehr stattlicher Hase, der dann auf meiner Kommode sein Quartier aufschlug und dort gewiss zehn Jahre gestanden hat. Es wird berichtet, dass ich diese sonderbare Naturerscheinung in der Säugetierwelt schon zeitig in Zweifel gezogen habe durch den Appell an meine Mutter „Das muss aber wohl ein kranker Hase gewesen sein, der die Eier gelegt hat“.

Im weiteren Ablauf des Jahres kamen dann das Schützenfest und bald danach das Kriegerfest. Sie sind im wesentlichen bis zur allgemeinen Umwälzung und „Gleichschaltung“ des Jahres 1933 unverändert geblieben, ja auch dieses Jahr vermochte an der uralten Tradition des Aufmarsches und der Parade auf dem Schlosshof nichts zu ändern. Das war althergebracht und Kommunisten und Sozialisten aller Färbungen ließen an diesem Tage alle Glaubensartikel hinter sich und marschierten im strammen Schritt vorbei. Für die drei Freibiermarken pro Mann können sie es unmöglich getan haben.

Es war von hohem Reiz nicht nur für mich kleinen Kerl, sondern auch später noch und ebenso für zufällig anwesende fremde Gäste, wenn vom Städtchen her der dumpfe Paukenschlag immer näher rückte, die Musik allmählich zu hören war und dann der Schellenbaumträger in das Schlosstor einbog. Gewöhnlich waren einige Herren der Stadt zum vorausgehenden Essen geladen, der Bürgermeister, Herr Reinert als alter Schützenmajor, Dr. Müller, wie allsonntäglich und vielleicht der jeweilige Amtsrichter. Ein langer Heerwurm in weißen Hosen, schwarzen Schoßröcken, einen Zylinder mit schwarzweißrotem Band auf dem Kopf, ein Holzgewehr mit Fliederstrauß auf der Schulter, so rückte es heran und wand sich in mehr kunstvollen, als militärisch einwandfreien Figuren in den Schlosshof, wo sich das Batallion in Parade aufstellte, die Fahne vor seiner Mitte mit zwei schneidigen Fahnenoffizieren zur Seite, welche Frack und Schärpe nebst einem Säbel als Rangabzeichen trugen. Damals kannte man in dem kleinen Nest von 3.000 Einwohnern natürlich jeden und hierin lag der Hauptreiz.

Der Schützenoberst, welcher sich zum Aufstellen der Parade erst einmal ordentlich heiser geschrien hatte — es war Jahrzehnte Herr Josef Hagedorn, später dann Stuchtey, schritt mit strenger Miene und gezücktem Schwert zunächst die Front ab, indem er mit der Waffe jeden in den Bauch zu stechen drohte, der die schwierige Aufstellung in Linie zu stören drohte. Dann schritt er auf die Freitreppe zu, wo nun alles versammelt stand und meldete „untertänigst das Rhedaer Schützenbatallion mit 180 Mann zur Parade angetreten“. Die Schlosssoldaten, welche ihren großen Tag hatten, umkreisten die schaulustige Menge wie Schäferhunde, während mir die Augen aus dem Kopf quollen vor Erwartung; ich wollte doch Leweke sehen und alle die Bekannten und Freunde, außerdem musste ich nötig „verschwinden“. Tüi dadara bumtata setzten die Spielleute ein, aus der Ecke der Dienerstube vorrückend , um sich vor uns aufzustellen, nicht ohne dass häufig der Tambourmajor mit seinem Stock die noch stehende Parade durchbrach und in Unordnung brachte. Er war ein alter Tambour und somit vollkommen in seinem Recht, nur die Schützen waren auf dem dreieckigen engen Platz nicht so leicht zu manövrieren wie ein preußisches Batallion Garde. Aber schließlich gelang doch alles prachtvoll und zur allgemeinen Zufriedenheit, wenn auch mehr „nach Zeichen“, als „Auf Kommando“ exerziert wurde, weil das jeder verstand.

Das Kriegerfest verlief eigentlich ebenso, nur dass die weißen Hosen durch schwarze ersetzt waren und die Gewehre zu Hause blieben. Ich dagegen hatte Gala angelegt und stand wie ein Posten in meiner Husarenoder Ulanenbrust, zuweilen mit dem Säbel rechts, weil Lina vom Militarismus nichts mehr wissen wollte, da ihr Bräutigam 1870 nicht wiedergekommen war, auf der Treppe. Meist war der Reiz auch durch eine echte Militärkapelle sehr erhöht und jedenfalls flogen die Beine erheblich höher, als bei den Schützen, obgleich diese und die Krieger in Personalunion verbunden waren. Am Nachmittag ging ich mit den Eltern und Lina auf den Wert und fuhr bis zur Erschlaffung Karussell; Rummelplatzaufmachungen kannte man damals noch nicht. Leider wurde die Teilnahme an den Kinderbelustigungen nie gestattet. Ich musste zusehen, wenn meine Freunde auf die Futterschwinge sprangen, dass der Wassernapf hoch durch die Luft und in die jauchzende Menge flog oder wenn sie einen Groschen aus einem Mehleimer mit dem Munde herausholten usw.

Das waren Feste wahrer und nicht nur vorgetäuschter und erzwungener Volksgemeinschaft. Einmal hat Rheda sogar seinen Fastnachtszug gehabt, der natürlich auch über den Schlosshof zog. Der Schneider Lewe warf von einem hohen Rollwagen auf welchem allerlei phantastische Gestalten standen, deren Sinn nicht recht zu erraten war, zum größten Gaudium Würstchen unter die Menge, deren Inhalt sich als Pferdemist herausstellte. Das Ganze zog aber nicht sehr, denn es war eine „katholische“ Angelegenheit und Rheda war damals weit überwiegend evangelisch. Lina schätzte den Mfrnmenschanz überhaupt nicht, weil sie wegen meiner lebhaften Phantasie mit Recht für ihre Nachtruhe fürchtete und als ich einmal mit nach Münster fuhr, um den dortigen Zug zu sehen, gab sie mir den Wunsch auf den Weg, mit „Wenn er man nichts sieht“. Freilich, die Verkleidungen, welche meine Mutter mir alljährlich selbst anfertigte als Schornsteinfeger, als Clown, als Page, als Mohr, einmal sogar als „Herr im Frack“, die hatte sie nicht zu beanstanden.

Auch an die fünfundzwanzigjährige Wiederkehr des Sieges von Sedan erinnere ich mich noch dunkel. Dazu war auch die Jugend in einem Festzuge aufgeboten und ich sehe mich mit schwarzweißrotem Fähnchen in weißem Matrosenanzug mit langen Hosen sehr wider Willen in den langen Zug von Lina am Doktorsplatz eingereiht. Ich sah solchen Festen viel lieber von unserer Freitreppe aus zu und weiß auch nicht mehr, wie der Tag sich weiter gestaltete. Wohl aber klingen mir die drei Böllerschüsse aus der Gegend des Friedhofes noch im Ohr, die sich in aller Frühe alle halbe Stunden wiederholten als Zeichen höchster Rhedaer Festfreude, wie sonst nur noch an Kaisers Geburtstag am 27. Januar.

Waren dies auch festliche Begebenheiten, welche von mir und den Rhedaern keineswegs gering geachtet wurden, so nahmen sie doch einen mehr untergeordneten Rang ein. Ein stets besonders großer Festtag war dagegen mein Geburtstag.

Wenn möglich war dazu die Oma anwesend und wusste besonders dem Vorabend immer eine besondere Weihe zu geben. Einmal hatte sie eine Menge Lampions in allen Farben und Formen beschafft. Diese wurden vom „Bird“ — Vogelsang wurde seit seiner englischen Reise, welche er als Marschall mitgemacht hatte, im intimen Kreise nur noch „Birdsong“ genannt — zwischen den alten Linden am Bibliotheksturm aufgehängt. Ich durfte an dem Abend mitessen und als es dunkelte zog man unter die Linden und sah dort die schöne Überraschung, welche sich in der Juninacht ganz prächtig machte. Aber damit nicht genug: meine Großmutter machte sich hinter den Bäumen zu tun und plötzlich flammte bengalisches Feuer auf, Sonnenräder drehten sich und Raketen stiegen über den Wiesen zum Sternenhimmel auf. In das Staunen dröhnte plötzlich ein solenner Kanonenschlag gefolgt von Gewehrfeuer. Kaum verstummt prasselten Frösche unter die Zuschauer und brachten durch ihre unerwarteten Sprünge Unruhe in die bereits erschütterten Reihen. Der alte Pator Bodin, einst Hauslehrer meines Vaters, welcher die Behaglichkeit, gutes Essen und ein Spielchen liebte, fuhr von seinem Stuhl auf, unter dem sich im Schütze seiner langen Schöße ein Frosch entzündet hatte und eilte spornstreichs ins schützende Haus. Da aber strahlte eine riesige Sonne versöhnend auf das Schlachtfeld und bildete den Abschluss dieser reizenden Überraschung. Die Lampions fanden noch öfter Verwendung, wenn meine Eltern von einer Reise heimkehrten; dann wurden sie im kleinen Treppenhaus und etwa auf dem steinernen Gang erneut aufgehängt. Nicht immer verlief der Vorabend so harmonisch.

Ich aß mit Leidenschaft gern Käse, was mir jedoch wegen meiner Ausschlagneigung verboten war. Die Oma hatte jedoch an einem solchen Abend eine Ausnahme zu erwirken gewusst. Die ungewöhnte Speise oder ihre allzu große Quantität brachte jedoch alsbald derartige Explosionen hervor, dass diese Freude in Leid verwandelt wurde.

Und dann begann der mit großer Freude erwartete Tag. Diese Freude war auch wirklich gerechtfertigt, denn ich konnte mich damals über mein Dasein nur freuen, denn wem ging es wohl so gut, wie mir und wer wurde wohl mit so viel Liebe umgeben und mit so herrlichen Geschenken bedacht, wie ich. Der Geburtstagstisch aller Familienmitglieder befand sich stets im Schreibzimmer meiner Mutter. Er war stets voll bepackt, woran die beiden Großmütter ihren beträchtlichen Anteil hatten. Die Fürstenauer ist mir immer wie ein Krösus vorgekommen, denn sie schenkte alles, was meine Eltern abgelehnt hatten, weil es ihnen nicht praktisch erschien und wozu immer die Begründung „zu teuer“ herhalten musste. Aber auch die Rudolstädter war sehr großzügig, besonders in der Lieferung aller erdenklichen Spiele und Baukästen aller Sorten.

Ich erinnere mich aber besonders, dass dieser Tag besonders dazu angetan war, mir Spiele zu bescheren, die im Freien benutzt und benötigt wurden. Ich glaube, es war 1896, als der Peter, Onkel Arthurs Kutscher aus Erbach, „Peda“ geheißen, mit zwei sehr niedlichen Eseln erschien. Sie hatten bis dahin den Vettern gedient und gingen nun in meinen Besitz über, bis sie nach einigen Jahren ihre kleine Füße weiter setzten und ihr Leben in Guteborn bei den inzwischen erschienenen Kindern von Ulrich Schönburg beschlossen. Das war die große Zeit des „Leiwskutskers“ Ramsbrock, der sie wartete und mit mir ausfahren musste. Ich arbeitete auch selbst mit und hatte dafür eine blaue Schürze, wie die Kutscher. Ein kleiner Wagen wurde dazu beschafft, nachdem die kleine altmodische Kutsche des 18. Jahrhunderts sich als zu altersschwach erwiesen hatte und im Winter ward ein kleiner Barockschlitten schön gelb und rot angestrichen und damit ging es zur allgemeinen Belustigung, in Sonderheit auch der Zuschauer, hinaus bis zum Schafstall auf der Wöste oder die „neue“ Gütersloher Chaussee hinauf. Die besonders gutmütige „Molly“ ließ sich auch von mir reiten und man sagt, es sei urkomisch gewesen, wenn ich auf dem alten dicken Tier, wie ein Äffchen auf der Decke sitzend, im Galopp den Treibweg heruntergesprengt sei. Zuweilen fand das auch in der Husarenuniform statt, wenn ein Anlass dazu war. Der alte Bürgermeister a.D. Tamm, der geistig nicht mehr ganz frisch war, begegnete mir gewöhnlich im Bosquet und blieb regelmäßig selig lächelnd stehen „ach, ach die niedlichen Tierchen — die niedlichen Tierchen!“ Einmal fand ich im Garten an dem barocken Häuschen in seiner Nordwestecke eine große Schaukel vor. Dann wieder nicht weit davon hinter der Hecke ein kleines Gärtchen mit einer winzigen Laube unter einer Federbuche. Dort habe ich viel und ernstlich gearbeitet. Ein anderes Mal hatte sich zur Schaukel eine kleine Kegelbahn gesellt, die genau wie ihre große Schwester angelegt war. Damit war mein Quartier vom Sandplatz nun ganz hierher verlegt worden.

Ein Dreirad — damals noch eine große Seltenheit — besaß ich schon lange. Nun erfüllte mir die Großmama einen Herzenswunsch, indem sie mir ein Knabenrad von Dürkopp schenkte. Das hatte mein Vater stets abgelehnt, weil er das Radfahren für schädlich hielt. Was das bedeutete ist heute, wo jedes Kind ein Rad hat, kaum noch zu beschreiben; mit einem Male stand einem die Welt offen. Um so erschütternder war es dann auch, als ich einmal hinter Maßmanns Garten die kleine Kurve nicht bekam und mit voller Wucht gegen eine starke Fichte jagte, so dass der Rahmen brach und ich zwei Teile des schönen Rades in der Hand hatte. Damit war nun alles zu Ende, eine Reparatur schien unmöglich und mein Vater war wütend, weil ich mir von Rechts wegen eigentlich den Schädel hätte einschlagen müssen. Aber auch diese verzweifelte Lage meisterte die gute Großmama, indem sie selber mit Dürkopp verhandelte, der dann auch nach endlosen Wochen die Reparatur ausführte. Später erhielt ich dann ein Adler-Herrenrad, das mir 36 Jahre gedient hat, das ich auch pflegte wie ein Kind, aber so schön, wie das Erste war es nicht, es war ein nötiger Gebrauchsgegenstand geworden, während das alte mir das Tor in die Welt öffnete.

Das Schönste von allem sollte aber noch kommen.

Ich wurde elf Jahre alt, das weiß ich noch genau, deshalb muss es 1900 gewesen sein. Der Geburtstag war im Schreibzimmer mit bekränztem Tisch, Riesenbrezel und vielen schönen Sachen gefeiert worden. Da sagte mein Vater so ganz nebenbei, im Schlosshof stehe jemand, der mir auch noch gratulieren wolle. Neugierig, wer das wohl sein und die festgefügte Tradition unterbrechen könne, sah ich aus dem Fenster des Frühstückszimmers meiner Eltern. Ich glaubte, mir bleibe das Herz stehen.

Vor der Dienerstube stand Beckord und hatte einen sehr hübschen, ziemlich großen Pony am Zügel! Der kleine Kerl war ein richtiges kleines Pferd etwa von der Größe eines anderthalbjährigen Fohlens, war glänzend schwarz und sah mich sehr gutmütig an. Ein nagelneues Zaumzeug, eine Decke mit schönem Gurt und blankgewichste Hufe hoben seine Erscheinung sehr. Zu wünschen hatte ich mir so etwas nicht gewagt, um so größer war die Überraschung und Freude.

Unerhörte Aussichten eröffneten sich mir mit dem Pony; geritten und gefahren war ich immer gern, aber es waren doch nur Esel und mit diesem Pferdchen begann recht eigentlich erst der Sport. Mit ihm bin ich dann fast täglich zusammen mit meinem Vater spazieren geritten. Er ritt nicht gern weit und niemals schnell, das war gewiss ein Kummer. Aber Touren bis nach Marienfeld und die verschiedentlichen Begleitungen der Kürassiere kamen doch öfters vor. Wenn Onkel Karl oder Hermann Schönburg mitritten, dann wurde es besonders unterhaltend, auch meine Mutter ritt zuweilen mit uns, hatte aber damals ein zu unbequemes Pferd, um ihrer alten Passion weiter mit Liebe anzuhängen. Mein Vater liebte den Pferdewechsel nicht und wenn die Tiere alt wurden, wurden sie nicht getötet, sondern noch mehr geschont, so dass ich einmal erlebte, dass ein uralter Fuchs tot unter ihm zusammenbrach.

Mit der Zeit wurde der gutmütige Pony aber übermütig, wie alle unsere zu gut gepflegten Pferde, so dass mein Vater mich manchmal „an die Leine nehmen“ musste, um nicht genötigt zu sein, das Pferdchen wieder einzufangen, wenn ich runtergeflogen war. Abhilfe schaffte dann, dass es ab und an vom Kutscher Landwehr in der Bahn etwas zurechtgestaucht wurde.

Bald war auch der Eselwagen mit einer Scherdeichsel versehen worden, der Pony hatte ein hübsches Geschirr bekommen und nun ging es hinaus in Begleitung des Hauslehrers, der Aktionsradius war wesentlich erweitert worden.

Später hat das treue Tier noch viele kleine Arbeiten verrichtet, hatte einen leichten Ackerwagen bekommen und konnte damit alle Fuhren für das Haus und den Garten besorgen. 1919 oder 1920 musste ich es töten lassen, weil ihm die Luft ausging und es im Stall stehend mit den Flanken schlug und in Schweiß gebadet war; sein Alter muss annähernd 24 Jahre gewesen sein.

Im Jahreskreislauf, welchen wir von verschiedenen Seiten kennen gelernt haben und die Weihnachts- und Geburtstagsfeste sowie die Spiele des Jugendtraumlandes zur Sommers- und Winterszeit noch einmal haben vorüberziehen lassen, gab es auch ausgesprochen „Große Tage“, an denen der Schlossherr in fürstlicher Weise zu repräsentieren verstand.

Obgleich jährlich wiederkehrend, gehörten die „Großen Jagden“ unbedingt mit dazu. Revier und Wild bedingten immer nur eine beschränkte Anzahl von Schützen. Der Stamm war in den Rhedaer Honoratioren stets vorhanden, die auch immer mit den auswärtigen Gästen zugezogen wurden, Bürgermeister Schulte Mönting, Amtsrichter Dr. Dassau, Herr Hagedorn, Freiherr von Elmendorff aus Herzebrock; die ältere Generation wie Herr Reinert, früher auch der Bürgermeister Fettköter und der Kammerrat Borgemann wurden dann gewöhnlich zu Hause gelassen, weil sie schlechte Schützen waren und ihre Gewehre stets mit gespannten Hähnen vor der Brust baumeln hatten.

Nachdem schon einige Tage vorher eine gewisse Feierlichkeit über dem Schloss gelegen hatte und alles in fieberhafter Zurüstung begriffen gewesen war, ratterten dann die Wagen auf dem Steinweg , über die Brücke und durch den Torbogen. Lina hatte festgestellt, dass sie beim Ankommen freudiger zu rattern pflegten, wie bei der Abreise.

Ein festgefügter Kreis setzte sich im November zu diesen Jagdfahrten in Bewegung, welche zumeist bei uns begannen, sich in Thallwitz beim Großonkel Heinrich XIV. Reuss fortsetzten, weiter dann nach Guteborn, wo Onkel Karl dann den Hausherrn machte, da die Großmama im Winter in Rudolstadt wohnte, um in Hermsdorf bei Onkel Georg Schönburg zu enden. Im Januar fanden noch Saujagden bei „Onkel Günther und Tante Annchen“ Schwarzburg – die eigentlich meine richtige Kusine war – auf dem Ratsfeld am Kyffhäuser statt.

Mit den Schwarzburgern, inklusive Leibjäger Herms und Kammerfrau Fräulein Fuchs, die mir beide mindestens ebenso wichtig waren, kamen Onkel Karls, Onkel Arthur Erbachs und der alte Freund Reisenegger aus München. Wechselweise waren gewöhnlich noch Herr von Götz aus Hohenbocke bei Guteborn, Graf Schulenburg aus Hannover, Graf Dürckheim aus Hannover sowie Freiherr Etto von Fürstenberg aus Paderborn und der Bezirkskommandeur aus Bielefeld, Oberstleutnant von Coler entboten. Die Gäste hatten sich schon das ganze Jahr auf das Zusammensein gefreut und waren in bester Stimmung. Alle harmonierten ausgezeichnet und jeder kannte die Eigenarten des anderen. Viel Spaß wurde natürlich wieder mit Onkel Arthur getrieben, Günther Schwarzburg und Hermann Schönburg — wenn dieser es irgendwie einrichten konnte, kam er selbst von St. Petersburg — waren die ruhenden Pole. Graf Dürckheim war ein eleganter Causeur, Herr von Götz außerordentlich unterhaltend und belebend, voller Berliner Geschichten steckend, Reisenegger gab in diesem norddeutschen Kreise mit seiner unerwiderten Liebe zu allem Bayrischen ebenfalls viel Anlass zu Freude. Einmal hatte er meiner Mutter einen reizenden kleinen schwarzbraunen Dackel mitgebracht, den „Waldl“, welcher in dieser Saison infolge seiner Jugend und seines Ungehorsams jedoch eher störend wirkte. „Waldl, gehst her du Mistviech damisches!“ so hatte er ihn in dem illustren Kreise eingeführt. Später war er unzertrennlich von mir und als er starb vermochte ich es bei meinem sparsamen Vater sogar durchzusetzen, dass er einen Denkstein mit Namen und Datum unter der alten Fichte am „Grünen Häuschen“ erhielt.

Herr von Coler kam in der Regel früh aus Bielefeld herüber, meist fehlte ihm irgend ein notwendiger Gegenstand, einmal sogar Patronen zu seiner irgendwie besonders gearteten Flinte, die er sich in der Morgenfrühe mit Hilfe des Leibjägers noch schnell selbst anfertigte. Etto Fürstenberg war auch eine unvergängliche Type, so groß wie ein Kachelofen mit ganz heller Stimme, nur Jäger und Genießer von guten Dinners. Herr von Saldern, Landstallmeister von Warendorf, der ebenfalls ab und an kam, war sein Gegenteil, klein und kugelrund; es war eine Lust diese beiden nebeneinander stehen zu sehen. Gewöhnlich kehrte auch der Graf Franz-Xaver Kerssenbrock aus Brincke einmal ein, ein Kavalier der alten Schule, welche er am Päpstlichen Hof als Offizier der Päpstlichen Garden erlernt hatte. Er war schon ein älterer Herr, das hinderte ihn aber keineswegs einmal Schuhe und Strümpfe auszuziehen, als er in einen Wassergraben getreten war und nun barfuss die Herzebrocker Jagd mitzumachen, bis anderes Schuhzeug besorgt war. Wenn er abends nach Hause fuhr, sah man immer aus den Taschen seiner Frackschöße einige Knallbonbons, die es zum Dessert gegeben, herausschauen, welche er dann seiner zahlreichen Kinderschar mitbrachte. Die Jagden waren nicht so gut, wie sie später etwa von 1910 an wurden. Dafür waren die Dinners des „alten“ Keiser aber um so besser und das Bild an der Tafel konnte nicht besser sein. Meine Mutter war damals eine sehr anmutige Frau, ohne vielleicht eine Schönheit genannt werden zu können, ihre große Lebhaftigkeit sprühte geradezu Funken in diesem ihr sympathischen Kreise und sie hatte immer schöne Roben aus schweren Stoffen an, die mir besonders zusagten.

Nach der Tafel wurde von den Herren meistens ein endloser Whist gespielt, später auch Roulette, was sehr unterhaltend gewesen sein muss. Ich hatte mich natürlich bis dahin längst ins Bett zu verziehen, nicht ohne vorher den Dienern beim Abdecken der Tafel dadurch behilflich gewesen zu sein, dass ich die Champagnerreste rund um den Tisch austrank. Ab und an soll auch zu vorgerückter Stunde getanzt worden sein. Tante Gritty, die immer hilfsbereite, opferte sich dafür und spielte Klavier, während Annchen Schwarzburg sich in den Armen von Kandidat Hachtmann im Tanze schwang, sehr zum Missvergnügen ihres Mannes. „Da tanzt sie schon wieder mit dem Ziegenbock!“, soll er einmal gesagt haben. Im übrigen rauchte er immer zwei Importen zu gleicher Zeit, die er sich zwischen die Finger steckte, was mir besonders imponierte. Auch hierbei war Onkel Arthur eine Quelle des Vergnügens, der seine Partnerin und sich nicht selten in sehr unsanfte Berührung mit Möbeln und Öfen gebracht haben soll.

Zum Frühstück durfte ich mit den Damen immer mit in den Wald fahren und die Jagd bis zum Ende mitmachen. Meiner Kritik entging nicht, dass manche hoffnungslose Schützen waren und damit weidlich aufgezogen wurden. Ich begleitete eigentlich ausschließlich meinen Vaters, der weder schnell, noch weit schoss, aber gut. In seiner Tasche hatte er eine Elfenbeinpfeife in Gestalt eines Hundekopfes; damit pfiff er die Treiben an, bis der Leibjäger Reichelt kam und seine vielgeübte Kunst auf dem Hörn zum besten geben konnte. Mein Vater stellte stets selbst an, während der Oberförster Tuschhoff nur das Protokoll zu führen hatte.

Als ich dann in jungen Jahren selbst Jagdherr wurde, hat sich nichts wesentliches geändert, denn schöner und besser konnte es nicht werden. Selbst jetzt in dem Alter, wie die Jagdgesellschaft damals, kommt es mir doch immer noch sonderbar vor, dass diese „alten Herren“ sich genauso unterhalten und amüsiert haben sollen, wie wir es dann fortsetzten.

Es gab aber auch Tage, an denen Schloss und zahlreiche Dienerschaft allen Glanz entwickelte, der vorhanden war.

An einen der ersten solcher Ordnung, die ich miterlebte, erinnere ich mich an das fünfzigjährige Dienstjubiläum des Kammerrates Borgemann.

Die Tafel fand zwar, wie sonst bei großen Anlässen, diesmal nicht im Saal statt, sondern wegen des kleineren Kreises im Esszimmer. Die Dienerschaft aber war in Gala. Diese Livreen hatte mein Vater zu seiner Hochzeit, welche in Rheda gefeiert wurde, anfertigen lassen. Sie bestanden aus dunkelblauen Röcken, wie die alltäglichen, welche im Rokokoschnitt gehalten waren, mit vielen Silbertressen und Wappenknöpfen verbrämt. Dazu schwarze Samthosen mit beigefarbenen Gamaschen. Bis auf die Gamaschen, an deren Stelle weiße Strümpfe und Schnallenschuhe gehört hätten , wozu man sich aber nicht entschließen konnte, weil sonst viele Schuhe hätten angefertigt werden müssen, war die Livree sehr prächtig und großen Anlässen entsprechend. Der Haushofmeister trug eine davon etwas abweichende Bekleidung und der Leibjäger anstelle des üblichen Überrockes einen Waffenrock mit besonders prächtigem Hirschfängergehänge. Als Kopfbedeckungen wurden betresste Dreispitze getragen, während der Leibjäger einen solchen mit grünen Federn aufhatte.

Der alte Kammerrat, dessen rundliche Gattin ausnahmsweise mitgeladen war, wurde vor der Tafel mit dem Kronenorden dritter oder vierter Klasse geschmückt, den ihm mein Vater besorgt hatte. Damals kostete das eine kurze Bitte an den Regierungspräsidenten, um solch einen verdienten Beamten überglücklich zu machen. Er sah damit auch im Frack und seinem markanten Gesicht, das durch eine „Maurerfrese“ eingerahmt war, wie ein Minister aus.

An dieser Galatafel habe ich zum ersten Male in öffentlicher Rede gesprochen „Meine Damen und Herren, ich bitte Sie, mit mir auf das Wohl des Herrn Kammerrats anzustoßen. Er lebe hoch!“ Ich mochte etwa 6 Jahre alt sein, aber schon damals fiel mir diese „Ansprache“ gar nicht schwer; allerdings war ich gewaltig dadurch gehoben, dass ich selber auch im Frack erschienen war, jenem Maskenfrack, den dann fast 40 Jahre später auch meine Kinder noch getragen haben.

Ein Ereignis größeren Ausmaßes in Gala war dann die Beisetzung meiner Rudolstädter Großmama 1902. Ich sehe noch den vierspännigen Leichenwagen, dessen Bespannung schwarz verhängt war und durch vier Kutscher in schwarzen Mänteln geführt wurde, feierlich vom Bahnhof her durch den Torbogen schwanken, gefolgt von einem Landauer, in welchem mein Vater mit Kammerrat Borgemann saß. Die Aufbahrung fand in der schwarz verhangenen Kapelle statt, deren eines Schiff ganz in Blumen unterging und der Sarg auf einem Katafalk nur durch acht Girandolen kenntlich war. Tag und Nacht hielten zwei Schlosssoldaten Wache.

Allmählich kamen die Gäste, Geschwister, Neffen und Nichten und am Beisetzungstage Gäste aus Nah und Fern, Onkel Heino Reuß als Vertreter des Hauses der Großmama, die Schwarzburger, der Oberpräsident, Regierungspräsident und viele andere. Generalsuperintendent Braune, ein Freund der Verstorbenen, sprach am Sarge, alle Herren waren in Paradeuniform und das Bild war wirklich ein prächtiges. Dann ging es durch eine dicht gedrängte Menge hinaus zum Mausoleum, während die umflorten Straßenlaternen als Huldigung der Stadt am Wege glühten. Voraus marschierte die unvermeidliche Militärkapelle. Später fand im Saal ein Galabuffet statt, welches im Verein mit der galonierten Dienerschaft sich sehen lassen konnte.

Sieben Jahre später trug man an einem prachtvollen Maitag, an dem im Hof die Fliederbüsche überreich blühten, den toten Schlossherrn zum Tor hinaus. Ich hatte, von Berlin kommend, wo ich mich ja zum Examen vorbereitete, meinen Vater nicht mehr lebend getroffen; er lag in der schmalen kleinen Schlafstube in seiner Husarenuniform auf dem Bett und dasselbe Galagepränge, was ich 1902 eigentlich sehr genossen hatte, lief reibungslos ab, während mir zum ersten Male etwas davon aufging, dass „alles eitel“ sei. Schweren Herzens stand ich mit meiner Mutter in der Kapelle und weiß eigentlich nur, dass die Zahl der Leidtragenden unabsehbar war, dass mir viele bedauernd , andere voller Hoffnung die Hand schüttelten „Le roi est mort…“. Den Wunsch, mich noch in Uniform zu sehen, hatte ich dem Toten nicht mehr erfüllen können, es war zu schnell gegangen. Er hatte mir aber den Weg ins weitere Leben nach allen Richtungen hin so vorbildlich geebnet, wie es nicht alltäglich ist. Wenn ich heute im Mausoleum an seinen Sarg trete, kann ich ihm nur sagen, dass es nicht seine, aber freilich auch nicht meine Schuld ist, wenn ich sein Erbe nicht besser wahren konnte.

Damals tönten zum letzten Male die Trauerglocken acht Tage lang um die Mittagszeit, zum Zeichen, dass jemand aus dem früheren Landesherrlichen Hause heimgegangen sei. Ein neues Zeitalter begann drohend und langsam heraufzuziehen.

Zwischen diesen Trauerfeiern lag aber noch ein froher festlicher Tag – meine Konfirmation im Jahre 1905. Ich war durch den berühmten Pastor Professor D. theol. Möller, welcher Gymnasialpfarrer in Gütersloh war und der bereits meine Mutter im Luisenstift in der Lößnitz konfirmiert hatte — später taufte er dann auch unseren Ältesten in der Kapelle — unterrichtet worden und hatte die Prüfung in Gütersloh abgelegt, die eine wirkliche Prüfung war und nicht nur eine Unterhaltung zwischen Pfarrer und Konfirmanden, wobei der Erstere die Hauptkosten trägt In seinem Geiste, der streng lutherisch und vielleicht etwas zu orthodox war, ging ich damals ganz auf. Insbesondere hatten dazu seine Konfirmandenstunden und Bibelabende beigetragen, welche das Beste waren, was mir auf kirchlichem und religiösem Gebiet je begegnet ist. Wieder war ein Galatag. Zahlreiche Verwandte waren gekommen und die Kapelle glich einem Blumengarten. Ich selbst war der Mittelpunkt und stand etwas verlassen in einem neuen Smoking aus Menses Meisterhand vor dem Altar und vor dem Manne, der wie ein wahrhafter Hohepriester seines Amtes waltete. Mir war sehr feierlich zumute und die Verpflichtung, welche ich nun meinen Paten abnehmen und auf mich selbst übernahmen sollte, erschien mir eine sehr ernste und weitreichende. Wohl war die Stimmung eine festliche, aber auch eine gedrückte. Im lutherischen Geiste erzogen, hegte ich zwar keinerlei Zweifel, war aber doch sehr unter dem Eindruck einer vielleicht unwürdig genossenen Communion „… der isset und trinket sich selber das Gericht.“

Ich erinnere mich noch wohl, dass mich diese feierliche Stimmung, die nicht recht zu dem Glanz der Galatafel im Saale passen wollte, während der mein Vater eine kurze Rede hielt und ich auf den alten Möller mein Glas erhob — derartige Toaste hatte ich inzwischen gelernt, weil meine Eltern mich an ihren Geburtstagen stets dazu anhielten — noch lange angehalten hat.

Bis zu seinem Tode in den zwanziger Jahren bin ich mit Pastor Möller befreundet geblieben. Ihm habe ich es zu verdanken, dass ich gleich dem alten Januschauer Oldenburg von mir sagen darf „ich weiß, an wen ich glaube. Ich weiß, was feste steht…“. Im Wechsel des Lebens entwickelt sich der Mensch weiter, mit ihm auch der Glaube.“ „Der Glaube ist ein großer Strom mit vielen Armen; auf jedem gelangt man ins Meer“; so drückt es Dr. Schulz, der „Baltische Idealist“, einmal aus.

Ich sagte schon vorher, dass mit dem Hingang meines Vaters im Jahre 1909 andere Zeiten heraufzuziehen begannen. Nicht dass es jeder Einzelne schon greifbar empfunden hätte, es waren ja noch fünf Jahre bis zum Ausbruch der Weltkatastrophe; es wetterleuchtete aber bereits. Was einmal war, kehrt niemals wieder. Man könnte sich damit als mit einer notwendigen Weltentwicklung abfinden, wenn nur das Schlechte nicht wiederkehrte und eine stetige Fortentwicklung einträte. So will es uns Lebenden aber keineswegs scheinen. Auch das Schöne ist versunken. Wir haben auch später noch Feste gefeiert, in anderem Rahmen zwar, aber doch auch schön in der wahrhaft noblen Umgebung des alten Schlosses. Nach unserer Heirat im Sommer 1922 hatten wir die Prominenten Rhedas und des Kreises zu einem Büffet geladen, nach welchem im Saal getanzt wurde. Der Krieg war damals zwar verloren und eine Revolution und andere Erschütterungen waren über uns hinweggegangen. Aber viele der Alten waren noch da und die Neuen fügten sich gern in den alten Rahmen ein. Es war ein vergnügtes Begrüßungsfest, an dem etwa 80 Menschen teilnahmen. Wir konnten auch mussten Kinder in der alten Kapelle taufen und konfirmieren und nur die Konfirmation von Gustava musste wegen des Krieges im festlich hergerichteten Saale stattfinden.

Er hat das Wiederaufleben der alten musikalischen Tradition in den Kammermusikkonzerten des Wenzinger-Scheck-Kreises, der auf alten Instrumenten alte Werke aus der Bibliothek vortrug, einige Male erlebt, ein künstlerisches Ereignis, das weit über die Grenzen des Weichbildes hinausging und etwas von dem Musizieren des 18. Jahrhunderts wieder lebendig machte.

Aber das gehört schon nicht mehr zu dem Motto, unter das diese Blätter gestellt sind. Ein neuer Lebensabschnitt hatte begonnen.

Wenn man die „Jugenderinnerungen eines alten Mannes“ zur Hand nimmt, dann merkt man die ungeheure Schwierigkeit des Unterfangens und die eigene Unzulänglichkeit. Diese Darstellung möchte auch keinerlei Ansprüche erheben. Es sollte ein Versuch sein, vom „schönen alten Rheda“ etwas Historisches zu bringen, die alte Zeit sollte wieder lebendig werden und mit ihr die Menschen, welche heute von Wenigen nur noch gekannt sind.

Sofern der Erzähler nicht ein Künstler ist, wird er dazu neigen, beim Niederschreiben ohne weitere Korrektur die eigene Freude an der Erinnerung in den Vordergrund zu stellen, ohne Rücksicht darauf, ob auch der Leser gefesselt wird. Ersteres ist im hohen Maße gelungen; beim Überlesen erscheint es mir zweifelhaft, ob das entworfene Bild, das naturgemäß aus tausend Mosaiksteinchen zusammengesetzt ist, so plastisch wurde, dass auch das Letztere erfüllt worden ist.

Eine beherzigenswerte Mahnung, die dem Menschen viel Leid erspart, scheint mir jedoch sich durch diese Zeilen zu ziehen, welche etwas darzustellen versuchten, was in einem Menschenalter auf Nimmerwiedersehen verschwunden ist, jene Mahnung aus dem uralten Buch:

„Wir haben hier keine bleibende Statt, sondern die zukünftige suchen wir.“