Prof. Dr. Harm Klueting (1980)
Territoriale Ausdehnung der Grafschaft Limburg

Die Grafschaft Limburg war eines jener zahlreichen Kleinterritorien des alten Reiches, die dem Betrachter einer historischen Landkarte Deutschlands vor allem die Gebiete westlich der Elbe und des Bayerischen Waldes als eine Art „Flickenteppich“ erscheinen lassen . Doch zählte die Grafschaft Limburg nicht etwa zu den kleinsten territorialen Gebilden des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation. Die winzigen reichsritterlichen Gebiete südlich von Mosel und Lahn konnten sich mit ihr hinsichtlich Größe, Einwohnerzahl und wirtschaftlicher Bedeutung ebenso wenig messen wie manche Reichsstadt Schwabens.

Auch im heutigen Lande Nordrhein-Westfalen gab es am Ende des 18. Jahrhunderts sehr viel kleinere und bedeutungslosere Herrschaften als Limburg, etwa die münsterländische Herrschaft Gemen mit rund 21 Quadratkilometern Fläche oder das bei Bocholt an der niederländischen Grenze gelegene Ländchen Anholt, das nur etwa 14 Quadratkilometer umfasste und trotzdem groß war gemessen an der Reichsherrschaft Styrum im Gebiet der heutigen Stadt Mülheim an der Ruhr, deren Fläche gerade 3,55 Quadratkilometer ausmachte. Demgegenüber bedeckte die Grafschaft Limburg immerhin eine Räche von 118 Quadratkilometern und gliederte sich in sieben Kirchspiele, von denen jedes für sich ungleich größer als die Herrschaft Styrum war, nämlich neben dem Hauptort Limburg (1879: Hohenlimburg) die Kirchspiele Elsey, Letmathe, Berchum, Oestrich, Ergste und Hennen.

Limburg grenzte im Südosten, Süden, Westen und Norden an die seit 1609/14 brandenburgische bzw. preußische Grafschaft Mark. Im Osten hatte die Grafschaft eine gemeinsame Grenze mit dem Herzogtum Westfalen, einem Zubehör des Kurfürstentums Köln. Bis 1974 bildete die ehemalige Grafschaft Limburg den westlichen Teil des 1817 geschaffenen Landkreises Iserlohn. Durch die 1975 erfolgte kommunale Neuordnung des Landes Nordrhein-Westfalen, welche die Eingemeindung der Stadt Hohenlimburg unter Einschluss ihres Ortsteils (seit 1901) Elsey und der Gemeinde Berchum durch die Stadt Hagen, die Eingliederung der bereits 1956 um den größten Teil der Gemeinde Oestrich erweiterten Stadt Letmathe und der Gemeinde Hennen in die Stadt Iserlohn sowie den Zusammenschluss der Gemeinde Ergste mit der Stadt Schwerte bewirkt hat, ist die territoriale Integrität der alten Grafschaft Limburg wohl endgültig zerstört worden.

Anfänge der Burg und Grafschaft Limburg
Die räumliche Ausdehnung dieses Territoriums über die genannten sieben Kirchspiele war Folge der im 13. Jahrhundert in dieser Gegend bestehenden Gogerichtsrechte und Ergebnis kriegerischer Auseinandersetzungen, die während der dreißiger und vierziger Jahre des 13. Jahrhunderts um den ausgedehnten Allodialbesitz (vererbbares Eigentum) des Isenberger Grafenhauses geführt wurden. Das Gebiet der späteren sieben limburgischen Kirchspiele bildete dabei nur einen kleinen Teil dieser erheblich umfangreicheren Besitzungen, die die Grundlage für eine entscheidende Machtstellung dieser Dynasten im rheinischwestfälischen Raum hätten abgeben können.

Doch wurde diese mögliche Entwicklung unterbrochen durch den unglücklichen und in dieser Form wohl auch unbeabsichtigten Ausgang des Machtkonflikts zwischen dem Grafen Friedrich von Isenberg (um 1190 -1226) und seinem Onkel, dem politisch hervorragenden Kölner Kirchenfürsten Engelbert l. von Berg (um 1185 -1225), bei dem dieser den Tod fand. Engelbert hatte, nachdem sein Bruder Graf Adolf IX. von Berg 1218 als Kreuzfahrer gefallen war, neben dem linksrheinischen Kölner Erzstift und dem Herzogtum Westfalen auch die dazwischen liegende Grafschaft Berg in seine Hand gebracht und damit eine außerordentliche Machtkonzentration geschaffen.

Bald darauf hatte er sich mit Friedrich von Isenberg, dem er die Vogtei (Schutzherrschaft) über das Essener Frauenstift entzog, verfeindet, wie er überhaupt bestrebt war, die Klöster von dem Druck ihrer adeligen Vögte zu befreien. Mit dieser Politik und mit seiner wachsenden Herzogsgewalt in Westfalen entstanden ihm viele Gegner unter rheinischen und westfälischen Grafen. Doch konnten diese Dynasten wegen der Machtstellung Engelberts als Vertreter des Kaisers Friedrich II. und Vormund seines Sohnes Heinrich (VII.) keinen offenen Widerstand wagen. Es kam daher zu einer Verschwörung unter der Führung des Isenbergers. Nach neunjähriger Regierung wurde der Erzbischof am 7. November 1225 auf der Rückreise von ergebnislosen Verhandlungen mit seinen Gegnern in Soest in einem Walde bei Gevelsberg überfallen und dabei von Vasallen Friedrichs von Isenberg erschlagen.

Friedrich wurde als Mörder von Kirche und Reich gebannt und geächtet. Seine Burgen Isenberg bei Hattingen an der Ruhr und Nienbrügge an der Lippe wurden erobert und zerstört, der Graf selbst ein Jahr später in Köln durch Räderung hingerichtet. Friedrichs Vetter, Graf Adolf l. von Altena-Mark, griff mit Billigung von Engelberts Nachfolger, dem Kölner Erzbischof Heinrich von Molenark, der ihm die kölnischen Lehen Friedrichs übertrug, nach den Besitzungen des Isenbergers. Damit war die Macht des Isenberger Grafenhauses gebrochen. Doch nicht die Kölner Kirche füllte das Machtvakuum, sondern die Grafen von der Mark, deren Besitzungen sich nun zu der späteren Grafschaft Mark ausformten.

Um 1230 scheint der älteste Sohn Friedrichs, Dietrich (um 1215-1299), Forderungen auf Restitution seines väterlichen Erbes erhoben zu haben. Aus diesem Anspruch entstand ein langjähriger Krieg zwischen Dietrichs Onkel Heinrich, seit 1226 als Nachfolger Engelberts Graf von Berg und Bruder von Herzog Walram d. J. von Limburg sowie von Dietrichs Mutter Sophia, und Graf Adolf l. von Altena Mark. Konnte dieser neben seinen zahlreichen Vasallen und dem Grafen von Ravensberg vor allem der Unterstützung des Kölner Erzbischofs Heinrich von Molenark und der Kölner Kirche sicher sein, so fochten auf der Seite Heinrichs und seines Neffen Dietrich verschiedene westfälische Dynasten, wohl u. a. die Grafen von Tecklenburg, die Grafen von Schwalenberg, die Herren von Steinfurt und von der Lippe und der Osnabrücker Bischof Engelbert von Isenberg, ein Bruder Friedrichs von Isenberg.

Im Rahmen dieser Kämpfe errichtete Heinrich in den dreißiger Jahren im Gebiet der unteren Lenne, wo bereits 1222/23 das Frauenkloster Elsey als Familienstiftung des Isenberger Grafenhauses entstanden war, einen Stützpunkt, der zum Kristallisationspunkt der späteren Grafschaft Limburg wurde. Zunächst wird nur ein befestigtes Lager entstanden sein, in dem die Wallburg auf dem Schleipenberg in der Nähe des heutigen Schlosses Hohenlimburg zu erblicken sein wird, und im Anschluss daran die urkundlich zuerst 1242 erwähnte Burg Limburg.

Nach dem Bericht des Chronisten Levold von Northof gab Heinrich dieser Burg ihren Namen in Anlehnung an den Namen der Burg Limburg in seiner maasländischen Heimat. Levold macht wahrscheinlich, dass die Burg ein Holzbau oder mit hölzernen Befestigungsanlagen versehen war. Daher wird die Burg, von der Levold spricht, das befestigte Lager auf dem Schleipenberg gewesen sein. Mit der Erbauung der Burg konnte Heinrich die Stellung seines Neffen Dietrich in diesem Teilbereich der entfremdeten Isenberger Besitzungen festigen und sich selbst eine Einflusszone innerhalb des erstarkenden Machtbereiches der Grafen von der Mark schaffen. 1242 übertrug Dietrich die wohl auf zurückgewonnenem Allodialbesitz seines Vaters errichtete Burg seinem Onkel Heinrich und empfing sie als Lehen zurück, und zwar gewiss nicht, wie man gemeint hat, aus Dankbarkeit, sondern zur Absicherung seiner mühsam erworbenen Stellung durch Anlehnung an einen Mächtigeren.

Am 1. Mai 1243 schlössen die streitenden Parteien einen Vergleich. Die wichtigsten Bestimmungen der im Original nicht mehr erhaltenen Urkunde waren der Verzicht Dietrichs auf bedeutende Teile der von ihm bis dahin beanspruchten Besitzungen seines Vaters und die Regelung der Vasallitätsverhältnisse der jeweiligen Burgmannen. Die Burgmannen des Grafen Adolf von Altena-Mark auf den Burgen Mark, Altena und Blankenstein sollten ihre früher isenbergischen Lehen in Zukunft vom Grafen von der Mark empfangen. Ebenso sollten die Burgmannen Dietrichs auf seiner neuen Burg Limburg das waren die Ritter Albert von Horde, Herbord von Dortmund, Dietrich von Berchum, dessen Bruder Gerhard, Rutger von Apierbeck, Heinrich von Apierbeck und Albert von Letmathe ihre zuvor von Graf Adolf empfangenen Lehen nunmehr von Graf Dietrich erhalten. Die Freigrafschaft, das Gericht und der Hof Bochum mit dem Patronat der Kirche zu Bochum sollten ebenso wie die Gerichte zu Halver und Kierspe einvernehmlich zwischen beiden Grafen geteilt werden. Doch sind dieser Regelung entgegen Bochum, Halver und Kierspe uneingeschränkt in der Hand des Grafen von der Mark geblieben.

Darüber hinaus bewirkte die außerordentlich zerstreute Lage der Dietrich außerhalb des Gebietes der späteren Grafschaft Limburg immerhin noch verbliebenen Rechte und Besitzungen in vielen Fällen Entfremdung und Verlust. Für die Entwicklung zu einem geschlossenen Territorium konnten diese Güter und Rechte keine ausreichende Grundlage abgeben. Erst 1248 (1247) legte der Kölner Erzbischof Konrad von Hochstaden auch die altena -isenbergischen Auseinandersetzungen um die Essener Vogteirechte bei und beendete damit den Streit um die Besitzungen des Grafen Friedrich von Isenberg.

Die Stadt Hohenlimburg

Die Anfänge der bürgerlichen Siedlung, der Freiheit und späteren Stadt Limburg lagen an der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert. Die Entstehung des Ortes in das 13. Jahrhundert zu legen und mit der Errichtung der Burg in Verbindung zu bringen, erscheint bei einer kritischen Prüfung der Überlieferung als Fehlinterpretation. Die einzige erzählende Quelle des Mittelalters, die Chronik Levolds von Northof, lässt eine Siedlung gänzlich unerwähnt. Levold berichtet nur ohne Angabe einer Jahreszahl über die Errichtung der Burg. Der rund 200 Jahre später als Levold schreibende Dortmunder Chronist Diederich Westhoff (gest. 1551) griff auf Levolds Bericht zurück und fügte seiner Chronik eine freie Übersetzung aus dessen Werk ein. Westhoff, dessen Chronik für die Zeit vor seinem Leben nur sehr geringen Quellenwert hat (J. Hansen), legte die von Levold übermittelten Geschehnisse in die Zeit „ 1230, vmb dusse tidt“. Auch die wenigen Urkunden aus dem 13. Jahrhundert, die wir aus der Zeit nach der ersten urkundlichen Erwähnung der Burg Limburg 1242 besitzen, enthalten keine Hinweise, die sich zweifelsfrei auf einen Ort Limburg beziehen lassen, der in einer Kontinuität mit der späteren Freiheit und Stadt stünde.

Der Vergleich von 1243 beinhaltet, jedenfalls in der aus dem 15. Jahrhundert abschriftlich überlieferten Textgestalt, einen Satz, in dem man bisher eine vertragliche Verpflichtung des Grafen Dietrich hat sehen wollen, die am Fuße des Schlossberges im Tal der Lenne wahrscheinlich in den Kriegsjahren im Zusammenhang mit der Errichtung der Burg entstandene Siedlung nicht zu befestigen. Dieser in der Abschrift aus dem 15. Jahrhundert als Randnotiz eingefügte Punkt des Vergleiches wird, da sich ältere Spekulationen über eine Münzstätte Limburg an der Lenne im späten 12. Jahrhundert heute nicht mehr aufrechterhalten lassen (Berghaus 1968), als die älteste Erwähnung des späteren Ortes Hohenlimburg gewertet. Der entscheidende Halbsatz der Randbemerkung lautet: „nee Theodericus oppidum muniet ante castrum super Lennam Limburg“ (und Dietrich wird das „oppidum“ vor der Burg Limburg über der Lenne nicht ummauern). Da in der Rechtssprache der mittelalterlichen Urkunden „oppidum“ eine große Bedeutungsvielfalt hat und ebensogut Befestigungswerk oder Kastell wie kleine Stadt oder Marktort heißen kann, legt die Geländebeschaffenheit in Verbindung mit dem Text der Urkunde hier eine andere Deutung nahe. Das „oppidum ante (vor) castrum“ wäre also nichts anderes als eine vor der Hauptburg gelegene Vorburg, die zu errichten dem Grafen nicht gestattet wurde, um seine Burg weniger stark befestigt bleiben zu lassen.

Die vielfach als Marktrechtsverleihung auf den Ort Limburg bezogene Urkunde vom 25. April 1252, in der der römische König Wilhelm von Holland dem Grafen Dietrich von Isenberg-Limburg das Recht zur Abhaltung eines Wochenmarktes gab (Westfälisches Urkundenbuch VII, Nr. 768 a), ist eine interessante Quelle für die Politik, mit der dieser Gegenkönig Konrads IV. von Staufen seine Stellung zu befestigen suchte. Ein Beweis für die Existenz der Siedlung Limburg bereits in der Mitte des 13. Jahrhunderts ist die Urkunde dagegen nicht, da Dietrich das Markt recht nicht für den Ort Limburg, sondern zur Ausübung „in quocunque loco et villa sua“ (in einem beliebigen Ort oder Besitztum) erhielt. Darüber hinaus ist nicht zu ermitteln, ob Dietrich von diesem Recht Gebrauch gemacht hat. In der Urkunde über die „Öffnung“ der Burg Limburg für den Grafen von Berg vom 15. Dezember 1271 (Westfälisches Urkundenbuch VII, Nr. 1412) werden zu Offenhäusern erklärt „castra nostra Limburg et Gulge (?) cum opido Limburg in suburbio sito“ (unsere Burgen Limburg und Gulge mit dem „oppidum“ Limburg, gelegen im „suburbium“). Diese Textstelle bedeutet, dass die beiden Burgen Limburg und das unbekannte Gulge sowie die Befestigungsanlagen zu Limburg in der Vorburg dem Grafen von Berg zur militärischen Nutzung im Kriegsfall eingeräumt werden. Damit ist jedoch nichts über eine bürgerliche Siedlung ausgesagt. Ebenso wenig muss die im späteren 14. Jahrhundert nachweisbare Münzstätte Limburg mit einem Bürgerort in Beziehung stehen.

In einem für das Stift Elsey 1435 ausgestellten Ablassbrief wird als Ausgangspunkt einer Marienprozession ein „ante pontem prope Lymburg“ (vor der Brücke in der Nähe von Limburg) gelegener Platz erwähnt. Aus der Urkunde über einen Burgfrieden vom 1. Februar 1455 (Graven van Limburg-Stirum ll,2 Nr. 1262) wissen wir, dass dort an der Lenne, wo die Brücke war und der Wesselbach in die Lenne floss, ein Marienbild stand. Von einer Siedlung ist nicht die Rede. Bei diesem Gnadenbild ist eine als Vikarie zur Elseyer Stiftskirche gehörende Wallfahrtskapelle entstanden, die zuerst 1500 urkundlich erwähnt wird als „capella in ripa fluminis Lenne sub Castro Lymborch“ (Kapelle am Lenneufer unterhalb der Burg Limburg). Von einer Siedlung wird auch jetzt noch nicht gesprochen. Kein Beweis, aber ein bemerkenswertes Indiz ist, dass auf dem Hogenbergschen Stich, der Nr. 213 einer Folge zeitungsähnlicher Einblattdrucke über den Kölnischen Krieg, 1584 immer noch nur die Wallfahrtskapelle mit ihren Nebengebäuden, aber keine Siedlung erscheint. Trotzdem werden in dieser Zeit die ersten Anfänge der Siedlung Limburg zu suchen sein, da mit der Polizeiordnung von 1582 ein Schultheißenamt eingerichtet wurde. Die kölnische Besetzung von Burg und Grafschaft Limburg von 1584 bis 1610 machte diese Entwicklung jedoch offenbar wieder zunichte. 1610 gab es in Limburg ohne Nahmer und Oege sieben Hausstätten, 1619 waren es bereits 17,1611 wurde der neue Ort aus der Parochie Elsey ausgepfarrt, 1612 machte die Wallfahrtskapelle einer neuen Pfarrkirche Platz. Seit 1610 wird auch ein Bürgermeister genannt.

Die Freiheit und spätere Stadt Limburg ist erst nach der Wende zum 17. Jahrhundert mit dem Aufschwung des Drahtgewerbes und zugleich mit der Einrichtung einer dauernden gräflichen Hofhaltung auf der Burg Limburg im Jahre 1610 entstanden.

Verfassung, Verwaltung und Gesetzgebung

Der schwäbische Reichsstaatsrechtslehrer Johann Jakob Moser erklärte im 18. Jahrhundert „Landeshoheit“ als das den Reichsständen zukommende Recht, in ihren Ländern und Gebieten alles dasjenige zu gebieten und zu verbieten, was nach göttlichem Recht, Naturrecht und Völkerrecht einem jeden Regenten zu gebieten und zu verbieten erlaubt sei, soweit es ihnen nicht durch Reichsgesetze oder Verträge mit ihren Landständen, d. h. durch die Reichsverfassung oder die Verfassung ihrer Territorien, eingeschränkt sei. Voraussetzung für diese „tatsächliche Gewalt über ein bestimmtes Gebiet“ war einerseits die Abschließung des Territoriums nach außen, ein Vorgang, den wir im vorigen Abschnitt kennengelernt haben. Andererseits bedurfte die Landeshoheit der Abschließung nach unten und der Konsolidierung im Inneren.

Die Ausbildung der Landeshoheit (im 16. Jahrhundert „landesfürstliche Obrigkeit“, 1648 „superioritas territorialis“) erfolgte in Deutschland im allgemeinen seit dem 13. und vor allem im 14. und 15. Jahrhundert auf der Basis der Landesherrschaft, wobei mit Historikern wie Hans Spangenberg, Adolf Gasser oder Otto Brunner beide Begriffe zu unterscheiden sind. Dieser Prozess war eine der bedeutendsten Entwicklungen der deutschen Verfassungsgeschichte, da er den späteren föderalistischen Aufbau Deutschlands bis heute entschieden hat. Grundlage der älteren Landesherrschaft waren, beginnend in karolingischer Zeit, Immunität, Vogtei Landfriedenswahrung, das Grafenamt und vor allem die Blut – oder Hochgerichtsbarkeit. Das hat in der Vergangenheit Historiker wie Georg von Below sagen lassen, der Zustand der „Landeshoheit“ sei eingetreten, wenn ein Herr die Hochgerichtsbarkeit erworben habe. Diese Ansicht wird man heute nicht mehr in dieser Einseitigkeit vertreten können, das ich daneben auch Allodialherrschaften edelfreier Geschlechter, die Grundherrschaft, Geleitsrechte, Forsthoheit und Wildbann und andere mehr als konstituierende Elemente mittelalterlicher Landesherrschaft erwiesen haben. Dabei führte die Verbindung mehrerer herrschaftlicher Funktionen häufig zur Landesherrschaft, oft genügte die Wahrnehmung eines dieser Rechte: entscheidend war jedoch immer die konkrete Machtausübung, also der Einsatz, mit dem die Rechte ausgeübt und verteidigt wurden.

Graf Dietrich l. von Isenberg-Limburg (um 1215 -1299) besaß in dem Gebiet der Grafschaft Limburg in der Mitte des 13. Jahrhunderts die Hochgerichtsbarkeit in vollem Umfang, und zwar sowohl das Freigericht als auch das Gogericht. Wahrend der Gogerichtsbezirk sich räumlich wohl ungefähr mit der späteren Grafschaft Limburg deckte, reichte das in einem späteren Nachtrag zur Großen Vogteirolle des Grafen Friedrich von Isenberg von etwa 1220 als „cometia Osteric“ (Oestrich) bezeichnete Gebiet des Freigerichtes darüber hinaus in den Raum Menden sowie nach Langschede nördlich der Ruhr und nach Schwerte und Westhofen. Außerdem besaß der Graf das Freigericht, nicht aber das Gogericht, auch in den sogenannten Krummen Grafschaften südlich von Dortmund und bei Oesede im Münsterland. Das Freigericht war das alte Blut- oder Hochgericht, während das Gogericht ursprünglich die niedere Gerichtsbarkeit besorgte. Doch besaß der Inhaber des Gogerichts über Täter, die auf frischer Tat gestellt wurden, ebenfalls die Blutgerichtsbarkeit, so dass auch er an Leib und Leben strafen konnte. Seit dem 13. Jahrhundert wurde überdies die Blutgerichtsbarkeit zwischen Go- und Freigerichten strittig.

Wahrscheinlich hatte schon Friedrich von Isenberg das Frei- und das Gogericht im Raum der späteren Grafschaft Limburg besessen. Mit dem Wiedergewinn von Teilen der väterlichen Besitzungen und Rechte und ihrer Behauptung im Isenberger Erbstreit erwuchs seinem Sohn Dietrich aus der Hochgerichtsbarkeit Landesherrschaft, und zwar nur in dem Raum, in dem er die Hochgerichtsbarkeit umfassend, nämlich Frei- und Gogericht einschließend, ausüben konnte. Von der „Entwicklung der Grafschaft Limburg aus der Grafschaft Osteric“ zu sprechen, geht daher nicht an. Voraussetzung war dabei, dass der Graf als Gerichtsherr keine andere Gewalt landrechtlicher Art über sich hatte. Diese Voraussetzung war seit dem Rückzug des Königtums von einer auch landrechtlichen auf eine nur noch lehnsrechtliche Herrschaft gegeben. Hinzu kam nun in diesem Gebiet, in dem Friedrich von Isenberg keine Burg besessen hatte, seit den dreißiger Jahren der Besitz einer Burg, die den Komplex der hier konzentrierten Besitzungen und Rechte, vor allem eben die Hochgerichtsbarkeit, zum Zubehör der Burg werden ließ. Dadurch wurde die Landesherrschaft stabilisiert und zentralisiert und durch die Person ihres Inhabers zusammengehalten. Ablesbar ist diese Entwicklung etwa daran, dass sich die alte Bezeichnung des Freigerichtsbezirkes als „cometia Osteric“ alsbald verliert und das Freigericht zur Pertinenz der Burg, zum Freigericht bzw. zur Freigrafschaft Limburg wird. Hierher gehört mit dem Blick auf den weiteren Ausbau der Landesherrschaft auch der Prozess der Verdinglichung oder Territorialisierung des Lehnswesens. Das Lehnsobjekt, in unserem Falle die seit 1242 von den Grafen von Berg lehnsrührige Burg Limburg, wurde von dem Haus, das dem Lehnsherrn „geöffnet“ war, ausgedehnt auf den zugehörigen Herrschaftsbezirk, der mithin auch auf diese Weise als solcher konstituiert wurde.

Dagegen scheint die Grundherrschaft, also das Recht des Grafen an seinem landwirtschaftlichen Grundeigentum und an den darauf sitzenden und dieses nutzenden und ihm gegenüber abgabepflichtigen Bauern, als Grundlage der limburgischen Landeshoheit kaum von Bedeutung gewesen zu sein. Sicher bedeutungslos war die Kirchenvogtei. Das 1222/23 von Friedrich von Isenberg gegründete Frauenstift Elsey, für dessen Anfangszeit die Vogtei des Gründers als wahrscheinlich anzunehmen ist, war 1227 von dem Kölner Erzbischof Heinrich von Molenark von der Vogteigerichtsbarkeit befreit worden und seitdem vogtfrei. Von den Gütern des Stiftes Essen und der Klöster und Stifte Rellinghausen, Möllenbeck, Kaufungen, St. Pantaleon in Köln, Siegburg, Werden und Fischbeck, insgesamt 36 Oberhöfe mit ihren zahlreichen Unterhöfen, über die Friedrich von Isenberg Vogteirechte besaß, lagen nur drei Unterhöfe in der späteren Grafschaft Limburg, und zwar ausnahmslos im Kirchspiel Hennen. Nach der sogenannten Kleinen Vogteirolle Friedrichs von Isenberg von vor 1220 handelte es sich dabei um die zum Oberhof (Dortmund-) Eving gehörenden Höfe Hennen und Rheine des Stiftes Essen und um den Hof Gerkendahl der Villikation (Dortmund-) Apierbeck des Klosters Möllenbeck an der Weser.

Die Anfänge der Landesherrschaft Dietrichs l. in der Grafschaft Limburg fallen in einen Zeitabschnitt, der für die deutsche Verfassungsgeschichte und insbesondere für die Entstehung der Landeshoheit von höchster Bedeutung war. 1220 hatte Kaiser Friedrich II. als Preis für die Königswahl seines Sohnes Heinrich (VII.) in der „Confoederatio cum principibus ecciesiasticis“ auf die Ausübung von Hoheitsrechten zugunsten der Reichskirche verzichtet und damit die Landesherrschaft der geistlichen Fürsten anerkannt. Im „Statutum in favorem principum“ verzichtete König Heinrich (VII.) 1231 auf die Ausübung der königlichen Hoheitsrechte über Gericht, Geleit, Münze, Zoll, Burgen- und Städtebau in den Gebieten weltlicher Landesherren. Obgleich mit beiden Fürstenprivilegien lediglich bereits bestehende Zustände sanktioniert wurden, spielten sie doch eine nicht zu übersehende Rolle dadurch, dass zuvor widerrechtlich angeeignete oder durch Sonderprivilegien erworbene Rechte nun in zwei Gesetzen zusammengefasst wurden. Die folgenden Jahre des Interregnums (1254 bis 1273) gaben den Landesherren Gelegenheit zur Usurpierung weiterer Hoheitsrechte und zum Ausbau ihrer Herrschaftsstellung. Heirat und Erbfall, Kauf und Tausch, Erbverbrüderung sowie Einziehung erledigter Lehen und Missachtung des Leihezwangs nach dem Sachsenspiegel musste die Neuvergabe eines erledigten Lehens innerhalb von Jahr und Tag erfolgen führten zur Auffüllung und zur Abrundung der Territorien, von denen man mit Fritz Härtung seit dem Interregnum sprechen kann. Dabei waren die Territorien noch vielfach von fremden Herrschaftsbezirken durchsetzt und verdienen daher die Bezeichnung „territorium non clausum“. Doch begann mit der Abschließung der Herrschaft nach unten jetzt die Entwicklung von der älteren Landesherrschaft zur Landeshoheit. Das Ergebnis dieses Prozesses hat man mit Formeln zu umschreiben gesucht wie „Territorialstaat“ statt des älteren Territoriums oder „Frühmoderner Staat“. In kleinen und kleinsten Herrschaftsgebieten, mit denen wir es im Falle Limburgs zu tun haben, kam diese Entwicklung entweder gar nicht oder erst im 18. Jahrhundert zum Abschluss, im Zeitalter des Absolutismus und vor der Schwelle der Französischen Revolution.

Die spätmittelalterliche Verdinglichung des Lehnswesens, von der bereits die Rede war, hat den Modernisierungsprozess der Landesherrschaft zur territorialen Landeshoheit befördert. Doch gilt dies nicht für die Grafschaft Limburg. Die Lehen, die der Graf als Lehnsherr vergab, hatten nur eine sehr untergeordnete Bedeutung für den Ausbau seines Territoriums. Die 1364 beim Regierungsantritt Graf Dietrichs IV. (1344 -1401) angelegte und bis zu seinem Tode fortgeführte Limburger Lehnsrolle verzeichnet zwar 160 Belehnungsvorgänge und, da einige Vasallen mehrfach belehnt waren, noch mehr Lehnsobjekte (Höfe, Kotten, Vogteien, Grundstücke, Mühlen, Zehnten, Geldrenten u. ä.). Doch diese lagen ganz überwiegend zerstreut über weite Gebiete außerhalb der Grafschaft Limburg in der Grafschaft Mark, im Herzogtum Westfalen, im Herzogtum Berg, im Gebiet der Reichsabtei Werden, im Herzogtum Kleve, im Vest Recklinghausen, im Hochstift Münster und im Hochstift Minden. Aus Limburg werden nur sehr wenige Lehen genannt, und zwar das Einhaus zu Berchum, ferner im Kirchspiel Ergste das Gut Bürenbruch und die Vogtei des Hofes Papenberg, im Kirchspiel Hennen eine Geldrente von 10 Schillingen und im Kirchspiel Oestrich der Hof und der Zehnt zu Droeschede und der Hof zu Stenglingsen. Nach dem Isenberger Erbstreit hatte Graf Dietrich l. aufgrund des Vertrages von 1243 im limburgischen Gebiet zwei Adelssitze als Lehen vergeben können: Berchum und Letmathe. Seit 1349 war das adelige Haus Letmathe aber ein Lehen der Grafen von der Mark, da in diesem Jahr Hunold von Letmathe sein Haus dem Grafen Engelbert III. von der Mark als „Offenhaus“ auftrug. 1580 erscheint dann der Adelssitz Hennen als limburgisches Lehen. Bei diesen zwei vom Landesherrn lehnsrührigen Adelshäusern innerhalb der Grafschaft Limburg, Berchum und Hennen, blieb es bis zum Berliner Vergleich von 1729. Erst dann wurden auch die drei anderen in der Grafschaft Limburg gelegenen Rittersitze Letmathe, Ohle und Gerkendahl in einen Lehnsnexus mit dem Landesherrn gestellt. Da deren Inhaber diese Lehen zuvor von den Grafen von der Mark empfangen hatten, ging vom Lehnswesen in Limburg bis dahin ein destabilisierender Einfluss auf die Landeshoheit aus.

Wichtiger als das Lehnswesen waren daher andere Faktoren wie die in Limburg seit etwa 1380 nachweisbare Wahrnehmung des Münzregals, vor allem aber die in den größeren Territorien seit dem 14. Jahrhundert entstandene und vom Lehnswesen gelöste bürgerliche Beamtenschaft und die Rezeption des Römischen Rechtes. Der Typ des modernen, auf Universitäten gebildeten Beamten stand am Anfang der Entwicklung von einer sich privatrechtlich begreifenden Herrschaft zu einer öffentlich-rechtlichen Auffassung der Landeshoheit.

In Limburg trat der erste gelehrte Jurist als Beamter erst sehr spät auf mit dem 1617 mit Beschwerden des limburgischen Adels befassten bentheimischen Rat Dr. jur. Pagenstecher. Ihm folgen später zunächst unregelmäßig und dann dauernd beschäftigte, juristisch gebildete Beamte. Überhaupt erweist sich der Zeitraum des Kölnischen Krieges und der kölnischen Besatzung Limburgs, d. h. die Jahre von 1582/84 bis 1610, als die entscheidende Zäsur zwischen der weitgehend noch mittelalterliche Formen bewahrenden Landesherrschaft der Grafen von Limburg und ihrer Erben, der Grafen von Neuenahr, und dem modernen Regiment der Grafen von Bentheim, die Limburg 1589 nach dem Tode Adolfs von Neuenahr geerbt und nach dem Abzug der Okkupanten 1610 übernommen hatten und nun, unterstützt durch qualifizierte Beamte, ihre Landeshoheit ausbauten.

Erst jetzt kam es in Limburg zu einem Zusammenspiel zwischen dem herrschaftlichen und dem genossenschaftlichen Element, zwischen dem Landesherrn und seiner ihm genossenschaftlich organisiert gegenübertretenden Untertanenschaft. Diese Erscheinung war in Europa seit dem 13. Jahrhundert als Voraussetzung für die Frühform des modernen Staates wirksam. Das „Miteinanderverhandeln“ des Inhabers der Landesherrschaft mit den Landständen konstituierte Landeshoheit. Diese Landstände, die als adelige, kirchliche oder städtische Sondergewalten in ihrem Bereich selbst Herrschaft ausübten, vertraten nach einem viel zitierten Wort Otto Brunners dem Landesherrn gegenüber nicht das Land, sie waren das „Land“. Das war nun etwas grundsätzlich anderes als bloße Grundherrschaft, Leibherrschaft, Vogteiherrschaft oder Hochgerichtsherrschaft und daher auch mehr als nur das Ergebnis einer kontinuierlichen Fortentwicklung der älteren Landesherrschaft. Am Anfang standen dabei häufig Verträge, die der Landesherr und das „Land“ miteinander schlössen. Der Historiker Werner Näf hat sie „Herrschaftsverträge“ genannt: 1215 die Magna Charta in England, 1222 die Goldene Bulle König Andreas II. von Ungarn, 1283/86 die Aragonischen Privilegien, 1312 die Charte von Cortenberg für Brabant, 1316 der Friede von Fexhe für Lüttich, 1356 die Joyeuse Entree für Brabant, 1472 der Vergleich des Markgrafen Albrecht mit den Ständen der Mark Brandenburg oder 1514 der Tübinger Vertrag. In diese Linie gehört auch der „Herrschaftsvertrag“ der Gräfin Johannetta Elisabeth mit den Adeligen der Grafschaft Limburg vom 21. Juli 1648. Der Anspruch des limburgischen Adels auf ständische Mitwirkung wurde 1617 bei einer Zusammenkunft der Adeligen auf dem Hause Gerkendahl ausgesprochen. Als Ergebnis dieses Treffens wurden am 27. August 1617 fünf Gravamina (Beschwerden) an den Landesherrn, Graf Konrad Gumprecht von Bentheim, abgefasst. Der entscheidende Beschwerdepunkt war der erste, in dem die Abschaffung der „verordneten 6 Männer“ verlangt wurde. Dabei handelte es sich um sechs vom Grafen eingesetzte Männer bäuerlicher Herkunft, die in den sechs Kirchspielen Elsey, Berchum, Ergste, Hennen, Oestrich und Letmathe bestimmte öffentliche Angelegenheiten regeln sollten. Hier zeigen sich Anfänge sowohl einer landesherrlichen als auch einer gemeindlichen Lokalbeamtenschaft. Da diese Einrichtung aber die Interessen der Edelleute berührte, forderten diese unter Hinweis auf die Zeiten des Grafen Adolf von Neuenahr, denen derartige Einrichtungen unbekannt gewesen seien, der Landesherr möge die Neuerung wieder zurückziehen und dafür mit ihnen und anderen Beerbten die fraglichen öffentlichen Angelegenheiten verhandeln. Nachdem die fünf Gravamina gräflicherseits unbeantwortet geblieben und daher am 31. Dezember 1617 von den Adeligen erneut vorgelegt worden waren, kündigte Gräfin Magdalena von Neuenahr, die Mutter des erkrankten Grafen Konrad Gumprecht, in ihrer Antwort vom 12. Januar 1618 an, „dass sobald möglich ein Tag und Zusammenkunft angestellt und diesen Sachen der Gebühr nach Befindung abgeholfen werden möge“. Hier nun begann das „Miteinander/erhandeln“ von Landesherr und „Land“ auch in der kleinen Grafschaft Limburg. Im Juli 1648 sahen sich Gräfin Johannetta Elisabeth und Graf Moritz von Bentheim-Tecklenburg zu Konzessionen gegenüber dem Adel Limburgs gezwungen, die mit dem am 21. Juli 1648 ausgefertigten Vergleich über die beiderseitigen Gerechtsame verbrieft wurden. Dieser „Herrschaftsvertrag“ brachte dem Adel als Ergebnis der langjährigen ständischen Konflikte und als Antwort auf seine zahlreichen, auch nach 1617 immer wieder vorgebrachten Gravamina die Befriedigung seiner Forderung nach ständischer Mitwirkung an den öffentlichen Angelegenheiten, indem vor allem sein Steuerbewilligungsrecht festgestellt wurde.

Damit wurden in der Folgezeit regelmäßige Konferenzen der Adeligen notwendig, auf denen Steuererhebungen beraten, bewilligt oder auch abgelehnt werden konnten. Aus diesen Verhandlungen, die im 17. Jahrhundert zunächst als „Zusammenkunft“ bezeichnet wurden, ist der periodisch tagende Landtag der Grafschaft Limburg hervorgegangen. Die erste uns bekannte Sitzung dieses Gremiums fand im April 1671 statt, die letzte im August 1807. Den fünf landtagsfähigen Rittergütern Berchum, Hennen, Ohle, Gerkendahl und Letmathe entsprachen fünf Landtagsstimmen, über die die jeweiligen Inhaber dieser Adelshäuser, soweit sie selbst von Adel waren, verfügten. Im späteren 18. Jahrhundert waren die fünf Stimmen in der Hand von nur noch zwei Adeligen. Die Familie von Brabeck hatte 1731 neben ihrem Hause Letmathe auch Haus Ohle erworben und besaß später zeitweise Haus Hennen von der Familie von Cloet als Pfand und verfügte daher über drei Stimmen (Letmathe, Ohle, Hennen). Haus Berchum war 1703 durch Erbgang an die Familie von Ketteler zu Gerkendahl gekommen, die seitdem im Besitz der beiden anderen Landtagsstimmen (Gerkendahl, Berchum) war. Bis 1693 waren die Adeligen stets persönlich auf dem Landtag anwesend, wobei Vollzähligkeit nicht die Regel war. 1693 erschien erstmals ein Deputierter für das Haus Letmathe. Seit 1734 wurde der Landtag, der häufig, aber nicht immer, auf Schloss Hohenlimburg tagte, nur noch von bürgerlichen Deputierten als Vertreter ihrer Herren besucht.

Der Hauptort der Grafschaft, die erst 1709 mit begrenzten städtischen Selbstverwaltungsrechten ausgestattete Freiheit Limburg, war ebenso wenig landtagsfähig wie das adelige Damenstift Elsey. Als im Jahre 1793 Haus Berchum, das im Vorjahre in den Besitz eines bürgerlichen und daher nicht landtagsfähigen Viehhändlers gelangt war, von diesem zum Kauf angeboten wurde, veranlasste der lutherische Pfarrer zu Elsey, Johann Friedrich Möller, das Kapitel des Stiftes Elsey zum Ankauf des Gutes, der am 12. August 1793 durch die Äbtissin Amalie von dem Bottlenberg gen. Kessel vorgenommen wurde. Damit konnte das Stift Elsey, ohne selbst landtagsfähig zu werden, von nun an über die Berchumer Landtagsstimme verfügen. Möller, der sich als historischer, politischer und volkswirtschaftlicher Schriftsteller einen bekannten Namen gemacht hat, hatte dem Stiftskapitel zuvor eine umfangreiche Denkschrift über die landständische Verfassung der Grafschaft Limburg vorgelegt. Neben dem Vergleich von 1648 und den Landtagsprotokollen stellt diese bemerkenswerte Beurteilung eines aufmerksamen Zeitgenossen für uns eine wichtige Quelle für dieses Kapitel der limburgischen Verfassungsgeschichte dar. Auch nach dem Abschluss des „Herrschaftsvertrages“ von 1648 ging der Ausbau der Landeshoheit in der Grafschaft Limburg parallel zu ihrer Abschließung nach außen weiter.

Zunächst wirkte sich für die reformierten Grafen von Bentheim die im Westfälischen Frieden von 1648 erfolgte Aufnahme der Reformierten in den Augsburger Religionsfrieden von 1555 in der Weise aus, dass sie das landesherrliche Kirchenregiment bis zu einem gewissen Grade zur Befestigung ihrer Landeshoheit einsetzen konnten. Der Inhalt des Kirchenregiments umfasste die Berufung der Pfarrer, die Visitation der Gemeinden, die Vermögensverwaltung u.a.m. Doch waren den Grafen in Limburg durch die konfessionelle Gemengelage und durch andersgläubige Landstände enge Grenzen gesetzt. Ein Recht, den Glauben der Bewohner seines Territoriums verbindlich festzulegen, bestand nach 1648 aufgrund der Normaljahrregelung des Westfälischen Friedens ohnehin nicht mehr.

Die verfassungsgeschichtliche Entwicklung der Grafschaft Limburg vor dem Untergang des alten Reiches endete in der Mitte des 18. Jahrhunderts mit einem Hausgesetz, der Sukzessions- und Primogeniturordnung vom 12. Juli 1746. Damit schuf Graf Moritz Casimir l. für seine Territorien Limburg und Rheda eine Erbfolgeregelung nach dem Recht der Erstgeburt und legte auf diese Weise auch die Unteilbarkeit seines Territorialbesitzes fest. In größeren Territorien und bei bedeutenden Fürstenhäusern waren derartige Regelungen schon Jahrhunderte früher erfolgt. Bereits 1356 hatte die Goldene Bulle Karls IV. den Kurfürsten das Privileg der Erblichkeit in der Primogenitur und der Unteilbarkeit der Kurlande gegeben. 1380 folgte Baden, 1482 Württemberg, 1506 Bayern. Dagegen hatte Graf Arnold II. von Bentheim 1591 seine Territorien testamentarisch so geteilt, dass nach seinem Tode 1606 von seinen Söhnen Adolf die Grafschaft Tecklenburg mit Rheda, Arnold Jobst die Grafschaft Bentheim, Wilhelm Heinrich Steinfurt, Konrad Gumprecht die Grafschaft Limburg und Friedrich Ludolf die Herrschaft Alpen erhielten. Doch sollten auch damals schon die einzelnen Territorien ungeteilt nach der Primogenitur vererbt werden. Das Hausgesetz von 1746 hatte verfassungsrechtlich nur untergeordnete Bedeutung, da es weder vom Kaiser noch von den limburgischen oder den rhedaischen Landständen bestätigt wurde. Es bedeutete auch keine engere Verbindung zwischen der Grafschaft Limburg und der Herrschaft Rheda, etwa im Sinne der Union von Kleve und Mark von 1461. Zwischen Limburg und Rheda bestand vielmehr weiterhin das Verhältnis einer bloßen Personalunion. Dem steht nicht entgegen, dass gelegentlich in beiden Ländern gleichlautende Gesetze erlassen wurden.

Von großer Bedeutung war schließlich die verwaltungsgeschichtliche Entwicklung, die seit dem späteren 17. Jahrhundert eine kontinuierliche Ausweitung und Differenzierung der Regierungs- und Verwaltungstätigkeit erkennbar werden lässt. Das zeigt sich deutlich an den Instruktionen und Reglements für die Beamten aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.

An der Gesetzgebung war der limburgische Landtag wie die Ständevertretungen fast aller anderen deutschen Territorien nicht beteiligt. Von Fall zu Fall mögen die Landstände informell herangezogen worden sein, wie es etwa für die rhedaischen Landstände beim Erlass der Trauerordnung von 1778 bezeugt ist. Das lag nicht an geringer gesetzgeberischer Aktivität, die man für ein solch kleines Gebiet wie die Grafschaft Limburg vermuten könnte. Von der gräflichen Gesetzgebung zeugen immerhin eine 43 Paragraphen umfassende und den weiten Bereich der öffentlichen Ordnung regelnde Polizeiordnung vom 8. Februar 1683 sowie Dutzende spezieller Polizeiverordnungen, wie diese im 18. Jahrhundert üblich wurden. Zur Beförderung des „Gemeinen Besten“ griff der Graf hier mit seinen Beamten obrigkeitlich bevormundend in den Privatbereich des Einzelnen ein.

Die Polizeiverordnungen waren landesherrliche Rechtsgebote, mit denen eine Ordnung befohlen wurde, die als Recht zu befolgen war. Bestandteil der Landeshoheit war das Gesetzgebungsrecht, das der Landesherr ohne Beschränkung durch Landstände ausüben konnte. Dennoch waren diese Gesetze nicht Produkte schrankenloser Willkür, da die landesherrliche Gesetzgebung an den durch Kaiser und Reich und die Reichsgerichte vorgegebenen Rahmen gebunden blieb. Jeder Untertan im alten Reich konnte seinen jeweiligen Landesherrn vor einem der beiden Reichsgerichte, dem Reichshofrat in Wien und dem Reichskammergericht in Wetzlar, verklagen. Landeshoheit war nicht Souveränität.

Gräfliche Hofhaltung

Nach der Räumung der Grafschaft Limburg durch die kölnischen Besatzungstruppen im Mai 1610 bezog Graf Konrad Gumprecht von Bentheim die Burg Limburg als Wohnsitz und als Amtsgebäude für die Regierung und Verwaltung der Grafschaft. Zwar hatte es schon vor dem Kölnischen Krieg, vor allem im 16. Jahrhundert unter den Grafen von Neuenahr, verschiedene Um- und Ausbauten an der Burganlage aus dem 13. Jahrhundert gegeben. Auch Konrad Gumprechts eigene Baumaßnahmen hatten die alte Burg in den kurzen Jahren zwischen 1610 und seinem Tode 1618 etwas wohnlicher werden lassen. Gleichwohl blieb in Limburg trotz der sehr viel großzügigeren Bautätigkeit unter Graf Moritz Casimir l. im 18. Jahrhundert eine nach Verteidigungsgesichtspunkten des Mittelalters angelegte Burg Schauplatz der gräflichen Hofhaltung.

„Hof wird genennet, wo sich der Fürst aufhält“, so schrieb im 18. Jahrhundert unter dem Stichwort „Hof“ das 68 Bände umfassende Zedlersche „Große vollständige Universal-Lexicon aller Wissenschaften und Künste“ (1732 -1754):

„Durch sich alleine kan der Landes-Fürst den Staats-Cörper nicht bestreiten, er sey auch so klein als er wolle. Doch das ist noch nicht genug. Der Fürst muss bey fremden sowohl als einheimischen Ansehen haben. Fehlt dieses, wer wird seinen Befehlen gehorchen? Wären alle Unterthanen von der tieffen Einsicht, dass sie den Fürsten wegen innerlichen Vorzuges verehrten, so brauchte es keines äusserlichen Gepränges; so aber bleibet der größte Theil derer gehorchenden an dem äusserlichen hängen. Ein Fürst bleibt derselbe, er gehe alleine oder habe einen grossen Comitat bey sich. Gleichwohl fehlet es nicht an Exempeln, da der Fürst, wenn er allein unter seinen Unterthanen herum gegangen, wenig oder gar kein Ansehen gehabt, da man ihm hingegen gantz anders begegnet, wenn er seinem Stande gemäß aufgezogen. Dieserhalben ist also nöthig, dass der Fürst nicht nur Bediente habe, die dem Lande vorstehen, sondern auch, die ihm zum äusserlichen Staate und eigener Bedienung nöthig sind“.

Nach dem Tode Konrad Gumprechts residierte dessen Witwe Gräfin Johannetta Elisabeth von Nassau-Dillenburg, die für ihren Schwager Graf Adolf von Bentheim-Tecklenburg (gest. 1628) und danach für ihren Neffen Graf Moritz in Limburg die Regentschaft führte, bis 1654 auf der Burg Limburg. Unterbrochen wurde ihre Hofhaltung durch die kaiserliche Besatzung in der Burg während des Dreißigjährigen Krieges in den Jahren 1633 -1636. Einblick in die Hofhaltung der Grafen von Bentheim in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts geben die Hofordnungen, mit denen das Leben und die Haushaltsführung am Hof geregelt wurden. Sie enthielten Verhaltensmaßregeln für Dienerschaft und Gesinde und legten oft auch die Zahl und die Rangfolge der Höflinge und der Hofdienerschaft fest, vor allem die Sitzordnung an den verschiedenen Tischen der Hoftafel.

Nach dem Ableben Johannetta Elisabeths hat die Burg Limburg unter Graf Moritz und unter seinem Sohn Friedrich Mauritz, der durch einen Teilungsvertrag mit seinem älteren Bruder Johann Adolf vom 13. März 1681 Limburg erhalten hatte, nur von Zeit zu Zeit als Aufenthaltsort des Landesherrn gedient. Sie blieb aber Verwaltungsmittelpunkt der Grafschaft.

Eine dauernde gräfliche Hofhaltung bestand auf der Burg Limburg erst wieder unter Graf Moritz Casimir l. von Bentheim-Tecklenburg, der seit 1726 in Rheda und Limburg selbständig regierte. Er ließ die alte Burg umbauen und gab ihr einen wohnlichen und, soweit die architektonischen und die finanziellen Möglichkeiten es erlaubten, repräsentativen Charakter. Der Repräsentation dienten zwei schlichte Säle von 12 x 8 bzw. 8 x 8 Metern Fläche in dem zwischen dem ältesten Teil des Neuen Palas und dem zweiten Teil aus dem 16. Jahrhundert eingefügten Baukörper sowie der auf einer angeschütteten Terrasse angelegte Barockgarten. Der spätere Göttinger Professor Johann Stephan Pütter (1725 -1807) hat als gebürtiger Iserlohner drei Jahre seiner Jugend als Privatschüler des reformierten Hofpredigers Christian Friedrich Stolte in Limburg verbracht und hatte in dieser Zeit Zugang zum Hof Moritz Casimirs l. Seine 1798 niedergeschriebene Erinnerung an die Feier des Geburtstags des Grafen auf Schloss Hohenlimburg im Jahre 1736 ist der einzige bekannte Bericht eines Zeitgenossen über den Limburger Grafenhof des 18. Jahrhunderts. Er zeugt von dem Verzicht des Grafen auf übertriebenen Luxus und der Musikpflege, die in Limburg wie später in Rheda unter seinem Sohn Moritz Casimir II. kennzeichnend für diese beiden Grafen war, deren Lebensspanne das ganze 18. Jahrhundert, von 1701 bis 1805, umfasste.

Die Angaben Pütters werden bestätigt durch die Haushaltungsregister des Hofes zu Limburg. Eine Zusammenstellung über die Hofbedienten von etwa 1735 gibt neben der Anzahl dieser Personen auch deren Rangfolge und deren Gehalt an. 1757 schränkte Moritz Casimir l. die Hofhaltung in Limburg aus Gründen der Kostenersparnis ein. Schloss Rheda wurde zum Ort der dauernden gräflichen Residenz und blieb es, nachdem 1768 Moritz Casimir II. seinem Vater gefolgt war. Zeitweise hielten sich die Landesherren oder andere Angehörige der gräflichen Familie aber auch nach 1757 auf Schloss Limburg, dem Sitz der Verwaltung der Grafschaft, auf.

Gewerbliche Wirtschaft

In der Geschichtswissenschaft wird neuerdings von „Protoindustrialisierung“ gesprochen. Gemeint ist damit die seit dem Spätmittelalter in vielen Gegenden zu beobachtende „Industrialisierung vor der Industrialisierung“, die lange vor der im 18. Jahrhundert in England beginnenden und im 19. Jahrhundert Deutschland erreichenden Industriellen Revolution eine hausindustriell betriebene gewerbliche Massengüterproduktion für überörtliche oder überregionale Märkte hervorbrachte und auch bereits kleine Gewerbebetriebe entstehen ließ. Dabei handelt es sich in erster Linie um das vorwiegend auf dem Lande angesiedelte Textilgewerbe und um die ländliche Eisen- und Metallwarenverarbeitung.

In der gesamten Mittelgebirgsregion der südlichen Grafschaft Mark, im kölnischen Sauerland, im Siegerland, im Bergischen Land und in den südlich angrenzenden Gebieten waren die Bewohner auch außerhalb der Städte schon früh auf gewerbliche Tätigkeit oder Nebentätigkeit für den Markt angewiesen, da die geographisch-klimatischen Verhältnisse dieser Gegenden dem Ertragsreichtum der Landwirtschaft verhältnismäßig enge Grenzen setzten. Dagegen boten die Erzvorkommen, die Flüsse und wasser- und gefällereichen Waldbäche, die die für den Betrieb des seit dem 15. Jahrhundert für Hammerwerke genutzten Wasserrades erforderliche Antriebsenergie liefern konnten, und der ursprüngliche Holzreichtum der Wälder, die sich zur Gewinnung von Holzkohle ausbeuten ließen, günstige Standortbedingungen für das Eisen- und Metallgewerbe. Dieser Produktionsbereich wurde daher im 17. und 18. Jahrhundert in der Grafschaft Mark, im Herzogtum Westfalen und in der Grafschaft Limburg zum wichtigsten Zweig der gewerblichen Wirtschaft.

Für Limburg ermittelte der preußische Fabrikenkommissar Friedrich August Alexander Eversmann 1804 neben einigen Drahtrollen im Kirchspiel Oestrich 18 Drahtwerke in den Tälern der Nahmer, der Nimmer und des Wesselbaches und drei Hammerwerke. Diese bezogen ihr Roheisen hauptsächlich von der Oberkaltenbacher Hütte im Oberbergischen und verarbeiteten es zu Stabeisen, das in den Drahtwerken weiterverarbeitet wurde, und zwar vornehmlich zu Kratzendraht. Der Grobdraht, der etwa ein Viertel der Produktion ausmachte, war in dieser Zeit offenbar ein Abfallprodukt.

Am Anfang des protoindustriellen Limburg stand aber wohl nicht der Drahtzug, sondern ein Kupferhammer, zu dessen Errichtung Graf Adolf von Neuenahr am 4. November 1571 dem Burghardt Stade aus Essen ein Privileg erteilte. In dieser Urkunde wird zwar eine gräfliche „Korn- und Draetmuelle“ in der Nahmer erwähnt, so dass anzunehmen ist, dass bereits vor 1571 Draht in der Grafschaft Limburg gezogen wurde. Von Industrialisierung vor der Industrialisierung wird man bei diesem und anderen wohl nur Eigenbedarf deckenden Betrieben aber noch nicht sprechen können.

Erst mit den gehämmerten Kupferplatten des Kupferhammers in der Nahmer begann eine exportorientierte Gewerbetätigkeit. Die Kupferplatten, für deren Herstellung das Kupfererz überwiegend aus der Gegend von Olpe bezogen wurde, waren das Ausgangsmaterial für kupferne Gebrauchsgegenstände verschiedener Art, die bald auch in Limburg produziert wurden. Der Kupferhammer bestand bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Erst nach der Zeit der kölnischen Besatzung (1584 -1610), die sich also auch unter wirtschaftsgeschichtlichem Aspekt für Limburg als entscheidende Zäsur erweist, arbeiteten im Jahre 1619 15 Drahtrollen im Gebiet der Freiheit Limburg, und zwar wohl überwiegend im Tal der Nahmer. Doch wurde das Wesselbach! unterhalb der Burg auch bereits gewerblich genutzt. Nach diesem ersten Aufschwung erfuhr das Limburger Drahtgewerbe dann in der zweiten Hälfte des 17. und im 18. Jahrhundert seine Blütezeit. 1690 unterschrieben 19 Drahtgewerken aus der Grafschaft Limburg, darunter 14 aus der Freiheit und fünf aus dem Kirchspiel Oestrich, die Satzungen der von ihnen begründeten Drahtziehergilde.

Das Limburger Drahtgewerbe konnte sich dank der auch von Eversmann hervorgehobenen guten Qualität seiner Erzeugnisse und dank ihrer niedrigen Preise gegenüber der mächtigen Konkurrenz aus den führenden märkischen Drahtstädten Lüdenscheid, Altena und Iserlohn relativ erfolgreich behaupten. Neben der Leistung der Reidemeister, der Rollenpächter und der Lohnarbeiter war das auch auf die Förderung dieses Wirtschaftszweiges durch die Grafen Moritz Casimir l. und Moritz Casimir II. zurückzuführen. Auf dem Boden der kameralistischen Wirtschaftsauffassungen ihrer Zeit griffen sie unterstützend und fördernd, zugleich aber auch reglementierend und damit hemmend in die Gewerbetätigkeit ein. Auch Qualitätsnormen, die Arbeitsverfassung und die Löhne der Arbeiter unterlagen landesherrlicher Regelung. So setzte Moritz Casimir II. 1785 obrigkeitlich Lohnerhöhungen für die Arbeiter fest.

Im Laufe des 18. Jahrhunderts scheint sich aus dem Kreis der Gewerken der Eisenhämmer und Drahtrollen eine kleine Gruppe Limburger Familien eine führende Stellung erworben zu haben. Sie bildeten gemeinsam mit den höheren Beamten des Grafen die bürgerliche Oberschicht Limburgs und damit ein neues, über die sozialen Strukturen des Ständestaates in das 19. Jahrhundert hinausweisendes Bevölkerungselement. Besonders erfolgreich sind offenbar gegen Ende des 18. Jahrhunderts die Brüder Johann Hermann Böing und Dr. med Conrad Böing gewesen. Daneben sind Namen wie Hengstenberg, Boecker und andere zu nennen.

Am Ende des 18. Jahrhunderts kündigte sich aber auch bereits eine Krise der Drahtindustrie an, obgleich davon in Eversmanns Bericht von 1804 noch nichts verlautet. Als nach dem Ende der napoleonischen Kontinentalsperre gegen Großbritannien, die anfangs wohl fördernd gewirkt hatte, billige englische Drähte die kontinentalen Märkte eroberten, war das Ende des alten Drahtgewerbes der Grafschaft Limburg gekommen. 1822 heißt es in einem amtlichen Bericht: „Von der einst so blühenden Drahtfabrikation bei Limburg existiert nur noch ein Schatten“. Erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts begann mit den Anfängen der Kaltwalzindustrie eine neue industrielle Epoche, die bald in die Hochindustrialisierung einmündete.

Bevölkerung

„Die Vielheit der Einwohner eines Reiches ist dessen erste Grundsäule“, schrieb 1749 der Göttinger Professor Gottfried Achenwall. Sein Kollege Matthias Christian Sprengel in Halle sagte 1793 über die Volksmenge: „Ihre Anzahl bestimmt die größere oder mindere Fruchtbarkeit des Landes, die höhere oder mindere Kultur der Nation, die Leichtigkeit sich zu ernähren und die Sorgfalt der Landesregierung, fehlenden oder stockenden Gewerben aufzuhelfen und die Unterthanen vor Druck zu beschützen. Um die Volksmenge des Ganzen oder einzelner Provinzen zu erfahren, dienen Zählungslisten, dergleichen von den mehresten Staaten vorhanden sind, und wenn diese fehlen, Schätzungen nach den Gebohrnen und Gestorbenen, nach der Häuserzahl und im Nothfall nach dem Ertrage persönlicher Abgaben“.

Bevölkerungszählungen waren 1695 im Habsburger Reich, 1725 in Preußen, 1742 in Hessen-Darmstadt, 1747 in Hessen-Kassel, 1749 in Schweden und 1769 in Dänemark und Norwegen durchgeführt worden. Im Gegensatz dazu konnte in dem östlich an die Grafschaft Limburg angrenzenden Herzogtum Westfalen noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts niemand die Einwohnerzahl des Landes einigermaßen genau angeben. Der geheime und Oberappellationsrat Friedrich Arndts musste daher 1802 über seine sauerländische Heimat bemerken, dass „es wohl nur wenige Länder giebt, die ärmer an statistischen Notizzen sind als eben mein Vatterland“.

In der Grafschaft Limburg und in seinen anderen Besitzungen ließ Graf Moritz Casimir II. 1786 Bevölkerungszählungen durchführen. Für die Grafschaft Limburg ergab sich dabei eine Gesamteinwohnerzahl von 5.518 Menschen. Davon entfielen auf den Ort Limburg mit Nahmer und Oege 1.291 und auf Elsey 505 Einwohner. Das bevölkerungsreichste Kirchspiel war Hennen mit 1 .335 Einwohnern. Letmathe hatte 664, Oestrich 797, Ergste 652 und Berchum 274 Einwohner.Für die Zeiten vor der Bevölkerungszählung unter Graf Moritz Casimir II. ist der Historiker bei der Frage nach der Einwohnerzahl der Grafschaft Limburg auf Schätzungen angewiesen, wie Sprengel sie 1793 angeführt hat. Der Heimatforscher Otto Bierhoff hat 1958 anhand eines Einkünfteverzeichnisses des Grafen Conrad Gumprecht von 1610 eine solche Schätzung vorgenommen und die Einwohnerzahl für 1610 mit 2.498 errechnet. Diese Zahl liegt um rund 1.000 Einwohner zu hoch. Bierhoff ist von durchschnittlich acht Personen (in der Freiheit Limburg sechs) für jeden der 288 Haushalte (Feuerstätten), die das Verzeichnis nennt, ausgegangen. Diese Voraussetzung ist sicher falsch. In der Bevölkerungsgeschichte gilt für vergleichbare Verhältnisse der Multiplikator 5 als zu hoch; realistisch dürfte die Multiplikation der Zahl der Haushalte mit 4,5 sein. Nachweisbar ist für die Freiheit Limburg im späteren 18. Jahrhundert sogar nur die Relation 3:1 zwischen der Einwohner- und der Haushaltszahl, wobei haushaltsangehöriges Gesinde mit berücksichtigt ist. Außerdem hat Bierhoff für die Freiheit Limburg, für die das Register sieben Haushaltungen nennt, eine bei weitem zu große Bevölkerungszahl angesetzt. Ihm erschien eine Einwohnerzahl von nur 56 Personen (7 x 8) als nicht glaubhaft. Tatsächlich wird die Zahl der steuerpflichtigen Einwohner der Freiheit ohne die dort wohnenden Angehörigen der gräflichen Hofhaltung noch niedriger gewesen sein . Geht man von der in dem Verzeichnis belegten Zahl der Haushaltungen aus und bedient sich des bewährten Multiplikators 4,5, so ergibt sich für die ganze Grafschaft ohne die gräfliche Hofhaltung eine wahrscheinliche Einwohnerzahl von 1.296 Personen im Jahre 1610. Davon werden rund 40 in der Freiheit Limburg unter Einschluss der Nahmer, für die zwei Haushaltungen genannt werden, gewohnt haben. Hinzu kommen Beamte und andere Bediente und das Gesinde des gräflichen Hofes mit ihren Familien, von denen ein Teil gewiss in der Freiheit ansässig war. Wenn wir für diesen Personenkreis mit Bierhoff fünf Familien sowie vier weitere Familien annehmen, so haben wir für die Freiheit mit der Nahmer von insgesamt 18 Haushalten, mithin von rund 80 Einwohnern auszugehen. Das bedeutet für die ganze Grafschaft etwa 1.336 Menschen, wobei diese Zahl wahrscheinlich noch zu hoch ist, da für die Freiheit der Multiplikator 4,5 zu hoch angesetzt sein dürfte.

Diese Zahlen deuten für den Zeitraum von 1610 bis 1786 auf ein ganz beträchtliches Bevölkerungswachstum hin, das offenbar über dem für ganz Deutschland ermittelten Bevölkerungszuwachs lag. Daran zeigt sich die große Bedeutung der Drahtindustrie seit dem 17. Jahrhundert. 1619 gab es im Ort Limburg ohne Nahmer und Oege 17 Wohnstätten. Bis 1746 erhöhte sich deren Zahl auf 92.

Aus dem Jahre 1765 besitzen wir eine Steuerliste nur für die Freiheit Limburg, die die Annahme einer Personenzahl von weniger als fünf pro Haushalt als richtig bestätigt. Aufgeführt werden 223 steuerpflichtige Haushalte, und zwar 107 im Ort Limburg selbst, 96 in der Nahmer und 10 in Oege. Hinzu kommen 10 jüdische Familien mit ihren Haushalten. Auf Limburg ohne Nahmer und Oege entfielen 323 Einwohner, auf die Nahmer 285 und auf Oege 44. Die Juden zählten 36 Personen. In Limburg und in der Nahmer mit ihrer bürgerlichen und handwerklich-industriellen Bevölkerungsstruktur kamen im Durchschnitt also nur drei Personen auf einen Haushalt, und zwar unter Einschluß von Knechten und Mägden. Im vorwiegend agrarisch geprägten Oege waren es rechnerisch 4,4 Personen, die einen Haushalt bildeten. Verzeichnet werden 219 Männer, 218 Frauen und 190 Kinder, außerdem deren Gesinde, nämlich 29 Knechte und 32 Mägde. Die Zahl der Kinder lässt auf eine gesunde Altersstruktur der Bevölkerung schließen. An der Gesamtbevölkerung (ohne Knechte und Mägde) waren die Kinder mit 30,3°/o beteiligt. Noch höher war der Kinderanteil im bäuerlichen Oege mit 40,5 °/o. Auch die Juden waren fortpflanzungsfreudiger als die Bürger und die Tagelöhner Limburgs und der Nahmer. Bei den Juden lag der Anteil der Kinder bei 38,2.

Die Steuerliste von 1765 verzeichnet mit insgesamt 688 Einwohnern nur den steuerpflichtigen Bevölkerungsteil, nicht jedoch alle in Limburg, Nahmer und Oege wohnenden Personen. Als Berufe genannt werden vor allem Professionist (Handwerker) und Tagelöhner, daneben Kaufmann, Krämer und Wirt, Müller und Handelsmann sowie in Oege Ackersmann. Es fehlen Pfarrer, Küster und Lehrer, die gräflichen Beamten und andere, mit ihren Familien im Ort wohnenden Bedienten sowie alle wegen Armut nicht besteuerbaren Personen.

Steuerfreiheit genossen in der Grafschaft Limburg der Adel, das Stift Elsey und Geistliche, Küster und Lehrer. Darüber hinaus waren alle Bewohner der Freiheit Limburg mit Nahmer und Oege als auf gräflichem Grunde wohnende Untertanen von der normalen Besteuerung befreit. Nur in besonderen Fällen, so etwa 1765, wurden sie zu Abgaben herangezogen. Landessteuern wurden daher nur in deri sechs Kirchspielen Berchum, Ergste, Hennen, Oestrich, Letmathe und Elsey erhoben.

Daneben gab es bis in die Mitte des 17. Jahrhunderts eine große Bevölkerungsgruppe, die doppelt besteuert wurde. Das waren die sogenannten Freimärkischen, nämlich in der Grafschaft Mark geborene Söhne oder Töchter märkischer Mütter, die in die Grafschaft Limburg eingeheiratet oder sich dort aus anderen Gründen niedergelassen hatten. Auch ihre weiblichen Nachkommen galten noch für eine oder zwei Generationen als Freimärker. Diese Personengruppe war durch ein doppeltes Untertanenverhältnis gekennzeichnet, das doppelte Verpflichtungen einschloss, und zwar sowohl gegenüber dem limburgischen als auch gegenüber dem märkischen Landesherrn. Aus dem Jahre 1511 liegt eine Liste über eine „Schattungh der Lymborgschen“ vor. Mit dieser Schätzung wurde von den Freimärkischen der Grafschaft Limburg, unabhängig von ihrer limburgischen Steuerschuld, anlässlich der Vermählung Herzog Johanns von Kleve mit Maria von Jülich eine märkische Steuer erhoben. Dem doppelten Untertanenverhältnis und der doppelten Besteuerung konnten die Freimärkischen nur durch Auswechslung gegen gebürtige Limburger entgehen, die in der Grafschaft Mark lebten und ebenfalls in einem doppelten Untertanenverhältnis standen. Aus dem 15. und 16. Jahrhundert gibt es eine ganze Reihe derartiger Wechselbriefe. Diese haben, da die Eigenhörigkeit in Limburg damals bereits bedeutungslos war, nichts mit der in anderen Gegenden üblichen Auswechslung von Eigenhörigen zu tun.

Die meisten Höfe und Kotten der Grafschaft waren von den Grundherren, neben dem Grafen vor allem das Stift Elsey und die limburgischen Adeligen sowie auswärtige Adelsfamilien, als freie Erbzins- oder Zeitpachthöfe an persönlich freie Bauern ausgegeben. Bei den Verpflichtungen, die diese ihren Grundherren gegenüber zu erfüllen hatten, handelte es sich daher nicht um leibherrliche, auf der Person des Leistungspflichtigen ruhende Abgaben, sondern um grundherrliche Verpflichtungen, die auf den Höfen lagen, an denen die Grundherren ein Obereigentum hatten. Die Zeitpacht lief gewöhnlich über 15 Jahre oder ähnlich bemessene Zeiträume. Beim Antritt des Hofes und bei jeder Verlängerung des Pachtverhältnisses nach Ablauf der Pachtjahre hatte der Pächter ein sogenanntes Gewinngeld an den Obereigentümer zu zahlen und außerdem in jedem Jahr zu festgesetzten Terminen seine Pacht in Naturalien oder in Geld zu entrichten. Dazu kamen gegebenenfalls Dienstleistungen wie Mistfahren oder Heuwenden auf den Ländereien, die der Grundherr selbst bebaute. Dafür besaß der Pächter während der Laufzeit des Pachtvertrages das Nutzungsrecht an seinem Hof und an den zugehörigen Ackerstücken und in der Regel auch an der Allmende. Der Bauer konnte die landwirtschaftliche Nutzung seines Landes selbst bestimmen und selbständig wirtschaften. Doch war er bei der Bestellung seiner Ackerstücke, die fast immer im Gemenge lagen, durch den Flurzwang gebunden. Das bedeutete, dass alle Bauern einer Gemarkung ihre jeweiligen Ackerstücke während bestimmter Fristen mit den gleichen Früchten bestellen mussten. Durchweg entwickelten sich diese Zeitpachtverhältnisse gewohnheitsrechtlich zur Erbpacht, indem nach dem Tode des Bauern und seiner Witwe der Sohn oder der Schwiegersohn den Hof „gewann“ und das Pachtverhältnis fortsetzte.

An öffentlich-rechtlichen Abgaben kannte die Grafschaft Limburg direkte und indirekte Steuern. Die direkten Steuern wurden nicht wie heute regelmäßig erhoben, sondern von Fall zu Fall ausgeschrieben. Im späteren 17. und 18. Jahrhundert konnte sie der Graf weder selbst ausschreiben noch für sich nutzen. Er beantragte beim Landtag die Ausschreibung einer Steuer, meistens in einer bestimmten Höhe. Der Landtag musste über diesen Antrag befinden und die Steuerausschreibung genehmigen oder ablehnen. Anders als heute wurde die Steuer nicht nach einem bestimmten Prozentsatz vom Einkommen, Lohn, Umsatz oder vom Ertrag des einzelnen Steuerzahlers erhoben. Der Landtag legte aufgrund des gräflichen Antrages eine Steuersumme fest, die auf die steuerpflichtigen Kirchspiele der Grafschaft und auf deren Bewohner umgelegt wurde. Maßgeblich für die Umlegung auf den einzelnen Steuerzahler war in der Regel dessen Vermögen. So konnte etwa eine Steuer auf das Vieh erhoben werden (Viehschatz) oder auf die Feuerstätten (Schornsteine) im Hause (Rauchschatz) oder eine Grundsteuer auf den Grundbesitz. Zur Umlegung der Grundsteuer war die ganze Grafschaft, ausgenommen nur die Freiheit Limburg, nach Hermann Esser in 100 Pflüge zu je 10 Kotten eingeteilt. Die 100 Pflüge verteilten sich auf die sechs steuerpflichtigen Kirchspiele: Elsey 11, Berchum 7, Oestrich 18, Letmathe 10, Ergste 22 und Hennen 32. Das Kirchspiel Hennen trug also 32 der Steuersumme, das Kirchspiel Berchum nur 7 . Bei einer vom Landtag ausgeschriebenen Steuersumme von beispielsweise 5.000 Reichstalern hatte Elsey 550 Reichstaler aufzubringen, Berchum 350 Reichstaler, Oestrich 900 Reichstaler, Letmathe 500 Reichstaler, Ergste 1.100 Reichstaler und Hennen 1.600 Reichstaler . Von der Ebene des Kirchspiels ließ sich diese Steuer auf den einzelnen Steuerzahler umlegen, indem ein Bauer, dessen Hof groß genug war, um als ein Pflug zu gelten, 1 der Steuersumme, also in unserem Fall 50 Reichstaler, zahlte, während ein Kotier entsprechend 0,1 oder 5 Reichstaler gab. Neben den Vermögenssteuern gab es auch eine Personensteuer (Kopf- oder Leibschatz), bei der auf jeden Familienangehörigen eines steuerpflichtigen Haushaltes eine bestimmte Summe entfiel.

Die Erträge aus den direkten Steuern flössen im 18. Jahrhundert nicht dem Grafen zu. Sie bildeten eine „cassa patriae“ genannte Landeskasse, über die die Landstände verfügten. Aus dieser Kasse wurden als Äquivalent für die Reichslasten der Grafschaft die Vertretungsgelder an Preußen, ein Teil der Schlossbaukosten, die Diäten der Landtagsdeputierten, die Gehälter für den Aufseher der öffentlichen Wege, den Landarzt, den Wundarzt, den Landrezeptor, die polizeilichen Aufsichtsund Ordnungskräfte und andere Bedienstete bestritten, Zinsen bezahlt und Schulden getilgt und Gelder für Aufgaben der Wohlfahrt bereitgestellt, z. B. für den Bau und den Unterhalt von Schul- und Spritzenhäusern, für Hebammen und deren Ausbildung, für die Unterstützung Armer und Gebrechlicher und für die Beseitigung von Unwetterschäden. Darüber hinaus konnte aus diesen Mitteln dem Grafen nach dem Gutdünken des Landtages ein „don gratuit“, ein Geschenk, gemacht werden. Beim Landtag lag es, so Johann Friedrich Möller, „ob dem Regenten oder seiner Familie ein freiwilliges Geschenk vom Lande soll gemacht werden und wieviel es betragen soll“. Doch wurde dieses Geschenk in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, von seltenen und durch eine schlechte Haushaltslage bedingten Fällen abgesehen, Jahr für Jahr in wechselnder Höhe bewilligt.

Der Graf selbst erhielt die Erträge aus den indirekten Steuern, die außerhalb der Zuständigkeit des Landtages lagen. Dabei handelte es sich vor allem um eine Verbrauchssteuer auf Bier und Branntwein sowie Wegegelder und Zölle, ferner das Brückengeld für die Benutzung der 1796 erbauten Lennebrücke, Schutzgelder der nach Limburg eingewanderten Juden, Gerichtsabgaben und das von den Gewerbetreibenden an der Nahmer und anderen Gewässern an den Grafen als Flussherrn zu zahlende Flussgeld. Dazu kamen privatrechtliche Einkünfte durch die Abgaben der Pächter auf den Höfen, über die der Graf das Obereigentum hatte, Erträge seiner Kammergüter und manches mehr. Die letzte Steuererhebung der selbständigen Grafschaft Limburg fand 1807/08 statt. Es handelte sich um einen Kopf- und Viehschatz der sechs steuerpflichtigen Kirchspiele. In den darüber angelegten Listen erscheinen noch einmal sämtliche Haushaltsvorstände von Elsey, Berchum, Ergste, Hennen, Oestrich und Letmathe, wobei jetzt auch gräfliche Beamte wie der Regierungsrat Hellwig in Elsey besteuert wurden.

Dr. Gerhard Rödding, 2001

Wenn ich als elf- oder zwölfjähriger Junge mit meinem Großvater, der in den Jahren zwischen 1940 und 47 meinen Vater vertrat, durch die heimatlichen Wälder im vorderen Sauerland ging, dann fragte ich ihn wohl einmal: „Wem gehören eigentlich all die Bäume und die steilen Berghänge, auf denen sie wachsen?“ Seine Antwort war dann: „Sie gehören zum Schloß.“

Gemeint war damit, wie ich wohl wußte, das Schloß Hohenlimburg, das auf einer vorspringenden Bergnase weithin sichtbar über dem Tal der unteren Lenne liegt, wenige Kilometer, bevor sie in die Ruhr mündet. Von unserer Wohnung war es eine gute halbe Stunde Fußweg bis dahin, den die Familie sonntags öfter zurücklegte. Wir Kinder hatten eine gewisse Scheu vor dem Bauwerk; denn jedem von uns war schon einmal gesagt worden, daß dort die abgeschlagene Hand eines Halbwüchsigen aufbewahrt werde, die dieser gegen seine Mutter erhoben habe. Später habe ich die Mumie gesehen, auch heute kann man sie noch besichtigen.

Ich fragte meinen Großvater, wer denn wohl in dem Schloß wohne. In seiner Antwort wies er auf das Haus Bentheim-Tecklenburg hin, das einst unsere kleine Grafschaft regiert und nun seinen Stammsitz in Rheda habe. Aber eine Prinzessin wohne noch im Schloß.

Heute weiß ich, daß es die Prinzessin Margarethe, geborene Reuss-Köstritz war, Gattin des bereits 1939 verstorbenen Prinzen Karl, Großonkel des heutigen Fürsten Moritz Casimir. Sie lebte dort bis zu ihrem Tode, danach wurde das Schloß Heimatmuseum der Stadt Hohenlimburg.

Eines Tages sah ich die Prinzessin. Wir bekamen in unserer Kirchengemeinde einen neuen Pfarrer. Bei seiner Einführung in der Kirche und hernach bei der Begrüßung im Gemeindehaus saß sie in der ersten Reihe. Sie sprach sogar ein paar Worte und sagte, daß sie im Auftrage ihres Neffen, des Fürsten Adolf, der Patron unserer Kirchengemeinde sei, dem neuen Pfarrer eine gute Hand und Gottes Segen wünsche. So lernte ich, daß es in Westfalen Patronatsgemeinden gibt und wir den Vorzug hatten, eine davon zu sein. Auch heute noch stellt der Patron die Berufungsurkunde bei einer Pfarrstellenbesetzung aus und kann auch Persönlichkeiten zur Wahl vorschlagen. All das ist geregelt im sogenannten ,3osfelder Abkommen“, in dem nach 1945 die Rechte und Pflichten der Patrone vertraglich neu mit der Evangelischen Kirche von Westfalen vereinbart wurden.

Die Prinzessin hat mich übrigens enttäuscht. Für mich war eine Prinzessin damals ein hübsches junges Mädchen in weißen Kleiden, das mit goldnen Kugeln spielt und beschwingt durch einen Park hüpft. Diese jedoch glich eher meiner Großmuter und war von anderen Leuten auf der Straße kaum zu unterschieden. Heute weiß ich, daß sie damals bereits im neunten Lebensjahrzehnt stand. 1952 ist sie im Alter von 88 Jahren gestorben.

Immerhin, so lernte ich Geschichte. Ich wußte also bereits als Kind, daß der Fürst von Bentheim-Tecklenburg als Graf von Limburg einst unser Landesherr gewesen war. Jedoch die Landessouveränität hatte das gräfliche Haus bereits 1808 verloren, als Napoleon die Grafschaft Limburg dem Großherzogtum Berg zuschlug. Als sich dieses 1812 zusammen mit der napoleonischen Herrschaft wieder auflöste, marschierten preußische Truppen ein, ein Makel, der dem Haus Hohenzollern bis heute anhängt. Auch der Wiener Kongreß stellte trotz erheblicher Bemühungen die Selbständigkeit des Landes nicht wieder her. Der damalige Graf Emil Friedrich und seine Gemahlin die Gräfin Luise, geborene Sayn-Wittgenstein, wurden Privatleute. 1817 wurden sie in den erblichen preußischen Fürstenstand erhoben und damit den regierenden Häusern ebenbürtig, ein Standesrecht, das 1918 erlosch. So wurde der Fürstentitel dem alten Namen hinzugefügt. Dieser heißt nun vollständig: Fürst zu Bentheim-Tecklenburg, Graf von Tecklenburg und Limburg, Herr zu Rheda, Wevelinghoven, Hoya, Alpen und Helpenstein, Erbvogt zu Köln.

Sprechen wir zunächst noch ein wenig von der Grafschaft Limburg, dem kleinen etwa zehn Kilometer langen und sechs Kilometer breiten Streifen beiderseits der unteren Lenne, wo diese die sauerländischen Berge verläßt und durch ein mäßiges Hügelland fließt.

Es begann mit einem Mord, der damals das ganze Deutsche Reich erschütterte. Kaiser Friedrich II. hatte im Jahre 1220 Deutschland verlassen, um sich in sein Königreich Sizilien zu begeben. Seinen minderjährigen Sohn Heinrich VH., den er gerade zum deutschen König hatte wählen lassen, unterstellte er der Vormundschaft des Erzbischofs und Kurfürsten von Köln, eines Grafen Engelbert von Berg, eine der angesehensten Persönlichkeiten des Reiches, dem großes Verhandlungsgeschick und Durchsetzungsvermögen nachgesagt wird. Natürlich versuchte er, den kurkölnischen Einfluß auch in Westfalen auszudehnen und zu festigen, was ihn in Konflikt mit den eignen Verwandten brachte. Die bergische Familie, zu deren rheinischer Linie er gehörte, hatte auch einen westfälischen Zweig, die Familie Isenberg-Altena, wobei ein Sproß dieser Familie, Friedrich von Isenberg, den westlichen Teil der Grafschaft Altena beherrschte. Dieser war auch Vogt des Stiftes Essen, mit dem er aber in ständigem Konflikt lebte und das unter seiner harten Hand seufzte, so daß Erzbischof Engelbert als Metropolit und Reichsverweser schlichtend eingreifen mußte. Das gefiel dem Isenberger überhaupt nicht, so daß er eine Reihe von Reichsfürsten hinter sich brachte, so die Grafen von Tecklenburg und Arnsberg, und seine Brüder, die Bischöfe von Münster und Osnabrück, auch Hermann von der Lippe, eine ansehnliche Verschwörung westfälischer Landesherren. Drei Tage verhandelte man in Soest vergeblich um einen Ausgleich. Dann reiste der Erzbischof weiter nach Schwelm, wo er eine Kirche weihen wollte. In einem Hohlweg bei Gevelsberg wurde er am 5. November von Friedrich von Isenberg überfallen und ermordet, eine ungeheuere Freveltat. Wir schreiben das Jahr 1225. Annette von Droste-Hülshoff hat diesem Ereignis 1841 eine lange Ballade gewidmet: ,,Der Anger dampft, es kocht die Ruhr…“.

Der Erzbischof ist später heilig gesprochen worden. Friedrich kam in Acht und Bann und wurde in Köln auf dem Rad hingerichtet. Seine Familie, allen voran die Bischöfe von Münster und Osnabrück verloren ihre Ämter und Lehen. Friedrich hinterließ einen dreijährigen Sohn mit Namen Dietrich, der es später verstand, einige Adlige des märkischen Raumes auf seine Seite zu bringen und sich das Wohlwollen des neuen Erzbischofs von Köln, des berühmten Konrad von Hochstaden, zu erwerben. Am Ende hat man ihn mit einen kleinen Landstück abgefunden, das dann zur Grafschaft Limburg wurde. Wir schreiben das Jahr 1243, das Jahr des Ausgleichs, in dem auch die Ursprünge des Hohenlimburger Schlosses liegen.

Der Name Isenberg ist schnell aus der Geschichte verschwunden. Er war zu sehr belastet, als daß ihn noch einer tragen wollte. Das Haus Isenberg-Altena nannte sich bald Graf von der Mark, nach der Grafschaft, die später zu den klevischen Ländern gehörte und mit dem Xantener Vertrag von 1614 an Brandenburg fiel. Dietrich nannte sich fortan Graf von Limburg.

Acht Generationen haben unter diesem Namen die kleine Grafschaft regiert, bis der letzte Graf keinen männlichen Erben mehr hatte. Seine Tochter heiratete einen Grafen aus dem Hause Neuenahr, so daß die in Limburg regierende Familie seit 1457 Neuenahr hieß. Auch hier fehlte nach fünf Generationen der männliche Erbe. Die Erbtochter Magdalena von Neuenahr heiratete den Grafen Arnold IV.von Bentheim, von dem nun bald die Rede sein muß.

Blicken wir zurück! Die Grafschaft Mark, um ein Vielfaches größer als die Grafschaft Limburg, wurde schon früh ein wenig bedeutendes Nebenland, das von Kleve und Düsseldorf aus regiert wurde und bald seine Selbständigkeit an Brandenburg verlor, dessen Herrscher diesem Besitz aber keine große Beachtung schenkten, bis man dort im 18. Jahrhundert Kohle fand. Limburg hingegen konnte 200 Jahre länger als die Mark, also bis in die napoleonische Zeit, seine Selbständigkeit erhalten.

Aber nun müssen wir unseren Blick auf zwei andere Territorien richten, auf zwei Grafschaften am Rande und im Grenzbereich der drei mächtigen Hochstifter Utrecht, Münster und Osnabrück, wo sich eine Reihe von selbständigen weltlichen Herrschaften erhalten konnte, auch wenn es sich um nur kleine Landstriche handelt. Jedoch führten selbst stete Reibereien nicht zu deren völliger Auslöschung, auch dann nicht, wenn sich in der Reformationszeit diese Länder der neuen Lehre zuwandten. Die Toleranz war im 16. und 17. Jahrhundert doch noch größer, als man heute zu glauben vermag, insbesondere in den geistliche Territorien. Sonst hätte sich die Selbständigkeit der Grafschaft Steinfurt inmitten des Münsterlandes und die Herrschaft Rheda als münstersches Lehen nicht halten lassen.

Blicken wir zunächst nach Bentheim und Steinfurt. In beiden Ländern kam es Jahre 1421 zu Vakanzen und Erbgängen. In Bentheim starb das Geschlecht der Grafen von Bentheim, einer Seitenlinie der Grafen von Holland, aus. Ferner erlosch im Mannesstamm das der Edelherren von Steinfurt. Gemäß dem geltenden Erbrecht fielen beide Territorien an eine rheinische Familie, die Herren von Götterswick, die ihren

Hauptsitz an rechten Niederrhein in der Nähe von Dinslaken hatte. Nach ihrem neuen Besitz nannten sie sich Grafen von Bentheim-Steinfurt.

Steinfurt wurde später zur Grafschaft erhoben, verlor aber im Laufe der Zeit fast seinen gesamten ländlichen Besitz an das Hochstift Münster, so daß am Ende lediglich die Stadt Burgsteinfurt übrig blieb mit dem umliegenden ländlichen Kirchspiel. Die Einzelheiten dieser politischen Verwicklungen zu betrachten, würde zu weit fuhren.

Bedeutend größer und wichtiger war die Grafschaft Bentheim, die allerdings zwischen dem Erzstift Utrecht und dem Hochstift Münster nicht unumstritten war und sich wahrscheinlich nicht zuletzt deswegen in ihrem ursprünglichen Bestand behaupten konnte. Ein Teil dieser Grafschaft war Lehen des Utrechter Erzbistums, so daß die Grafschaft nur teilweise reichsunmittelbar war. Die beiden Zentren bildeten das heutige Bad Bentheim und Schüttorf. Dadurch, daß es den Grafen im Laufe der Zeit gelang, einen Teil des ländlichen Adels in ihre Abhängigkeit zu bringen, entwickelte sich eine zunehmend bedeutendere Herrschaft in diesem Raum.

Von hier aus gilt es, noch ein weiteres Territorium zu betrachten, die Grafschaft Tecklenburg. Sie gehörte einst ganz gewiß zu den bedeutenderen Ländern des nordwestdeutschen Raumes. Immerhin waren die Grafen die wichtigsten weltlichen Konkurrenten der Hochstifter Münster und Osnabrück. Bevor die Grafschaft an das Haus Bentheim kam, genoß sie eine relative Blüte unter einem Grafengeschlecht, das in Westfalen sonst keine Rolle gespielt hat, die Grafen von Schwerin, denen die Erbschaft bereits 1368 zugefallen war. Neben seinem Tecklenburger Kemland konnte sich das Haus im heutigen münsterschen Niederstift auf einen nicht unbedeutenden Streubesitz stützen, z.B. auf Kloppenburg, Friesoyte, und Lingen. Dazu kamen Gogerichtsrechte und andere Gerechtsame in verschiedenen Territorien. Allerdings verlor die Grafschaft bereits um 1400 die Gebiete des heutigen Niederstifts an das Hochstift Münster, und wie so oft führten Familienstreitigkeiten zur Teilung des Besitzes in Tecklenburg-Rheda und Lingen.

Nun aber müssen wir von Rheda reden, das uns am nächsten liegt. Der erste Name eines Herrn von Rheda begegnet uns im Jahre 1142 mit Everwin von Rheda, der einen Sohn und Erben mit Namen Widukind hatte. Dieser ist mit Kaiser Friedrich Barbarossa 1189 zum dritten Kreuzzug nach Palästina aufgebrochen, wo er wohl auch gestorben ist. Jedenfalls verliert sich seine Spur in der Geschichte. Vor seiner Abreise hat er seinen gesamten Allodialbesitz dem Zisterzienser-Kloster Marienfeld vermacht, das er wenige Jahre vorher gegründet hatte.

Etwa um die Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert sind die Edelherrn zur Lippe auch Herren in Rheda geworden und dies sieben Generationen lang geblieben. Wie das Haus Lippe in den Besitz von Rheda kam, ist allerdings ungeklärt. Der erste, Bernhard H. zur Lippe, war ein höchst interessanter Mann. Er hatte eine Menge Erben aus seiner Ehe mit Heilwig von Ähre, aber als er die Erbfolge gesichert glaubte, trat er mit 55 Jahren als Mönch in das Kloster Marienfeld ein. Später treffen wir ihn als Bischof von Semgallen im heutigen Lettland wieder. In einem für die damalige Zeit ungewöhnlichen Alter von 89 Jahren ist er gestorben.

Im Jahre 1344 kam es zur zweiten lippischen Landesteilung, bei der Rheda an den Edelherrn Bernhard V. fiel, der aber bei seinem Tod keinen männlichen Erben hinterließ. Eine seiner beiden Töchter, Adelheid, war verheiratet mit dem Grafen Otto VI. von Tecklenburg, so daß auf diese Weise Rheda zu Tecklenburg kam. Das Haus Lippe hat im Laufe der Geschichte immer wieder versucht, diese Teilungsfolgen rückgängig zu machen, was aber nicht gelang, Rheda blieb bei Tecklenburg.

Die Herrschaft Rheda war reichsrechtlich ein Lehen des Hochstiftes Münster, was später noch eine große Rolle spielen sollte; sie war also nicht reichsunmittelbar. Landständisch wurde Rheda daher auch nicht durch seinen Landesherrn vertreten, sondern durch die Klöster Marienfeld und Herzebrock sowie durch das Praemonstratenser-Stift Clarholz, wobei Marienfeld nicht einmal im Territorium von Rheda lag.

Der letzte Graf von Tecklenburg -Rheda war Konrad IV., dem es noch einmal gelang, Lingen unter seine Botmäßigkeit zu bringen, der aber wiederum keinen männlichen Erben hatte. Seine Tochter Anna und Erbin heiratete den Grafen Everwin EU. von Bentheim, so daß Tecklenburg und Rheda an das Haus Bentheim fielen.

Diese fünf Territorien bildeten einen nicht unbedeutenden Streubesitz im nordwestlichen Deutschland. Er ist letztlich durch Heirat und Erbrecht zusammengekommen, jene friedliche mittelalterliche Weise, ein Land zu vergrößern. In der Neuzeit ging das nur noch mit kriegerischen Mitteln, insbesondere als der nationale Gedanke die Völker erfaßt hatte. Um Erbansprüche durchzusetzen, sind nur wenige Kriege geführt worden, wenn man deren Zahl mit derjenigen der Erbgänge vergleicht oder mit dem, was für Blut um des nationalen Imperialismus willen geflossen ist.

So haben wir es nach der „Sammlung“ der Bentheimschen Länder im 16. Jahrhundert mit einem Besitz zu tun, der bei geschickter und zielbewußter Politik in den Wirren der Reformation zu einem bedeutenden und zusammenhängenden Territorium hätte ausgebaut werden können, zumal sich zeigte, daß die neuen Ideen sich auch in den Hochstiften Münster und Osnabrück durchzusetzen begannen.. Hinzu kam, daß der Bischof von Münster Franz von Waldeck, der in der Reformationszeit gleichzeitig Bischof von Osnabrück und Minden war, die Dinge nicht nur treiben ließ, sondern eine ausgesprochene Sympathie für die lutherische Lehre hatte, wobei ihn allerdings mehr dynastische als religiöse Motive leiteten; denn seine Absicht war es, seine Bistümer zu säkularisieren, um der Waldecker Familie eine Machtbasis in Nordwestdeutschland zu verschaffen. So erklärt sich auch seine Duldung des Einströmens der reformatorischen Ideen in die Bentheimschen Länder, die zwar nicht zu seinen Hochstiftern, aber zu seinen Diözesen gehörten.

All das wurde jedoch durch die Katastrophe von 1535 zunichte gemacht, als die Reichexekution gegen die Wiedertäufer von Münster durchgeführt werden mußte. Wenn die Reformation solche Folgen wie in Münster hatte, auch wenn die Wittenberger dafür natürlich nicht unmittelbar verantwortlich waren, dann konnte sich ein Bischof wie Franz von Waldeck, ein eher zaghafter als entschlossener Charakter, schlecht auf ihre Seite stellen.

Im übrigen Westfalen ist die Reformation nicht von oben, also durch den Landesherrn eingeführt worden, wie etwa in Kurfürstentum Sachsen oder in der Landgrafschaft Hessen und anderswo, sondern sie ist langsam eingesickert. Das gilt sowohl für die weltlichen Territorien wie für die Hochstifter. Darum kann man in vielen Fällen auch kein Datum nennen, ab wann sich eine Kirche, ein Kloster oder eine Stadt zur Reformation bekannte. Lediglich, wenn aus den Quellen hervorgeht, daß man irgendwo die Eucharistie in beiderlei Gestalt feierte, also mit Brot und Wein, kann man daraus schließen, daß sich bereits reformatorisches Gedankengut durchgesetzt hatte. Die wichtigsten westfälischen Landesherren, die Herzöge von Kleve , die ja gleichzeitig Grafen von der Mark und von Ravensberg waren, förderten die Reformation zwar nicht, aber sie duldeten sie. Sie blieben zwar selbst der alten Kirche treu, auch sahen sie die Notwendigkeit einer umfassenden Reform der Kirche ein, aber sie suchten sie in anderer Richtung. Sie waren hochgebildete Humanisten, die sich vor allem dem Erasmus von Rotterdam verpflichtet fühlten, der ja trotz mancher Kritik an den kirchlichen Zuständen die Kontinuität in der abendländischen Kirche in jedem Fall bewahren wollte und sich darum nicht der lutherischen Reformation anschloß. Immerhin ergab sich für die Herzöge von Kleve daraus eine abwartende und tolerante Haltung, die den reformatorischen Ideen weitgehend freien Lauf ließ.

Etwas anders war die Entwicklung in den Bentheimschen Ländern. Der letzte Tecklenburger Graf Konrad, den man den „wilden Cord“ nannte, fuhrt uns aus der kleinen Grafschaft in die großen Auseinandersetzungen der Zeit. Konrad hatte nämlich seine Jugendjahre am hessischen Landgrafenhof in Kassel verbracht und in der unmittelbaren Umgebung des Landgrafen Philipp von Hessen gelebt, eines der größten Förderer der Reformation und einer ihrer Führer, mit dem ihn eine enge Freundschaft verband. Mit ihm hat Konrad auch 1521 am Reichstag zu Worms teilgenommen und vielleicht Luthers Auftritt erlebt. Landgraf Philipp hat dann bereits auf der Homburger Synode von 1526 die Reformation in Hessen durch eine neue Kirchenordnung einführen und die Klöster auflösen lassen . Seine Cousine, die Landgräfin Mechthild, eine ehemalige Augustiner-Chorfrau, wurde daraufhin mit dem Tecklenburger verlobt, der sie im Jahr darauf in Anwesenheit des Bischofs von Osnabrück als des für Tecklenburg zuständigen Ordinarius heiratete. Von da an förderte er die Reformation in seinen Ländern. So berief er im gleichen Jahr den aus Bielefeld stammenden Osnabrücker Domherrn Johannes Pollius, der sich dem Luthertum zugewandt hatte, zu seinem Hofkaplan und theologischen Berater. Spätestens seit seinem Herrschaftsantritt nach dem Tode seines Vaters im Jahre 1534 wurde in allen Tecklenburger Kirchen evangelisch gepredigt. In allen Fragen der kirchlichen Ordnung lehnte man sich an die Landgrafschaft Hessen an, vor allem auch bei dem Erlaß der Kirchenordnung von 1543, mit der die eigentliche Reformation in Tecklenburg abgeschlossen wurde.

Konrad bezog nach seiner Hochzeit das Schloß Rheda, wo er mit seiner hessischen Prinzessin die ersten Ehejahre verbrachte. Im gleichen Jahr ist auch Johannes Pollius nach Rheda gekommen und hat eine evangelische Schloßgemeinde gegründet, während in der Stadt die Reformation nicht vor 1540 nachzuweisen ist. Graf Konrad war der erste evangelische Landesherr in Westfalen.

Größere Probleme gab es bei der Einführung des Luthertums eigentlich nicht. Nur in Lengerich, wo der Graf ein Standbild der heiligen Margarethe entfernen ließ, das als wundertätig galt und Ziel vieler Wallfahrten war, kam es zu Unruhen. Wegen der bestehenden Klöster allerdings flammten immer wieder Streitigkeiten mit dem zuständigen Bischof von Osnabrück auf. In Rheda waren das das Benediktinerinnen-Kloster Herzebrock und das Praemonstratenser -Stift Clarholz. Dabei ging es allerdings kaum um religiöse Fragen, sondern um die Abgrenzung der gräflichen Landeshoheit von den kirchlichen Belangen. Es kam auch in Rheda zu heftigen Grenzstreitigkeiten mit dem Bischof von Osnabrück, die erst im sogenannten Bielefelder Rezeß von 1565 beigelegt werden konnten. Daß aber die beiden Klöster überhaupt bestehen bleiben konnten, lag sicherlich auch an ihrer Nähe zum Hochstift Münster, war aber ebenfalls ein Zeichen von großer Toleranz, die in der damaligen Zeit meistens größer war, als man später glaubte.

Zur Sonderentwicklung in Lingen will ich nicht viel sagen. Nur so viel: Mit den übrigen evangelischen Fürsten erlitt Graf Konrad eine verheerende Niederlage im Schmalkaldischen Krieg gegen Kaiser Karl V., der nach dem Erwerb des Herzogtums Geldern die Gelegenheit nutzte, die Ostgrenze der burgundischen Niederlande abzurunden. Lingen, wo trotz der Reformen Graf Konrads die Reformation nicht richtig Fuß gefaßt hatte, wurde aus seinen nachbarlichen Bindungen herausgelöst und dem neugegründeten Bistum Deventer als Enklave unterstellt. Seitdem hat Lingen eine politische und konfessionelle Sonderentwicklung genommen, insbesondere nachdem Philipp II., Karls Sohn, den alten Glauben vollständig wiederhergestellt hatte. In Tecklenburg hingegen konnte sich das Luthertum trotz der Niederlage im Schmalkaldischen Krieg ruhig weiterentwickeln.

In der kleinen Grafschaft Limburg hat die Familie von Neuenahr die lutherische Reformation im Jahre 1560 eingeführt, wenngleich geduldet wurde, daß z.B. die Familie

von Brabeck in Letmathe beim alten Glauben blieb. In Bentheim und Steinfurt ist die Reformation bereits 1545 eingeführt worden..

Allerdings bahnte sich für die gesamten Bentheimschen Länder am Ende des 16. Jahrhunderts eine tiefgreifende Änderung an; denn nun müssen wir von Graf Arnold IV. reden, der in anderer Zählung auch Arnold JJ. ist. Wir haben gehört, daß ihm durch seine neuenahrsche Heirat die Grafschaft Limburg zugefallen war wie seinem Vater bereits Tecklenburg-Rheda. Als in Steinfurt sein Onkel Arnold EI. kinderlos starb, fiel ihm auch diese Grafschaft zu, so daß er nun zum ersten Mal alle Bentheimschen Länder in seiner Hand vereinigte. Ob Graf Arnold am Ende ein weiser Landesvater war, steht dahin, aber ohne Zweifel war er einer der gebildetsten Fürsten seiner Zeit. In jungen Jahren war er am humanistischen Hof des Herzogs Wilhelm von Kleve in Düsseldorf erzogen worden und hatte in den siebziger Jahren an der berühmten evangelisch-humanistischen Hochschule in Straßburg studiert und kam daher mit calvinistischer Theologie und französischem Wesen in Berührung, so daß er 1575 zum reformierten Bekenntnis übertrat. Enge Beziehungen verbanden ihn überdies mit den Grafen von Nassau-Dillenburg und dem Hause Oranien, so daß der niederländische Freiheitskampf gegen Phillip U. sein übriges tat und das reformierte Bekenntnis wie ein Bollwerk gegen die Spanier erschien. Nach und nach führte er es daher auch in seinen Landern ein, weil „das gemeine Volk der groben lutterschen Lehr noch anhengig“. 1588 wurde Tecklenburg reformiert, 1591 Steinfurt, „obwohl deshalb von den Unverstendigen und Einfeltigen viel Klagens“ war. Im Jahre 1604 hielt der Graf für alle seine Länder eine Synode ab und führte eine reformierte Synodal- und Presbyterialverfassung ein, mit der die „zweite Reformation“ abgeschlossen wurde. Am Rande sei nur vermerkt, daß Nassau-Dillenburg, also auch Siegen, und Wittgenstein im Jahre 1578 und Lippe im Jahre 1605 den gleichen Schritt taten.

Der Graf selbst war voller Eifer für seine Sache. Persönlich leitete er Kirchensäuberungen und Bilderstürme, indem er Altäre, Heiligenbilder, Kerzenständer und liturgische Gewänder entfernen ließ, die die lutherische Reformation beibehalten hatte. Anschließend feierte dann die ganze gräfliche Familie gewissermaßen als Bekenntnisakt das Abendmahl nach reformiertem Ritus. Viel Kulturgut ist auch bei dieser Bilderstürmerei verloren gegangen. Fortan war also das Haus Bentheim reformiert. Für die Prinzen und Prinzessinnen bedeutete das allerdings eine starke Einschränkung in der Wahl ihrer Ehegatten; denn eine Mischehe zwischen Lutheranern und Reformierten war genau so unmöglich wie zwischen Reformierten und Katholiken. So finden wir in der folgenden Zeit mit wenigen Ausnahmen nur Ehepartner aus den Häusern Nassau-Dillenburg, Sayn-Wittgenstein oder Anhalt.

Graf Arnold war ein sorgsamer Mann, wenn es um die Religion ging; denn dem humanistisch gebildeten Landesherrn half es wenig, wenn seine Untertanen ungebildet blieben, vor allem, wenn man nicht genügend reformierte Theologen hatte. Er mußte dem Reformiertentum einen geistigen Rückhalt schaffen, und das tat er, indem er zunächst in Schüttorf, dann in Steinfurt eine Hohe Schule errichtete. Vorbild war ihm dabei die Hohe Schule in der Grafschaft Nassau-Dillenburg, die ihren Sitz in Herborn hatte und die man getrost als Universität bezeichnen kann. Die neue Schule hatte eine theologische, eine juristische und eine philosophische Fakultät. Später kam eine medizinische dazu. Hohe Studentenzahlen wie in Wittenberg oder Straßburg gab es zwar in Folgezeit nicht, aber die Schule, die nach dem Landesherrn Arnoldinum genannt wurde, hatte eine nicht zu unterschätzende Bedeutung für das reformierte Nordwestdeutschland und das nördliche Niedersachsen. Sie sollte ein Bollwerk sein gegen das Jesuitenkolleg in Münster, das Paulinum. Die Hohe Schule hat 200 Jahre lang Bestand gehabt und wurde erst in der napoleonischen Zeit aufgelöst. In dieser Zeit war sie die zentrale Bildungseinrichtung der gesamten Region und diente der Heranbildung des Pfarrer- und Beamtennachwuchses sowie der Sicherung des reformierten Bekenntnisses. Hier lehrten bedeutende Wissenschaftler z.B. der berühmte Jurist und Philosoph Johannes Althusius, einer der ersten, die weit vor Rousseau die Vertragstheorie in das Staatsrecht eingeführt und das Widerstandsrecht gegen eine tyrannische Obrigkeit vertreten haben. Arnold IV. holte überhaupt moderne Wissenschaftler in seine Nähe, so den Arzt Johannes Weyer, einen bekannten Gegner der Hexenprozesse. Auf seinen Einfluß geht es zurück, daß es in den Bentheimschen Ländern niemals Hexenprozesse gab. Jedenfalls die Hohe Schule zu Burgsteinfurt bildete eine Brücke in der internationalen reformierten Bildungslandschaft von Genf über Straßburg und Heidelberg sowie dem nassauischen Herborn bis in die Niederlande. Ob Graf Arnold ein weiser Mann und ein vorausschauender Politiker war, mag man bezweifeln. Das friedfertige Erbrecht hatte die Bentheimschen Länder zusammengebracht, und sie hätten in einer Hand bleiben müssen, wenn sie eine bedeutende Rolle in der Mächtekonstellation Nordwestdeutschlands hätten spielen sollen. Aber das Erbrecht war stärker, und Graf Arnold hat ihm nicht widerstanden. Nun, schließlich war er ein Kind seiner Zeit. So verfugte er in seinem Testament, daß seine fünf Territorien auf seine fünf Söhne aufzuteilen seien, was 1606 auch geschah. Zwar blieben glücklicherweise drei der neu entstandenen Linien ohne Nachkommen, so daß ihre Länder an die beiden anderen Linien zurückfielen, aber es kam jedoch zu einer Teilung: Bentheim und Steinfurt einerseits sowie Tecklenburg-Rheda und Limburg andererseits. Diese beiden Linien gibt es bis auf den heutigen Tag. Sie haben sich im Laufe der Jahrhunderte auch nur einmal wieder durch Heirat verbunden.

Dem Haus Bentheim- Tecklenburg blieben neben einigen kleineren Besitzungen und der bedeutungslos gewordenen Erbvogtei Köln im wesentlichen die Grafschaften Limburg und Tecklenburg sowie die Herrschaft Rheda, die nun zum Hauptsitz wurde. Freilich ging die Grafschaft Tecklenburg, die ja schon durch den Verlust von Lingen kleiner geworden war, dem Hause bald verloren, und dieser Vorgang ist für die Rechtsverhältnisse im alten Reich höchst interessant. Es kam nämlich zu einem viel beachteten Rechtsstreit vor dem Reichskammergericht, dem folgender Sachverhalt zugrunde lag: Eine Schwester des letzten Grafen von Tecklenburg, Konrads IV., von dem wir gesprochen haben, heiratete einen Grafen von Solms-Braunfels und verzichtete gegen eine Abfindung von 6000 Gulden auf ihren Anteil an der Grafschaft Tecklenburg. Damit aber waren deren Erben nicht einverstanden, sondern klagten im Jahre 1577 beim Reichskammergericht auf Herausgabe eines Teils von Tecklenburg. Nach 109 Jahren, im Jahre 1686 hat das Gericht den Fall entschieden und zwar so, daß es den Rechtsnachfolgern in der Familie Solms-Braunfels je drei Achtel der Grafschaft Tecklenburg und der Herrschaft Rheda zusprach.

Mit dieser Entscheidung war das Haus Bentheim-Tecklenburg höchst unzufrieden, so daß es 1701 den Streit erneut wieder aufnahm, dieses Mal vor dem Reichshofrat in Wien. Aber nun kam es zu einem raffinierten Schachzug: Das Haus Solms-Braunfels verkaufte seinen Anteil an der Grafschaft Tecklenburg und Rheda für 250000 Reichstaler an das neu entstandene Königreich Preußen. Nun also standen sich Preußen und Bentheim-Tecklenburg gegenüber, wahrlich ein ungleiches Paar. Im Jahre 1715 entschied der Reichshofrat zugunsten des Hauses Bentheim-Tecklenburg und zwar so, daß gegen die Herausgabe von 250000 Reichstalern Tecklenburg und Rheda ungeschmälert bei Bentheim-Tecklenburg bleiben sollten.

Aber dieses letztinstanzliche, rechtskräftige Urteil ließ sich gegenüber Preußen nicht durchsetzen, das längst von Tecklenburg Besitz ergriffen hatte. Preußen hatte nach dem Tode des letzten Oraniers aus dem Hause Nassau, Wilhelm HI. ja auch Lingen in Besitz nehmen können, indem es entfernte Erbansprüche durchsetzte. Der erste preußische König Friedrich I. legte besonderen Wert auf Lingen, mit dem der Glanz des oranischen Namens aus den niederländischen Freiheitskriegen auf ihn als einem der Nachkommen fiel. Auch fand er allerlei Rückhalt im Lande; den schließlich stammte die reformierte Beamtenfamilie Danckelmann aus Lingen, die in Berlin wichtige Positionen bekleidete. Man denke an den Minister Eberhard von Danckelman und seine Bedeutung für das eben erst entstehende Königreich. Nein, auf Tecklenburgischen Besitz wollte in Preußen nicht mehr verzichten, auch wenn es ein rechtskräftiges Urteil gab. Preußen war eben nicht in allen Fällen ein früher Rechtsstaat.

Nachdem der Gerichtsweg erschöpft war, kam es zu direkten Verhandlungen mit Preußen und im Jahre 1729 zum den sogenannten Tecklenburger Vergleich, eine politische Lösung, die ja allemal besser ist als ein Urteil. Graf Moritz Casimir von Bentheim -Tecklenburg verzichtete darin auf Tecklenburg und erhielt dafür von Preußen 185000 Reichstaler. Gleichzeitig blieben Rheda und Limburg in vollem Maße erhalten., wobei Preußen auf Hoheitsrechte in Limburg verzichtete. Ob es diese wirklich hatte, ist unklar. Preußen hat es jedenfalls behauptet, weil es glaubte, als Erbe der Grafschaft Mark die Oberhoheit über Limburg zu haben, das ja im 13. Jahrhundert von der Mark abgetrennt worden war, aber deswegen noch nicht reichsunmittelbar geworden, sondern ein märkisches Lehen geblieben sei. Immerhin wurde nun auch diese Frage entschieden und der Bestand der Bentheim -Tecklenburgischen Länder bis zum Ende der Landeshoheit gesichert. Vom Einreichen der ersten Klage waren 152 Jahre vergangen. Man nahm sich eben Zeit, um solche Fragen zu entscheiden.

Tecklenburg war ein herber Verlust. Manchmal meint man, Preußen habe damals schon eine Nase dafür gehabt, wo man später Kohle finden konnte. Das war in der Grafschaft Mark genau so der Fall wie in Tecklenburg. Jedenfalls war Tecklenburg weit wertvoller als Rheda und Limburg zusammen.

Für die Familie Bentheim-Tecklenburg brachte der Tecklenburger Vergleich noch einen Vorteil: Sie war zwar persönlich reichsgräflichen Standes, nicht aber waren ihre beiden Territorien reichsunmittelbar; denn Rheda galt noch immer als ein Lehen von Münster und wie wir gesehen haben, war das in Limburg umstritten. Nun sah der Vergleich vor, daß eine unmittelbare Belehnung durch den Kaiser in Wien erfolgen sollte, womit die Reichsunmittelbarkeit erreicht worden wäre. Aber zu einer solchen Belehnung ist es nicht gekommen, so daß es Preußen ziemlich leicht fiel, in den napoleonischen Wirren, seine Ansprüche wieder geltend zu machen und die kleinen Territorien an sich zu bringen. Auf dem Wiener Kongreß, der Europa neu ordnete, sind noch eine Reihe von Versuchen gemacht worden, die Bentheimschen Länder insgesamt wiederherzustellen. Doch lag dies nicht mehr im Zuge der Zeit und die Machtverhältnisse hatten sich geändert. Was der Fürstin Pauline von Lippe-Detmold gelang, mißriet sowohl den Rhedaer wie den Steinfurter Grafen. Man war preußisch geworden und blieb es. Schade, das friedliche alte Deutschland war am Ende.

Der Verlust der Landeshoheit und die Säkularisation brachten dem Hause Bentheim-Tecklenburg erheblichen wirtschaftlichen Gewinn. Nach Paragraph 35 des Reichsdeputationshauptschlusses von 1803 durften Klöster und Stifter durch den Landesherrn aufgelöst werden. Das betraf in der Herrschaft Rheda Herzebrock und Clarholz. Die Säkularisation des Praemonstratenser-Stiftes Clarholz wurde am 27. Oktober 1803 durchgeführt. Damit fielen 2771 Morgen Liegenschaften an das gräfliche Haus, außerdem 238 Höfe und Kotten, die an Eigenbehörige vergeben waren, und 148 Morgen verpachteter Landbesitz in Beckum und Ahlen. Allerdings mußten auch 34718 Reichstaler an Schulden übernommen werden. Die Säkularisation des Benediktinerinnen-Klosters Herzebrock war auch für 1803 angesetzt, konnte aber wegen des Widerstandes der tapferen Frauen erst zwei Jahre später durchgeführt werden. Das Landvermögen war nicht so üppig wie in Clarholz; es umfaßte 119 Höfe. In der Grafschaft Limburg gab es nur das bereits im 18. Jahrhundert evangelisch gewordene adlige Damenstift Elsey, einst als Praemonstratenser-Stift von jenem unglücklichen Friedrich von Isenberg gegründet, der in Köln hingerichtet wurde. Später war es ein frei weltliches Stift. Es wurde 1812 durch das napoleonische Großherzogtum Berg aufgelöst. Nach Ende der napoleonischen Wirren kam der Landbesitz zum Hause Bentheim-Tecklenburg. Er umfaßte 53 Höfe und Kotten. Durch diesen Zuwachs an Privatbesitz aus den drei säkularisierten Ordensgemeinschaften, deren Mitglieder natürlich eine Rente und Abfindung ausgesetzt werden mußte, ergab sich für das gräfliche Haus eine wirtschaftliche Grundlage, die ein standesgemäßes Leben ermöglichte. Freilich blieben den mediatisierten Landesherren durchaus eine Reihe von hoheitlichen Aufgaben, z.B. die niedere Gerichtsbarkeit, die Ortspolizei und eben die Kirchen- und Schulaufsicht, in manchen Fällen auch kommunale Aufgaben der Gutsgemeinde.

Die kirchlichen Verhältnisse haben sich seit der Zeit, die wir besprochen haben, insbesondere aber seit dem Dreißigjährigen Krieg nicht mehr wesentlich geändert. Die Gemeinden in den ehemals fünf Bentheimschen Ländern haben den reformierten Bekenntnistand behalten, der nach der heutigen Ordnung der Evangelischen Kirche von Westfalen nicht verändert werden kann. Während die Sayn-Wittgensteinsche Entwicklung und die in Siegen durch Nassau-Oranien der westfälischen Kirche am Rande reformierte Gemeinden verschaffte, brachte das Haus Bentheim diese in die Mitte des im wesentlichen lutherischen Westfalen hinein . Als Lutheraner gefallt mir das natürlich nicht, aber die Geschichte richtet sich nicht immer nach unseren Wünschen.

Die westfälische Geschichte ist kompliziert. Im wesentlichen ist sie geprägt durch die großen geistlichen Territorien Münster, Osnabrück und Paderbom, später durch Preußen. Aber die kleinen Herrschaften und Grafschaften gaben dem Land einst ein ganz unverwechselbares Bild in der Geschichte des alten Reiches. Wir haben heute noch bedeutende Zeugen davon: die Schlösser in Rheda und Hohenlimburg, sowie in Burgsteinfurt. Sie sind Zeugen aus der Tiefe der Geschichte in unserer Zeit. Aber es leben ja auch noch die Familien, deren Aufgabe es ist, dieses wichtige Erbe zu hüten. Wenn ich in den vergangnen Jahren mit dem heutigen Fürsten durch die Herzebrockschen Wälder ging, um Hasen zu schießen, dann war mir diese bunte Geschichte immer bewegend bewußt, die Geschichte friedlicher Länder, für deren Herren kaum jemand sein Leben hat lassen müssen.

Bielefeld, am 26. August 2001 GR

von Hans-Joachim Böckenholt

Viele wohlerhaltene Schlösser Westfalens spielten eine sowohl territorialgeschichtlich als auch kulturhistorisch bedeutende Rolle, aber nur sehr wenige von diesen sind wie Schloss Rheda ein Spiegel nahezu aller wesentlichen landesgeschichtlichen Ereignisse gewesen, so dass es verwundert, dass trotz guter Archivverhältnisse bis heute eine territorialgeschichtliche Gesamtdarstellung der Herrschaft Rheda fehlt. Der vorliegende Abriss einer Geschichte von Schloss und Herrschaft Rheda kann selbstverständlich schon rein vom Umfang her nicht den Anspruch erheben, dieses Defizit auszufüllen, versucht aber, den interessierten Laien verständlich und zuverlässig in die komplizierte Geschichte der Herrschaft einzuführen und dem Fachmann eine knappe Übersicht über die bisher bekannten, jedoch verstreut publizierten Daten und Forschungsergebnisse zum Schloss und zur Herrschaft Rheda an die Hand zu geben. Besonderer Dank gebührt an dieser Stelle I. D. der Fürstin und S. D. dem Fürsten zu Bentheim-Tecklenburg für die Anregung zu dieser Arbeit und bereitwillige Auskünfte, Frau Dr. Edeltraud Klueting und Herrn Dr. Harm Klueting, M. A., für die Akribie bei der Durchsicht des Manuskripts und zahlreiche wertvolle Hinweise. Möge dieses Büchlein nicht nur ein bedeutendes Kulturdenkmal mit anderen Augen sehen lehren, sondern vor allem auch bei der Jugend landesgeschichtliche Interessen wecken und vielleicht sogar neue Forschungsvorhaben initiieren.

Widukind von Rheda

Südlich eines Übergangs der uralten, noch 1515 als Hellweg bezeichneten Heer- und Handelsstraße Kassel-Paderborn Warendorf-(Greven)Münster über die Ems[1] bot ein kleines, sich in der Emsaue ausweitendes Ried, nach dem eine benachbarte Höfegruppe bereits 1088 den Namen Retthe oder Rethe trug[2], den idealen Standort für eine nicht leicht zugängliche Burganlage. Sobald die historische Entwicklung den Ausbau lokaler Herrschaft zuließ, entstand an diesem günstigen Ort vielleicht schon im 11. Jahrhundert, wahrscheinlich jedoch erst in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts, auf einem heute noch 5,50 Meter, ursprünglich wohl bis zu zehn Meter hohen künstlichen Erdhügel inmitten des Rieds die feste Burg Rheda, die offenbar nicht nur den Emsübergang und den oben erwähnten Fernhandelsweg sichern, sondern vor allem auch, gestützt auf alte Vogtei- und Gerichtsrechte (das Frei- oder Vemgericht befand sich in der Nähe der Burgmühle), eine sich langsam herauskristallisierende Herrschaft Rheda festigen sollte. Urkundlich belegt ist diese Anlage erst 1170, als Edelherr Widukind von Rheda, wie sein Vater Everwin[3] auch Vogt der Klöster Freckenhorst und Liesborn, von Freckenhorst nach Rheda zog[4] und die Wasserburg ausbaute.

Wenn uns auch von ihrer baulichen Gestalt nichts überliefert ist, so müssen wir doch annehmen, dass sie nicht nur Ausgangspunkt zahlreicher Kampfhandlungen um territoriale Besitzansprüche, sondern auch feste Zuflucht bei den kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den Anhängern Heinrichs des Löwen und denen des Kölner Erzbischofs Philipp von Heinsberg besonders in den unruhigen Jahren zwischen 1177 und 1181 war, in denen Widukind von Rheda, gemeinsam mit seinem Freund, Waffengefährten und Verwandten Bernhard II. zur Lippe (Widukinds Mutter Luttrude von Schwalenberg war vermutlich eine Cousine Hermanns I. zur Lippe, des Vaters von Bernhard II.)[5], als treuer Anhänger Heinrichs des Löwen an der Spitze eines Heeres gar vor die kölnische Hauptstadt Soest zog, nach missglückter Belagerung die gesamte Umgebung „vor Niemanden und Nichts zurückschreckend“ verwüstete und Medebach in Asche legte[6]. Es ist zu vermuten, dass Widukind von Rheda, wie von seinem Waffengefährten Bernhard immer wieder urkundlich belegt, auch an den übrigen Kämpfen gegen die Anhänger des Kölner Erzbischofs aktiv beteiligt war[7].

Erst mit der Verbannung Heinrichs des Löwen und der Zertrümmerung seines sächsischen Stammesherzogtums durch Friedrich I. Barbarossa bahnte sich eine Wende an: 1184 traten Widukind von Rheda und Bernhard zur Lippe am Hof des ehemals feindlichen Erzbischofs von Köln auf[8], söhnten sich offenbar mit ihm aus, ohne jedoch – wie ein Besuch Widukinds in Braunschweig 1188 beweist[9] – den Sachsenherzog fallenzulassen, und trachteten nun in zeittypischer religiöser Bewegung, vielleicht sogar aus Reue über mancherlei Untat, neben erworbenem ritterlichem Ansehen und manchem Weltlichen Gut auch Gottes Huld zu gewinnen. Wesentlich auf Initiative Widukinds hin gründeten diese, seine Mutter Luttrude, Bernhard zur Lippe, der Edle Ludger von Waidenberg, die Schwalenberger Grafen und schließlich auch Bischof Hermann II. von Münster 1185 das später so bedeutende Zisterzienserkloster Marienfeld, in das zunächst zwölf Mönche der Abtei Hardehausen unter dem Konventualen Ekkehard einzogen[10].

Offenbar zutiefst berührt von den flammenden Predigten führender Zisterzienser, wendete sich Widukind von Rheda immer entschiedener von den weltlichen Belangen ab und zog, wie auch zahlreiche andere westfälische Adelige[11], unter Kaiser Friedrich Barbarossa am 11. Mai 1189 von Regensburg aus ins Heilige Land, nachdem er zuvor seine vererbbaren Güter (17 Eigenhöfe und 14 Lehnhöfe) der Stiftung Marienfeld übereignet hatte[12], in der er nach glücklicher Heimkehr die Mönchskutte zu nehmen gelobte.

Doch dieser dritte Kreuzzug endete für die deutschen Kreuzfahrer mit einem Fiasko: Nachdem Friedrich Barbarossa nach beschwerlichem Landweg am 10. Juni 1190 im Saleph (Göksu in Südanatolien) ertrunken war, löste sich das deutsche Kreuzfahrerheer nahezu völlig auf. Nur die Tapfersten, unter ihnen Widukind von Rheda, folgten dem Barbarossasohn Herzog Friedrich von Schwaben weiter bis vor die galiläische Hafenstadt Akkon und belagerten sie unter nahezu hoffnungslosen Bedingungen . Nach unsäglichen Strapazen – Hunger und Seuchen dezimierten das Heer[13] starb hier Widukind von Rheda wahrscheinlich noch im Winter 1190/91, ein Mann, dessen Kampfgeist beispielhaft .gewesen sein muss, wenn noch 110 Jahre später ein anonymer Dichter des Fürstenpreises auf den thüringischen Landgrafen Ludwig III. voller Hochachtung von dem „menlich helt von arde fri“ aus Westfalen berichtet:“… der heidenschaft zu nide/was da der vogt von Ride/Witkhe was geheizen der/der beiden tot was singer“[14]. Ein treuer Kampfgefährte führte Herz und Gebeine Widukinds zurück in die Heimat, wo sie in der Kirche zu Marienfeld beigesetzt wurden.

Die Edelherren zur Lippe

Da Widukind von Rheda und seine Gattin Mathilde von Ricklingen keine Erben hinterließen, belehnte wahrscheinlich Bischof Hermann II. von Münster Widukinds Freund, Verwandten und Waffengefährten Bernhard II. zur Lippe mit den Gerichts- und Vogteirechten der Edlen von Rheda[15]. Damit geriet die Herrschaft Rheda in den Besitz der Edelherren zur Lippe, die bereits neben ihrem Stammland im Bereich um Lippstadt auch über Streubesitz am Hellweg und im südöstlichen Münsterland und über kleineren Besitz östlich des Teutoburger Waldes, vor allem im Raum Enger und Bünde, verfügten[16], aber sicherlich mehr edel als reich waren, wie Magister Justinus im Lippiflorium, einem Preisgedicht des 13. Jahrhunderts, bemerkt[17], obwohl die Lipper wahrscheinlich aus einer Seitenlinie der Grafen von Werl – des ältesten und edelsten der westfälischen Grafenhäuser – stammten[18]. Mit Bernhard II. zur Lippe wurde nun eine der faszinierendsten Persönlichkeiten staufischen Rittertums Herr zu Rheda[19]: In jungen Jahren zunächst Domherr in Hildesheim, erwarb er nach dem Tode seines älteren Bruders die Grundlagen ritterlicher Bildung, wurde Anfang der siebziger Jahre Lehnsmann des Kölner Erzbischofs Philipp von Heinsberg, schlug sich aber dann, wie sein Freund Widukind, 1177 auf die Seite Heinrichs des Löwen und kämpfte für ihn gegen den Grafen von Altena, den Führer der kölnischen Partei. Zusammen mit Bischof Hermann von Münster brach er die Festungen Ahaus und Diepenau und baute die Levenburg (Lämershagen bei Bielefeld) gegen die Grafen von Ravensberg. Nachdem er mit Widukind die Umgebung Soests und die Stadt Medebach verwüstet hatte (s. o.), musste er das Land verlassen und wurde als einer der wenigen, trotz einer versprochenen Amnestie noch verbliebenen Getreuen des Welfenherzogs Befehlshaber der starken welfischen Feste Haldensleben bei Magdeburg. Nach Plünderungen und Raubzügen, die bis vor die Tore der Bischofsstadt führten, trotzte Bernhard in Haldensleben monatelang einer vielfachen Übermacht unter Erzbischof Wichmann von Magdeburg und entschloss sich erst in völlig aussichtsloser Lage 1181 zur Übergabe[20]. Er konnte zwar ehrenhaft die Feste verlassen, verlor aber alle Kirchenlehen[21]. 1184 sah man ihn jedoch, zusammen mit Widukind, wieder am Hof des Kölner Erzbischofs, der 1186 sogar die Rückgabe seiner Lehen veranlasste[22] und dafür das Obereigentum von Burg und Stadt Lippe (= Lippstadt), die von Bernhard zur Lippe zwischen 1185 und 1190 als erste westfälische Stadt planmäßig gegründet worden war[23], anerkannt bekam. Obgleich Bernhard II. sich auch nach dem Erbe der Herrschaft Rheda noch etlicher Übergriffe gegen kirchliche Güter schuldig machte (gar bitter beklagte sich zum Beispiel die Äbtissin von Liesborn über die gewaltsame Enteignung ihrer Belehnungsrechte durch den Lipper)[24], zog er sich doch nach und nach deutlich von den weltlichen Geschäften zurück, die spätestens seit 1194 – mit Ausnahme Marienfelder Belange – von seinem Sohn Hermann II. wahrgenommen wurden[25]. In einer Mischung von tiefer Frömmigkeit und eigenwilligem Kampftrotz zog er, wohl endgültig durch eine vorübergehende Lähmung seiner Beine veranlasst, 1198 als Kreuzritter nach Livland[26] und trat nach Beendigung des Zuges als Mönch in das Kloster Marienfeld ein.

Als Siebzigjähriger pilgerte er 1211 erneut in die baltischen Länder, wurde dort Abt des Marienfelder Filialklosters Dünamünde, bekämpfte wiederholt als Verbündeter des Schwertordens mit Erfolg die heidnischen Esten und wurde schließlich, nach einem Rombesuch, in Oldenzaal von seinem eigenen Sohn, Bischof Otto von Utrecht, zum Bischof des neugegründeten livländischen Bistums Selonien (Seiburg) geweiht. In dieser Würde war es ihm vergönnt, nicht nur seinen Sohn Gerhard zum Bischof des Erzbistums Bremen zu salben, sondern auch 1221/2 die Marienkirche seiner Gründung Lippstadt und 1222 die Kirche des von ihm mitgegründeten Klosters Marienfeld eigenhändig zu weihen. Im Alter von weit über achtzig Jahren starb Bernhard 1224 in Seiburg und wurde in Dünamünde beigesetzt. Damit endete ein ungewöhnlich bewegtes Leben, das in jungen Jahren in Kämpfen um die Reichsgewalt verstrickt war, in reifen Jahren sich durch bedeutende Stadt- und Burgengründungen auszeichnete, im Alter der westfälischen Ostkolonisation den Weg bahnte und eigentlich die hervorragende Rolle der Lipper im kirchlichen und kulturellen Leben des 13. Jahrhunderts begründete, die nicht nur, vor allem im Bistum Paderborn, jahrzehntelang die höchsten kirchlichen Würden errangen, sondern auch die Entwicklung und Ausbreitung westfälischer Baukunst entscheidend mittrugen27[27]. In Rheda ist uns aus staufischer Zeit nur ein Baudenkmal erhalten geblieben: Der mächtige Torturm mit der einzigartigen Doppelkapelle, der im dritten Jahrzehnt des 13. Jahrhunderts entstanden ist, als die Burg Rheda, vermutlich von der Bauhütte der Marienfelder Klosterkirche, in einer Phase politischer Konsolidierung zur lippischen Hauptresidenz, die sich vorher in Lippstadt befand[28], ausgebaut wurde[29].

Bauherr war der Sohn Bernhards, Hermann II., der sich, abgesehen von einem Kriegszug an der Seite Ottos von Braunschweig im Jahre 1201[30], wohl weitgehend dem unheilvollen Thronstreit zwischen dem Löwensohn und dem Barbarossasohn Philipp von Schwaben entziehen konnte und erst wieder 1229 von seinem Bruder Gerhard, dem Erzbischof von Bremen, in eine kriegerische Auseinandersetzung gegen die aufständischen Stedinger verwickelt wurde, von der er nicht heimkehrte[31].

Sein Erbe, Bernhard III., wendete sich in erster Linie dem Ausbau der lippischen Gründungen Lemgo, Hörn und Blomberg zu, musste aber gleichzeitig im Einflussbereich des Bistums Münster alte Anrechte an Warendorf und Beckum aufgeben und am 19. Januar 1245 sogar die münsterische Lehnshoheit über alle Besitzungen westlich des Teutoburger Waldes, also auch über Rheda, jedoch bei Zusicherung der lippischen Erbfolge, anerkennen. Der Grund für dieses Zugeständnis war die Hilfe des Bischofs Ludolf von Münster in einem Streit Bernhards mit seinem kriegerischen Bruder Simon, dem Domprobst und späteren Bischof von Paderborn, der sich Ende 1244 in Abwesenheit seines Bruders der Burg Rheda bemächtigte und sie erst nach längerer Belagerung wieder herausgab[32]. Dass die lippische Residenz im 13. Jahrhundert jedoch nicht nur im Rahmen kriegerischer Auseinandersetzungen eine Rolle gespielt hat, sondern offenbar auch als eine Pflegestätte der Künste in Erscheinung trat, belegt Magister Justinus‘ ritterliches Preisgedicht auf Bernhard II., das seinen Enkeln Bernhard III. und Simon von Paderborn gewidmet war; und es darf als durchaus wahrscheinlich angenommen werden, dass fahrende Sänger hier auch die berühmten Heldengedichte um Siegfried und Dietrich von Bern vorgetragen haben, zumal sich gerade in ihren von hansischen Kaulleuten nach Skandinavien getragenen Überlieferungssträngen auffallend viele westfälische Namen finden. Einen Bedeutungsverlust als Residenz erfuhr Rheda mit der Teilung der lippischen Herrschaft unter Bernhards Söhnen Hermann III. und Bernhard IV. nach 1265. Herr zu Rheda wurde nach einigem Hin und Her[33] der zunächst geistliche Hermann III., der aber bereits 1274 kinderlos starb, so dass sein vorerst noch unmündiger Neffe Simon I. nach dem Tode Bernhards IV. im Jahre 1275 Gesamterbe des ungeteilten lippischen Besitzes werden konnte[34.

Wenn auch der streitlustige, unruhige Simon I. sich bevorzugt östlich des Teutoburger Waldes in Brake, Enger und Lemgo aufhielt[35], so scheint doch unter seiner Herrschaft die militärische Funktion Rhedas, vor allem im Rahmen der kriegerischen Auseinandersetzungen mit Kurköln (1282-1285), an Bedeutung gewonnen zu haben. Sie führte zu einem Ausbau des der Burg vorgelagerten Fleckens zu einer befestigten Stadt (oppidum), deren Niederlegung jedoch Simon schon kurze Zeit darauf (1305) eidlich geloben mußte[36], um sich aus jahrelanger Gefangenschaft im Osnabrücker Bocksturm zu befreien, in den er im Zuge einer Fehde gegen den Osnabrücker Bischof Ludwig von Ravensberg geworfen worden war.

Nach dem Tode Bischof Ludwigs (1308) konnte Rheda aber sehr schnell neu befestigt und die lippische Herrschaft sogar um Schwalenberger Besitz und Varenholz erweitert werden. Mit dem Tode Simons (1344) jedoch wurde der Zerfall des lippischen Erbes westlich des Teutoburger Waldes eingeleitet: In einem Teilungsvertrag vereinbarten Simons Söhne Otto und Bernhard V., dass Otto den Besitz östlich und Bernhard das lippische Erbe westlich des Teutoburger Waldes, also auch Rheda, erhalten solle[37], deren städtischem Flecken 1355 das verbriefte Stadtrecht zugestanden wurde[38]. Obwohl man sich bei Vertragsabschluß offenbar einig war, dass, wenn einer der Brüder ohne männlichen Erben stürbe, sein Anteil an den lippischen Mannesstamm zurückfallen sollte, übergab Bernhards Witwe Richarda, deren einziger Sohn Simon frühzeitig gestorben war, 1365 das Erbe Bernhards an den Gatten ihrer ältesten Tochter Adelheid, Otto V. von Tecklenburg, zu treuen Händen für Adelheids und seine Kinder [39]. Zwar revidierte Richarda unter Vermittlung des Erzbischofs von Köln schon am 9. April 1366 diesen Vertrag wieder zu Gunsten ihres Neffen Simon III. zur Lippe[40], allein Otto von Tecklenburg verweigerte die Herausgabe des ihm überantworteten Besitzes, zumal ihm seine früh gestorbene Ehefrau Adelheid einen Sohn Nikolaus (II.) hinterlassen hatte[41], und leitete damit eine jahrzehntelange Fehde um Rheda ein.

Die Grafen von Tecklenburg

Im Zuge der Erbauseinandersetzung begannen die eigentlichen Kampfhandlungen offensichtlich erst 1369 damit, dass die jeweils feindlichen Ortschaften und Besitzungen niedergebrannt oder verwüstet, das Vieh fortgetrieben oder Gefangene gemacht wurden, um ein entsprechendes Lösegeld zur Deckung der Kriegskosten zu erpressen[42]. Dabei geriet Simon zur Lippe im Herbst 1371 in die Gefangenschaft Ottos von Tecklenburg und kam nach zwei- bis dreijähriger Haft (vermutlich im Turm zu Rheda) erst wieder frei, nachdem sein Bruder Otto zur Lippe einen Handfrieden mit einigen Verbündeten Tecklenburgs geschlossen und sein Onkel Engelbert von der Mark die Stadt Rheda erobert und zerstört hatte[43]. Sicherlich förderten auch das Landfriedensgebot Kaiser Karls IV. vom 25. 11. 137l[44] und der Westfälische Landfriedensbund vom 25. 7. 1372[45] die Freilassung Simons, konnten ihn aber nicht von der Zahlung eines Lösegelds in der für damalige Verhältnisse ungewöhnlichen Höhe von 8000 Mark in Silber entbinden, zu dessen Beschaffung 1376 u. a. sogar Lippstadt verpfändet werden musste, das später nie wieder eingelöst werden konnte[46].

Doch mit dieser Vereinbarung war der Erbschaftskonflikt jedenfalls von den Lippern her gesehen – keineswegs beigelegt: Noch vor der Freilassung Simons schworen die Brüder Engelbert und Dietrich von der Mark, den Lippern weiterhin beizustehen und auch in Zukunft mit ihnen Otto von Tecklenburg feindlich zu begegnen[47]. Dabei waren – von der gesamtpolitischen Lage her – Aussichten auf einen Erfolg des lippischen Hauses durchaus vorhanden; denn bei dem systematischen, aber auch rigorosen Ausbau der im Lande verstreuten Besitzund Rechtstitel zu einem abgerundeten landesherrlichen Territorium hatte sich Otto von Tecklenburg nicht gerade die Freundschaft der benachbarten Stifter und Städte Münster und Osnabrück erworben[48]; ja das nachbarschaftliche Verhältnis schlug sogar in offene Feindschaft um, als er seinem Schwager, dem berüchtigten, von Kaiser Karl IV. geächteten Wegelagerer Burggraf Johann von Stromberg, Zuflucht ausgerechnet in der Burg Rheda gewährte, von der aus dieser sein Unwesen weitertrieb[49]. So wurde Schloss Rheda erneut nicht nur im Frühjahr 1377 von Bischof Florenz von Münster belagert[50], sondern 1379 nach einem kurzfristigen Bündnis zwischen den Bistümern Paderborn, Münster und Osnabrück, Graf Engelbert von der Mark und den Städten Münster und Osnabrück nach fast sechsmonatiger Belagerung sogar erobert[51]. Sehr zum Leidwesen Simons führte dieser Erfolg gegen Otto von Tecklenburg zwar zur Wiederherstellung der Selbständigkeit des Hochstifts Osnabrück, nicht jedoch zur Rückgabe der Herrschaft Rheda an die Lipper. Nach einer Zahlung von 8000 Gulden kam Otto, diesmal sogar mit Zustimmung der feindlichen Allianz, wieder in den Besitz der alten lippischen Residenz[52]. So schwelte die Erbauseinandersetzung weiter, und eine blutige Kampfhandlung jagte die andere; doch Otto, Graf von Tecklenburg beharrte hartnäckig auf seinem Erbteil, das ihm als zweite „Zange“ gegen Osnabrück erhebliche territoriale Vorteile versprach[53].

Selbst nach dem Tode Ottos von Tecklenburg im Jahre 1395[54] blieben Vermittlungsversuche erfolglos[55]; und als auch von seinem Sohn und Nachfolger Nikolaus II. (1395-1422)[56] die Politik der territorialen Sicherung konsequent weiterbetrieben wurde, gelang es erst dem tatkräftigen münsterischen Bischof Otto von Hoya im Bunde mit Osnabrück, Hildesheim, Hoya und Schaumburg im Jahre 1400[57] den sowohl nach außen wie nach innen territorialpolitisch außerordentlich aktiven Tecklenburger nachhaltig zu bezwingen, Nikolaus II. in Münster gefangenzusetzen und ihn zum Verzicht auf das gesamte Tecklenburger Nordland (Friesoythe, Cloppenburg und Bevergern) zu zwingen[58]. Damit war zwar die Rolle Tecklenburgs als entscheidender Machtfaktor in Nordwestfalen ausgespielt und die Grafschaft in zwei räumlich getrennte Landesteile (Tecklenburg -Lingen und Rheda) zerfallen; die alte lippische Residenz befand sich aber trotz zweier Friedensschwüre gegenüber Simon zur Lippe[59] immer noch in Tecklenburger Besitz. So ist es nicht verwunderlich, dass ein Zwist von 1414, ein lippischer Streifzug von 1437, ein Tecklenburger Vorstoß von 1451 bei gleichzeitigem Überfall der Lipper auf die Rhedaer Vorburg[60] und nicht zuletzt der gescheiterte lippische Ansturm vom 6. Juni 1454, bei dem sich der streitbare Bernhard VII. zur Lippe nur mit knapper Not hinter die schützenden Mauern von Wiedenbrück retten konnte[61], andeuten, dass der Streit um das traditionsreiche Familiengut Rheda immer wieder aufflackerte und erst endgültig mit dem Erbverzicht und Verkauf Rhedas durch Bernhard VII. zur Lippe am 13. Juli 1491 beigelegt werden konnte[62].

Die wilde Kampfes- und Angriffslust der Schweriner Linie des Tecklenburger Grafenhauses machte auch vor der eigenen Familie nicht halt: Sowohl Nikolaus II. als auch Nikolaus III. und dessen herrschsüchtiger Sohn Nikolaus IV. waren zum Beispiel durch Empörung gegen die eigenen Väter zur Herrschaft gekommen, ja letzterer warf 1489 seinen Vater sogar in den Kerker, aus dem ihn erst sein ältester Sohn Otto VII. wieder befreite.

Um nun die streitbaren Geister zu trennen, hatte es sich eingebürgert, dass Lingen jeweils als Leibzucht, als Altenteil also, diente, Tecklenburg dem regierenden Grafen unterstand und Rheda von dem ältesten Sohn verwaltet wurde. Dennoch blieb es nicht aus, dass nach dem Tode Nikolaus‘ III. im Jahre 1496 neuer Hader unter seinen Söhnen Otto VII. und Nikolaus IV. entstand, der schließlich zur Teilung des Besitzes führte: Tecklenburg und Rheda erhielt Otto VII. (reg. 1493-1534), die Nieder- und Obergrafschaft Lingen Nikolaus IV. (reg. 1493-1541). Der ältere Otto achtete jedoch peinlichst darauf, dass der jüngere Nikolaus keine standesgemäße Ehe einging, damit Tecklenburg nicht endgültig geteilt blieb. Er scheute sogar nicht davor zurück, seinen Bruder nahezu ein Jahr lang in Haft zu halten, um ihn an einer geplanten Verlobung mit der Gräfin von Nassau-Beilstein zu hindern[63].

So konnte Ottos ältester Sohn und Erbe, Konrad von Tecklenburg, tatsächlich nicht nur 1534 Tecklenburg [64], sondern 1541, nach dem Tode seines Onkels Nikolaus, ebenfalls die Grafschaft Lingen in Besitz nehmen, wenn auch mit der später verhängnisvollen Lehnsherrschaft des Herzogs Karl von Geldern belastet, die diesem 1526 von Nikolaus IV. während einer Fehde mit Bischof Erich von Münster für geleistete Hilfe aufgetragen werden musste[65].

Obwohl Konrad von Tecklenburg, volkstümlich auch der ,,tolle“ oder „wilde“ Cord genannt, wie seinen Vorfahren, Kirchenfrömmigkeit im eigentlichen Sinn immer wieder abgesprochen wird[66], zumal er stets kompromisslos auf vermeintlichem oder tatsächlichem Recht beharrte und in seinem ausgeprägten Streben nach Herrschaft selbst Verwandte nicht schonte und Freunde und Verbündete immer wieder in Schwierigkeiten brachte[67], ist ihm, dem letzten Tecklenburger der harten Schweriner Linie, eine entscheidende Wende im geistig-religiösen Leben seiner Herrschaft zu verdanken: Nach einer gründlichen Ausbildung als Junker am Hof des hessischen Landgrafen Philipp des Großmütigen, während der er am Reichstag zu Worms und an der Franz-von-Sickingen-Fehde teilnahm, konnte Konrad mit der Übernahme der Teilherrschaft Rheda im Jahre 1524 an eine standesgemäße, politisch einflussreiche Heirat denken und verlobte sich unter Vermittlung des hessischen Landgrafen im Dezember 1526 mit dessen Cousine, der Landgräfin Mechthild von Hessen. Durch ihren, aber auch wohl des Landgrafen Einfluss wendete er sich früh der evangelischen Lehre zu und trug sie als erster westfälischer Territorialherr mit seiner Heirat im Jahre 1527 in seine Herrschaft, so dass die Schlosskaplanei in Rheda wohl die erste vollgültige evangelische Gemeinde mit evangelischer Gottesdienst- und Abendmahlsform in Westfalen wurde.

Abgesehen von einzelnen bilderstürmerischen Aktionen und einigen rechtlichen Übergriffen, hat Konrad, wahrscheinlich unter dem Einfluss seiner Eltern, vor allem seiner Mutter Irmgard von Rietberg, und gut beraten von seinem Hofprediger, dem ausgeglichenen Humanisten Johannes Pollius, und dem hessischen Landgrafen[68], die Reformation zunächst in Rheda, bald auch in Tecklenburg relativ vorsichtig und ohne gewaltsame Unterdrückung katholischer Gottesdienste eingeführt. Wenn sich auch die Zahl der Übergriffe ab 1537 deutlich mehrte[69], so spiegelten doch die Duldung alter Riten zum Beispiel im traditionsreichen Benediktinerinnenkloster Herzebrock und nicht zuletzt auch die maßvolle Tecklenburger Kirchenordnung von 1543 eine durchaus flexible Haltung[70].

Neben der mit Ernst vertretenen evangelischen Sache hatte Konrad von Tecklenburg sicherlich auch den Wiedererwerb früheren tecklenburgischen Erbgutes im Hochstift Osnabrück und im Niederstift Münster im Blick gehabt, als er 1539 dem Schmalkaldischen Bund, der Liga der Protestanten, beitrat. Statt der erhofften Vorteile brachte dieser Anschluss für die Grafschaft Tecklenburg jedoch nur Verheerung und weiteren Zerfall: Als feste Stütze des Protestantismus und eines der Häupter des Schmalkaldischen Bundes wurde Konrad von Tecklenburg früh Ziel der Angriffe des Herzogs Heinrich von Braunschweig, des Bundesgenossen Kaiser Karls V., und von letzterem 1546, dem Todesjahr Luthers, gar geächtet. Hinzu kam, dass Karl V. als Erbe des kinderlos verstorbenen Herzogs von Geldern auf Grund des o.g. Vertrages von 1526 sich als Lehnsherr über die Grafschaft Lingen fühlte und sie über den Kopf des Tecklenburgers hinweg Maximilian von Egmont, dem Grafen von Buren, schenkte. Zur Aufhebung der Reichsacht musste Konrad sich schließlich sogar verpflichten, nicht nur die Nieder-, sondern auch die Obergrafschaft Lingen an Maximilian von Egmont abzutreten und zusätzlich die ungeheure Summe von 25 000 Talern zu zahlen. Nachdem die Erbtochter Maximilians auf Betreiben Karls V. Lingen an die spanische Krone verkauft hatte, war dieses alttecklenburgische Land für immer verloren, galt in Zukunft als niederländisch und teilte unter Philipp II. von Spanien im Zuge der Gegenreformation die Verheerungen und Drangsale der benachbarten Niederlande[71].

In seinen letzten Regierungsjahren erschöpfte sich der „wilde Cord“ in zahllosen, oft blutigen Kompetenz- und Rechtsstreitigkeiten mit dem Bistum Osnabrück, schuf aber immerhin dadurch eine solide Ausgangsposition für den sogenannten Bielefelder Vergleich, der – zusammen mit dem Vertrag zu Wiedenbrück – 1565 die Rechts- und Herrschaftsstrukturen im Grenzbereich zum osnabrückschen Amt Reckenberg für zweieinhalb Jahrhunderte stabilisierte[72].

Die Grafen von Bentheim

Nach dem Tode des letzten regierenden Tecklenburgers am 6. 5. 1557 fielen Tecklenburg und Rheda an seine Erbtochter Anna, die seit 1553 mit dem jungen Grafen Everwin III., dem Erben von Bentheim, verheiratet war – eine Verbindung, die politisch einen erheblichen Machtzuwachs bedeutete, privat jedoch höchst unglücklich verlief, so dass der frühe Tod des jungen Bentheimer Grafen im Jahre 1562 für die Tecklenburger Erbtochter eher eine Erlösung bedeutete[73]. Ihr gemeinsamer Sohn Arnold IV.[74] (in Bentheim der II. Träger dieses Namens) konnte selbstverständlich im zarten Alter von sieben Jahren noch nicht die Herrschaft über seine Besitzungen antreten. Während seine Mutter als Vormund inzwischen die Regierungsgeschäfte für ihn wahrnahm, erhielt Arnold zunächst im Hinblick auf seine späteren Aufgaben eine gründliche Ausbildung am Hof des Herzogs Wilhelm von Jülich Kleve, der anfangs dem lutherischen Glauben zuneigte, nach 1566 aber krank und unter dem massiven politischen Druck Albas wieder zur katholischen Religion zurückkehrte, besuchte dann als Sechzehnjähriger 1571 in Begleitung eines Hofmeisters das protestantische Gymnasium zu Straßburg und kam hier durch seinen Lehrer Johannes Sturm und durch Straßburger Hugenottenkreise mit den Lehren Calvins in Berührung. Aufgrund der Nachricht von der blutigen Bartholomäusnacht (24. 8. 1572) nahm er Abstand von einer geplanten Reise nach Paris, kehrte in die Heimat zurück und trat nach seiner Heirat mit der vermögenden Gräfin Magdalena von Neuenahr (26. 6. 1573) die Regierung seiner Länder an, die infolge der Erbschaft von seinem Vater Everwin die Grafschaft Bentheim und seit dem Tode seines 1566 kinderlos verstorbenen Onkels Arnold III. auch die Grafschaft Steinfurt mit Gronau nebst Wevelinghoven (Kr. Grevenbroich), Havikerwaard (b. Doesburg) und die Solms-Ottensteinschen Güter umfassten.

Dieser schon recht ansehnliche Besitz wurde noch einmal nach dem Tode seiner Mutter im Jahre 1582 um Rheda und Tecklenburg, nach dem Aussterben der Grafen von Hoya aufgrund einer Erbvereinigung von Tecklenburg mit Hessen um die beiden Ämter Uchte und Freudenberg und nach dem Tode seines Schwagers Adolf von Neuenahr 1589 um die Erbanwartschaft auf die Grafschaft Limburg an der Lenne, auf die Herrschaft Alpen (bei Xanten) und Helfenstein (bei Neuß). auf die freie Baronie Lennep und auf das Vogteirecht über Stadt und Erzstift Köln erweitert, so dass Graf Arnold eine von seinem Hause nie zuvor erreichte Territorialmacht in seiner Hand vereinigte, aus der unter günstigeren Umständen ein kleines Reich hätte gebildet werden können.

Schon früh, wahrscheinlich bereits 1573, sicher aber 1575 hatten er und seine Angehörigen sich für das calvinistische (reformierte) Bekenntnis entschieden. Selbst auf die Gefahr hin, aufgrund der Lage seines Territoriums zwischen die Mahlsteine der Gegenreformation zu geraten, die einerseits von den Spaniern gegen die aufständischen Niederlande, andererseits auf münsterischer Seite von dem Bischof Johannes von Hoya eingeleitet und unter dem Kurfürsten von Köln und Bischof von Münster Ernst von Baiern mit Nachdruck betrieben wurde, führte er in fester Haltung, wahrscheinlich auch zur Stützung des mit ihm über seine Gemahlin verschwägerten Prinzen Wilhelm von Oranien, 1588 in Tecklenburg und Rheda, 1591 in Steinfurt und 1592 in Bentheim die reformierte Kirchenordnung ein [75].

Zudem gründete er gemäß dem Erziehungsziel seines Lehrers Johannes Sturm ,,sapiens et eloquens pietas“ nicht nur in Tecklenburg und Rheda Lateinschulen, sondern 1588 in Schüttorf auch eine Hohe Schule, die 1591 mit einem Kostenaufwand von 30000 Talern nach Burgsteinfurt verlegt wurde und als Gymnasium illustre Arnoldinum das geistige Bollwerk reformierten Bekenntnisses gegen das 1588 in Münster von den Jesuiten gegründete Gymnasium sein sollte und gewesen ist [76].

Graf Arnold war dennoch keineswegs eine kämpferische Natur, die – wie vielleicht sein Großvater Konrad von Tecklenburg – die Grafschaft Bentheim zum Hort eines militanten Calvinismus hätte machen können: Als ein höchst feinsinniger Mann von ungewöhnlicher Bildung und relativ aufgeklärtem Geist [77] vermied er Übergriffe jeglicher Art; und als, vor allem seit Beendigung des Kölnischen Krieges (1585), seine Grafschaft Jahr für Jahr von plündernden Kriegshaufen durchzogen wurde, verzichtete er auf militärische Aktionen und suchte – entsprechend seinem Wahlspruch „patiens pietas“ in erster Linie durch Bewirtung der fremden Truppenführer und Geschenke an die benachbarten Kriegsherren das Schlimmste von seinem Lande fernzuhalten. Trotzdem war er 1587 gezwungen, seine Hofhaltung nach Tecklenburg zu verlegen und Archiv und Kleinodien weitab in Sicherheit zu bringen.

Diese wohl auch von Bischof Ernst von Baiern insgeheim unterstützte Missachtung der Neutralität Bentheims erreichte ihren Höhepunkt unter dem Oberbefehlshaber der spanischen Truppen Don Francesco de Mendoza, der mit seinen 24000 Mann im Winterquartier 1598/99 nahezu das ganze Münsterland verwüstete und vielerorts gewaltsam den katholischen Gottesdienst wiederherstellte[78]. Doch weder diese Kriegsereignisse noch die Pest in ihrem Gefolge, die die gräfliche Familie über Tecklenburg und Rheda bis nach Freudenberg bei Syke trieb, vernichtete die beachtliche Macht des bentheimschen Hauses, sondern ein unglückliches Testament, das die Teilung des gesamten Besitzes unter Arnolds fünf Söhne bestimmte, wahrscheinlich wohl auch aus dem Grunde, weil nachgeborene Söhne protestantischer Häuser nicht mehr mit geistlichen Pfründen abgefunden werden konnten [79].

Obgleich der Erbfall schon im Januar 1606 mit dem Tode Arnolds IV. eingetreten war, verwalteten aufgrund der spanisch-niederländischen Kriegshandlungen seine Söhne den Besitz zunächst gemeinsam und teilten ihn erst nach dem spanisch-niederländischen Waffenstillstand (1609) folgendermaßen auf: Der älteste, Graf Adolf (1577-1623), erhielt (neben dem Anspruch auf die schon lange verlorengegangene Grafschaft Lingen) Tecklenburg, Rheda und die beiden hoyaschen Ämter und begründete damit die noch heute in Rheda ansässige Linie Bentheim-Tecklenburg; Graf Arnold Jobst wurde Herr zu Bentheim, Wilhelm Heinrich Herr zu Steinfurt etc., Conrad Gumprecht Herr zu Limburg und Lennep und Friedrich Ludolf Herr zu Alpen und Helfenstein[80]. Wenn auch Graf Arnold IV., den vorhandenen Unterlagen nach, nur relativ selten seine Besitzungen in Rheda aufsuchte, so hatte er dennoch auch diesen Teil seiner Herrschaft von seiner Baufreudigkeit profitieren lassen: In der Zeit von 1596-1604 beschäftige er u. a.. Johann von Brachum, einen Sohn des berühmten Baumeisters der Lipperenaissance Laurenz von Brachum, mit Bauarbeiten an dem Renaissancewohntrakt des Schlosses. Vollendet wurde dieser heute noch so malerische Wohnflügel jedoch erst unter seinem Sohn Adolf[81], der – wie auch die Fertigstellung der reformierten Stadtkirche zeigte – sich viel stärker als sein Vater auf die bauliche Entwicklung Rhedas konzentrieren konnte. Ähnliches galt für das Schulwesen in Rheda und Tecklenburg: Nicht nur die Einrichtung von mehreren Schulen auf dem Lande, sondern auch die Verabschiedung neuer Schulordnungen für die ganz sicher hier bereits bestehenden Schulen führten dazu, dass in späteren Annalen die Initiativen seines Vaters im Bereich des Schulwesens von Rheda und Tecklenburg nahezu in Vergessenheit gerieten und zum Beispiel die Einrichtung der dortigen Lateinschulen immer wieder nur mit dem Namen des Sohnes verknüpft wurde[82]. In den Blickpunkt der großen Politik ist der stets als besonders gottesfürchtig bezeichnete Graf Arnold jedoch nie getreten; seine politischen und kirchlichen Anstöße hatten jeweils nur lokale Bedeutung.

Nachdem Graf Adolf 1623 im Alter von erst 46 Jahren gestorben war, führte seine Gemahlin, die geborene Gräfin von Nassau -Wiesbaden-Idstein, bis zur Volljährigkeit seines Sohnes und Erbnachfolgers Mauritz (1615-1674) vorwiegend von Rheda aus ein schweres Regiment; denn Einquartierungen, exorbitante Kontributionen und Plünderungen brachten die Herrschaft Rheda schon in der ersten Hälfte des Dreißigjährigen Krieges bis an den Rand des wirtschaftlichen Ruins: So mussten ab März 1623 Einquartierungen und Kontributionen für die kaiserlichen Truppen des Grafen Anholt erduldet, 1625 Schäden durch umherstreifende spanische Haufen hingenommen, im März 1626 Dänen im Schloss einquartiert und finanziell unterhalten, 1627 wieder eine kaiserliche Kompanie Reiter untergebracht und 1631/32 Plünderungen und Gewalt ertragen werden [83].

Demnach stand die Übernahme der Regentschaft durch den jungen Grafen Mauritz 1632 unter keinem günstigen Stern, obgleich seine Grafschaft nach dem Tode der kinderlos verstorbenen Brüder seines Vaters (Conrad Gumprecht war 1618, Friedrich Ludolf war 1629 und Wilhelm Heinrich 1632 gestorben) durch Erbgang recht beträchtlich wieder um den Besitz von Limburg, Lennep, Helfenstein, Wevelinghoven, Gronau und den später verkauften Anteil an der Erbvogtei Köln erweitert worden war.

Nachdem Feldmarschall Huyn von Geleen im Februar 1634 Rheda gerade den hessischen Feinden wieder entrissen hatte, plünderten diese 1635 die Herrschaft erneut aus, so dass 1637 ein ,,furchtbar ausgesogenes Land“ zu verwalten war“[84]. Nicht viel besser erging es der Grafschaft Limburg, die von 1633-1636 zu einem Drangsal und Schrecken verbreitenden Quartier des ligistischen Generals von Bönninghausen gewesen war[85]. Hinzu kamen die Pest im Jahre 1635 und in den letzten Kriegsjahren der Streit mit dem Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg um die Hoheitsrechte über Limburg an der Lenne[86]. Immerhin beschränkten aber in den letzten Kriegsjahren Schutzbriefe kaiserlicher und schwedischer Befehlshaber Plünderungen und Zerstörungen in der Herrschaft Rheda auf Einzelaktionen, so dass der Große Kurfürst 1648 anlässlich eines Besuches von einem relativ wenig Versehrten Schloss Rheda aus die zerstörten Festungsanlagen Wiedenbrücks besichtigen konnte.

Dennoch herrschte zum Ende des Dreißigjährigen Krieges in der Stadt und auf dem Lande unbeschreibliche Not, so dass ein wirtschaftlicher Aufschwung nur durch gezielte Maßnahmen des Grafen Mauritz eingeleitet werden konnte: Zu diesen Maßnahmen zählten u. a. die Einrichtung einer eigenen Münzwerkstatt (1655)[87], Zoll- und Steuerprivilegien für die Bürger der Stadt (1657)[88], die Weiterentwicklung des Handels- und Marktwesens (schon 1640 war von ihm als 3. Jahrmarkt der neue Andreasmarkt festgesetzt worden)[89] und nicht zuletzt die konsequente Förderung der Hausleinenindustrie, die Rheda zu einem der bedeutendsten Orte dieses Gewerbes in Westfalen machte[90]. In diesem Zusammenhang ist auch die Gründung der Legge, einer die Qualität begutachtenden Leinenprüfanstalt, in Tecklenburg im Jahre 1660 zu sehen. Trotz etlicher noch bestehender widriger Umstände, allein in Limburg mussten z. B. bis 1672 52805 Reichstaler an Einquartierungsgeldern gezahlt werden[91], breitete sich so bescheidener Wohlstand in der Herrschaft aus.

Nach dem Tode des um den wirtschaftlichen Aufschwung seiner Herrschaft redlich und mit Erfolg bemühten Grafen Mauritz (1674) kam es jedoch ausgerechnet in politisch relativ stillen Zeiten nach dem Frieden von Nimwegen unter seinem ältesten Sohn und Erbnachfolger Johann Adolf(1637-1704) zu erneuten regionalen Einbußen: Während der Verlust der Herrlichkeit Gronau an das Fürstbistum Münster im Jahre 1699 und der Einzug der beiden hoyaschen Ämter durch Hessen im Jahre 1700 relativ leicht verschmerzt werden konnten, traf im Jahre 1686 das Urteil des Reichskammergerichtes zu Wetzlar, nach dem drei Achtel der Grafschaft Tecklenburg an die Grafen von Solms-Braunfels abzutreten seien, Johann Adolf von Bentheim-Tecklenburg wie ein Keulenschlag. Mit diesem Urteil war ein Erbschaftsprozess abgeschlossen worden, der 110 Jahre zuvor von Graf Conrad von Solms gegen die Bentheim-Tecklenburger angestrengt worden war, weil Konrad, der letzte Tecklenburger, seiner Schwester Anna, der Mutter Conrads von Solms, bei ihrer Heirat mit dem Grafen Philipp von Solms den ihr zustehenden Brautschatz vorenthalten und später Anna von Bentheim, geb. von Tecklenburg, den Nachlass ihres gemütskranken Onkels Otto allein für sich in Anspruch genommen hatte. Als auch ein Einspruch Johann Adolfs 1696 abschlägig beschieden wurde, verglich er sich 1699 in einem durch das Reichskammergericht bestätigten Finalrezess dahingehend, dass der Graf von Solms drei Achtel der Grafschaft Tecklenburg und der Herrschaft Rheda, weiterhin drei Viertel des Schlosses Tecklenburg und ein Viertel des Schlosses Rheda erhalten sollte[92].

Da nun Wilhelm Moritz von Solms-Braunfels hoch verschuldet war und mit guten Gründen weitere Anfechtungen dieses Vergleichs fürchtete (sowohl der schon 1701 verstorbene einzige Sohn Johann Adolfs, Johann August, als auch der dann als Erbnachfolger eingesetzte Bruder Johann Adolfs, Friedrich Mauritz von Bentheim -Tecklenburg zu Hohenlimburg, hatten sich bereits offen den Vereinbarungen widersetzt bzw. sie vor den Reichshofrat gebracht), verkaufte er die gesamte Erbschaft für 250000 Taler 1707 an den König in Preußen, der auch – sehr zum Leidwesen der für den Soldatendienst tauglichen jungen Männer – Tecklenburg kurzerhand besetzte[93.

Als Friedrich Mauritz schon drei Jahre später starb (13. 12.1710), übernahm zunächst seine Gattin Christina Maria, geb. zur Lippe, die Aufgaben der Regierung, da ihr gemeinsamer Sohn und Erbe Moritz Casimir (1701-1768) erst neun Jahre alt geworden war. In den Jahren ihrer Regentschaft ereignete sich der spektakuläre Schlossbrand (8. 8. 1718), dem nicht nur der Brandherd, das Backhaus, sondern auch weitere alte und neue Gebäude des Schlosses zum Opfer fielen[94]. Die neue Torhalle (1719) gehörte wohl zu den Wiederaufbaumaßnahmen. Währenddessen studierte Moritz Casimir I., der sich schon früh den Ruf eines Musikliebhabers und Mäzens für notleidende Musiker erworben hatte, mehrere Jahre in Utrecht Juristerei, die schönen Künste und besonders die Musik, erweiterte in dieser Fachrichtung 1722 seinen Horizont in Wien[95] und übernahm schließlich 1726, nachdem seine Mutter im Jahr zuvor Haus Bosfeld als Witwensitz hatte bauen lassen[96], selbst die Regierung. Einen beachtlichen politischen Erfolg erzielte er 1729 in dem sogenannten Tecklenburger Vergleich, in dem der König in Preußen u. a. auf alle Hoheitsrechte in der Grafschaft Limburg verzichtete und für die endgültige Abtretung der restlichen Rechte auf Tecklenburg 175000 Reichstaler an Moritz Casimir zahlte[97]. Gräfliche Residenzen waren dementsprechend in den folgenden Jahren im Wechsel Hohenlimburg, wo gar ein vollständiges Orchester unterhalten wurde, und Schloss Rheda, auf dem der Neubau eines großzügigen Barocktraktes (bez. 1745) mit einem Gediegenheit ausstrahlenden Rokokofestsaal (1754 fertiggestellt) die Räumlichkeiten für ein reges Holleben mit vielseitigen und qualitätsvollen Theater- und Kammermusikaufführungen bot [98]. Aus Sparsamkeitsgründen[99] wurde Rheda ab 1757 alleinige gräfliche Dauerresidenz, obwohl auch dort – wie in Hohenlimburg – während des Siebenjährigen Krieges (1756-1763) ständig mit Einquartierungen und dem Durchzug größerer Truppenverbände – 1757 z. B. lagerten ca. 65000 französische Soldaten auf den östlichen Emswiesen vor den Mauern des Schlosses [100] – zu rechnen war.

Auf Moritz Casimir I. folgte 1768 im Einklang mit der 1746 von ihm erlassenen Primogeniturordnung sein Sohn Moritz Casimir II. (1735-1805), der sich als ebenso musik- und theaterbegeistert erwies[101]. Dementsprechend ergänzte er die bereits unter seinem Vater auf der Vorburg neu errichteten Ökonomiegebäude (1732) und Pferdeställe (1760) nicht nur um eine Schlossmühle (1772) und ein Kanzlei- und Wachthaus (1780/81), sondern auch um ein kleines, baulich höchst reizvolles Hoftheater (1790)[102]. Darüber hinaus kümmerte er sich aber auch mit konkreten Projekten um den wirtschaftlichen Aufschwung seines Landes: Sicherlich nicht nur aus kameralen Gesichtspunkten gründete er als eine seiner ersten Regierungsmaßnahmen 1769 eine Steingutmanufaktur auf Haus Bosfeld, die jedoch vier Jahre später aus wirtschaftlichen Gründen wieder ihren Betrieb einstellen musste[103], und ermunterte er die Linnentuchmacher, ihre Waren den Konkurrenzprodukten der Nachbarstädte anzupassen[104]. Auch die gräfliche Gesundheitsfürsorge entsprach durchaus den Forderungen der Zeit; ja, die Verordnungen zur Abwendung der Pest, der Tollwut, der Pocken, der Ruhr zeigten Umsicht und medizinische Vorausschau. Und geradezu vorbildlich war die Betreuung der Geisteskranken![105] Die von Peter Florens Weddigen zwar recht oberflächlich. aber doch anschaulich geschilderte reichsgräfliche Hofidylle[106] dauerte praktisch bis zum Ende des alten Reiches.

Wenn auch die Herrschaft Rheda noch vom Reichsdeputationshauptschluss (1803) unberührt blieb, so wurde sie doch 1808 unter dem ab 1805 regierenden Grafen Emil Friedrich Karl (1765-1837) von Napoleon der Reichsunmittelbarkeit enthoben („mediatisiert“) und dem Großherzogtum Berg einverleibt. Auch nach der Befreiung Westfalens wurde die Standesherrschaft Rheda der Verwaltung des späteren Oberpräsidenten von Vincke unterstellt und nach dem Wiener Kongress endgültig Preußen zugeschlagen. Damit war aus der früher reichsunmittelbaren Herrschaft trotz aller energischen Bestrebungen des Grafen, die volle Souveränität zurückzuerhalten, eine preußische Standesherrschaft geworden, die jedoch immerhin dem ehemals regierenden Haus noch etliche hoheitliche Standesrechte nach Artikel XIV der deutschen Bundesakte beließ: So gehörte die gräfliche Familie weiterhin zum hohen Adel, genoss erhebliche Steuerprivilegien, einen bevorzugten Gerichtsstand und die Befreiung von aller Militärpflichtigkeit, hatte das Recht, in jedem deutschen Staat ihren Wohnsitz zu wählen und Familienverträge zu schließen, behielt im Rahmen der Landesgesetze das Recht der bürgerlichen und peinlichen Gerichtsbarkeit in l. Instanz, der Forstgerichtsbarkeit, der Polizeigewalt, der Aufsicht über Kirchen- und Schulangelegenheiten etc. und war mit einer Stimme auf den westfälischen Landtagen vertreten[107].

Trotz des Verlustes der Souveränität war das Verhältnis mit der Krone Preußens freundschaftlich und führte 1817 nicht nur zur Erhebung in den preußischen Fürstenstand [108], sondern in den folgenden Jahrzehnten auch zu etlichen Besuchen von Mitgliedern des preußischen Königshauses in Rheda. Als Missernten nach 1830 zu bitterster Armut in der Landwirtschaft und hohe Einfuhrzölle und das aufziehende Maschinenzeitalter zum wirtschaftlichen Niedergang auch des Weberund Spinnerhandwerks führten, kam es zu Hungersnöten und regelrechten Auswandererwellen. Da neue Erwerbsquellen nicht in Aussicht waren, ließ Fürst Emil, der am 29. März 1834[109] seine hoheitlichen Standesrechte an Preußen abgetreten hatte, in einer Art von Arbeitsbeschaffungsprogramm umfangreiche Aufforstungen durchführen und gegen die Staunässe in seinen Forsten die heute noch erhaltenen Kiefernrabatten anlegen.

Von nachhaltigerem Erfolg im Hinblick auf eine Verbesserung der Wirtschaftsstruktur waren die Bemühungen seines Erbnachfolgers Fürst Moritz Casimir III. (1795-1872), der es nach Bereitstellung größerer Ländereien erreichte, dass nicht nur die Köln-Mindener Eisenbahn an Rheda herangeführt wurde, sondern auf seinen Wunsch auch dort halten musste[110]. Aufgrund des allgemein bekannten sozialen Engagements des Fürsten fanden in Rheda die Ideen der Märzrevolution (1848) kaum Widerhall, obgleich dort einer der bedeutendsten Vorkämpfer des Kommunismus in Deutschland, der mit Marx und Engels befreundete Redakteur Otto Lüning, das sozialistische Ideen verbreitende ,,Westfälische Dampfboot“ herausgab[111].

Auf Fürst Moritz Casimir III. folgte 1872 sein Bruder Franz (Friedrich Ferdinand Adolf) und nach diesem 1885 der Enkel Moritz Casimirs III., Fürst Gustav (1849-1909), dessen einziger Sohn und Erbe, Fürst Adolf (Moritz Casimir) (1889-1967), jahrelang Adelsmarschall der deutschen Adelsgenossenschaft und Präsident des Vereins der deutschen Standesherren war. Auf Anweisung der Besatzungstruppen musste dieser 1946 mit seinen Angehörigen das Schloss der Vorväter verlassen und ins Haus Bosfeld übersiedeln[112]. Dort lebt auch heute noch sein Sohn und Erbnachfolger Fürst Moritz Casimir (Widukind Gumprecht) IV. (geb. 12. 10. 1923) mit seiner Familie.

Um die hohen Kosten für die Unterhaltung und Restaurierung des Rhedaer Schlosses zu decken, blieb auch nach der Aufhebung des Evakuierungsbefehls ein großer Teil seiner Oberburg- und Vorburggebäude vermietet[113], so dass heute nur noch bei Empfängen und festlichen Konzerten die Gesellschaftsräume des fürstlichen Schlosses ihrer ursprünglichen Funktion dienen. Nach dem Verlust fast aller alten Standesrechte sieht das fürstliche Haus nunmehr seine vordringliche Aufgabe in der Bewahrung und Dokumentation des historischen Erbes. In diesem Sinne versucht der Fürst zu Bentheim-Tecklenburg neben seinen privaten Aufgaben als Diplom-Forstwirt nicht nur seinen umfangreichen, zumeist alten und damit stets in ‚irgendeiner Weise restaurierungsbedürftigen Hausbesitz mit denkmalpflegerischem Akzent zu erhalten, sondern auch als Vorsitzender der Vereinigung westfälischer Adelsarchive der Wissenschaft und somit der Öffentlichkeit den Zugang zur Landesgeschichte zu erschließen.

Unterstützt wird seine Arbeit durch seine Gattin Huberta, gen. Fürstin „Sissi“, einer geborenen Gräfin Hardenberg aus der Familie des bekannten preußischen Staatsmanns und Reformators Karl August Fürst von Hardenberg, die sich sowohl regional für die Erhaltung heimatlicher Bausubstanz und für die Pflege des kulturellen Erbes als auch international als Vizepräsidentin des Internationalen Burgeninstituts für die Bewahrung von Kulturdenkmälern und der sie umgebenden Landschaft engagiert. Beiden ist es zu verdanken, dass heute Schloss Rheda nicht nur eine für die Landesgeschichte kaum abschätzbare museale Funktion erfüllt, sondern auch – anknüpfend an die große musische Tradition des 18. Jahrhunderts – mit privat organisierten, kunstgeschichtlichen und historischen Vortragsveranstaltungen und künstlerisch anspruchsvollen Schlosskonzerten[114] als ein bedeutendes kulturelles Zentrum in Erscheinung tritt.

Auswahl aus der benutzten weiterführenden Literatur

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Berentelg, Hugo: Der Schmalkaldische Krieg in Nordwestdeutschland, (Diss. Münster), Rostock 1908

Bollweg, Heinrich: Beitrag zur Geschichte der Juden in der Herrschaft Rheda, (Masch. Sehr.) Dülmen 1973Döhniann, Karl Georg: Das Leben des Grafen Arnold von Bentheim 1554-1606, nach den Handschriften herausgegeben von K. G. Döhmann, Burgsteinfurt 1903

Domp, Joachim: Studien zur Geschichte der Musik an Westfälischen Adelshöfen im 18. Jahrhundert, Freiburger Studien zur Musikwissenschaft, Regensburg 1934

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Eickhoff, Hermann: Osnabrückisch-rhedischer Grenzstreit (15241565) unter Berücksichtigung des Kirchspiels Gütersloh. Osnabrück 1897

Esser, Hermann: Hohenlimburg und Elsey, ein Beitrag zur westfälischen Orts- und Territorialgeschichte, Dortmund 1907

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Gaul, Otto: Die ehemalige lippische Residenz Rheda, Mitteilungen aus der lippischen Geschichte und Landeskunde, 24. Band, 1955, S.182-211

Gertzen, Bernhard: Die alte Grafschaft Tecklenburg bis zum Jahre 1400, Gütersloh 1939

Goeters, J. F. G.: Die evangelischen Kirchenordnungen Westfalens im Reformationsjahrhundert, Westfälische Zeitschrift, 113. Band, 1963, S. 111-168

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Mühlen, Franz: Schloss und Kapellenturm zu Rheda, Westfalen, 46. Band (1968), S. 62-76

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Müller, Friedrich: Geschichte der alten Grafen von Tecklenburg in Westfalen, Osnabrück 1842

Reuter, Rudolf: Das Instrumentarium der Fürstlich-Bentheim-Tecklenburgischen Hofmusik im Erbdrostenhof zu Münster, Westfalen, 46. Band, 1968, S. 129-145

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Rothert, Hermann: Westfälische Geschichte, l.-3. Band, Gütersloh 1962

Rübel, Rudolf: Graf Arnold von Bentheim-Steinfurt, Westfälische Lebensbilder, Band 9, Münster 1962, S. 18-33

Rübesam, Rudolf: Konrad von Tecklenburg (1501-1557). Ein Lebensbild des letzten Tecklenburger Grafen. Phil. Diss. Münster 1928

Scheffer-Boichorst, Paul: Herr Bernhard von der Lippe als Ritter, Mönch und Bischof. Zeitschrift für vaterländische Geschichte und Altertumskunde (Westfälische Zeitschrift), 29. Band, 1871, II , S. 107-235

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Stoob, Heinz: Westfälischer Städteatlas, l. Lieferung, Blatt 12, Rheda, Dortmund 1975 (auch einzeln erhältlich)

Strenger, Hermann: Geschichte des Zisterzienserklosters Marienfeld, Gütersloh 1913

Tecklenburg,Kirche – Gemeinde – Stadt in Vergangenheit und Gegenwart, 1566-1966, Hrsg. Presbyterium der Evangelischen Kirchengemeinde Tecklenburg, 1966

Theuerkauf, Gerhard: Das Lehnswesen in Westfalen. Westfälische Forschungen, Band 17, 1964, S. 14-27

Vahrenhold, Wilhelm: Kloster Marienfeld, Warendorf 1966

[1] Zur mittelalterlichen Straßensituation vgl. G. Willner in „Der Landkreis Wiedenbrück“. Münster 1969. S. 176- 179; ferner J. Prinz: Mimigernaford-Münster, Münster 1960, S. 20/21; H. Stoob: Westfälischer Städteatlas, Dortmund 1975, Blatt Rheda.

[2] F. Philipp;; Osnabrücker Urkundenbuch, Band I. Osnabrück 1892, 201 (1088).
[3] Everwin wurde erstmalig 1142. letztmalig 1166 als Vogt von Freckenhorst erwähnt (vgl. H. A. Erhard: Urkundenbuch zur Geschichte Westfalens. Münster 1851, 2. Theil, 238 bzw. 335).
[4] 1169 wurde Widukind noch als Vogt von Freckenhorst (WUB II = Erhard: Urkundenbuch zur Geschichte Westfalens. 342), 1170 bereits als Vogt von Rheda (WUB II. 345) bezeichnet
[5] O. Gaul: Die ehemalige lippische Residenz Rheda, Mitteilungen aus der lippischen Geschichte und Landeskunde, 24. Band. Detmold 1955, S. 184.
[6] P. Scheffer-Boichorst: Herr Bernhard von der Lippe als Ritter. Mönch und Bischof. Zeitschrift für vaterländische Geschichte und Altertumskunde, 29. Band. 1871- II, S. 145-146.
[7] Vgl. P. Scheffer-Boichorst, a. a. O. S. 144 ff.
[8] Preuß/Falkmann: Lippische Regesten I. Lemgo und Detmold 1860. Nr. 9.3 (2.4. 1184).
[9] Preuß/Falkmann: Lippische Regesten I. Nr. 108(2. K). 1188).
[10] WUB II. 451 (zu 1185); H. Strenger: Geschichte des Zisterzienserklosters Marienfeld, Gütersloh 19l3. S. 3-4; W. Vahrenhold: Kloster Marienfeld. Warendorf 1966; W. Werland: Campus s. Mariae. Marienfelder Chronik. Marienfeld 1968
[11] H. Lahrkamp: Mittelalterliche Jerusalemfahrten und Orientreisen westfälischer Pilger und Kreuzritter. Westfälische Zeitsehritt, Band 106, Münster S 269-346 (besonders S. 277-28.3).
[12] WUB II, 496 (1189), und WUB 111 (- R. Wilmans: Westfälisches Urkundenbuch. Münster 1871), 84 (1189).
[13] Vgl. R. Röhricht: Geschichte des Königreichs Jerusalem, Innsbruck 1898, S. 514 ff.
[14] Die Kreuzfahrt des Landgrafen Ludwigs des Frommen von Thüringen, hrsg. Hans Naumann in: Monumenta Germaniae Historica, Deutsche Chroniken IV 2 Abt Berlin 1923. V. 975-978 und V. 44.30-44.31.
[15] Wenn ein Lehnsmann mit einer Herrschaft, einem Gericht oder Amt belehnt wurde, so durfte er die daraus erwachsenden Renteneinkünfte nutzen, durfte aber den Wert des Lehens nicht mindern oder gar Teile des Lehens verkaufen. Als Gegenleistung war er zur Treue zum Lehnsherrn und zum Ritterdienst verpflichtet. Oft wurde jedoch der Lehnsbesitz dem Lehnsherrn entfremdet, so dass er im Laufe der Zeit als vererbbarer Eigenbesitz galt. Vgl. dazu G. Theuerkauf: Das Lehnswesen in Westfalen, Westfälische Forschungen, Bd. 17, 1964, S. 14-27.
[16] A. K. Hömberg: Die Entstehung der Herrschaft Lippe, Mitteilungen aus der lippischen Geschichte und Landeskunde, 29. Band, 1960, S. 5-64.
[17] Das Lippiflorium. Ein westfälisches Heldengedicht aus dein 13. Jahrhundert. Hrsg. Hermann Althof, Leipzig 1900, S. 24, V. 41-44.
[18] A. K. Hömberg: Geschichte der Comitale des Werler Grafenhauses, Westfälische Zeitschrift. Band 100, 1950, S. 9- 133, (hier besonders S. 59-74).
[19] Vgl. zu den folgenden Ereignissen P. Scheffer-Boichorst: Herr Bernhard von der Lippe, a. a. O., S. 107-235.
[20] Vgl. dazu H. Hiller: Heinrich der Löwe. München 1978. S. 238 ff.
[21] Preuß/Falkmann: Lippisehe Regesten I, 89 (1181)
[22] Preuß/Falkmann: Lippische Regesten l, 99 (13.3.l186)
[23] H. Rothert: Der Stadtplan von Lipnstadt,Westfälische Zeitschrift. 105 Band 1955 S. 1-28.
[24] WUB II, 532.
[25] H. A. Erhard: Regesta Historiae Westfaliae. 2. Band. 2331 (l194).
[26] Zu den livländischen Unternehmungen Bernhards vgl. F. Benninghoven: Der Orden der Schwertbrüder. Köln 1965. S. 29-35
[27] H Thümmler; Die Bedeutung der Edelherren zur Lippe für die Ausbreitung der westfälischen Baukunst im 13. Jahrhundert, in: Westfalen-Hanse-Ostseeraum, Veröffentlichungen des Provinzialinstitutes für Westfälische Landes- und Volkskunde, Heft 7, Münster 1955, S. 161-169
[28] Vgl. A. K. Hömberg: Die Entstehung der Herrschaft Lippe, a- a. O- S. 7.

[29] F. Mühlen: Schloss und Kapellenturm zu Rheda, Westfalen, 46. Band (1968). S. 62 – 76.
Zur Datierung vgl. auch die dendrochronologischen Untersuchungsergebnissc von E. Hollstein, veröffentl. in „Westfalen“, 55. Band (1977). S. 520.
[30] Preuß/Falkmann: Lippische Regesten I, 127 (November 1201)
[31] Preuß/Falkmann: Lippische Regesten I, 188 (Dezember 1229).
[32] Preuß/Falkmann: Lippische Regesten I, 233 (25. 12. 1244); 236 (19. 1. 1245); WUB III, 431 (19. 1. 1245); F. Philipp;: Osnabrücker Urkundenbuch, Band II, Osnabrück
1896 462 (19.1.1245)
[33] WUB, 1056 (1265-1270)
[34] O. Gaul: Die ehemalige lippische Residenz Rheda. a. a. O. S- 189; H. Kiewning: Lippische Geschichte. Detmold 1942, S. 44-45.
[35] Vgl. H. Kiewning, a.a.O. S. 45-50.
[36] Preuß/Falkmann: Lippische Regesten II, 546 (8.7.1305).
[37] Preuß/Falkmann: Lippische Regesten II, 853 (16.10.1344).
[38] Diese Urkunde wurde im Wortlaut abgedruckt in E. A. Lübbermann: Rheda – Zeugnisse aus alter Zeit, Marienfeld 1976. S. 63.
[39] Preuß/Falkmann: Lippische Regesten II. 1128 (12.3.1365).
[40] Preuß/Falkmann: Lippische Regesten 11, 1144 (9.4.1366).
[41] Preuß/Falkmann: Lippische Regesten II, 1161 (4. 11. 1366).
[42] H Kiewning: Lippische Geschichte, a.a.O., S. 64; Preuß/Falkmann: Lippische Regesten II, 1193 (5.4. 1369), 1199 (17 .9.1369) 1204 (1.2.1.370), 1207 (27.3.1370).
[43] Vgl. Preuß/Falkmann: Lippische Regesten II, 1258 und 1267.
[44] Preuß/Falkmann: Lippische Regesten II, 1219 (25. 11. 1371).
[45] K. Rübel: Dortmunder Urkundenbuch, Bd. II, 1, Dortmund 1890, Nr. 7 (25.7.1372).
[46] Preuß/Falkmann: Lippisehe Regesten II, 122.3(1372-1375)
[47] Preuß/Falkmann: Lippische Regesten II. 1268 (13.6.1376).
[48] Vgl. C. Stüve: Geschichte des Hochstifts Osnabrück bis zum Jahre 1508 Jena und Osnabrück 1853. S. 25.3 f.
[49] Vgl. z. B. K. Rubel: Dortmunder Urkundenbuch, Band II, 2, Dortmund 1894, S, 480, Nr. 5l8 (8.5.1377).
[50] C. Stüve: Geschichte des Hochstifts Osnabrück, a. a. O. S. 254/5. Otto von Tecklenburg geriet hiernach gar für drei Monate bis Ostern 1378 in die Gefangenschaft Limburgs.
[51] C. Stüve: Geschichte des Hochstifts Osnabrück, a. a. 0., S. 256/7; J. Ficker: Die Münsterischen Chroniken des Mittelalters, Münster 1851. Band I. S. 71 f.
[52] Vgl. C. Stüve: Geschichte des Hochstifts Osnabrück, S. 257.
[53] Preuß/Falkmann: Lippische Regesten II, 1398 (nach 1391). In dieser Zeit entstand auch wohl der rohe nordöstliche Wohnturm der Burg Rheda.
[54] Zweifelsfrei lebte und regierte Otto von Tecklenburg 1395 noch, obgleich sich sein Sohn Nikolaus II. 1388 gegen ihn erhoben hatte. Vgl. dazu die zahlreichen Belege in B. Gertzen: Die alte Grafschaft Tecklenburg bis zum Jahre 1400. Gütersloh 1939. S.14 Anm.74.und dazu die Lippischen Regesten II. 1398 (nach 1391) und 1431 (13. l. 1395).
[55] Preuß/Falkmann: Lippische Regesten IV. Detmold 1868. 2511 (Oktober 1396).
[56] Zu den Lebensdaten vgl. die Nachweise bei B. Gertzen: Die alte Grafschaft Tecklenburg, a.a.O., S. 15. Anm. 81.
[57] J. Niesert: Beiträge zu einem Münsterischen Urkundenbuche, Münster 1823. Band I, 2. Abt., S. 318, Nr. 100 (1400, Samstag nach Ägidius); dazu Lippische Regesten II, 1484 (4.9.1400)
[58] J. Niesert: Beiträge zu einem Münsterischen Urkundenbuche, a.a.O., Nr. 101, 102, 103 (25. 10.1400).
[59] Preuß/Falkmann: Lippische Regesten 11,1479 (25.5.1400) und Lippische Regesten IV, 2514(24. 12. 1401).
[60] s. F. Flaskamp: Zur Geschichte der Lippisch-Tccklenburgischen Fehde, Neue Quellen zum Kampf um Rheda, Lippische Mitteilungen aus Geschichte und Landeskunde. 39. Band. Detmold 1970, S. 86-102; Preuß/Falkmann: Lippische Regesten III, 2119 (1451). 1414 regierten Nikolaus II. von Tecklenburg, der ,,Raubgraf“, (reg. 1395-1422) und Bernhard VI. zur Lippe (Alleinregent von 1410-1415); 1437 Otto VI. von Tecklenburg (reg. 1425- 1450) und auf lippischer Seite nach dem Tode Simons IV. zur Lippe (reg. 1415-1429) seine Witwe, die Herzogin Margarete zu Braunschweig-Grubenhagen: 1451 Nikolaus III. von Tecklenburg. der „Böse“, (reg. 1450-1493) und der streitbare („Bellicosus“) Bernhard VII. zur Lippe (reg. 1446-1511).
[61] Preuß/Falkmann: Lippische Regesten III, 2148 (Juni 1454), IV, 2529 (2. 12. 1454), 111,2171 (20.5. 1456), III, 2172 (23. 5. 1456).
[62] Preuß/Falkmann: Lippische Regesten III, 2760 (16.6.1490) und 2774 (13.7.1491)
[63] Preuß/Falkmann: Lippische Regesten IV, 2960 (26. 6. 1509).
[64] Der Tecklenburger Herrschaftsvertrag vom 15. 10. 1534 findet sich in R. Rübesam: Konrad von Tecklenburg, Phil. Diss. 1928, S. 82-84.
[65] Vgl. dazu R. Rübesam, a.a.O., S. 35 ff.
[66] Kein Tecklenburger der Schweriner Linie hatte je ein hohes Kirchenamt bekleidet. Vgl. weiterhin H. Eickhoff: Osnabrückisch-rhedischer Grenzstreit (1524-1565) unter Berücksichtigung des Kirchspiels Gütersloh, Gütersloh 1897, S. 17; R. Rübesam: Konrad von Tecklenburg, S. 14/15; H. Richter: Konrad von Tecklenburg, Westfälische Lebensbilder. Hauptreihe Bd. III. Heft 2, Münster 1932. S. 176.
[67] Vgl. H. Eickhoff: Osnabrückisch rhedischer Grenzstreit, a. a. 0. S. 10 ff.; H. Richter: Konrad von Tecklenburg. a.a.O. S. 180, 185.
[68] Vgl. Regula Wolf: Der Einfluß des Landgrafen Philipp des Großmütigen von Hessen auf die Einführung der Reformation in den westfälischen Grafschaften, in: Jahrbuch des Vereins für westfälische Kirchengeschichte 51/52, 1958/59, S. 53-68, 73-76. 88-91.
[69] Vgl. H. Klueting: die Landstände der Herrschaft Rheda, Westfälische Forschungen, Band 27. Münster 1975. S. 79/80.
[70] Vgl. F. Große-Dresselhaus: Die Einführung der Reformation in der Grafschaft Tecklenburg. Osnabrück 1918; H. Richter: Konrad von Tecklenburg, a. a. 0. S. 180-185; J. F. G. Goeters: Die Reformation in Rheda. (Ungedr.) Vortrag vom 29. 10. 1977 in
Rheda. 0. Kühn: Landesherr und Kirche – 450 Jahre evangelische Gemeinde zu Rheda -, in „Festschrift“, 450 Jahre Evangelische Gemeinde zu Rheda, Rheda 1977, S. 7-32.
[71] Vgl. dazu F. Müller: Geschichte der alten Grafen von Tecklenburg in Westfalen, Osnabrück 1842. S. 247 ff.; H.Richter: Konrad von Tecklenburg, a. a. 0. S. 187-193; H. Rothert: Westtalische Geschichte, 2. Band, Gütersloh 1950, S.61 ff. und 100 ff.
[72] H. Eickhoff: Osnabrückisch-rhedischer Grenzstreit Abdruck des Vergleichs S, 75 -86.
[73] Vgl. F. Müller: Geschichte der alten Grafen von Tecklenburg. a. a. O. S. 255.
[74] Zu den Lebensdaten des Graten Arnold s. K. G. Döhmann: Das Leben des Grafen
Arnold von Bentheim 1554-1606, Burgsteinfurt 1903: R. Rubel: Graf Arnold von Bentheim-Steinfurt. in „Westfälische Lebensbilder“, Band IX, Münster 1962, S. 18 33; F. E. Hunsche in .,Tecklenburg, Kirche – Gemeinde – Stadt in Vergangenheit und Gegenwart“, Tecklenburg 1966, S. 81 ff.
[75] Zur Kirchenordnung von 1588 vgl. Moritz Graf zu Bentheim: Die Tecklenburgische Kirchenordnung des Grafen Arnold von Bentheim de anno 1588, in „Der Grafschafter“, Heimatbeiträge der Grafschafter Nachrichten- Nordhorn, Folge 136, Juni 1964 S 137-138.
[76] Vgl, R. Rubel- Das Burgsteinfurter Gymnasium Arnoldinum im Wandel der Zeiten, Burgsteinfurt 1953.
[77] Er beseitigte nicht nur 1581 durch eine neue Hofgerichtsordnung die geistliche Jurisdiktion, sondern bot auch dem mutigen Kämpfer gegen den Hexenwahl) Dr. Johannes Weyer (Wier) Zuflucht im Schloss Tecklenburg vor seinen fanatischen Verfolgern.
[78] Vgl. H. Rothert: Westfälische Geschichte, 2. Band, S. 102.
[79] Vgl. H. Rothert: Westfälische Geschichte, 2. Band, S. 123/124.
[80] Vgl. E.-A. Lübbermann: Die Graten von Bentheim, ihre Territorien und ihre Archive, Gütersloher Beiträge zur Heimat- und Landeskunde des Kreises Wiedenbrück. Heft 12, Juli 1968, S. 243-246.
[81] Vgl. G. Dehio: Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler, Nordrhein-Westfalen, 2. Band Westfalen, bearb. von D. Kluge und W. Hansmann, München und Berlin 1969. S.481.
[82] Vgl. F. E. Hunsche in „Tecklenburg“ (1966), S. 84: F. Flaskamp: Zur Geschichte des Rhedaer Schulwesens, Ravensberger Blätter. Oktober 1951. S. 186-187: S. Hajek/W. Sundennann: Die mittlere Schule in Rheda. in Monographien des Landkreises Wiedenbrück, höhere mittlere Schulen, Gütersloh 1966. S. 116 ff.
[83] Vgl. dazu H. Eickhoff: Geschichte der Stadt Wiedenbrück und ihrer nächsten Umgebung während des dreißigjährigen Krieges, in: Evangelisches Gymnasium zu Gütersloh. Bericht über das Schuljahr 1881-l882, S. 3-34.
[84] Vgl. H. Eickhoff, a.a.O. S. 11-15.
[85] Vgl. W. Bleicher: Hohenlimburg, Hohenlimburg 1975, S. 70; Zu Bönninghausen s. H. Lahrkamp: Lothar Dietrich Freiherr von Bönninghausen, Westfälische Zeitschrift. 108. Band, Münster 1958, S. 239-365.
[86] Vgl. H. Klueting: Ständewesen und Ständevertretung in der westfälischen Grafschaft Limburg im 17. und 18. Jahrhundert, in Beiträge zur Geschichte Dortmunds und der Grafschaft Mark 70, 1976, S. 109-201. besonders S. 136-142.
[87] K. Kennepohl: Die Münzen der Grafschaften Bentheim und Tecklenburg sowie der Herrschall Rheda. Frankfurt 1927. S. 50 f.
[88] Vgl. E. A. Lübbermann: Rheda – Zeugnisse aus alter Zeit. S. 75.
[89] Vgl. W. Voigt: Graf Mauritz gründete 1640 den Rhedaer Andreasmarkt, Gütersloher Beiträge, Heft 17. Oktober 1969. S. 345.
[90] Vgl. E. A. Lübbermann: Rheda – Zeugnisse als alter Zeit, S. 7.
[91] Vgl. W. Bleicher: Hohenlimburg. S. 70.
[92] Vgl. F. E. Hunsche: Tecklenburg (1976), S. 35 und 38.
[93] Vgl. F. E. Hunsche: Tecklenburg (1966). darin „Der Übergang der Grafschaft Tecklenburg an Preußen, ein Originalbericht aus den Akten des Staatsarchivs in Merseburg“,
S. 103-106; Vgl. F. E. Hunsche: Tecklenburg (1976). S. 35 und 40; V. Loewe (Hrsg.): Preussens Staatsverträge aus der Regierungszeit König Friedrichs I.. Publikationen aus Den preußischen Staatsarchiven. 92. Band, Leipzig 1923, S. 83.
[94] W. Voigt: Der Rhedaer Schlossbrand vor 250 Jahren, Gütersloher Beiträge, Heft 14, Januar 1969, S. 290-291.
[95] J. Domp: Studien zur Geschichte der Musik an Westfälischen Adelshöfen im 18. Jahrhundert, Freiburger Studien zur Musikwissenschaft, Regensburg 1934, S. 7 ff.
[96] H. Klueting: Die Landstände der-Herrschaft Rheda, a.a.O. S. 75 f.
[97] Victor Loewe (Hrsg.): Preussens Staatsverträgc aus der Regierungszeit Friedrich Wilhelms l.. Publikationen aus den preussischen Staatsarchiven. Band S7. Leipzig 11) l 3. S. 384-391.
[98] Vgl. L. Zellner: Der Barocktrakt auf dem Schlosse zu Rheda, Heimatblätter der Glocke, Nr. 148, 26. 6. 1964, S. 589 f.; zum Kulturleben vgl. J. Domp a.a.O. S. 9 ff. und H. Schnoor: Musik auf Schloss Rheda, Monographie des Landkreises Wiedenbrück. Musik + Theater – ohne eigenes Dach. Bielefeld 1969, S. 32 – 57.
[99] Diesen Hinweis gab H. Klueting aufgrund seiner Forschungen über die Hofhaltungskosten in Hohenlimburg.
[100] G. Ortenburg: Das Lager von Rheda/Wiedenbrück im Jahre 1757, in Heimatblätter der Glocke, 2.3.1978, S. 105-106.
[101] Vgl. J. Domp a.a.O. S. 11 ff.
[102] Zur Datierung vgl. Fürst Adolf zu Bentheim-Tecklenburg: Schönes altes Rheda, Privatdruck 1975, S. 11. Er verweist auf einen Eckstein mit der Jahreszahl 1790 an der Südwestecke des Schlosstheaters.
[103] F. Flaskamp: Die „Porzellanfabrik“ zu Bosfeld, Ravensberger Blätter 1962, S. 344.
[104] J. Blotenberg: Gesunde Vielfalt in Industrie und Handel, Monographie des Landkreises Wiedenbrück, Gütersloh 1966,S.19.
[105] H. Aders: Das Medizinalwesen in der Herrschaft Rheda von der Mitte des 17. Jhd. bis zum Beginn der preußischen Zeit, Westfälische Zeitschrift, 119. Band, Münster 1969, S. 1-106, hier besonders S. 25.
[106] Abgedruckt und kommentiert ist diese Beschreibung von F. Flaskamp: Weddigens Beschreibung der Stadt Rheda, in 62. Jahresbericht des Historischen Vereins für die Grafschaft Ravensberg, Jahrgang 1960/61, Bielefeld 1962, S. 108-127.
[107] Vgl. H. Gollwitzer: Die Standesherren, Göttingen 19642; (N. 109) Journal des Niederund Mittel-Rheins vom 12. 9. 181.5, Nr. 291: Verordnung, betreffend die Verhältnisse der vormals unmittelbaren deutschen Reichsstände in den preußischen Staaten vom 21. Juni 1815 (Rheda wird hier u. a. ausdrücklich genannt), Staatsarchiv Münster. Oberpräsidium 1002: Commissionsacten, betreffend die Festsetzung des standesherrlichen Rechtszustandes für die Herrschaft Rheda, Oberpräsidium 66 b, 66 c, 718, Staatsarchiv Münster; weiterhin Staatsarchiv Münster, OLG Münster I, Nr. 35 und 36.
[108] Vgl. M. F. Gritzner: Chronologische Matrikel der Brandenburgisch-Preussischen Standeserhöhungen und Gnadenacte, Berlin-1874, S. 82 (20. Juni 1817).
[109] Fürstliches Archiv Rheda, Urkunden, Nr. 3015
[110] Vgl F. Adämmer: Eisenbahnbau und Armut im früheren Kreis Wiedenbrück, Gütersloher Beiträge, Heft 48/49, Dezember 1977, S. 993-996.
[111] Vgl A. Herzig: Die Entwicklung der Sozialdemokratie in Westfalen bis 1894. Westfälische Zeitschrift. 121. Band. Münster 1971, S. 97-172, hier besonders die S. 100101; W. Schulte-Ahlen; Der Holter oder Rhedaer Kreis, Gütersloher Beiträge, Heft 18, Januar 1970, S. 361-364.
[112] Vgl. seine Erinnerungen: Schönes altes Rheda, Privatdruck Rheda 1975, und den Nachruf von E. A. Lübbermann in den Gütersloher Beiträgen, Heft 7, April 1967, S. 156-157.
[113] Vgl. W. Voigt: Der fürstliche Marstall in Rheda vor 100 Jahren, Gütersloher Beitrage, Heft 22. Januar 1971, S. 445.
[114] Vgl. K.-H. Kruhl: Die Rhedaer Schlosskonzerte, Gütersloher Beiträge, Heft 15. April 1969, S. 310-312.

ERINNERUNGEN DES FÜRSTEN ADOLF ZU BENTHEIM-TECKLENBURG
SELBSTVERLAG 1975

Ein altes Schloss, wie das Rhedaer, welches in seinen Anfangen bis auf 1189 und wahrscheinlich noch weiter zurückgeht, hat schon Vieles in seinen Mauern gesehen. Geschlechter kamen und gingen, Glück und Unglück wohnten dort auf dem Hügel über der Ems in stetem Wechsel.

In einer Zeit, wo das Haus Bentheim Tecklenburg durch Feinddiktat einerseits und durch die furchtbare Not der Nachkriegszeit gezwungen wurde, dieses Schloss, in welchem das Geschlecht ununterbrochen seit 1365 gewohnt hat, zu räumen und aufzugeben, lohnt es sich, einen Rückblick zu tun in jene Zeit, da Glück und Glanz einer nie wiederkehrenden Epoche hier eine Stätte hatten. In den folgenden Zeilen soll die Rede sein von den Räumen, ihren Benennungen, welche sich mit Gliedern der Familie verbinden und dem Leben in jenen Tagen, das der Verfasser als einer der Letzten noch selber miterlebte. Gestalten treuer Leute und alter Rhedaer Typen sollen sie wieder beleben und so kommenden Geschlechtern ein Bild vermitteln, das ihnen vielleicht wie ein Traum vorkommen wird.

Seit jeher war es alter Brauch, Schlossraume nach langjährigen Bewohnern oder solchen, die häufig wiederkehrten, zu benennen.

Wahrend der ,,Alte Teil“, der Renaissancebau, wohl immer als Wohnung für den Herrn des Hauses und seine engste Familie gedient hat und daher keine Zimmernamen kennt, nahm der ,,Neue Teil“, der Barockbau von 1720, welcher nach dem großen Brande von 1718 durch den ,,Meister von Gildehaus“ (nach den letzten Forschungsergebnissen) errichtet wurde, die Gäste auf und diese gaben den Räumen zumeist ihre Namen. Es gibt dort eine Philippinenstube. Sie ist benannt nach der Gräfin Philippine zu Ysenburg Meerholz, der Gattin des Grafen Moritz-Casimir, des früh verstorbenen Bruders des Fürsten Emil Friedrich; sie war also seine Schwägerin und ist dort in hohem Alter und geistig nicht mehr ganz frisch gestorben. Sie war die Besitzerin eines alten Hundes, welcher das ganze Haus tyrannisierte und eines Tages von der Galerie in den Hof stürzte. Zur allgemeinen Enttauschung lief er alsbald die Treppen wohlbehalten wieder hinauf zu seiner Herrin. (Im Plan Nr. 46).

Gegenüber liegen die Reck’schen Stuben (Nr. 37/38). Hier lebte Caroline, eine Tochter Emil Friedrichs und seiner Gemahlin Luise Wittgenstein Hohenstein (vermahlt 1791, gestorben 1828). Caroline heiratete 1817 den Grafen Karl von der Recke Volmerstein und beschloss, ihr Leben bei ihrem Bruder Moritz-Casimir 18 , das in dieser Ehe scheinbar nicht ganz leicht gewesen sein muss, denn sie pflegte in späteren Jahren zu sagen ,,Reck ist Dreck“. ,,Tante Kuni“ Recke war eine Verwandte und Pflegerin von ihr, die sie ihrem Bruder als ,,teures Vermächtnis“ hinterließ und die es verstanden hat, ihr Dasein auf diesem günstigen Fundament so fest zu gründen, dass sie erst 1886 durch meinen Vater Gustav bei der Obernahme des Besitzes (1885) darüber aufgeklart wurde, Rheda sei ,,keine bleibende Statt“. Worauf sie nach Gütersloh zog und dort eine Schulerpension eröffnete, um später im Stift Fulda das Zeitliche zu segnen. Emilzimmer nennen sich die Räume nach dem Hof im Erdgeschoss (Nr. 17/18), well dort Emil Friedrich seinen Lebensabend verbrachte, vermutlich nach dem Tode seiner Gattin 1828; er starb dort 1837. Das Vorzimmer (Nr. 16) wird Totenzimmer genannt. Ich weiß nicht, ob hier schon Emil Friedrich aufgebahrt worden ist, jedenfalls stand dort die Leiche des Fürsten Franz 1885.

Dieser bewohnte die Franzstuben (Nr. 35/34) seit er aus Hohenlimburg zurückgekehrt war, wo er seinen regierenden Bruder Moritz-Casimir als Drost der Grafschaft vertreten hatte. Eine unglückliche Liebe zu einer schonen Limburger Bürgerstochter hatten ihn mehr und mehr zum Sonderling gemacht und er lebte in der fixen Idee, seine Stellung als Fürst (seit 1872) und Fideikommissbesitzer verpflichte ihn zu aussäerster Sparsamkeit, denn er sei nur der Verwalter und Nutznießer, nicht aber der Besitzer. Später bannte ihn die Gicht in den Rollstuhl und meist ans Zimmer. Dass dergestalt unter der Leitung von ,,Tante Kuni“ diese seine Tendenz immer zu ihrem Recht kam, darf nicht angenommen werden. Er aber trank weiter den sauren Wein, den er nicht aus dem Keller, sondern aus der ,,Eintracht“ holen ließ. ,,Die Frau kann aus dem Haus mehr in der Schurze tragen

,,Als je einfahren kann der Mann im Erntewagen“

In diesem Sinne wurde eine mehr als fürstliche Wohltätigkeit geübt und mein Vater hatte unter dem Rufe eines Geizkragens lange zu leiden, als die Kanäle verstopft wurden. Unterdessen waren die Motten in die alten Renaissancegobelins im Saal gekommen und der alte Herr befahl in seiner ohnmächtigen Wut, sie zu verbrennen; was leider dieses Mai pünktlichst befolgt wurde. Bis heute schauen die vier weißen Rechtecke wie tote Augen auf die schone Ornamentik des Weißen Saales.

Der langjährige Pfarrer Schengberg, welcher etwa Mitte der neunziger Jahre nach Herford ging, ein sehr duldsamer Herr, muss wohl einmal den höchsten Unwillen erregt haben, denn nach einem Besuch des gicht-brüchigen Herrn, welcher nicht ungefährlich war, weil in seiner Stube eine Riesendogge jeden Besucher anfletschte, schoss dieser aus dem Fenster hinter dem Pfarrer her, so dass der nur dadurch gerettet wurde, dass ihn der schützende Torbogen gerade aufgenommen hatte.

Dass die Kapellenstuben (Nr. 62/63) im Alten Teil ihre Bezeichnung von der nahen Nachbarschaft der Kapelle herleiten, ist klar. Sie waren wohl seit jeher Fremdenstuben. Für den Verfasser gewannen sie erhöhte Bedeutung, als Herr Kandidat Werner aus Dessau hier 1898 seinen Einzug hielt und sie bis 1904 seinen Nachfolgern Hachtmann, Möller und Erfling als Wohnung dienten und gleichzeitig als Unterrichtsraum benutzt wurden, in dem auch Wilhelm Schulte Mönting bis 1903 an den Brüsten der Weisheit mitsaugen durfte. Die Gütersloher Gymnasialzeit schloss diese Periode ab. Das Stöhnen selbstquälerischer Schulpein klingt in ihnen aber auch heute noch nach. Daneben freilich auch vergnügte Stunden, in denen Weihnachtsarbeiten gefertigt wurden oder die Grundversuche der Chemie von Herrn Erfling vorgeführt worden sind. Große Tage waren unter Hachtmanns Leitung, als hinter einem Vorhang, welcher eine Ecke abdeckte und der richtig zum Ziehen war, Stücke wie Rotkäppchen usw. über die Bretter gingen. Weitere Akteurs waren der Familie Schulte Mönting entnommen.

Machen wir nun einen Rundgang durch die Wohnräume der Familie.

Die Zimmer der Hausfrau dürften wegen ihrer praktischen Lage immer die gleichen gewesen sein (Nr. 27/ 31). Jedenfalls wurden sie bereits von Tante Agnes Wittgenstein Hohenstein seit ihrer Heirat mit Moritz-Casimir 1828, also im Todesjahr ihrer Schwiegermutter Luise bewohnt, bis zu ihrem Tode 1866. Ihr Gatte wohnte in den Zimmern des Hausherrn (Nr. 26/27), nachdem sie sein Vater mit den Emilzimmern vertauscht hatte. So ist es geblieben bis zum Verlassen des Schlosses. Die Einteilung in Vorzimmer, Schreibzimmer, Salon war gegeben. Im Erker des Salons, der durch eine leichte Wand abgetrennt war, starben Moritz-Casimir und seine Gattin 1804 zwei Tage nacheinander. Für Schlafhygiene hatte die Zeit noch keinen Sinn.

Meine Eltern benutzten das Giebelzimmer oben (Nr. 53) als Schlafzimmer, wo ich auch 1889 geboren wurde. Die Betten standen an der langen Wand des danebenliegenden Treppenzimmers und ich erinnere mich noch wohl, dass ich dort bei meiner Mutter im Bett als kleiner Knirps manche behagliche Morgenstunde verbrachte. Mein Vater hatte die Treppe in den Räumen 29 und 54 gebaut, als er die Räume vor seiner Heirat 1888 durch eine Stuttgarter Firma im Geschmack der damaligen Zeit sehr reich nur herrichten ließ. Sie wurden von allen Besuchern als besonders gemütlich gepriesen.

Das Schlafzimmer oben wurde dann 1923 zum Kinderzimmer (Nr. 53) und meiner Mutter Ankleideraum daneben (Nr. 52) wurde von Schwester Flora Werner bezogen.

Die Stube Nr. 56 war 1888 als Jungfernzimmer gedacht, 1889 jedoch nahm sie bereits mich auf mit meiner lieben alten Kinderfrau Lina Asthoff.

Zur Zeit von Tante Agnes war die obere Treppenstube (Nr. 54) Jungfernzimmer gewesen. Bis zum Jahre 1925 bewohnte ich mein altes Kinderzimmer als Schlafzimmer und benutzte es seit der Heirat lediglich als Garderobe. Dann hielten die Kinder ihren Einzug und bis zuletzt diente des Gustava als Wohnzimmer. Viele Erinnerungen sind mit diesem Räume verknüpft. Ich sehe noch sehr deutlich mein Bettchen in der Mitte stehen und den alten Dr. Buchheister herantreten, welcher gewöhnlich ratlos war, insbesondere gegenüber meinem Ausschlag, der mich zeitweilig ganz in Verbände hüllte. Ich höre noch das Schleichen des Ofenheizers Fisse, wenn er im Morgendunkel mit einer Laterne herumging und die Öfen entfachte. „Lina, Fisse hat Holz gebracht“, gellte es dann durch die Stille, denn ich hatte ausgeschlafen, während Lina noch in allen Tönen schnarchte. Alsbald wurde sie aber doch genötigt, das Konzert abzubrechen und ihre spärliche Wäsche in einer Zimmerecke zu beginnen. Ich bewunderte dann jedesmal ihr schönes volles Haar, das sie in dicke Zöpfe flocht und am Hinterkopf befestigte; nicht minder den Flanelllappen, der täglich auf die Brust gelegt wurde, ehe sie ihr Kleid schloss. Zuweilen musste ich in den Nächten speien. Dann kochte Lina mir Fliedertee oder Fencheltee und gab mir einen Zwieback. Den Geruch werde ich nie vergessen. Zur Winterszeit wurden mit den Kameraden aus der Stadt auch Lotto- und ähnliche Spiele an dem ovalen Tisch mit der dunkelroten schwarzbedruckten Decke gespielt oder die Fürstenauer Großmama las mir Grimms Märchen vor, während Lina dabei strickte. 1898 absolvierte ich hier eine „herrliche Krankheit“, die Masern und Herr Werner spendete aus dem großen Schatz seiner prächtigen Bleisoldaten, die später auch in meinen Besitz übergingen, einige Schachteln, mit denen historische Schlachten aufgebaut wurden. Auch der erste Elementarunterricht durch Herrn Keiser fand in diesem Zimmer statt, aber erst später, denn 1896 wurde er im Frühstückszimmer meiner Eltern (Nr. 28) erteilt. Hier war es auch, wo mir im Eifer der Stabübungen, die Herr Keiser eingeführt hatte, etwas sehr plötzlich und reichlich aus dem langen Hosenbein hervorrieselte, so dass er die Übungen eilends abbrach „Nur schnell hinauf, nur schnell zur Lina!“ 1898 heiratete Lina des Rhedaer Zigarrenfabrikanten Heinr. Lewecke und damit trat der erste große Schmerz in mein Leben. Trotz ihrer Ehe fand sie sich doch bereit, an Sonntagen bei mir Kaffe zu trinken und mit mir spazieren zu gehen; wenn meine Mutter abwesend und ich in dem oberen Stock allein war, dann kam Lina sogar auch nachts wieder zu mir. Zu diesem Zweck hatte mein Vater in den kleinen Raum neben meinem Zimmer (Nr. 57) eine Tür brechen lassen und sie schlief nun neben mir, während die Vorräte, die dort gestanden, anderwärts untergebracht wurden. 1911 habe ich dann daraus ein Badezimmer gemacht

Die anschließenden Stuben (Nr. 58/59) waren für mich damals auch ein sehr beliebtes Reich. Hier hatte Onkel Karl in seiner Junggesellenzeit beim Bruder sein Quartier aufgeschlagen (1885 – 91) und es roch noch nach ihm. 1908 hatte mir mein Vater die eine Stube als Wohnzimmer zugewiesen, ich benutzte sie als solches bis 1914. 1922 wurde sie unser Schlafzimmer und alle unsere Kinder erblickten hier das Licht der Welt. Die Nebenstube diente als Ankleidezimmer.

Das folgende Zimmer (Nr. 60) war Garderobe für alle alten Uniformen und Theaterkostüme, die sich zahlreich erhalten hatten, bis die Nöte des ersten Krieges Lücken in die Bestände fraßen und die Plünderungen des Jahres 1945 ihnen weiter Abbruch taten. Damals war es für mich aber eine beliebte Sehenswürdigkeit und mein Vater liebte es, mich in die alten Uniformen zu stecken, die z. T. noch den Schnitt der Befreiungskriege zeigten. Kürassierstiefel gab es da und die gewickelte Husarenmützen friderizianischer Zeit (es gibt ein Bild von Moritz-Casimir 11. mit dieser Mütze auf), ein Kürass, eine Menge Säbel, ein ganz altmodischer Husarenattila und nicht zuletzt die Uniformen meines Vaters. 1922 hielt die Jungfer Rosa Müller hier ihren Einzug, bis ich mein altes Kinderzimmer verließ und hier meine Anziehstube aufschlug, in der ich bis zuletzt verblieb. Von den hier anschließenden Kapellenstuben war schon die Rede.

Machen wir noch einen kurzen Rundgang durch den unteren Stock, den wir oben schon teilweise erwähnt haben.

Unter der Kapellenstube lag (Nr. 23) die frühere Leibjägerstube. Um die Mitte der neunziger Jahre spielte sich hier eine Tragödie ab. Der damalige Leibjäger Otto erschoss sich, weil er einem Hausmädchen Magdalena ein Kind erzeugt hatte. Die Auffassung der damaligen Zeit war noch nicht so lax und ihm schien nur dieser Ausweg übrig zu bleiben. Ich erinnere mich noch gut des betrübten Vaters, der die Leiche des Sohnes abholte, auch an das tränenüberströmte Gesicht der hübschen Magdalena, die mir zum Abschied einen Kuss gab. Lina begleitete die unverhoffte Szene mit den Worten „l gitt, nun küsst sie auch noch das unschuldige Kind!“ In meinem Alter hatte der Kuss dieser Magdalena aber weiter noch keine Folgen. Von 1925 an diente diese Stube als Jungfernstube bis zuletzt.

Das Schreibzimmer meines Vaters, welches auch Onkel Casimir schon als solches benutzt hatte (Nr. 25), war ein Heiligtum und stets verschlossen. Wenn ich hier morgens eintrat, pflegte mein Vater die rechte Schublade seines Schreibtisches (derselbe der seit Onkel Casimirs Zeiten bis zuletzt zwischen den Fenstern gestanden hat) aufzuziehen und ein bestrickender Duft verbreitete sich. Hier lagen immer Zuckerstückchen, von denen ich mir eins nehmen durfte. Dann hing dort neben dem eingelassenen Bücherschrank Säbel und Revolver nebst einer blauweißroten Schärpe; erstere Gegenstände waren von meinem Vater bei Weissenburg und Wörth geführt worden. Die Scheide zeigte eine Beule und ich bildete mir ein, sie rühre von einer Kugel her. Die Schärpe mochte ein Beutestück sein.

Am Ofen stand ein Liegesofa, welches mein Vater in seiner Krankheit 1908 – 09 viel benutzte, um ungestört zu sein.

Sein Stube (Nr. 26) wurde durch eine Wand in der Längsrichtung durchteilt, so dass zwei Räume entstanden, wie in den Stuben darüber. Der Erker hatte zu Onkel Casimirs Zeiten als Vogelvoliere gedient, welche nach außen noch weiter vorgebaut gewesen war. Unzählige Gehörne „zierten“ alle Wände, wo heute der Kamin liegt, stand das Tafelklavier und in der Mitte befand sich ein großes Etablissement mit einem großen Stuhl, in welchem der Hausherr den größten Teil der Nächte zubrachte und bei einer spärlichen Petroleumlampe las, nicht selten so lange, dass diese verlosch. In diesem Stuhl ist er am 9. Mai 1909 auch mittags gestorben. An der Tür zu seinem Ankleide- und späteren Schlafraum stand ein hoher Aktenschrank und an derselben Wand der Mahagonischrank mit alten Orden, Uhren, Dosen und sonstigen Raritäten, die bei der Plünderung teilweise auch abhanden gekommen sind. Festtage waren es, wenn diese Dinge einmal ausgepackt und gezeigt wurden. Insbesondere mein Vetter Konrad Erbach war wie elektrisiert von den Orden, unter denen sich auch ein Schwarzer Adler in gestickter Ausführung vorfand. Er kannte sie alle und verlieh“ sie dann den staunenden Zuschauern. Im Erker pflegte mein Vater in späteren Jahren zu frühstücken, da er sehr spät aufstand.

1913 habe ich mich dann auf Zureden meiner Mutter entschlossen, diese Räume für mich herzurichten, obgleich viele Erinnerungen für mich damit verschwinden mussten. Hier hatte ich die ersten selbständigen Briefe an einem kleinen Spieltisch in der Fensternische verfasst und hier war der Exerzierplatz für meine Kanone gewesen, eine hölzerne Nachbildung einer Mitrailleuse als Zigarrenkasten ausgebildet und einem eingeschnitzten „Sedan“ im Deckel.

Die Trennwand fiel und dadurch entstand der schöne große Raum. Die alten Balken wurden hergerichtet und aus der Decke herausgeholt, eine Treppe zu meinem Schlafzimmer (Nr. 56) durch den Tischler Heinr. Neuhaus in Rheda sehr glücklich in die Ecke gebaut und die Fenster mit Butzen verglast. Vor dem Kriege baute ich den Kamin hinein, dessen Teile sich in dem Dachraum über der Kapelle befanden und in der alten Garderobe (Nr. 60). Das Feuerloch brachte ich mir aus London mit und in späterer Zeit tauschte ich mit dem Museumsdirektor Baum-Dortmund die alten Kacheln gegen einen Gobelinrest ein. Die Einrichtung besorgte während meiner Abwesenheit im Kriege 1914 — 18 meine Mutter mit ihrem zweiten Gemahl, meinem Vetter Hermann Schönburg. Sie gelang so gut, dass sie bis zuletzt fast unverändert geblieben ist. Der Messingkronleuchter stammte von Helbing-Nürnberg und der große Eichentisch mit den dicken Beinen war ein Geschenk des Archivars Dr. Müller, ein altes Bremer Stück. Dieses schenkte mir meine Mutter, während die übrigen Möbel größtenteils solche aus dieser Stube meines Vaters waren. Nach dem Abendessen haben wir eigentlich regelmäßig hier gesessen bis zur Ankunft der zahlreichen Flüchtlinge des Jahres 1945.

Meine Mutter liebte es sehr, ihre Stuben womöglich zweimal im Jahr völlig umzuräumen. Es ist daher nicht möglich, die vielen sehr verschiedenen Bilder, welche sich dadurch ergaben, festzulegen, wenn sich auch mehrere meinem Gedächtnis für immer eingeprägt haben.

Der schöne Kamin im Schreibzimmer (Nr. 30) war damals gänzlich verunziert durch eine Blechverkleidung mit aufgelegten Bronzeornamenten. In seiner ursprünglichen und auch noch heutigen Gestalt zeigt er sich erst wieder seit neuerer Zeit.

Im Vorzimmer (Nr. 31) haben wir in den schlechten Jahren bis zu meiner Heirat immer gegessen, zumal meine Mutter in der Kriegszeit fast stets allein war. 1945 wurde dieser Brauch infolge Kohlenmangel trotz der zahlreichen Flüchtlinge wieder aufgenommen.

Trotzdem die Räume im Erdgeschoss unpraktisch liegen, waren sie wohl seit jeher die Wirtschaftsräume des Schlosses, jedenfalls nach dem Brande von 1718. Personal war eine Menge vorhanden und so war die Einteilung in einer Weise auch praktisch.

Ich erinnere mich noch, dass die Dienerstube in der späteren Weißzeugstube (Nr. 7) untergebracht war und ein Klingelzug mit Fußpedal im Vorzimmer darüber alarmierte den damaligen Diener Klose, dessen lautes Gähnen man oben deutlich vernehmen konnte. Das Weißzeug hielt Ende der neunziger Jahre hier seinen Einzug und die Diener in der Dienerstube (Nr. 6). Mein Vater verlangte, dass einer der zahlreichen Männer nächtlich im Hause schlafe. Ursprünglich war das Aufgabe des Leibjägers. Nach der geschilderten Tragödie wurde dieser aber in das Stallgebäude ausquartiert und einer der verheirateten Männer logierte, sittlich gefestigt gegen Sirenengesänge, in der Dienerstube, später in der bisherigen Jägerstube. Die Stuben neben der Dienerstube dienten immer als Wohnung der Beschließerin (Nr. 3/4) und wurden als solche erst von Rosa Müller aufgegeben, die stark an Rheumatismus litt, als sie in späteren Jahren den Beschließerinposten übernahm. Das Zimmer nach dem Hof wurde Esszimmer des Personals, während das kleine Zimmer nach dem Wall Fremdenzimmer für Dienerschaft blieb. Die Kaffeeküche daneben (Nr. 2) war der hierfür gegebene Raum und das Arbeitszimmer der Mädchen schloss sich praktisch daran. In meiner Jugend gab es auf dem Unterhof im Oekonomiegebäude (jetzt Landarbeiterwohnung) unten noch ein Plättzimmer und einen Raum, in dem eine riesenhafte hölzerne Wäschemangel stand. Diese Räume wurden später aufgegeben und in das genannte Arbeitszimmer verlegt. Das alles war das Reich der alten Beschließerin Huneke und dann durch 30 Jahre das der Fräulein Greiner, deren Katze immer auf der Fensterbank saß und noch heute in meiner Erinnerung als Schlossinventar weiterlebt.

1885 hatte mein Vater gleich das Archiv in das Erdgeschoss des Kapellenturmes verlegt und diesen Raum dafür herrichten lassen, daher denn auch das Gitter über dem Fenster der Türe stammt. Gleichzeitig hatte er in den oberen Stockwerken des anderen Turmes alle Bücher konzentriert und die Räume von unendlichen Mengen Taubenmistes und Dohlenschmutzes, den Lieblingen von Onkel Casimir, säubern und für den neuen Zweck herrichten lassen. Er selbst ordnete die überall verstreuten Bücher und stellte sie in Schränken auf. Aus der Kapelle entfernte er in diesen Jahren eine unschöne Kanzel und einen hölzernen Lettner.

Ich erinnere mich noch der alten Gestalt des Luisengärtchens, so benannt nach der Gemahlin Emil Friedrichs Luise Wittgenstein Hohenstein. Vom Häuschen zur Hausecke des Neuen Teiles waren heckenartig verschnittene Obstbäume gepflanzt, während in der Mitte ein kleiner Rasenplatz mit Efeu und einem Beet angelegt war. Auf dem Abhang des Walles gegenüber dem Waschhaus stand eine Laube aus Wein und nicht weit von ihr ein Apfelbaum, dessen Zweige ohne Stamm aus der Wurzel entsprangen und daher zum Klettern herrlich geeignet waren. Die Geißblattlaube grade gegenüber dem Häuschen des Luisengärtchens ist auch der jüngsten Generation noch bekannt. Nach Eingehen der Obstbäume versetzte meine Mutter etwa 1915 das Denkmal von Onkel Casimir und Tante Agnes ins Luisengärtchen; es hatte bisher an den Platanen an der Kegelbahn im Garten gestanden (Kinderspielplatz).

Wir gehen nun hinüber in den Neuen Teil und besuchen zunächst die Fremdenzimmer des ersten Stockes, um auch meine Erinnerungen, welche sich an sie knüpfen, festzuhalten.

Die Eckstube (Nr. 51) ist für mich unlösbar mit Weihnachten verknüpft. Sie war gewiss am längsten unsere Weihnachtsstube von etwa 1898 an. Das große Schlafzimmer (Nr. 50) und der Blaue Salon (Nr. 49) waren die Fremdenzimmer der Sommergäste und wurden oft und regelmäßig von Onkel Arthur Erbach und seiner Gattin Marie sowie von der Familie Onkel Eduard Salm Horstmar wochenlang bewohnt. Aus meiner frühesten Kindheit erinnere ich mich auch, dass hier Onkel Georg Schönburg an einer schweren Influenza niederbrach, so dass man lange für sein Leben fürchten musste. Bei meiner Heirat 1922 bezog meine Mutter diese drei Stuben und wohnte dort bis 1926, als sie mit ihren Möbeln nach Hohenlimburg ins Nassauer Schlösschen umzog, im allgemeinen jedoch ihren Wohnsitz nun ganz zu ihrem Mann nach Hermsdorf verlegte. Im Balkonzimmer (Nr. 48) wurde auch einmal Weihnachten gefeiert, als Onkel Karl aus Hohenlimburg und die Fürstenauer Großmama da waren; die Eckstube wäre zu klein geworden. Im Zimmer daneben (Nr. 47), das ich wegen Erneuerungsarbeiten in meinen Räumen im Sommer 1922 bewohnte, brachte ich spannende Tage und Nächte nach meinem Motorradunfall zu; es fragte sich, ob es gelingen würde, den Hochzeitstermin trotz meiner Verletzungen innehalten zu können. Die Philippinenstube (Nr. 46) gehört wieder zu meinem Jugendland. Hier wohnte regelmäßig Tante Emma, die Schwester meiner Mutter, bis zu ihrer Verheiratung 1898. Sie war künstlerisch reich begabt, war eine gute Pianistin und malte künstlerisch. In ihrer Stube war es mir gestattet, alle ihre Gerätschaften anzufassen und sie war jederzeit bereit, mir bei meinen Malversuchen und sonstigen Handfertigkeiten zur Hand zu gehen. Was konnte es schöneres für einen 7—9-jährigen Jungen geben. Ich weiß nicht genau, ob es in diese Periode fällt, oder in späteren Jahren passiert ist, jedenfalls wurden alle romantischen Geister in Aufregung versetzt durch die Tatsache, dass es in „der Philippine“ spuke. Meine Tante hatte allein in dem langen Flügel geschlafen — offenbar war meine Großmama damals nicht mit zu Besuch gekommen, wie sonst immer — und wachte durch heftige Schläge gegen die Tür zum Gang auf. Als alles ruhig blieb, schlief sie wieder ein, um abermals durch Bersten und Bullern unsanft geweckt zu werden. Das war ihr denn doch sehr unheimlich und die altgewohnte Stube wurde ihr nächtlicherweise zum Tummelplatz der 1806 verstorbenen Tante Philippine, die ja auch nicht mal ganz dreizehnlötig gewesen sein sollte. Im Nachthemd eilte sie den langen Gang im Dunkeln herunter zu meiner Mutter. Diese machte sich mit der Schwester und einem Licht auf und beide untersuchten die Stube gründlich, aber resultatlos. Meine Mutter fand sich bereit, mit ins Bett zu kriechen und kaum waren die beiden Schwestern eingeschlummert, begann der Spektakel aufs Neue. Im Kleiderschrank spukte es, kein Zweifel! Die Sache konnte nicht anders aufgeklärt werden. Erst im Jahre 1922 wurde der Grund darin festgestellt, dass die Fundamente des Hauses, welche auf Pfahlrosten seit urdenklichen Zeiten ruhten, langsam nachgaben und sich lange Risse von oben nach unten in den Innenmauern gebildet hatten. Wie schon einmal vierzig Jahre vorher sah ich mich daraufhin genötigt, große Betonklötze zur Befestigung der Fundamente unter diesen Gebäudeteil zu versenken. Seither hat der „Spuk“, welcher eigentlich in jedes ordentliche Schloss gehört, aufgehört. Die letzte Stube in der langen Reihe nach Süden gelegener Räume ist die „Große Jungfernstube (Nr. 45), welche mit der kompakten Figur von Fräulein Ochs für mich verbunden ist, der Jungfer meiner „Guteborner oder Rudolstädter Großmama“, welche genauso streng war, wie ihre unter ihr logierende Gebieterin. Später wurden die „Erbacher Buben“ hier eingesperrt, denen der Ruf größter Unsauberkeit und Zerstörungswut vorausging, weshalb sie besserer Räume nicht gewürdigt wurden. Dass dieser Ruf nicht völlig unbegründet war, scheint mir dadurch erwiesen zu sein, dass sie gelegentlich der gemeinsamen Reise zur Beisetzung meiner Rudolstädter Großmama 1902 den Fürstlich Schwarzburgischen Salonwagen, in dem die Schwarzburger Herrschaften reisten, vollgespieen hatten und die Möbel mit schmutzigen Schuhen versauten, was höheren Orts sehr übel vermerkt worden war.

Zweifellos die schönsten und nachhaltigsten Erinnerungen verknüpfen sich mit den Reck’schen Stuben und dem dazu gehörigen Jungfernzimmer (Nr. 37—39). Sie waren das ständige Quartier der Fürstenauer Großmama und ihrer beiden treuen Jungfern Zenzl (von Lina „Sense“ genannt) und später Gretchen. Solche Gestalten, wie diese Großmutter gehören mit ihrer gewohnten Umgebung und allen Einzelheiten für die ganze Lebenszeit zu dem Unvergesslichen und immer Lebendigen. Jeder Mensch kann nur immer wieder dankbar sein, wenn es ihm vergönnt war, neben seinen Eltern solchen Menschen zu begegnen und sie aus dem Leben wegzudenken, wäre ein unersetzlicher Verlust. Es wird später noch eingehend von dieser lieben Großmama die Rede sein.

Die Franzstuben (Nr. 35/34) wurden in der Regel bewohnt von Hermann Schönburg, wenn er von seinen verschiedenen diplomatischen Posten nach Deutschland kam und fast stets über Rheda zu kurzem Aufenthalt reiste. Später waren sie das ständige Quartier für Onkel Karl, als der die Vormundschaft führte und dann mein Bevollmächtigter während meiner Dienstzeit war. Auch in neuer Zeit wohnte das Ehepaar immer dort und in der Kalten Stube (Nr. 33), wenn es zu Jagden oder zu Weihnachten erschien, um sich an den Kindern zu erfreuen. Die Franzstube war auch das Ziel des Einbrechers, welcher den „steinreichen Prinzen“ zu schröpfen gedachte, jedoch nur zwanzig Mark in seinem Schreibtische fand. Es war der Schlosssoldat Manhenke, der zu diesem beschwerlichen und gefährlichen Behufe den Weg über das Fenster auf der Wallseite am Bibliotheksturm gewählt hatte und von dem Hellseher Petzold aus Bielefeld entlarvt wurde. Bei meiner Mutter hatte er reichere Beute gemacht, indem ihm ein goldenes Kreuz in die Hände gefallen war. Da alsbald der erste Krieg ausbrach und der ungetreue Wächter eingezogen wurde und fiel, ließ man die Sache auf sich beruhen.

In der Kalten Stube (Nr. 33) müssen die ersten Weihnachtsfeste gefeiert worden sein, denn ich erinnere mich noch an Geschenke, wie einen kleinen Milchwagen, einen Hühnerhof und dergleichen, die auf ein recht jugendliches Alter des Beschenkten hindeuten. Vom Vorzimmer meiner Mutter (Nr. 31) kann man die Fenster der Kalten Stube sehen und der in höchster Spannung der Bescherung harrende wurde dort damit beschäftigt, aufzupassen, ob er nicht das Christkind aus der Kalten Stube fliegen sehen werde; dann würde die Klingel zur Bescherung ertönen.

Dass alle diese Räume in der Kriegszeit 1939 bis 1945 durch Einquartierung „ihr Gesicht verloren“ und zu Kasernenstuben im übelsten Sinne herabgewürdigt wurden, sei nur nebenbei bemerkt, denn es soll hier ja nur vom „schönen alten Rheda“ die Rede sein. Der nachmalige Generaloberst und Flakkommandeur Deßloch hauste hier mit seinem Korpsstabe zu Kriegsbeginn. Später quartierte sich eine Flakabteilung unter Major Siegfried dort ein, dieselbe, welche infolge einer Beobachtungsstelle auf dem Kapellenturm die hässlichen Dachfenster in den Turm baute und schließlich gab eine Abteilung vom Stabe des Generalkommandos unter Major Lumbeck den Stuben den Rest.

Das Große Treppenhaus, auch „der Große Entree“ genannt, hatte ehedem ein anderes Aussehen. Im ersten Stock befand sich eine Art Saal, der an seinen Schmalseiten je eine Tür hatte. Diese führte zu zwei sehr engen, dunklen und vor allem lebensgefährlich steilen Treppen, welche kurvenreich abwärts führten. Ich kann mich nur noch sehr dunkel daran erinnern.

Hiermit wären wir bei der Schilderung der Umbauten meines Vaters angelangt. Es muss jedoch zum Saal über dem großen Treppenhaus (Nr. 36) noch erwähnt werden, dass hier die Bilder meiner Eltern entstanden sind. Der Maler Söhn aus München hatte sein Atelier in diesem Raum mit Nordlicht 1892 aufgeschlagen, um das Bild meines Vaters zu malen, während der Düsseldorfer Künstler Daelen ein Bild meiner Mutter anfertigte, auf dem sie wie eine Chokoladenreklame aussah; es hing dann in meines Vaters Zimmer, musste jedoch auf ihren Wunsch nach seinem Tode zusammengerollt werden. Ein sehr schönes Bild ließ mein Vetter Hermann Schönburg von ihr 1912 durch den polnischen Maler von Szankowsky malen, welcher im Weißen Saal arbeitete. Ich hatte dieses Gemälde geerbt. Leider ist es durch den Russeneinbruch in Hermsdorf verloren gegangen.

Aus der Zeit von Daelen und Söhn erinnere ich mich noch sehr dunkel — ich war erst drei Jahre alt —, dass ich Herrn Daelen zum Spielen aufforderte „Herr Daelen Adöllchen fangen!“, worauf dieser wie ein riesiger Bär hinter mir herstürzte den ganzen langen Gang entlang, von mir „Kollidor“ genannt.

Als meine Rudolstädter Oma einmal köpflings die alten barocken Treppen hinabgestürzt war, hatte für diese die Stunde geschlagen und mein Vater ließ das Treppenhaus in seiner jetzigen Gestalt umbauen. Dem Schreiner Büscher-Wiedenbrück war das alte Treppenhaus (Nr. 8/32) zum Muster angegeben worden; leider wurde das neue durch die Maschine verunstaltet, denn die neunziger Jahre verpönten jede Handarbeit.

Das war die erste bauliche Veränderung, an welche ich mich erinnere. Etwa um die gleiche Zeit muss die Treppe entstanden sein, welche zur Kapelle hinaufführt. Der Architekt war Nordhoff-Münster. Bis dahin musste die Gemeinde immer die Treppe im Alten Teil (Nr. 61) hinaufgehen und der Leibjäger verteidigte dann den Eingang zum Zimmer meines Vaters. Das wurde damit abgestellt und die traditionelle Silvestergemeinde flutete nun unbehelligt über die neue Treppe. In der Kapelle selbst wurde die besonders hässliche Kanzel entfernt und der Lettner weggenommen. Sie klebte wie ein Schwalbennest vor dem Altar an einem der Pfeiler und hat sich noch lange auf dem Speicher erhalten, erinnern kann ich mich nicht mehr daran.

1901 entstand als nächstes die Veranda, zu welcher Dr. Müller, der Archivar, die Zeichnungen geliefert hatte.

Bis dahin wurde die lange Südfront auf dem Wall nur durch zwei Kirschbäume unterbrochen, welche hart an der Wand des Gelben Salons (Nr. 13) standen und recht wenig Schatten boten. Darunter standen höchst unbequeme Gartenmöbel. Hier wurden Bowlen getrunken, wenn Herren zu Besuch waren, insbesondere Einquartierung, denn es war damals noch die schöne Zeit, wo der „Krieg“ spätestens 11.30 Uhr zu Ende war. Im Sommer bekam ich auch hier mein Abendessen serviert. Einmal war dabei Luise Salm zugegen und ich hatte ein winziges rotes Fastnachthütchen auf dem Kopf, welches ich so zu balancieren verstand, dass es nicht herunterfiel. Luise bewunderte das und versprach mir eine Mark (einen für mich unerhörten Betrag), wenn ich es nicht in die Suppe fallen lassen würde. Da lag es auch schon drin!

Aus dem Konzertzimmer heraus bis zur gegenüberliegenden Hecke, die damals noch aus wildem Wein bestand — erst meine Mutter ließ 1914 die Heimbuchenhecke pflanzen —, war der Wall mit Quadersteinen gepflastert, welche ich lange für eine Brücke hielt. An der Hecke wurde das Pflaster durch zwei dicke Baumstämme flankiert, auf denen grüne Kissen lagen. Sie waren aus Ton.

Vor dem Landschafts-Wohnzimmer (Nr. 21) stand ein ungewöhnlich geschmackloses quadratisches Zelt, welches aus einem Eisengerippe bestand und mit Leinwand verkleidet war. Ebensolche Möbel bevölkerten es. Ich habe nie jemand darin sitzen sehen und mir machte es nur im Regen Spaß, darin zu verweilen, weil es momentan durchregnete. Trotzdem wurde es jährlich neu aufgebaut. Ulrich Schönburg, der damals auf der Reitschule Hannover war, hatte es beschafft und mein Vater war zu sparsam, um es nicht in Benutzung zu nehmen, obgleich seine Zwecklosigkeit erwiesen war.

Unter den Linden am Bibliotheksturm stand immer an der Südseite ein Etablissement. Zwischen den Linden hing eine Hängematte, in der meine Mutter zuweilen lag und auch ich ab und an verstaut wurde, bis ich einmal herausstürzte und mit dem Kopf auf eine dicke Wurzel aufschlug, so dass mich meine Mutter wie tot wegtragen musste. Hier stand auch mein Kinderwagen 1889. Um die Ecke herum nach der Ostseite des Turmes war ein Kegel-Baumelschub errichtet worden, welcher nach dem Essen fleißig benutzt wurde, zumal wenn meine Fürstenauer Oma zu Besuch war, die dieses Spiel für alle Beteiligten durch ihre sehr lebhafte süddeutsche Art ungemein würzte. An kühleren Tagen liebte es mein Vater auch, Federball zu spielen, wobei meine Großmutter auch die Hauptattraktion war. Das war also das Gesicht des Walles vor dem Verandabau.

1900-01 ließ mein Vater mit dem entstehenden Wasserwerk auch das Schloss mit Wasser und Gas versorgen. Ich erinnere mich, dass es eine endlose Arbeit war, die vorzugsweise von Italienern ausgeführt wurde, mit denen mein Vater gern einige Brocken sprach, was mir sehr imponierte. Die Gaskandelaber im Hof, sowie die Gasbeleuchtung auf Treppen und Fluren und in den Küchen kam einem damals feenhaft vor und einer der Diener stellte bewundernd fest, dass man im Hof jetzt sogar lesen könne. Bescheidene Zeiten.

Damals entstand auch das erste Badezimmer im Neuen Teil (Nr. 19) und es gehörte ein gewisser Heroismus dazu, zur Winterszeit dort zu baden, denn die Gänge waren eisig kalt. Außer mir hat es auch wohl niemand versucht. Aber es war eine „Errungenschaft der Neuzeit“, wenn man bedenkt, dass bis dato die einzige Bademöglichkeit im Schloss lediglich in der Kammer neben dem Waschhaus bestand, wo ein Ofen geheizt wurde und eine verwahrloste Badewanne stand. Ich weiß mich aber auch noch zu erinnern, dass ich von Lina in das Badehaus geführt wurde. Dieses stand an der Stelle, wo im Park die Ems nach Westen abbiegt und heute die moderne Villa errichtet ist. Das Haus wurde erst 1936 oder 37 als baufällig abgebrochen, nachdem es längst seinen Zwecken nicht mehr diente. Über die Ems führte vom Garten her eine Brücke und man musste läuten, um das Brückentor geöffnet zu bekommen. Dann erschien eine ungeheure alte Frau mit einem gestrickten Kopftuch und einem großen Haffzahn im Munde, die Bademeisterin Frau Ellbracht. Sie war die Witwe des alten Ofenheizers, den ich auch noch gekannt habe und der sich mit einem großen weißen Bart geschmückt hatte. Mir war sie sehr zugetan, doch war sie mir trotz ihres Wohlwollens immer etwas unheimlich, denn sie erschien mir als die verkörperte Frau Holle. Im Sommer schwamm unmittelbar vor den Mühlenrädern — es gab damals fünf und das Einradsystem führte mein Vater erst 1907 ein — ein Häuschen mit Leinwandwänden, welche drei Badezellen umschlossen, in denen Treppen in große Gitterkästen hinabführten, durch die die Wellen der Mühlräder mit großer Gewalt brausten. Mein Vater liebte es sehr, hier zu baden und es war auch weit mehr der Treffpunkt der eleganten Welt, wie das Badehaus der Frau Ellbracht. Später wurde es, da unrentabel, nicht mehr errichtet. Diese Erinnerungen mögen dartun, dass das neue Bad im eigenen Haus nichts Geringes war zu meiner Zeit.

Elektrisches Licht und Zentralheizung — damals nur für den Neuen Teil — habe erst ich in den Jahren 1912 und 1913 eingerichtet. Das Bad für das Personal neben der Anrichte (Nr. 8) und darüber (Nr. 32) entstand erst viel später, nämlich 1937; dazu musste die Kalte Stube verkleinert werden. Einen Telefonanschluß gab es gar erst seit 1919 und zwar zunächst nur für die Domänenkammer, wozu allerlei Kämpfe mit dem Kammerdirektor Krietemeyer nötig waren.

Außer diesen modernen und unerlässlichen Verbesserungen habe ich wenig bauliche Spuren im Haus hinterlassen können, wenn man davon absieht, dass ich den oberen Hof umgestaltet habe, der früher mit dichtem Fliedergebüsch vollgepfropft war. Eine Pumpe mit hölzerner Verkleidung stand in der Mitte des Hofes und Onkel Casimir soll es geliebt haben, hier nach dem Essen zu sitzen.

Mir war es beschieden, fast nur anormale Zeiten zu erleben und die wenigen guten Jahre von 1909 bis 1914 war ich in Potsdam. Nach 1919 kam durch den Verlust von Stablewitz und die Inflation ein Vermögensverfall, welcher lediglich zuließ, entstandene Löcher zu stopfen. Als es allmählich wieder aufwärts ging, war das Schloss so verwohnt, dass wir viel Geld in die Räume hineinstecken mussten, um diese wieder herzurichten, was auch sehr gut und bis auf wenige Reste gelungen war. Amsel hätte sich damit für Jahrzehnte ein Denkmal setzen können, denn sie war die stete Triebfeder und Anregerin aller Verschönerungen. Da aber kam der Krieg 1939 und machte die Arbeit von 17 Jahren zunichte.

Die meisten Erneuerungen und Verbesserungen, welche mein Vater gemacht hat, liegen jedoch längst vor meiner Zeit.

Als er im Jahre 1885 als Erbe seines Onkels Franz nach Rheda kam fand er ein Schloss vor, das wohl noch die Spuren ordentlicher und pfleglicher Wirtschaft aus der Zeit von Tante Agnes und Onkel Casimir aufwies, sonst aber sehr einer neuen und energischen Hand bedurfte.

Zunächst wurde die Verwaltung reorganisiert sowie die kleine Landwirtschaft abgeschafft, welche, zum Spott der ganzen Stadt, eine Quelle unrechtmäßiger Bereicherung für andere war.

Sodann wurde aufgeräumt. Die ziemlich beträchtlichen und wertvollen Archivalien waren auf den Böden zerstreut, wo sie ihre Unterkunft mit unzähligen Tauben und noch mehr Dohlen teilten. Im Erdgeschoss des Kapellenturmes wurde nun alles gelagert. 1902 etwa erschien Dr. Gustav Müller aus Bremen, ein Studienfreund von Onkel Arthur Erbach, um sich der Urkunden anzunehmen. Er wohnte unter teils sehr hübschen Möbeln in genialer Unordnung im Stallgebäude in den Räumen, die sich an die der Domänenkammer anschlössen. Die Arbeit war beträchtlich, wurde aber auch von Dr. Müller gestreckt, der sich in Rheda in seinem Element fühlte. Bis etwa 1913 hat er den Zettelkatalog des Archivs gefertigt und die Urkunden gebündelt. Es war offenkundig, dass er niemals fertig werden würde, weshalb auf ihn nunmehr ein sanfter Druck ausgeübt werden musste. Diesen nahm er so übel, dass er abging, ohne sein Werk zu Ende geführt zu haben. Die vorhandene Büchersammlung wurde zusammengestellt und in die dazu hergerichteten Räume im zweiten Turm, der seither Bibliotheksturm heißt, gestellt. Die Ordnung führte mein Vater selbst durch und muss dazu Monate gebraucht haben, denn sie erwies sich als so gut, dass sie durch den Verfertiger des Zettelkataloges, Pastor Prof. Möller-Gütersloh im Jahre 1920 ganz übernommen werden konnte.

Die Räume im Neuen Teil, in welchen zuletzt das Billardzimmer (Nr. 9) das Konzertzimmer (Nr. 11), der Gelbe Salon (Nr. 13) und das Vorzimmer (Nr. 12) um das Esszimmer herum waren, wurden auch neue hergerichtet. Im Billardzimmer war Steinfußboden und die Weißzeugkammer war hier untergebracht. Es musste ein neuer Fußboden gelegt werden; die Täfelung aus Lärchenholz entstammt einer späteren Zeit, etwa den neunziger Jahren.

Das Konzertzimmer erhielt einen Parkettboden und die Täfelung. Hier wurde ein tiefer Brunnen gefunden und zugedeckt; er muss wohl in dem 1718 abgebrannten Schlossflügel eine Rolle gespielt haben. Die gleichen Verbesserungen erfuhren Gelber Salon und Vorzimmer. Im Esszimmer blieb das alte Parkett erhalten, jedoch wurde der Raum im Geschmack der Zeit sehr reich mit Täfelung, geschnitzten Büffets und einem großen Kachelofen ausgestattet. Diese Tischlerarbeiten — ebenso wie die Ausstattung des Schreibzimmers meiner Mutter (Nr. 30) fertigte der sehr geschickte Tischler Zeitler-Gütersloh.

Auf unserem weiteren Rundgang verlassen wir nun das eigentliche Schloss und wenden uns den umgebenden Gebäuden zu.

Da ist noch die Küche zu erwähnen, auch ein mir sehr liebes Reich, zumal in der Winterszeit. Hier herrschte patriarchalisch der alte Keiser, der Vater unseres letzten Küchenchefs. Er war von Onkel Casimir bereits in den sechziger Jahren engagiert worden und stammte aus Anhalt. Seine Kochkunst Übertragern manchen Dingen noch die des Sohnes, welcher in der bekannt guten herrschaftlichen russischen Küche gelernt hatte. Vater und Sohn waren 80 Jahre bei uns, der jüngere Keiser folgte im Jahre 1909 und verließ uns erst beim Umzug nach Bosfeld. Wenn der Alte am Herd stand, war es, als zelebriere er das Hochamt. Seine Ministrantin war etwa mit ihm gleichzeitig eingetreten. Marie Güthenke, genannt „Küchenmarie“ war auch für ihre Zeit ein Unikum und wäre heute nicht mehr denkbar . Täglich stand sie um 6 Uhr in der Küche und besorgte alles allein, ob für 10 oder 20 Personen zu kochen war. Außerdem hielt sie nicht nur die Geschirre — damals noch schöne kupferne, welche einer Kupfersammlung des ersten Krieges geopfert werden mussten, ebenso wie die Prospektpfeifen der Kapellenorgel — blitzblank, sondern reinigte auch Küche und Keller selber. Wenn es gar zu arg wurde, nahm sie sich Frau Witte, ihre Schwester, zur Hilfe. Ihren sonntäglichen Kirchgang in Kapotte und Kragenmantel aus den siebziger Jahren ließ sie sich durch keine noch so große Arbeit nehmen. Dann wurde eben um fünf Uhr angefangen und um Mitternacht aufgehört. Bei ihrer Pensionierung fand man in ihrer Stube ein völlig zerlesenes Gebetbuch und eine Bibel, die noch Tante Agnes in die Stube gelegt hatte. Sie wohnte dann mit einer anderen Schwester, Frau Zehlen, seit 1919 auf dem Unterhof im Wirtschaftsgebäude, dort, wo ehedem die Bügel- und Mangelstube gewesen war, bis zu ihrem Tode. Nicht nur bei mir, sondern auch bei den Erwachsenen war es sehr beliebt (bei Letzteres wegen des urkomischen Anblickes), wenn ich an möglichst dunklen Abenden mit einem Kapuzenmäntelchen angetan und eine Laterne in der Hand herumspazierte. Dann war das Ziel dieses Nachtwächters stets die Küche, wo es immer etwas Gutes zu essen gab, was eigentlich verboten war. Aber Ermahnungen von Küchenmarie, etwa „Herr Papa und Frau Mama will das aber charnich ehern haben“ hielten sie nicht davon ab, mir etwas zuzustecken. Besonders imponierte mir stets das Hochwerfen von Pfannkuchen und Bratkartoffeln in der Pfanne, das Keiser mit Meisterhand auszuführen verstand.

Im Obergeschoss der Küche im heutigen Mädchenzimmer (Nr. 43) war damals das Esszimmer des Personals, streng geschieden in Kammertisch und Leutetisch, wobei an Ersterem der alte Keiser mit großer Würde präsidierte. In der Stube nach dem Hof, welche zuletzt die Beschließerin Rosa Müller innehatte (Nr. 42), saß der alte Keiser, der selbstverständlich erst dann in der Küche erschien, wenn alles von Küchenmarie bis auf den letzten Handgriff vorbereitet war und es sich nur noch um die letzte Feinheit der wahren Kunst handelte. Im winzigen Kämmerchen neben ihm (Nr. 41) hat die alte Marie vierzig Jahre gehaust, d. h. eigentlich nur ihr Gebetbuch gelesen und geschlafen; der Raum war von wahrhaft spartanischer Einfachheit. Heute kann man sich solche pflichttreue, fleißige, bescheidene Menschen von so hoher Leistung einfach nicht mehr denken. Sie kannten nur Pflichten und keine Rechte, die man ihnen niemals vorenthalten hätte. Heute ist es genau umgekehrt. Bei denen, welche die Ehre gehabt haben (man kann es nur so nennen) sie gekannt zu haben, haben sie sich ein Denkmal gesetzt, das unvergänglich ist. Wir werden noch Mehrere zu rühmen haben.

Im Gebäude am Toreingang nördlich war die Schlosswache untergebracht, daher das Haus „die Wache“ genannt wird, obgleich sein überwiegender Teil Wohnung des Haushofmeisters war. Die erste Stube links von der Eingangstür war das Wachlokal, damals noch nicht mittels einer Mauer in zwei Räume geteilt und im altpreußischen Stil hergerichtet. Zwischen den Fenstern stand eine Pritsche für drei Mann aus enormen Eichenbohlen gezimmert, ein Tisch und zwei geflochtene Bauernstühle nebst einem langen Uniformschrank vervollständigten die Einrichtung. Die Wände zierte kein Bild, sondern nur die Namenstafel der Schlosssoldaten mit dem verzeichneten Wachturnus.

Diese Einrichtung geht auf die Zeit der Burgmannen zurück und hat sich durch die Jahrhunderte bis 1925 erhalten. Waffen aus friderizianischer Zeit, Tschakos aus den Befreiungskriegen, Trommel und Sponton waren bis zum Einbruch der Amerikaner noch vorhanden.

TcTiKenne die Schlosssoldaten nur in blauer Uniform mit dunkelgrünem Kragen im preußischen Schnitt und einer kleinen Schirmmütze nach Art der „Krätzchen“. Im Winter trugen sie einen schwarzen Mantel und riesige Filzschuhe. Goldene Knöpfe mit dem Rhedaer Löwen und ein kurzer Säbel, ebenfalls im Stil der 1760er Jahre vervollständigten den Mann. Das rotweiß gestrichene Schilderhaus war drehbar und eine Freude für das Kinderherz.

Die Männer rekrutierten sich aus dem Rhedaer Handwerkerstand, taten einen um den anderen Tag Dienst und besorgten ihr Handwerk an den freien Tagen, so dass sie mit dem damals sehr niedrigen Tagelohn und freier Kleidung recht gut auskamen. Als uns die Inflation den Begriff des „Existenzminimums“ beschert hatte und man hinter „Doppelverdienern und Schwarzarbeitern“ herschrie, schlug die Todesstunde dieser segensreichen Einrichtung. Der Letzte war ein nicht ganz normaler und daher verkrachter Zahntechniker.

Neben dem Wachdienst, der sich alle zwei Stunden ablöste, hatte der jeweils freie Soldat Botengänge zur Post mit einer großen umgehängten Tasche und Besorgungen für die Domänenkammer zu erledigen. Nach dem Schritt des Boten, welcher die Post vors Fenster auf dem Treppenabsatz an meines Vaters Stube zu legen hatte, konnte man die Uhr stellen. Nachts musste alle zwei Stunden das Schloss umschritten werden, wobei eine Kontrolluhr am Bibliotheksturm zu bedienen und an bestimmten Stellen zu pfeifen war. Dies geschah mit einem offenbar uralten Instrument, das einen klagenden Ton hatte, den ich nie mehr vergessen habe.

Das Wachlokal war aber durchaus auch der Treffpunkt aller. Hier saßen sie auf der Pritsche, besonders Ofenheizer und Kutscher, rauchend und klönend. Hier schlief auf der harten Pritsche in der Mittagszeit der Schlosstischler Stork, welcher seines Amtes in der Tischlerwerkstatt im Waschhaus waltete bis er etwa 1917 so versoffen war, dass er den täglichen Weg zur Wöste, wo er in besseren Zeiten sich ein kleines Anwesen erspart hatte, nicht mehr leisten konnte. Hier fanden aber auch die Geburtstagsbiere statt. Mein Vater stiftete den Angestellten zu den drei Geburtstagen der Familie jedesmals ein Fässchen Bier. Noch heute höre ich den Gesang herauf schallen, dessen Chorführer Husemann, der Renteibote, Fischer und Wiesenwärter war. Als Kriegsteilnehmer von 1870 und Inhaber des Eisernen Kreuzes legte mein Vater Wert darauf, dass seine Schlosssoldaten ebenfalls nach Möglichkeit damit dekoriert waren. Unter ihnen gab es unvergessliche Spitzwegtypen.

Da war der alte Freiherr von Recklinghausen, einer gänzlich verarmten Adelsfamilie entstammend und seines Zeichens ein Schuster, der unter seinem grauen Vollbart an Festtagen die Düppelmedaille und das Eiserne Kreuz trug. Meist war er schlechter Laune und daher von den Kindern sehr gefürchtet. Er war ohne seine halblange Pfeife, die er auch auf Posten sitzend zu rauchen pflegte, nicht denkbar. Um den gefürchteten und geehrten Vaterlandsverteidiger zu gewinnen, schenkte ich ihm zuweilen ein Paket Tabak. Ein anderer Kamerad war der „junge Recklinghausen“ , jung wohl nur deshalb, weil sein wallender Vollbart nicht ergraut war. Zwei weitere Zeitgenossen waren Elges und Möhrs, die mir nicht so auf die Finger passten und deshalb beliebter waren. In späterer Zeit, etwa Anfang des Jahrhunderts, war eine besonders martialische Erscheinung der „alte Stork“, Besitzer eines kleinen Kottens im Gaukenbrink, alter Gardist und ebenfalls Kriegsteilnehmer aller Kriege mit entsprechenden Auszeichnungen. Er war ein großes Original und ein Geschichtenerzähler ersten Ranges, allerdings nur auf Plattdeutsch. Dass seine Döhnkes immer für die reifere Jugend gewesen wären, kann man nicht behaupten. Wenn er die Wache hatte, war immer „was los“; leider habe ich seine Erzählungen vergessen. Seinen alten Mantel dritterGarnitur nannte er nicht anders als den „ollen Pißmäntel“, weil er ihn nur auf dem Gang zum Austreten benutzte, denn er hielt was auf sich. Und als einst mein Spielgenosse Wilhelm Schulte Mönting sich um das Fegen der Straße, was den Soldaten mit oblag, bemühte, sagte er nur verächtlich „Hei steit do chrade, äs wann hei in de Fühlen kacken wull“. Die Urwüchsigkeit seiner Äußerungen mag hiermit dargetan sein. Man darf aber nun nicht annehmen, dass die Schlosssoldaten trotz ihrer mannigfachen Verwendung nicht auch stramme Soldaten gewesen seien. Wenn meine Eltern oder Gäste die Wache passierten, standen sie wie die Bolzen stramm neben dem Schilderhaus. Konrad Erbach machte sich als Siebzehn- bis Achtzehnjähriger immer das Vergnügen, möglichst oft die Wache zu passieren, um ihre Ehrenbezeugungen entgegenzunehmen, die er mit tief abgezogenem Hut zu erwidern pflegte wie der Präsident der Französischen Republik bei der Parade.

Zu meiner Zeit gab es gleichzeitig nie mehr wie drei, höchstens vier Schlosssoldaten. Onkel Casimir hatte noch zehn, einen Unteroffizier und einen Trommler. Alte Leute konnten sich in meiner Jugend noch gut erinnern, dass diese Schlossgardekompanie unters Gewehr trat, auf dem rechten Flügel der Unteroffizier mit dem Sponton und neben ihm der Trommler. Die Herrschaften fuhren dann unter tambour battant in der großen alten Kalesche mit Hängefedern und Wappen am Türschlag vierspännig mit Lakai hinten aufgetreten etwa zur Kirche.

Ein Ereignis mag hier Platz finden, welches in die Geburtsstunde der „Motorwagen“ zurückreicht. Ein Arzt, Dr. Ricke, war mit dem Bürgermeister Schulte Mönting befreundet und kam zuweilen nach Rheda. Es muss etwa 1895 gewesen sein, als dies wieder einmal geschah, diesmal aber in der sensationellsten Weise, nämlich wie Ellas mit dem feurigen Wagen. Es war das erste Auto, was ich zu sehen bekam. Ganz Rheda sprach davon. Was lag näher, als dass der Doktor diesen Wagen auch meinem Vater einmal vorführte. Dieser hatte für alle Neuerungen ein heimliches Interesse, was er jedoch unter größtem Skeptizismus zu verbergen trachte. So gab er bei der Vorführung dem Doktor auf, der solle mit dem feuerspeihenden Ungeheuer doch einmal den „Treibweg“ durch das Bosquet befahren. Man muss wissen, dass dieser Weg ein tiefer Sandweg damals war, der selbst den modernen Autos nicht besonders zugesagt haben würde, weshalb ich ihn dann ja auch befestigen ließ. Um die Ehre des Motorwagens zu retten, blieb dem guten Doktor nichts übrig, als den Versuch zu wagen. Sein Gefährt war ein Phaeton, von dem die Pferde abgespannt waren, vorn niedrige, hinten hohe Räder, ein steiles Steuer in der Mitte des Wagens, wie auf einer Elektrischen, hinten ein Kasten, in welchem es entsetzlich bullerte, stank und — wie es mir wenigstens schien — Feuer spie. Eine Unzahl von Hebeln war zu bedienen und die Kraftübertragung geschah durch einen Treibriemen, wie bei einer Nähmaschine. Der Start fand an der Wache statt und den Weg abwärts zum Bouquet ging auch alles recht gut. Die Schlosswache war vollzählig angetreten, um dem Gefährt weiterzuhelfen, wenn es — wie man hoffte — stecken bleiben würde. Dies geschah zwar nicht, aber die Vollgummireifen lösten sich in dem Sand alsbald von den Rädern, Peumatiks gab es damals noch nicht. Nun war es an den Schlosssoldaten und dem alten Haushofmeister Dahm, diese wieder aufzulegen und kaum war es gelungen, flog der Treibriemen ab und am Denkmal musste Dr. Ricke das Rennen tatsächlich aufgeben.

Da vom Motor in seinen Kinderjahren die Rede ist, mag auch mein zweites Zusammentreffen mit ihm hier Platz finden. Es muss schon nach der Verheiratung Linas gewesen sein, etwa um 1900, als ich einmal allein zum Doktorsplatz, heute Hindenburgplatz, kam, ein Ereignis, was zur Zeit Linas undenkbar gewesen wäre. Dort stand ein nun schon wesentlich modernerer Motorwagen, welcher einem Dogeart der Bauart „Tonneau“ nicht unähnlich sah. Ein Haufen Kinder umringte ihn und alsbald erschien eine bis zur Unkenntlichkeit vermummte Gestalt mit langem Mantel, Autobrille und „Respirator“, einer Art Gasmaske, welche das Atmen bei dem wahnsinnigen Luftdruck erleichtern sollte, der entstand, wenn ein Fahrzeug mit einer Geschwindigkeit von 30 km in der Stunde daherbrauste. Es war Herr Dittmann aus Langenberg, meines Wissens der erste Tollkühne, welcher im weiten Umkreis so ein Mordinstrument besaß. Und dieser lud mich zu einer kurzen Mitfahrt ein! Ich bedauere noch heute, dass ich dazu nicht den Mut aufbrachte, weniger aus Angst vor der Fahrt, als davor, was meine Eltern zu dem Wagnis sagen würden. 1901 kam dann die Fernfahrt Paris — Berlin durch Rheda. Das war schon etwas, an dem die heutige Entwicklung des Autos erkennbar wurde; die Wagen sahen nicht mehr wie Kutschwagen aus und die Geschwindigkeiten näherten sich der 80-km-Grenze, immerhin bei den Bremsen und Reifen ein Wagnis. Ich sehe den Sieger Fournier noch an der katholischen Kirche um die Ecke sausen, Ehrenpforten waren errichtet und unzählige Kinder winkten den Fahrern die Richtung zu.

Zu gleicher Zeit, vielleicht noch 1899 fuhr ich mit meinen Eltern selbst zum ersten Mal in einem Motorwagen in Leipzig und ich erinnere mich noch lebhaft des Gruseins, als hinter uns eine Elektrische auftauchte, die weit schneller war, wie unsere Kutsche, so dass ich meinte, wir würden überrannt. Diese Erinnerungen muten heute an, wie die Schrecken der ersten Eisenbahn Nürnberg — Fürth.

Kehren wir nun zu den Schlossgebäuden auf dem Unterhof zurück.

Gegenüber dem Wachgebäude steht das alte Schlosstheater, welches seinen Zwecken noch zu Zeiten meines Urgroßvaters Emil Friedrich gedient hat — wann es gegründet wurde, weiß ich nicht, es befindet sich aber ein Eckstein mit der Jahreszahl 1790 an seiner Südwestecke —; Kostüme waren früher zahlreich vorhanden und mussten der Stoffnot in den Kriegen geopfert werden und Dekorationen gibt es noch heute. Auch Theaterzettel erzählen von den Aufführungen einheimischer Künstler oder durchreisender Truppen. Der Haken für den Vorhang befand sich bis vor kurzem noch an der Wand neben dem Haupteingang, so dass man annehmen darf, dass die Hälfte des Hauses Zuschauerraum, die andere Hälfte Bühne war. Ich kenne das Gebäude nicht anders als Reitbahn und meine Erinnerungen daran sind langweiliger Art, denn mein Vater liebte das Schulreiten nicht, unterrichtete mich auch nicht darin, ritt aber an Regentagen hier sein Träbchen und etwas Galopp . Zuweilen musste auch meine Mutter mittun, dann bewegten wir die Pferde eine halbe Stunde auf diese Weise und es war eine Erlösung, wenn mein Vater an dem Klingelzug riss, der einen Kutscher herbeizitierte. Damals hingen viele Hirschgeweihe an den Wänden, deren Stangen mit Schienen verbunden waren, auf denen Kerzenhalter angebracht waren. Die Geweihe interessierten mich weit mehr, als die Reiterei und stammten wahrscheinlich aus Theaterzeiten her.

Das Stallgebäude war weit mehr nach meinem Geschmack.

Der Stall war vorzüglich aufgezogen. Alle Boxen waren besetzt mit meist schönen Pferden, teils aber auch alten Tieren, denn mein Vater konnte sich nicht von ihnen trennen, gehörte überhaupt, wie die meisten Herren dieser Zeit zu denen, die nur zufrieden waren, wenn die Pferde im Stall standen. Es kostete oft Kämpfe, wenn ein Wagen etwa nach Lippstadt oder Gütersloh gebraucht wurde. Nur zum Spazierenfahren und zu Jagdfahrten wurden Gespanne bereitwillig spendiert und eine wesentliche Aufgabe meiner Großmütter bestand während ihrer Besuche darin, die Wagen zu Spazierfahrten zu bevölkern. Drei Kutscher und ein Stallknecht sorgten für Tiere, Geschirre und Wagen. Dass sie sich überarbeitet hätten, konnte nicht erwartet werden, dafür war aber alles wie geleckt, besonders an Sonntagen, wenn die Stallgasse mit weißem Sand bestreut war und der diensthabende Kutscher im „besten Zeug“ jeden Strohhalm aufsammelte.

Ich erinnere mich auch noch, in einem schneereichen Winter meinen Vater gesehen zu haben, wie er den alten Barockschlitten benutzte. Mit zwei Pferden bespannt und einen Kutscher auf der Pritsche hinter ihm sah das Gefährt recht stattlich aus.

Wenn Lina an Regentagen gar nichts mit mir anzufangen wusste, dann gingen wir in die „Heuecke“, dort, wo das Heu vom Boden herabgeworfen wurde. Hier spielte ich gern, baute Nester und Höhlen und sah hernach wie ein Schornsteinfeger aus.

Die alten Kutschen aus dem 18. Jahrhundert, welche in der Remise am Ende des Gebäudes standen, waren auch ein sehr beliebtes Objekt zum spielen, was aber eigentlich verboten war. Vor dem sechssitzigen Schlitten mit dem gemalten Löwenkopf an seiner Front hatte ich eigentlich etwas Angst, denn das Gesicht des Löwen hatte etwas Drohendes; andererseits ähnelte es aber auch wieder dem Gärtner Poppe.

Das Spritzenhaus im Holzstall war immer verschlossen und man konnte die Feuerspritze aus dem 18. Jahrhundert nur durch die Lattentür staunend betrachten. Wenn es aber in der Stadt brannte, dann wurde die alte „Kora“ davorgespannt und alle dienstfreien Kutscher und Schlosssoldaten eilten im Zuckeltrab den Steinweg hinab zur Branntstelle. Auch mein Vater versäumte es nie, stets in einen alten ärmellosen Havelock gehüllt und einen schwarzen steifen Hut auf, seiner Spritze zu folgen und übernahm selbst mitten in der Nacht das Löschkommando, so z. B. beim Brande von Schmits Scheune hinterm Krökelteich, deren züngelnde Flammen ich noch heute vor mir sehe. Schiller hätte seine „Glocke“ nach solchen Ereignissen dichten können; nebenbei hatten sie aber auch etwas von der gruseligen Stimmung des „Feuerreiters“ für mich kleinen Knirps. Dazu tat Lina das ihrige und sie war es auch, die mir bis zum heutigen Tage die Abneigung gegen das Läuten der Glocken beigebracht hat; „Chott, er hat doch sonne Angst fürs Sterben“ sagte sie damals einmal erklärend zu meiner Mutter.

Das Wirtschaftsgebäude hatte damals, wie erwähnt, schon seinen Zweck erfüllt und stand leer. Der Anbau gegen Westen, der heute ein Dach trägt und als Schuppen dient, war der frühere Brackenstall mit einem Haus und einem Hof, welcher von einer hohen Mauer umgeben war; er stammt aus der Zeit von Moritz-Casimir l., wie ein Eckstein besagt. Hier hausten meine Freunde, die Hunde, bis ihnen ein neues wärmeres Quartiert im alten Kuhstall angewiesen wurde. Einmal war ich hier in den gefüllten Eimer rücklings hineingefallen, der allerlei sehr unappetitliche Ingredienzien als Hundefutter enthielt. Lina war außer sich und sagte einmal über das andere „l Gitt, i Gitt, was’n eklig Kind“! Ich habe meinem hinzukommenden Vater nie wieder so lachen sehen. Der Eimer hatte dauerhaft an meinem Hinterteil gehaftet.

Von den Wirtschaftsräumen des Gebäudes und des Waschhauses, der Bügel- und Mangelstube, welche später nach ihrem Umbau der Küchenmarie als Wohnung dienten, von der Tischlerwerkstatt, in welcher Stork amtierte und mich zuweilen alte Farbenreste — denn er war auch Anstreicher — verschmieren ließ, sowie endlich von der Waschküche, war bereits vorher die Rede. Zur Zeit der Landwirtschaft hatte der alte Müller Stuchtey auch einen Raum inne in der späteren Wohnung von Küchenmarie. Er war der Hofverwalter und schrieb hier seine Listen über Ausgang und Eingang von allen Produkten der Wirtschaft. Der Betrügerei auf dem Hofe hatte aber auch dieser umsichtige Ehrenmann nicht zu steuern vermocht.

Am Zufluss des toten Emsarmes in den Fluss steht ein historisches Häuschen das „Grüne Häuschen“ von Lina „Fischerhäuschen“ genannt, weil hier die versenkbaren Fischkästen sich befanden, welche als Hälter dienten. Dieses spitze altmodische Häuschen stand früher im Bouquet und diente Onkel Casimir als Voliere für seine Vögel. Den Obelisk davor hat erst mein Vater dahin gesetzt, vermutlich war er ein Denkmal für ein gefallenes Pferd. Ein monströser Kahn war hier verkettet, der sich durch ungewöhnliche Unbeweglichkeit auszeichnete, aber gern zum Rudern auf der Ems benutzt wurde, was wir später mit den Hauslehrern eifrig betrieben, wobei Herr Erfling uns — d. h. mir und meinen Kameraden — Karl May vorzulesen pflegte.

Nachdem wir das Erdgeschoss der Unterhofsgebäude kennen gelernt haben, steigen wir in die zahlreichen Räume des Stallgebäudes in seinem ersten Stock hinauf.

Gleich rechts an der Treppe hinter der ersten Tür lag das Gehirn der Gesamtverwaltung, die „Fürstliche Domänenkammer“.

Der alte Kammerrat Borgemann und der Kammersekretär Breeder saßen sich hier an einem großen Tisch gegenüber. Zuweilen durfte ich das Allerheiligste betreten, um mit Lisa mir Tinte auszubitten. Mir will es heute scheinen, dass dies relativ häufig geschah und der Konsum wird wohl darauf in der Hauptsache zurückzuführen sein, dass Lina mich hier an der Hand von Herrn Breeder gut beschäftigt fand. Dieser war ein kleines buckliges Männchen, der mich gleich Borgemann sehr ins Herz geschlossen hatte. Er ließ für mich dann die Kuckucksuhr schlagen, wobei ein kleiner Vogel flügelschlagend sichtbar wurde und weihte mich dann in die Geheimnisse der Schreibkunst ein, wobei er mir die Hand führte. Mich interessierte diese Tätigkeit jedoch viel weniger, wie das Pfeifen in seiner armen verkrüppelten Brust, der er auch allzu früh erlegen ist. Herr Heller, der spätere Rechnungsrat, kein geringeres Original, wurde dann sein Nachfolger.

In der Nebenstube thronte olympisch der Chef, Oberkammerrat und Justizrat Quensel. Doch zu meiner Zeit nur noch selten, vielmehr ließ er sich in einem besonders dafür gefertigten, noch vorhandenen zweiräderigen Karren die Akten in sein Haus kommen. Ich erinnere mich nur noch wenig an ihn. Als er sein 40- oder sogar 50-jähriges Jubiläum feierte, wurde ich schön angezogen und fuhr mit den Eltern in der alten Glaskutsche, die so schwer wie eine Kanone war, zu ihm, um zu gratulieren. Er wohnte in dem später von Beermann erworbenen Haus in der Wilhelmstraße. Gegenüber der Kammer befand ich damals die Gewehrkammer (zuletzt Registratur), ein Raum, den ich zuweilen, aber nur in Begleitung meines Vaters, betreten durfte. Was gab es hier nicht alles zu sehen. Da waren zunächst die vielen Gewehre aller Sorten, angefangen bei einigen großkalibrigen Wallbüchsen, den schon erwähnten Gewehren der Schlosssoldaten nebst Trommel und Sponton, Wilddiebswaffen, auseinandernehmbar, sogenannte Stockflinten, ein Chassepotgewehr von 1870 und sehr altertümliche Jagdwaffen, Pulverhörner, Jagdtaschen, sogenannte „Hasensärge“, nicht zuletzt eine Anzahl schön eingelegter Gewehre mit Steinschloss und eine große Auswahl von Pistolen, große, kleine, Schwesterwaffen und solche mit schönen Messingbeschlägen. In einer Ecke stapelten sich die alten Tschakos und überzähligen Säbel nebst Patronentaschen der Soldaten. Die größte Sehenswürdigkeit war jedoch das große Richtschwert, das mir von Blut immer noch etwas verrostet schien. Mein Vater pflegte es dann aus der Scheide zu ziehen und den eingravierten Spruch vorzulesen, der einem stets ein angenehmes Gruseln verursachte „Wenn ich dies Schwert duh‘ aufheben, dann wünsche ich dem armen Sünder ein ewiges Leben“. Wenn ich nicht irre, stand noch eine Jahreszahl vor dem Dreißigjährigen Kriege dabei.

Einige Handschellen und Ketten sowie ein geschmiedetes Hirschgeweih, welches den am Pranger stehenden Delinquenten umgebunden wurde, sofern sie Wilddiebe waren und nicht eine höhere Strafe verwirkt hatten, gab mir das Empfinden, dass selbst meine kleinen Hände mit der höheren Gerichtsbarkeit etwas zu tun hatten.

Gegenüber an der Wand stand ein Pferdegerippe. Obgleich ich die Geschichte längst kannte, glaubte ich, Anspruch auf jedesmalige Wiederholung zu haben und mein Vater erzählte mir dann von den schlimmen „Büschern“ in Gütersloh, den Leuten, die auf dem „Busch“ wohnten und übel berüchtigt waren, wie diese den Landesherrn Moritz-Casimir l. einmal fangen wollten und er nur durch die Schnelligkeit dieses Pferdes entkam. Dabei erinnerte ich mich dann auch der Geschichte des alten Hülsmann, der am Schwarzen Holz eine Art Waldhüter war, über dieselben „Büscher“, die einmal ein junges Mädchen gefangen hatten“ und da wollten se se unterkriegen und wenn se das nich wollte, dann sollte se den chanzen Popo voll Nägel kriegen, Schuhnägel“. Was ich mir dabei vorstellte, weiß ich nicht mehr, aber der Anblick des Richtschwertes und der Ausrüstung der Schlosssoldaten hatte dann etwas Beruhigendes.

Auf einem Tisch standen eine Anzahl bronzene Kanonenmodelle aus dem 18. Jahrhundert, die jedoch leider nie zu Spielzwecken hergegeben wurden; hier hatte es sein Bewenden mit der bereits erwähnten Mitrailleuse.

In einem Schrank hingen eine Anzahl Säbel und ein schöner Stichdegen mit Emailleminiaturen, ein sogenannter Galanteriedegen der Rokokozeit, der an Galaabenden auf unserem Theater später sogar herausgegeben wurde. Eine dunkelgrüne Feldmütze mit rotem Rand war die Kopfbedeckung meines bei Gravelotte gefallenen Onkels Adolf gewesen, ein scheinbar ungewöhnlich kleiner Kürass gehörte meinem Großvater.

Die meisten Gegenstände sind während der Besatzungszeit 1945 gestohlen worden, vor allem alle Pistolen und blanken Waffen, so dass auch hier nur noch Reste „von vergangener Pracht künden“, wie überall im Schloss.

In den anschließenden Räumen wohnte Dr. Müller, wie schon erwähnt wurde. Er hatte drei Räume nach der Ems und zwei nach dem Unterhof inne, die „mit Urväter Hausrat vollgestopft“ waren und die überall zerstreuten Archivalien erhöhten die Unordnung noch mehr. Einige der Zimmer waren mit einfachen Arabesken im Empirestil auf hellblauem Grunde ausgemalt. Von Dr. Müller wird noch besonders zu reden sein.

An seine damalige Wohnung, welche späterhin von der pensionierten Beschließerin, Fräulein Greiner, dem Rentmeister Strakerjahn und dem Kanzleidirektor Dorsch bewohnt war, schließt sich der „Blaue Saal“. Dieser große Raum wurde zu Onkel Casimirs Zeiten zu Kinderfesten benutzt, die der gute alte kinderlose Onkel seinen zahlreichen Neffen und Nichten zu geben liebte. Hier holte er sich 1874 auch die Ursache zu seinem Tode, indem der alte Herr mit den Kindern tanzte und da er etwas starr geworden war, zog er sich dabei einen Schlaganfall zu, dem er dann erlegen ist. Die Wände dieses Raumes waren mit dem gleichen einfachen und leichten Empiremuster gestrichen, welches der Verwüstung in neuester Zeit (1946) erst zum Opfer gefallen ist. Hier standen zwei ziemlich unbrauchbare Billards, auf denen ich an Regentagen einexerziert werden sollte. Die Zeiten dieses Spieles waren aber schon vorbei und ich habe es niemals zu irgendeiner Fertigkeit gebracht. In zwei Schränken wurden allerlei Spiele aufbewahrt und vor allem eine ziemlich komplette Sammlung von Orchesterinstrumenten, von denen mir die altmodischen Waldhörner am besten gefielen. Sie waren, glaube ich, von Hohenlimburg hierher verbracht worden, denn dort, so erinnere ich mich, gab ich vor den Türen in früher Morgenstunde häufig ein Ständchen. Blasen konnte ich freilich nicht, aber ich sang in die Hörner hinein, was bei einiger Phantasie dem Waldhornton ähnelte. Dabei zog ich mir durch Grünspan eine erhebliche Blutvergiftung zu, die in zahlreichen Geschwüren an den Händen ausartete.

In den Blauen Saal habe ich später dann die Gegenstände der Gewehrkammer verbracht und letztere zur Registratur gemacht.

Die Südecke des langen Stallgebäudes besaß noch zwei große Zimmer, die „das Lazarett‘ genannt wurden. Hier hatte Onkel Casimir 1870 einige Verwundete untergebracht, da diese damals in großem Ausmaße noch der privaten Pflege anheim fielen; es muss wohl eine Art Genesungslazarett gewesen sein, von dem die Eisenbetten und sonstiges Mobiliar sich noch erhalten hatte. In jener Zeit standen die Räume immer leer und nur Einquartierung pflegte sie jeweils zu bevölkern, was allerdings ziemlich häufig geschah, da die Truppen damals in der Regel per Fußmarsch zur Senne zogen. An das große Brigademanöver des Jahres 1889, oder war es 1888, kann ich mich freilich nicht mehr erinnern. Damals war der ganze Stab im Schloss untergebracht und es muss ein sehr reges militärisches Leben geherrscht haben. Meine Eltern pflegten die exerzierende Truppe meist zu Pferde in die Fixier Heide zu begleiten, die damals ihren Namen noch zu Recht trug und die Begeisterung meines Vaters, der mit Leib und Seele Soldat gewesen war, vermag ich mir gut vorzustellen.

Es fanden jedes Jahr Truppendurchzüge statt, meist die Kürassiere aus Münster oder die dortige, auch zuweilen die Mindener Artillerie.

Wir waren von Einquartierung, Requisition von Pferden und anderen Kriegslasten genauso freigestellt, wie die regierenden Häuser, das bedeutete aber nur, dass mein Vater es verteufelt übel nahm, wenn Offiziere etwa in der Stadt oder der Bauernschaft und nicht im Schloss untergebracht waren. Das war auch bekannt und die Quartiermacher, sofern es Offiziere waren, meldeten stets schriftlich in einem Buch, das auslag, das bevorstehende Einrücken der Truppe und hatten damit die Einladung in der Tasche. Zuweilen wurden die Nachmittage mit ihnen auf der Kegelbahn im Garten zugebracht, oder sie schliefen auch, um abends zum Dinner um so leistungsfähiger zu sein, was auch wohl immer gelang. Nicht selten begleiteten wir die abmarschierende Truppe dann noch zu Pferde viele Kilometer weit und regelmäßig brachte uns die Musik ein Abschiedsständchen. Auch an Felddienstübungen in Rhedas Umgebung kann ich mich erinnern, bei denen ich von früh bis spät — mittags wurde ohnedies immer „das Ganze halt“ geblasen — in fieberhafter Spannung mit dem Hauslehrer teilnahm. Einmal durften wir sogar die Verfolgung aufnehmen bis in die Gegend von Herford, wobei ich mich erinnere, den Kronprinzen gesehen zu haben.

Eine solche Lust kann man sich kaum noch vorstellen. Die deutsche Armee war das beste Heer der Welt und wirklich ein glänzendes Instrument, nicht nur infolge der schönen Uniformen; Deutschland hatte einen Kaiser und war in die erste Reihe der Völker aufgerückt, an Krieg dachte niemand. ..0 welche Lust, Soldat zu sein!“

Das „Lazarett“ wurde von mir später ausgebaut zu einer vierräumigen Wohnung, welche der Rentmeister Strakerjahn zunächst bezog; später wohnte der Förster Luke in ihr und zuletzt war sie hübsch eingerichtet für den Fall, dass bei besonderen Gelegenheiten die Schlossräume dem Gästeandrang nicht mehr genügten.

Bisher ist versucht worden, die Räume des Schlosses in ihrer alten Gestalt und Verwendung kennen zu lernen und sie zugleich mit den Menschen meiner Jugend zu beleben. Um das Bild vollständig zu machen, müssen hier noch einige erwähnt werden, die größtenteils Originale waren und mit ihrer Zeit dahingegangen sind.

In den frühen neunziger Jahren hat mir der Pfarrer Hövelpöker aus Herzebrock, welcher auf dem dortigen Friedhof auch begraben liegt, einen mächtigen Schrecken eingejagt. Er war wohl zu Besuch bei meinem Vater gewesen und traf mich mit Lina an der Wache. Dabei erhob der kleine Mann in seinem bis auf die Füße reichenden langen schwarzen Mantel seinen Spazierstock hoch in die Luft – vermutlich um etwas lebhaft zu schildern —; das habe ich falsch aufgefasst, machte kehrt und rannte schreiend davon. Es soll sehr mühsam gewesen sein, mich wieder zu beruhigen. Nachts fuhr ich schreiend auf und Lina pflegte dann bekümmert meiner Mutter zu melden „Er hat sonnen siechten Traum chehabt“; stets aber war es der gutmütige Hövelpöker. Er ist damit meine früheste Erinnerung überhaupt.

Damals war der nachmalige, erst 1925 gestorbene Hegemeister Löhre schon als Förster in Herzebrock angestellt, gehörte aber eigentlich noch immer nach Rheda, wo er seine jungen Jahre als Leibjäger verbracht hatte. Zuerst noch beim kranken Onkel Franz, dann bei meinem Vater, den er auf seiner Reise zur Heimführung der Braut nach Köln begleitete, wo ihn meine Mutter im April 1888 als erster Rhedaer kennerlernte, wie sie mir oft erzählte. Solche treue, anständige Menschen wachsen nur alle hundert Jahre heran, in neuester Zeit ist dafür anscheinend kein Kulturboden mehr. Löhrke hatte auch mit mir sein Wesen und pflanzte schon früh die Jagdlust mir ein, indem er immer von der Jagd erzählte und wie ich schießen lernen werde. „Man muss durch das Feuer durchgucken!“ pflegte er zu sagen; mir schien das Zauberei zu sein. Bis zu seinem Tode war er für mich mit allen Jagden und schönen Tagen verknüpft und seine Witwe wohnte später eine Weile im Sommer in der „Lükewohnung“, dem früheren Lazarett im Stallgebäude. Sein Nachfolger als Leibjäger dürfte der erwähnte unglückliche Otto gewesen sein. Nach seinem jähen Tode war meinem Vater anscheinend die Lust vergangen und er versuchte es bis 1901 ohne einen Leibjäger. Dann folgte er jetzige Förster Reichelt in Herzebrock, welcher jedoch vorsichtshalber aus dem Schloss verbannt und gegenüber der Kammer einquartiert war. Geholfen hätte das zwar nichts, vielleicht im Gegenteil; Reichelt pflegte aber das Hornblasen eifrig und das konnte er im Stallgebäude ungestörter tun. Sein Nachfolger wurde der jetzige Förster Pieper in Clarholz, der uns vom Baron Nagel-Vornholz zugesandt war, wo er in dem strengen Hause nicht gut getan hatte. In und um Rheda raunte man sich seltsame Geschichten über ihn zu, in denen meist die Weiblichkeit eine Rolle spielte oder Schlägereien, in die er verwickelt war. Er verstand es aber, eben durch sein wüstes Auftreten, Ordnung in den Revieren zu machen und zu halten, denn der Oberförster Tuschoff hatte diese Autorität an seine Frau abtreten müssen, welche „aus dem Teubel seinem Tornister“ war, wie der Kammerrat Borgemann zu sagen pflegte; in Clarholz saß damals schon seit zig Jahren der Förster Stuckstette, ein Spielgefährte meines Vaters und seiner Geschwister und in Bosfeld der alte Knodt, einst Leibjäger meines Großvaters. Den Beschluss bildete Zumbansen, der Sohn des total versoffenen Vaters, der eigentlich das von meinem Vater erworbene und durch Löhrke angepflanzte Revier Kalthof-Ems zu betreuen hatte. Er fiel schon 1914 und ich habe ihm dann keinen Nachfolger mehr gegeben.

Anständig und statiös sah es freilich aus, wenn der Leibjäger bei Tafel im dunkelgrünen Überrock mit breitem Bandelier, an dem ein Hirschfänger hing, hinter dem Stuhl seines Herrn aufwartete. Das war noch die Zeit des alten Dahm, welcher schon unter Onkel Casimir Haushofmeister war, ein kleiner etwas korpulenter Mann mit dem typischen Kopf des Kammerdieners. Er hat drei Herren mit gleicher Treue gedient.

Einmal war er von Neidern und Feinden angezeigt worden. Wein entwendet zu haben; die Untersuchung ergab, dass er zwei halbvolle Wasserflaschen mit in seine Wohnung genommen. Er war ein wirklich treuer Mann und ich erinnere mich, an seinem Sterbelager in seiner Wohnung in der Wache gestanden zu haben, wo er auf dem Sofa lag und schon ganz blau im Gesicht war. Heitland folgte ihm, der im Regiment von Onkel Karl gestanden und von diesem 1885 als Reitknecht mit nach Rheda gebracht worden war. Mein Vater legte keinen Wert darauf, dass die Diener glatt rasiert waren; so trug denn Heitland stets einen richtigen Husarensergeanten-Bart, über den er 1909 auch stolperte. Nach dem Tode meines Vaters führte ich diese Mode allgemein ein und er ging deshalb. Ich weiß auch noch, dass ich mich als Junge stets über ihn geärgert hatte, wenn er nach dem Eintreten der Gäste die Flügeltüren schloss und sich gewissermaßen dazustellte. Seine grenzenlose Einbildung wurde durch sein Kostüm noch unterstützt, denn merkwürdigerweise hatte ihn mein Vater mit einem schwarzen Frack ohne blanke Knöpfe ausgestattet; draußen ging er immer mit einer „Dohle“, d. h. einem runden steifen Hut.

Sein Nachfolger war ein ganz anderes Format. Meine Mutter hatte mir dazu Vogelsang vorgeschlagen, welcher als Schlosssoldat angefangen hatte und lange Zeit Diener gewesen war. Sein Verlust — ob nun als Diener oder als Haushofmeister-Kammerdiener — riss 1926 eine Lücke, die nicht wieder geschlossen worden ist. Im Gegensatz zu Heitland war er sehr fleißig und konnte eigentlich alles . Durch die langen Dienstjahre hatte er eine rein patriarchalische Auffassung gewonnen. Einst stellte ich ihn, als er aus dem Holzstall für seine Wohnung Holz entnommen hatte, worauf er wie ganz selbstverständlich erwiderte „Aber Durchlaucht, das ist doch unser Holz“, womit er sagen wollte, dass zwischen mir und ihm kein Unterschied sei. Vogelsang begleitete mich 1909 auch nach Potsdam und war mir dort in meinen Anfängen von unschätzbarem Wert, denn es war für einen Primaner des Gütersloher Gymnasiums gewiss nicht ganz einfach, plötzlich und nahezu unvorbereitet den Königlich Preußischen Leutnant in Sr. Majestät Leib-Garde-Husaren-Regiment zu spielen in einer Garnison, die der Waffenplatz Deutschlands war und in welcher das Kaiserhaus selbst residierte.

Aber er hatte auch einen Fehler: Er musste herrschen. In der Stellung, welche er bei meinem Vater bekleidete, konnte er das nicht und es gab damals allerlei Anstände. Aber meine Mutter, deren Diener er hauptsächlich gewesen war, hatte das erkannt und so gelangte er in die leitende Stellung. Früher war er auch ein glänzender Reisemarschall gewesen. Er geleitete meine Fürstenauer Großmama, die anfing etwas schwerfällig zu werden, Gottweißwohin und rechnete alle Fahrpläne mit Genauigkeit aus. Damals konnte man telegrafisch noch ein Abteil erster Klasse vorausbestellen, in welchem man dann ungestört und allein fuhr. Auf irgendeinem Bahnhof war dies geschehen und er trat an das Abteil heran, um das Gepäck darin zu verstauen. Da rief ihm der Schaffner zu „Mein Herr, nicht dort!, das Abteil ist bestellt!“ „Jawohl, eben für uns!“ und ließ dann meine Mutter wie ein Sieger hineinpassieren. Er war es auch, der mich als kleinen Putz in Westerland das Tabakrauchen lehrte. Damals war es selbstverständlich, erste Klasse zu fahren und stets einen Diener mitzuhaben. So hatte er uns auch ins Seebad begleitet, wo er nichts zu tun hatte. Ich besuchte ihn in der „Villa Roth“, wo wir wohnten, immer in seiner Stube, in der er meist auf dem Sofa lag. Da riss er einmal ein Stück von einem Zeitungsblatt ab, legte eine Priese von seinem Pfeifentabak hinein, leckte die so entstehende „Zigarette“ sorgfältig zusammen und steckte sie mir wortlos in den Mund. Sein besonderer Freund war der alte Diener von Onkel Georg Schönburg, Steinbrecher geheißen , von welchem es auch Geschichten gibt, die Legion sind. Dieser hatte den Onkel in seiner Eigenschaft als Flügeladjutant des Königs Albert von Sachsen im Kriege 1870 schon begleitet und war ebenso ein Faktotum und Original, wie Vogelsang. Mir ist er noch gut in Erinnerung durch seine Geschichten aus den Krainer Bergen, in denen ich ein Menschenleben später durch zwanzig Jahre selbst die herrlichsten Jagderlebnisse haben sollte. Damals machte er mich gruseln, wenn er von den dortigen Bären und Wölfen sprach, die dort herumlaufen sollten und auch tatsächlich herumliefen.

Als es bei Vogelsang ans Sterben ging, war ich nicht da und nicht die Sorge um sich oder seine zahlreiche Familie war es, die ihn dabei bedrückte, sondern allein, dass er nicht zur Stelle sein könne, wenn ich heimkehrte. Man möchte mit Reuter sagen „Lögenhaft zu verteilen“, aber das war Vogelsang.

Ein Original in seiner Weise war auch Fissenebert, der unter Vogelsang als Diener begonnen hatte und dann sein Nachfolger wurde. Er hat den Kellnerberuf, den er gelegentlich ausübte, niemals ganz abstreifen können, war aber auch eine ehrliche und treue Haut. Auch er diente uns aufopfernd einige dreißig Jahre, wie es überhaupt ein Zeichen der Zeit war.

Als etwas ungeschliffenen Edelstein hat er sich, wie gesagt, nie an die Formen eines herrschaftlichen Hauses gewöhnen können, obgleich ihm meine Mutter den „Guten Ton in allen Lebenslagen“ schriftlich gegeben hatte. Er sagte trotz häufiger Verbesserungen nie anders als „Die Suppe ist da“ oder „Hier ist ein Briefchen — ich weiß nicht was drin steht“ oder auch „Durchlaucht, deree — Schneider Mense ist da! is oben“. In meiner Potsdamer Zeit sollte er Vogelsang einmal ablösen, das hat er aber nicht geschafft, obgleich er auch ganz gern einmal die „große Welt“ gesehen hätte. Seine Frau erlaubte ihm derartige Seitensprünge jedoch nicht.

Natürlich gehörten die Kutscher auch zu meinen Freunden. Wie schon erwähnt, war der Stall erstklassig aufgezogen. Sein Chef sozusagen war der alte Berner, welcher noch aus Onkels Franzens Zeit stammte. Leider war er stark dem Alkohol ergeben, aber wenn er sich etwas verunnüchtert hatte, fuhr er am besten. Er war der Einzige, welcher noch vierspännig zu fahren vermochte.

Als Zweiter war Kaupmann da, der eigentlich die Pferde meiner Mutter zu betreuen hatte. Ich weiß nicht mehr viel von ihm, ein Könner scheint er nicht gewesen zu sein, denn meine Mutter klagte eigentlich immer über ihre Reit- und Wagenpferde. Dafür fehlte freilich meinem Vater jedes Verständnis, denn er gehörte zu den Menschen, dem eigentlich alle Pferde „gingen“. Im Sinne der Reit- und Fahrkunst war er wohl kein großer Könner. Damals hatte ich darüber kein Urteil, es will mir nur rückschauend so scheinen. Er hatte aber die Gabe, dass unter ihm jedes Pferd alsbald ruhig wurde und dass heftige Wagenpferde für ihn nicht existierten; in wenigen Minuten gingen sie an seiner Leine wie ein Leichenwagengespann. Kaupmann wurde später durch Landwehr ersetzt, als auch der alte Berner pensioniert wurde. An die erste Kutscherstelle trat jedoch Beckord, der seit 1892 bei uns war und 1942 sein fünfzigjähriges Jubiläum feiern konnte. Auch er begleitete mich als Dienerchaffeur nach Potsdam und kurze Zeit nach London. Hier scheiterte er an der Sprache und fühlte sich heimwehkrank, so dass ich ihn nach drei Wochen heimschickte. Er war ein Mann von ganz seltenem Charakter und selbst in diesem Kreise treuer Leute von seltener Ergebenheit. Er ist erst so kurz pensioniert und gestorben, dass es sich erübrigt, seine hervorragende Persönlichkeit in diesen Blättern lebendig zu erhalten, denn die junge Generation hat ihn noch gut gekannt. Mit ihm verknüpfen sich die ältesten und fast nur schöne Erinnerungen. Als Junge ritt ich mit ihm spazieren, er fuhr mich samstags und sonntags von und nach Gütersloh. Dann kam die Potsdamer Zeit, wo er in älteren Jahren das Autofahren noch erlernen musste, nachdem ich den Dogcart aufgegeben hatte. Zur Meisterschaft hat er es freilich nicht mehr gebracht, vielmehr habe ich unter seiner — freilich sehr seltenen — Führung einige Accidents erlebt. So fuhr er einmal zu einer Hoffestlichkeit die abgesperrten Linden zum Schloss herauf; ich saß in voller Gala ausnahmsweise im Fond. Von weitem sah ich an der Kranzlerecke schon, dass der Schutzmann den Verkehr aus der Friedrichstraße für einen Augenblick durchlassen wollte, da die meisten Gefährte zum Schloss schon passiert waren. Mein guter Beckord sah das aber keineswegs und unsere eilige Auffahrt nahm zwischen den Linden auf dem breiten Gehsteig der via triumpfalis ihr jähes Ende an einem Fleischerwagen, den er auf die Hörner genommen hatte, wobei das Pferd getötet wurde.

Unbeschadet solcher kleinen „Schönheitsfehler“ war er aber immer und unter allen Umständen pünktlich zur Stelle, alles war stets in bester Ordnung und selbst die Pferde betreute er vorbildlich, denn die jeweiligen Burschen, denen es oblag, zeichneten sich zuweilen nicht durch allzu große Zuverlässigkeit aus. 1922 machte Beckord dann auch unsere Hochzeitsreise im Auto mit und fast alle Fahrten, die wir machten, wurden so lange von ihm begleitet, bis er älter wurde und durch einen jungen Dienerchaffeur ersetzt ward.

Das Aschenpuddel des Stalles war der Stallknecht Ramsbrock, welcher noch durch Kuni Recke aufgenommen war und seine Tuberkulose durch erquickende Stallluft kurieren sollte. Das ist auch gelungen, sonst zeichnete er sich durch Brauchbarkeit und Fleiß nicht sonderlich aus. Meine Esel und die schon erwähnte alte „Kora“ waren seine Gespanne. Da der Eselwagen klein war, musste er immer Nebenhergehen, ein dornenvolles Amt. Er liebte es aber, sich als meinen „Leiwkutsker“ zu bezeichnen und hauptsächlich ihm verdanke ich die profunde Kenntnis des Plattdeutschen; das soll ihm nicht vergessen werden. Wenn es auf dem Unterhof mal sehr laut wurde, dann unterhielt sich mein Vater mit ihm, d. h. durchaus einseitig. Entlassen wurde er aber trotzdem nicht.

Im Garten herrschte damals der „Hofgärtner“ Poppe, ein erstklassiger Mann in seinem Fach. Nie wieder ist der Garten in so guter und schöner Ordnung gewesen, wie unter ihm. Er verstand es nicht nur, einen prachtvollen Blumenflor zu jeder Zeit zu erhalten, vielmehr war er auch ein guter Kaufmann, der seine Kollegen aus der Umgegend zu einer Eingabe veranlasste, dass sie mit dem Schlossgarten nicht in Konkurrenz treten könnten. Er erfand immer wieder etwas Neues und ging damit, glaube ich, meinem Vater etwas auf die Nerven, der selbst gerne erfand. Auf Poppe ist das große Rondel vorn im Garten zurückzuführen, welches 1946 bei der Gartenneugestaltung etwas verkleinert und verlegt wurde sowie die Erdanfüllung am Steinweg entlang; bis dahin sah man dort gegen die Mauer, wie im Garten des Gärtnerhauses. Zu diesen Arbeiten, die in die Mitte der neunziger Jahre fielen, hatte er sich Loren von einem Unternehmer besorgt und beschäftigte eine große Anzahl Männer, darunter den Vater Husemann, dessen Sohn später längere Zeit Wiesenwärter und Fischmeister war, der Sänger der Geburtstagsfeiern in der Wache. Damals genierten sich die Arbeiter noch nicht, mit dem Henkeltöpfchen zu gehen, das heute in eine Aktentasche eingebaut sein muss und saßen über Mittag im Gerätehaus am Garteneingang, in welchem der Gehilfe im Oberstock seine Wohnung hatte. Der alte Husemann hatte immer sehr leckere Speisen in seinem Töpfchen und wollte mir gern davon anbieten; das erlaubte Lina aber keineswegs. Er dagegen versuchte mich zu reizen, dem Gebot zu trotzen, indem er fragte „Kannst Du auk met n‘ höltenen Läpel i-äten? “ Etwas später entstand eine hübsche Anlage hinter der Orangerie, das Wasser wurde durch eine Efeuhecke begrenzt und der schmale Streifen in einen Palmenhain verwandelt, in welchem eine Bank stand. Die Orangerie, von Lina „das Gerangenhaus“ genannt (lies „Gerangschen Haus“) war ein reizender kleiner Wintergarten mit sandbestreuten kleinen Wegen und einer sehr zahlreichen Kakteensammlung, in dem ich bei Regenwetter spazieren geführt wurde, selbstverständlich sehr zu meinem Unmut. Melonen und andere seltenere Gartenfrüchte waren im Überfluss vorhanden und die Artischocken hatten sogar Berühmtheit. Auch der Wein gedieh damals, wie nie wieder hernach. Mit dem Tode der alten Badefrau, Frau Elbracht, ließ mein Vater den Weg vom Steinweg über den Damm zwischen Ems und Krökelteich, der beim Badehaus über die Brücke führte, eingehen und diese abbrechen. Die jetzige Anlage stammt auch aus der Zeit. Ebenfalls die Anpflanzung im „Neuen Teich“ mit der Anlage der Brücken und Wege. Der Hirschzaun wurde entsprechend verkleinert und das zahme Wild vermindert, das bis zum Jahre 1925 eigentlich immer eine Quelle irgendwelchen Ärgers gewesen war, denn es wurde vom Publikum gehetzt oder anderweitig gequält und beunruhigt. Ich habe es dann ganz abgeschafft, obgleich es vermutlich seit Jahrhunderten dort vegetiert hatte, denn anders konnte man es vom weidmännischen Standpunkt nicht bezeichnen. Es gab eine Zeit, wo 6-8 Geweihte dort ihre Fährte zogen und während der Brunft dröhnte der Schrei der eingepferchten Hirsche bis in die Stadt hinein. Ein Zaun quer durch die Wiese und Schlupflöcher im Gatter, das damals noch mit niedrigen Fichten umgeben war, sollten die Dramen etwas vermindern, die sich trotzdem noch immer abspielten.

Die Hinzunahme des „Fasanenwäldchens“ und seine teilweise Auspflanzung nach der Wiese zu, gehört einer späteren Zeit gärtnerischer Gestaltung an. Ich erinnere mich aber noch an die Sandkuhle als Spielplatz, welche sich an der Südecke befand; sie wurde „Häschen in der Grube“ genannt. Beim späteren Heranwachsen des Wäldchens wurde dieses zu einem beliebten weihnachtlichen Jagdrevier. An seiner Südostecke schoss ich um die Jahrhundertwende mein erstes Stück Wild mit zitterndem Herzen, einen Hasen, den mir meine Mutter vom Eidthagen aus der Wiedenbrücker Gegend zugetrieben hatte. Damals konnte man noch , an den jetzt hohen Fichten stehend, über die jetzt ebenfalls hohen Eichen hinwegschießen. Die Treibjagd brachte unter Leitung eines Schlosssoldaten, in dessen Gefolge sich 10 Jungens befanden, eine erstaunliche Menge Kaninchen und Fasanen. Auch die Felder wurden von Osten her beigetrieben, ebenfalls der Neue Teich.

Doch wir haben uns vom Garten zu weit entfernt und kehren noch einmal dahin zurück. Am Ende des mittleren Querweges, an der Stadtseite des Krökelteiches befand sich damals eine Grotte, dieselbe, welche ich Ende der zwanziger Jahre an die Kegelbahn verlegte. In ihrer Mitte wuchs eine Linde, eine Bank stand darin und das vordere Rund war von Steinen gebildet, zwischen denen Ketten hingen. Ich vermute, dass dies die Überreste der Anlage in der „Dianenlust“ gewesen sind, einem „Lustgarten“ des 18. Jahrhunderts, welcher sich südlich der Gelder Chaussee, unweit des Gehöftes des Bauern Oldemeyer ausbreitete. Das Schild dieses Gartens mit Hirschgeweih und Hifthorn sowie der Überschrift „Dianenlust“ hing später am Hirschstall im Park, der durch die Bomben des Jahres 1945 weggefegt wurde; das Schild ist allen noch erhalten. Die besagten Steine stehen nun im Schlosshof als Mittelstück der Grenzmauer, die ich etwa 1920 einmal anlegte. Die Grenzsteine, sogenannte „Schnatsteine“, der alten Herrschaft Rheda stammen aus dem Eidthagen und finden sich auch sonst noch mehrfach in der Landschaft.

Unter den alten Platanen an der Kegelbahn wollte meine Mutter gern einen Tennisplatz gründen. Mein Vater war aber gegen diesen Plan und die Eltern einigten sich dann dahin, dass die Linien durch Eisenschienen dargestellt werden sollten, sonst aber alles unverändert bliebe. Es bleibt Poppes Geheimnis, wie er auch diese unlösliche Aufgabe löste und einen durchaus spielbaren Platz zustandebrachte. Eine geradezu sakrale Handlung war es, wenn die Orangerie ihre Gewächse im Mai an die Sommerplätze vor und hinter dem Gebäude und in den Schlosshof abgab. Mir war es dann zumute, wie den Alten, wenn die Frühlingsgöttin auf ihrem mit jungen Stieren bespannten Wagen ihren Umzug durchs Land hielt. Es waren zwar keine Stiere, nur die alte Kora vor einem hochbeinigen, besonders konstruierten Rollwagen, aber es war die Vorfreude auf den Sommer damit verbunden.

An meinem Geburtstag stand in der Regel mein Böllerwagen im Schlosshof, nicht wiederzuerkennen infolge eines künstlich geflochtenen Laubdaches und darin fanden sich Teller mit allen Beeren des Gartens, welche die Jahreszeit bot, eine Huldigung Poppes. Glückliche Zeiten!

Einige alte Faktoten hielten dieses Reich in Ordnung. Gewöhnlich waren zwei Gartenarbeiter ständig angestellt, Heße aus dem Gaukenbrink und Engau aus der Stadt. Linas besondere Freunde waren jedoch die Frauen „Malchen“, ein ältliches puckeliges Mädchen, die sonst noch auf den Namen Meiners hörte und „die Steenbeckske“, Frau Steinbeck, mit denen sich die Stunden, in denen ich im Garten spielte, so herrlich verplaudern ließen.

Wenn Not an den Mann ging, wurden etwa noch „Sundermanns Lieschen“ und ein ziemlich verkommenes Subjekt, welches den poetischen Namen „Aalröschen“ trug, hinzugezogen. Beide waren Säuferinnen und sollen von mir in der Perfektion nachgemacht worden sein. Sie jäteten in der Regel jedoch nur den Schlosshof, denn zu mehr waren sie wohl nicht mehr fähig.

Die Pflege und Beaufsichtigung der weiteren Umgebung lag in den bewährten Händen des jeweiligen Wiesenwärters, Renteiboten und Fischmeisters. Von ihnen ist Husemann schon erwähnt worden, der jedoch nach wenigen Jahren einer Lungenentzündung erlag. Sein Vorgänger war Vogelsänger. An ihn erinnere ich mich nur noch dunkel, hauptsächlich dadurch, dass er mich einmal an die Hand nahm und mir zum hellen Entsetzen von Lina den Platz in der „Laake“ zeigen wollte, wo „das Mädchen chelegen hat“, ein Kind, das in der Ems ertrunken und dort von ihm aufgefischt worden war. Er hatte wohl keinen Sinn dafür, dass dieses für ihn hochinteressante Erlebnis für einen Sechsjährigen nicht das Richtige war. Später folgte dann Schwake, der dieses Amt Jahrzehnte innehatte. Anfangs wurde er wie von seinem Schatten bei allen Arbeiten von einem Manne begleitet, der Humpe hieß und von mir und meinen Spielgenossen stets das Ziel unseres Spottes war; entweder war er nicht ganz normal, oder – was wahrscheinlicher ist -war er meist besoffen.

Zu den Gestalten jener vergangenen Zeit gehört auch noch der „Lord Heising“, welcher am Steinweg im Heising’schen Hause wohnte und – wie in der Familie leider erblich — stark an Gicht litt, so dass er als alter Herr, als den ich ihn nur kannte, allenfalls kurze Wege machen konnte. Deshalb sah man ihn auf dem Steinweg täglich promenieren . Er selbst war einer der in Rheda damals noch zahlreicheren größeren Kaufherren, die kein Ladengeschäft besaßen, wie Bonne und Wilkhausaber einen ausgedehnten Handel betrieben. Der Ruf seiner Firma in Indigo und ähnlichen Überseeartikeln ging weit über Westfalen hinaus. Er war der Sohn des letzten Fürstl. Richters und wurzelte noch ganz in der landesherrlichen Tradition. Die breite schwarze Halsbinde mit den herauslugenden „Vatermördern“ der dreißiger und vierziger Jahre hatte er bis in die neunziger gerettet und trug sie immer noch. An seiner Hand bin ich häufig den Steinweg hinuntergegangen, während er sich am Stock schon schwer weiterquälen musste; ich hatte eine große Hochachtung vor dem freundlichen alten Herrn.

Nicht wegzudenken aus dieser Zeit, ja bis zum Todesjahr meines Vaters, ist der alte Beermann, der „Fürstl. Hoffriseur“, den ich — obgleich einer völlig anderen Klasse angehörend, wie der Kaufherr Heising — im Geiste denselben Weg herauf- und heruntergehen sehe.

Die Vorliebe meines Vaters zu ihm war eigentlich unerklärlich und auf Befragen vermochte er sie auch gar nicht zu definieren. Denn der sonst sehr brave Beermann hatte eigentlich gar keine Qualitäten eines wahrhaften Figaros. Weder verstand er sein Fach, noch kannte er den Stadtklatsch, war dafür aber besonders unsauber, jedoch pünktlich und geduldig.

Morgens um neun Uhr stand er im Vorzimmer vor der Kapelle und wartete auf das Öffnen der Stubentür meines Vaters und seinen Ruf „Beermann“, der mir noch heute im Ohr tönt, denn ich hörte ihn immer von der Kapellenstube, dem Kandidaten- und Lernzimmer her durch viele Jahre. Häufig war ich bei der Zeremonie zugegen, die nun begann.

Der kleine Mann in einer doppelreihigen hochgeschlossenen Lodenjoppe, zu welcher er einen schwarzen, aufgebeulten Hut trug, der eigentlich in der Mitte einen Kniff hätte haben sollen, trat mit seinem viereckigen Lederköfferchen herein, um in stets gleichbleibendem Tonfall zum Gruß und Abschied „Mooorgen Herr Durchlaucht“ zu sagen. Ein Stuhl wurde bei der Tür zum Fenster gerückt, mein Vater ließ sich in seinem grauen Schlafrock mit der roten Paspelierung darauf nieder und derweilen hatte der Kleine sein Handwerkszeug gerichtet. Mein Vater hatte das große Glück, einen nur schwachen Bart zu besitzen, sonst wäre er nicht so davongekommen, trotzdem sah man nur geringe Unterschiede vor und nach der Rasur. In einem beachtlich schmutzigen Tuch wurde der Schaum dann vom Messer gewischt und das Tuch in dem Koffer geborgen. Das berührte meinen Vater jedoch in keiner Weise. Täglich wiederholte sich dabei folgendes Gespräch „Beermann, was ist mit dem Wetter? „. Ja, Herr Durchlaucht, dat is siecht was von zu sagen. Es mag Regen cheben, oder auch nich“. „Wie kommt das denn wohl? „. „Ja, das tuen die Veränderungen“.

Aber nicht nur die männlichen Originale waren eine Quelle der Freude für mich, auch die weiblichen. Seit alters her, gegründet von Tante Agnes, bestand ein Nähverein, zu dem sich die Honoratiorendamen im Schloss zu Kaffee und Kuchen und nachfolgendem Nähstündchen zur Winterszeit einzufinden pflegten. Da erschienen dann Frau Kammerrat Borgemann, eine alte sehr gemütlich aussehende Dame mit goldumrandeter Brille, welche damals jeden Menschen in Rheda kannte und über alle Familienverhältnisse genau Auskunft geben konnte. Das tat sich dann auch im unverfälschten hannoverschen Dialekt. Unzertrennlich von ihr war Frau Bürgermeister Fettköter, die ich sehr schätzte, welche mir aber trotzdem eine fatale Ähnlichkeit mit einer der „Hexen von Buschlabe“ hatte, denn sie trug nie etwas anderes als einen Kapott-hut und einen eng anliegenden Mantel ohne Ärmel. Sie soll damit einmal hingefallen sein und vermochte sich ohne Hilfe nicht wieder aufzuhelfen. Diese Silhouette, aber nicht ihr Wesen, vermittelten mir den Eindruck aus dem Bilderbuch. Fräulein Jünger und Fräulein Althoff, von meiner Großmutter der „Pater Althoff“ genannt, weil sie ein Kleidungsstück, ähnlich einer Kutte in braun stets zu tragen pflegte, gehörten ebenso dazu, wie die „neue“ Bürgermeisterin Schulte Mönting, die statiös, wie eine Karavelle dahersegelte und einen gewichtigen Platz einnahm, nicht nur wegen ihrer Körperbeschaffenheit, sondern auch wegen ihrer flotten Zunge. Weniger beliebt in diesem Kreise schien mir die „junge“ Pastorin Kleffmann zu sein, eine, wie ich glaube, törichte Frau, welche die beliebte Frau Pastor Schengberg zu ersetzen hatte, was schon deshalb erschwert war, weil diese Letztere eine Rhedaerin aus der geachteten Familie Bonne gewesen war. Das schnakte nun von vier bis sieben Uhr entweder bei meiner Mutter im Salon oder Vorzimmer, auch an großen Tagen, wenn alle kamen, im Esszimmer an einem langen Tisch, auf dem neben dem Nähmaterial vor jeder Dame ein schweres kleines Kissen lag, um damit das Arbeitsstück festzuhalten. Ich wurde selbstverständlich stets vorgeführt, prächtig angetan und nahm dann gewöhnlich neben Frau Borgmann Platz, wo ich ebenfalls „nähte“!

Am beliebtesten waren diese Tage natürlich, wenn meine Fürstenauer Oma teilnahm, die allgemein hochgeschätzt war und eine unnachahmliche Art des Umganges mit diesen Damen besaß. Obwohl ihr, als der Tochter des Kammerpräsidenten in Fürstenau, niemand an der Wiege gesungen hatte, in welchen Kreisen sie sich als Frau einmal hauptsächlich zu bewegen haben würde, habe ich doch nur ganz wenige Damen selbst höchster Häuser sich mit solcher Sicherheit und Grazie in allen Lebenslagen bewegen sehen, wie diese so sehr geliebte alte Frau, welche nicht einmal mehr schön war, als ich sie kannte. Nicht die erstklassige Erziehung, um die sich mein Großvater bemüht hatte, war der Grund, sondern ihre wahrhafte Herzensbildung und ihr Takt.

Ein erweiterter Kreis von Damen wurde auch regelmäßig zum Kaffee entboten, welcher sich im wesentlichen ebenso abspielte, jedoch ohne Näharbeit. Wir haben das in viel späterer Zeit bis zum Kriegsausbruch 1939 noch so fortgesetzt, wobei auch unsere Kinder dann in die Erscheinung traten.

Eine weitere Wohltätigkeitseinrichtung, welche durch die rege Hand von Tante Agnes ins Leben gerufen worden war, bestand in der „Rhedaer Armenlotterie“. Die Ziehung gehörte zu den Großtagen von Rheda. Vorher war durch eifriges Sammeln in allen Kreisen eine große Anzahl von Gewinnen zusammengekommen. Meist waren sie traditionell, je nach der Branche des spendenden Geschäftes oder des Gebers. Ein Regulator und ein Korblehnstuhl wurden von meinem Vater gestiftet, unzählige Handarbeiten breiteten sich auf dem langen Tisch aus, an dem die Verlosung im Saale der „Eintracht“ stattfand. Dieser war dicht gefüllt mit erwartungsvollen Menschen, die alle ihr Los in der Hand hatten und genau auf die die Nummern ausrufenden Stimmen der Lehrer Kaiser oder Griese lauschten als gelte es, alle Schätze Arabiens zu gewinnen. Zwei kleine Kinder zogen die Zettel und der Kammersekretär Heller verglich die Los- und Geschenknummern. „Ein Christusstatü“ oder „ein Überhandtuch“ (wobei der Ton auf Hand lag) wurde da mit sonorer Stimme verkündet und ein Raunen ging durch den gedrängten Saal, wenn der Gewinner sich vordrängte, um das Seine in Empfang zu nehmen. Nicht selten waren das dann „Arme“, zu deren Gunsten die Lotterie stattfand, aber dieselben „Armen“ stifteten auch Preise, um nicht arm zu erscheinen. In jenen glücklichen Zeiten gab es bei uns eben keine wahre Armut.

An diesem Fest hatte ich regelmäßigen Anteil, ging auch meist als Gewinner davon und durfte auch einmal die Lose aus der Suppenterrine ziehen.

Mein Vater liebte es ungemein, mit den Honoratioren auf Engste zu verkehren, ja dieser Verkehr riss eigentlich niemals ab. Ihm war es nicht um die Pflicht der Repräsentation zu tun, welche die mehr oder weniger anregende Gesellschaft des kleinen Städtchens im Schloss vereinigte, wie es allerorten geschah, wo ein mediatisiertes Haus bestand. Er fand sein Behagen in diesem Kreis von Männern und man muss schon sagen, dass diese, entweder durch ihn erzogen oder aus sich selbst heraus etwas darstellten, so dass auch anspruchsvolle Gäste von auswärts, die mitmachen mussten, immer ganz beeindruckt waren. Handelte es sich doch nicht nur um Männer der gebildeten Stände, wie etwa um den Pastor loci, den Richter, den Arzt, sondern auch um mittlere Beamte, Kaufleute usw., eben die „Gesellschaft“, welche sich in einer kleinen Landstadt zusammenfindet.

Durch seine „Aufopferung“ (wie meine Mutter es nannte, die aber gar keine war, weil es ihn wirklich freute) hatte er allerdings eine Stellung, die ihresgleichen suchte. Allerdings beherrschte seine sprühende Lebendigkeit, sein lebhaftes politisches und sonstiges sehr mannigfaltiges Interesse diese Szene absolut und so glaube ich heute, dass ihm dieser Verkehr als ein Ausgleich notwendig war. Dabei befleißigte er sich stets der vornehmsten und — wie es mir als Halbwüchsigem schien – der übertriebensten Höflichkeit und niemals ist irgendeine Entgleisung seitens eines Neulings in diesem Kreise vorgekommen. Dazu war mein Vater eine zu beherrschende Persönlichkeit.

Besagte Geselligkeit lief nach strengen Regeln uhrwerkmäßig ab.

Der ruhende Pol zu allen Jahreszeiten war die „Eintracht“, welche sich in dem heutigen Gasthaus in der Langen Straße befand, das der Gesellschaft gehörte. Man kam hier gegen sieben Uhr in einem ungewöhnlich unbehaglichen Zimmer, das einem Schulraum ähnelte, zusammen und trank Bier. Um halb neun kehrte mein Vater, der jeden Donnerstag dort erschien, zum Essen heim. In den Wintermonaten wurde einmal in der Woche bei ihm Skat gespielt. Drei Herren im Bratenrock erschienen um acht Uhr abends und bald nach dem Essen setzten sie sich zum Spiel im Vorzimmer des Esszimmers nieder, das meist bis zwei oder drei Uhr ausgedehnt wurde. Dazu gab es das übliche bittere Langenberger Flaschenbier und zum Abschluss einen Cognac. In einer Pause erschien mein Vater dann bei uns, um Gute Nacht zu sagen. Stammgäste dabei waren Herr Grimm, der am Doktorsplatz eine Zigarrenfabrik betrieb, der Lehrer Herr Griese, Herr Josef Hagedorn, der Bürgermeister Schulte Mönting, der Amtsrichter Dr. Dasau oder auch der Gerichtsrat Palaeske aus Gütersloh. Die Herren wechselten sich turnusmäßig ab.

Sie sehr häufig, war einmal meine Fürstenauer Großmama lange bei uns und nahm natürlich auch an dem vorausgehenden Essen teil, sich lebhaft mit den Herren unterhaltend. Nach dem Essen wurde im Konzertzimmer „geständert“ wie sie das nannte. Plötzlich fiel ihr ein, sie müsse Herrn Griese etwas erzählen, aber Herr Griese, der soeben noch dort gestanden hatte, war weg. „Wo ist denn nur Herr Griese? “ Ein ostentatives Schweigen sollte sie auf den Grund seiner Abwesenheit diskret aufmerksam machen, aber sie war nun in Fahrt. „Aber wo ist denn Herr Griese? Das ist doch zu komisch, eben war er doch noch hier? Wissen Sie denn nicht, Herr Bürgermeister, wo Herr Griese ist? Thekla, hast Du denn gar nicht gemerkt, als er wegging? Wo ist er denn nur? “ Die Unterhaltung begann nervös um sie herumzuschwirren, jeder tat sein Bestes, aber sie merkte noch immer nichts. Da tat sich die Türe auf und der langvermisste Herr Griese erschien von der Großmama freudigst wie ein Wiedergeschenkter begrüßt „Aber wo waren Sie denn nur Herr Griese? “ Seine Versicherungen, er habe nur Luft schöpfen wollen und es sei ihm schlecht gewesen, halfen nichts, denn „es sei ihm doch noch nie schlecht geworden“ wie meine Großmutter eindringlich feststellte. Erst am späteren Abend, als die Herren schon spielten, konnte ihr der Sachverhalt aufgeklärt werden und sie pflegte später noch oft Tränen über sich selbst zu lachen.

Nach dem Fortgang von Lina wurde ich nach wie vor früh ins Bett gesteckt. Die Spielabende machten diese Prozedur noch früher nötig und ich stand dann in der Regel wieder auf, um in ungeheuren gestrickten „Puschen“, die mir einmal die Gräfin Schmising aus Tatenhausen mitgebracht hatte und die den Vorzug hatten, ganz lautloses Gehen zu ermöglichen, durchs Haus zu schleichen, ins Vorzimmer des Esszimmers, um den Gesprächen zu lauschen und in die Anrichte, um dort von den herausgetragenen Speisen zu naschen. Auch früh am Morgen war das ein beliebter Sport und ich gespensterte dann herum, um die Mädchen zu erschrecken, oder mit dem Ofenheizer Fisse die Öfen anzuzünden, was mir besonders gefiel, weil er dazu eine Laterne benötigte.

Das Sommerhalbjahr stand im Zeichen noch vermehrter geselliger Ereignisse. Die Spielabende fielen zwar weg und der Besuch der „Eintracht“ wurde zwangsläufig durch die Rehpirsch eingeschränkt. Dafür trat aber das Kegeln und Schießen in seine Rechte.

Mittwoch -und Sonntagnachmittags wurde unter den Platanen im Schlossgarten auf der Kegelbahn gekegelt, welche der Urgroßvater Emil Friedrich zu seinem Geburtstag 1811 geschenkt erhalten hatte, wie ein Stein besagt, der dort eingegraben ist. Bereits im Mai begann das Spiel und wurde bis in den Oktober fortgesetzt, wobei besonders konstruierte Lampen verwendet wurden, während die Bahn durch große Holzplanken geschützt wurde. Es war dann nicht immer gemütlich, wenn es stürmte und regnete, tat aber der Passion keinen Abbruch. Der Kreis der Herren war ungefähr der gleiche, wie beim Skat, nur einige traten neu hinzu, wie z. B. Dr. Müller, der Archivar, Herr Reinert, welcher ein schönes Haus gegenüber dem Amtsgericht bewohnte und eine Lohgerberei jenseits des Krökelteiches und der Ems auf dem Gelände neben dem Badehaus betrieb, sowie der Rentmeister Krietemeyer, der Postmeister Wollenweber, Lehrer Kaiser und andere, welche im Laufe der Jahre auch wechselten. Die Herren waren fast alles Originale und jeder hatte seine Eigenart beim Spiel, die mir noch heute lebendig vor Augen steht. Besonders hoffnungslos war der „Zis“, wie Dr. Müller in Abkürzung von „Narziß“ genannt wurde, beim Kegelsport. Er sah schlecht und hatte verkrüppelte Füße, war überhaupt schwächlich, so dass er die Kugel nicht bändigen konnte. Er liebte lediglich die Unterhaltung und nicht selten hat er seine Gäste, die ihn besuchten, stundenlang bearbeitet, so dass es Brauch wurde, sich durch einen Bekannten bei ihm abholen zu lassen. Seine Unterhaltung war nie langweilig oder töricht, er verfügte über ein großes Wissen auf vielen Gebieten, war aber nicht nur körperlich, sondern auch geistig verschroben. Regelmäßig platze er mit dem robusten alten Herrn Reinert zusammen, der ein Geschäftsmann und Mann der Tat war, welcher für die Müller’sche Art keinerlei Sinn besaß. Die anderen Herren widmeten sich zumeist dem Sport ganz ausschließlich und der Postmeister Wollenweber war bekannt dafür, dass er vor Aufregung zu schwitzen begann, wenn es um die Siegespalme ging.

Mit etwa fünfzehn Jahren wurde ich zu diesem Kollegium zugelassen und als junger Mensch brachte ich es zu einer erstaunlichen Fertigkeit, so dass ich als vollwertiger Partner begehrt war.

Das geschah also regelmäßig mittwochs und sonntags von vier bis acht Uhr, kaum unterbrochen durch die Sommerreise ins Bad nach Ems oder Sylt oder auch zur Guteborner Großmama; sonst pflegte mein Vater Rheda nicht zu verlassen. An jedem Freitag kam ein Schießnachmittag hinzu, der auf dem alten schönen Scheibenstand in Herzebrock in der Putz abgehalten wurde. Das hatte Onkel Casimir schon so gehalten, wovon es noch ein altes Bild mit den damaligen Schützenbrüdern gibt und mein Vater setzte die Tradition mit Vergnügen fort. In einem riesigen Break wurde hinausgefahren. Aus Rheda kamen die jeweiligen Richter mit, sowie Borgemann und der ehemalige Rechnungsrat Kaspersmeier, der nun in Bielefeld otium cum dignitate verband.

Niemals fehlte der Herzebrocker Amtmann, Freiherr von Elmendorff, ein pensionierter Hauptmann, der dieses Schießen nicht mehr als Sport, sondern schon mehr als Beruf auffasste. Hatte er einmal schlecht geschossen, was zuweilen vorkam, da er ein großer Potator war, dann verschrieb er sich ein „Nacheserzieren“ an einem anderen Nachmittag. Er war der Steinerne Gast und sprach selten ein Wort, wozu ihn freilich das dünne Bier, welches auch hier verzapft wurde, nicht anregen konnte.

Die Seele des Unternehmens waren eigentlich die Zwillingsbrüder Beilmann, zwei originell aussehende Kötter in blauer Bluse und schwarzer Schirmmütze, wie beides damals von den Bauern noch allgemein getragen wurde. Mit ihrem stereotypen breiten Lächeln auf den dunkelroten glattrasierten Gesichtern machten sie die Honneurs und sahen dabei sich so ähnlich, wie ein Ei dem anderen. Dann verschwanden sie, um die Scheibe zu bedienen, welche bei einem guten Schuss zwei Figuren hervorschnellen ließ. Die Ringzahl wurde durch winken mit dem Anzeiger bekannt gegeben.

Dann wurde nach einer laufenden Sau geschossen, welche, an einem Strick von ihnen gezogen, aus einer Fichtenkulisse hervorbrach, aber erst, wenn der Schütze sie durch den Ruf „Hussau“ angefordert hatte. Immerhin blieb der Schuss in der engen Schluppe, wo sie nur zu sehen war, noch schwierig genug. Als letzte Konkurrenz kamen die „Flattern“ dran. Diese waren sternförmig auf einer Stange aufmontierte Tontäfelchen nach Art unserer modernen Tontauben. Sie zu treffen war nicht ganz einfach, besonders kam es vor, dass aus Versehen oder durch einen Fehlschuss eine falsche Platter heruntergeflattert kam, was dann für den Schützen verhängnisvoll sein konnte. Ich erinnere mich, dass verdammt scharf geschossen wurde. Mein Vater war ein guter Schütze, vielfach nahmen auch Gäste teil, die die Büchse auch zu führen verstanden, Borgemann und Elmendorf waren nicht zu unterschätzen und Herr Josef Hagedorn war, damals noch in den besten Jahren, ebenso wie der Vorgänger Elmendorffs und jetzige Rhedaer Bürgermeister Schulte Mönting gefürchtete Gegner.

Als kleiner Junge wurde ich schon mitgenommen, wenn am späteren Nachmittag etwa die Damen herausfuhren, um zuzuschauen. Auch meine Mutter pflegte dann am Schießen teilzunehmen; sie besaß unwahrscheinlich gute Augen und eine sehr ruhige Hand, so dass sie nur höchst selten nicht dahin traf, wohin sie wollte. Ich wurde derweilen von den Beilmännern unterhalten, welche während des Flatterschießens dienstfrei ihre Pfeife auf einer Bank im Walde rauchten und mir prachtvolle geringelte Stöcke anfertigten. Nicht nur der Sport, sondern auch der Platz auf der Waldwiese waren herrlich, überhaupt habe ich diese Sportnachmittage immer sehr genossen, schon damals, als ich nur als Mundschenk und nicht als Konkurrent zugelassen war. Einmal jährlich stiftete ein alter Freund aus der Münchener Studienzeit meines Vaters in den siebziger und achtziger Jahren, der Eisenbahndirektionsrat Reisenegger aus München, ein Fässchen Hof bräu. Dann machte nicht nur mein Schenkamt mehr Spaß, sondern die Stimmung stieg auf den Höhepunkt; gewöhnlich wurde dieses Bier aber beim Kegeln verzapft und die Kegeljungen rumpelten dann mit dem ehemaligen Quensel’schen Aktenkarren nochmal so lustig vom Keller herunter zur Kegelbahn.

Über einen großen Teil des Jahres wurden außerdem noch offizielle Dinners verteilt, welche zumeist die wohlverdiente Belohnung für eine Gratulationscour zu Neujahr und zu den Geburtstagen der Eltern darstellten. Diese Couren hatten sich aus der souveränen Zeit erhalten und wurden in verkleinertem Maßstab bis in die jüngste Zeit noch beibehalten.

Meine Eltern hatten sich freilich durch ihre Gastfreiheit, wie man gesehen hat, geradezu ein Recht darauf erworben, denn begreiflicherweise wünschten die Damen und Herren der Gesellschaft bei ihrem intensiven Verkehr auf dem Schloss auch ein Übrigen zu tun. Die Couren zur Zeit meiner Eltern waren durchaus höfischer Art.

Die Herren im Frack, weißen Handschuhen und Zylinder, die Damen im guten Schwarzseidenen kamen herein, brachten ihre Glückwünsche dar, wurden in aller Form angecerkelt und verschwanden gleich einer Prozession wie sie gekommen waren, ohne sich niedergelassen zu haben.

Das gleiche galt von den zermoniösen Dinners, bei denen hernach die, welche es noch nicht konnten, das Stehen erlernen konnten, worin man es bei uns zu großer Perfektion bringen konnte. Ich habe diesen selten gewordenen Brauch dann etwas modernisiert, indem ich die Gratulanten zum Niedersitzen einlud und der Frack wurde allmählich durch eine passendere Tageskleidung ersetzt.

Was war es für eine schöne harmlose Zeit. Es wird vielleicht begreiflich werden, wenn man mit solchen Erinnerungen lieber in der Vergangenheit sich bewegt, als in einer Zeit der Gleichmacherei und allgemeinen Öde, welche niemandem nützt, wohl aber viel schöne Tradition und Behagen zerstört hat. Wohl war solch ein kleines Höfchen, das nicht mal ein richtiges echtes mehr war, ein „Zaunkönigtum“, wie man heute spöttisch sagt. Aber in diesem Milieu sah man nur frohe Gesichter; das war der Unterschied gegen eine spätere Zeit, wo das „Erwachen“ gekommen war. Es hat schon einmal solch ein „Erwachen“ gegeben; im Paradies, und war auch kein Segen .

Der geschilderte Jahresablauf erfuhr aber auch gewisse Variationen durch die sommerlichen Gäste, welche wie die Schwalben fast jedes Jahr wiederkehrten.

Zu den ältesten Erinnerungen überhaupt gehört der erste Besuch von Onkel Karl und Tante Gritty nach ihrer Heirat. Ich war damals drei Jahre alt und es erscheint fast unglaublich, sich in diesem Alter noch an Einzelheiten erinnern zu können, so dass ich annehme, die Szene, die mir so lebhaft vor Augen steht, habe sich ereignet bei der Rückkehr der Eltern von der Italienreise oder ihrer Fahrt nach England, Reisen, die sie mit den Schwarzburgern gemeinsam unternahmen. Vielleicht ist mir die Ankunft von Onkel Karls nur deshalb so lebendig, weil ich davon oft erzählen hörte und sie ja auch jedes Jahr kamen. Ich sehe mich im „Lemgoer Wagen“ einem offenen Viersitzer, die heutige Chaussee nach Gütersloh hinausfahren, die damals noch ein zweigleisiger, tiefer Sandweg war, an dessen Seiten hohe Birken standen. Wir begegneten den Wagen, der die Gäste abholte und ich spräche ungeniert mein „Herzlich willkommen“, was mir eingelernt war; auf der Heimfahrt saß ich zwischen dem neugebackenen Ehepaar. Die neue Tante gefiel mir besonders gut, weil sie so zierlich und unendlich appetitlich war, stets lustige Augen hatte und mir — vor allem später — stets etwas mitbrachte.

Zu den Stammgästen gehörten regelmäßig Onkel Eduard Salm’s mit den Töchtern Luise und Marga, die oft wochenlang blieben, besonders dann, als der Onkel seine Garnison Münster mit Berlin vertauscht hatte. Marga störte mich, weil sie mich immer küssen wollte.

Onkel Arthur Erbach’s mit den Söhnen Konrad, Eberhard und Alexander gehörten auch dazu und mit Onkel Arthur hatten die Erwachsenen meist viel Spaß, denn er war gescheut und dabei originell, wozu seine unverfälschte Odenwälder Mundart nicht das wenigste beitrug. Die „Buwe“ taten nicht immer gut, wie schon geschildert wurde, für mich waren sie aber begehrte Spielkameraden, obgleich keiner eigentlich zu meinem Alter passte. Auch Tante Kuni Reck erinnere ich mich in seltenen Fällen von Gütersloh kommend. Diese Gäste wurden sofort, jeder nach seiner Weise, in den Mahlgang der Rhedaer Geselligkeit hineingestoßen und mussten die Damenkaffees, das Kegeln und Schießen mitmachen. In späterer Zeit trat Hermann Schönburg hinzu. Die Fürstenauer Großmama und Tante Emma können in diesem Zusammenhang kaum Erwähnung finden, denn sie gehörten mehr oder weniger ganz zum Haus und waren vielfach viele Monate in Rheda, besonders vor der Heirat Tante Emmas, als die Großmama noch keine Verpflichtung gegen weitere Enkel hatte. Ein Sondervergnügen, zu dem die Oma gewöhnlich anregte, waren die Gänge zu dem Hof von Maßmann an der Gelder Chaussee, der eine ausgezeichnete Gartenwirtschaft betrieb. In der Regel wurde hingefahren und zurück durch den Wald, beim Bauer Stork vorbei, durch den Hambusch und über die Kuhweide der reizende Weg benutzt. Damals war die Kuhweide als solche noch in Betrieb, weitläufig gepflanzte, etwa fünfzigjährige Eichen beschatteten den Weg und der Hirte mit seinem Hörn bewachte die Herde der Ackerbürger. Tutend, wie ein Feuerwehrmann, hielt er oft mit uns seinen Einzug im Städtchen und es war lustig zu sehen, wie die Kühe, an der alten Fehmlinde am Wiedenbrücker Tor anfangend, in den Seitensträßchen selbständig verschwanden, wo sich ihnen auf den Hornruf die Ställe auftaten. Um sechs Uhr in der Frühe habe ich oft diese Musik zum Ausmarsch der Herde gehört. Bei Maßmann gab es ländliche Genüsse ausgezeichneter Qualität und ein Kinderkarussell, das man selbst drehen konnte. Konrad verschwand dann sachverständig in den Ställen, um sich mit dem taubstummen Knecht über das Vieh zu verständigen. Dabei hat er sich sehr unbeliebt bei Frau Maßmann gemacht, indem er durch Öffnen des Schweinestalles rittlings verkehrt auf eine der Hauptsauen zu sitzen kam und mit ihr im Hof herumjagte. „Chutchut — das Swein, das Swein man herein!“ jagte nun die dicke Maßmannsche ihrerseits zur allgemeinen größten Freude hinter den beiden her.

Zumeist wenn meine Mutter verreist war, was häufiger geschah, ging ich gegen Abend zu Lewekes, wohin ein direkter Weg über den „Lehmannswall“ (so geheißen nach dem Major Lehmann, der ihn in Benutzung hatte) durch ein besonderes Pförtchen in Linas Garten führte. Lina war gegen Abend immer in ihrer winzigen Kochstube zu treffen, wo sie gute Sachen, wie Kartoffelpuffer, Pickert oder Speckpfannekuchen fabrizierte; dazu half ich ihr stets und meine so erworbenen Kenntnisse und Grundbegriffe sind mir später sehr zustatten gekommen. Die Stube vor dem Kochraum war öde eingerichtet und entbehrte jede bürgerliche Gemütlichkeit. Hier wurde gegessen und der Mann besorgte seine Schreibarbeiten darin. In der Mitte ruhte sie auf einem Holzpfeiler. Lina klopfte dann gewöhnlich daran und wie auf das Zeichen der Negertrommel erschien dann der Hausherr, mich zu begrüßen. Er war Zigarrenfabrikant und arbeitete immer selbst in blauer Schürze und eine schwarze Mütze auf mit den Arbeitern mit. Mir schenkte er gewöhnlich Bilder, welche man auf die Zigarrenkisten aufklebt.

Lina wusste immer etwas zu erzählen. Aus alten Zeiten, da ihr Vater noch das Rumpeln der durch Herzebrock ziehenden Kosakenwagen gehört hatte, die aber Rheda nicht berührten, von den Rhedaer Webern, denen die Asthoffs auch angehörten, von der einfachen Art des Webens, dem großen Betrieb auf der Bleiche, den weiten Überlandgängen der Weber zum Absetzen ihrer Erzeugnisse, von einem ihrer Vorfahren, der wöchentlich einmal nach Hohenlimburg als Fürstlicher Bote marschierte, wozu 8 Tage benötigt wurden, Geschichten aus meiner Kindheit und als Sonderzugabe, wie man ihrem Vater das Bein abgeschnitten hatte, das dann, mit einem Tuch bedeckt, in der Ecke gestanden hatte. Die Geschichten waren unerschöpflich und die kleine Stube, der summende Herd mit der stinkenden Petroleumfunzel darüber taten das ihre dazu, diese Stunden zu den behaglichsten zu machen. Ich habe die Besuche bis zu ihrem Tode 1913 fortgesetzt, worauf sie stolz war, während ich es nicht tat, um sie zu ehren, sondern weil mir etwas gefehlt hätte; seit die gute Alte tot ist, fehlt mir immer etwas — das persönlichste Interesse, wie es eben nur eine Mutter oder alte Kinderfrau hat.

Mein Jugendtraumland der neunziger Jahre bis zu meinem Abgang zum Gymnasium nach Gütersloh war wohl einzig in seiner Art. Die Meisten werden das behaupten, ich aber vielleicht mit mehr Recht, denn dieser Lebensabschnitt fiel in die schönsten Jahre in Deutschland, außer meinen Eltern war ich von vielen lieben Menschen umgeben und ich war der Einzige, auf den sie alle Liebe konzentrieren mussten. Selbst meine Rudolstädter Großmama, zu der ich außer der Furcht vor ihr kein Verhältnis hatte, tat das in ihrer dürren Weise in vollstem Maße. Sie konnte infolge der Gicht schon nicht mehr gehen und wurde im Rollstuhl gefahren; mein Vater hatte ihr zum Besteigen des Kutschwagens sogar eine Treppe bauen lassen müssen und wenn sie im Haus über eine Treppe musste, wurde sie von zwei Dienern auf einem Stuhl getragen. Da war es wohl schwer, sich mit einem kleinen Jungen zu beschäftigen. Aber ihre Tochter, Tante Elly, und deren Gesellschafterin, Fräulein Pichon, taten es mit um so größerem Erfolg. Doch das spielte sich stets in Guteborn ab, wo wir den Sommer einen Monat zubrachten; dort wohnte auch Onkel Karl und Tante Gritty damals ganz nah. Diese Besuche habe ich immer sehr genossen, sie zu schildern würde den Rahmen dieser Blätter aber überschreiten.

Da ich der Einzige geblieben war, musste für Spielgefährten gesorgt werden und die Kinder der Angestellten hatten dazu das erste Anrecht.

Heinrich Dahm und die drei Jungen vom Gärtner Poppe waren der festbegründete Stamm, der immer zur Hand war. Später trat Wilhelm Schulte Mönting hinzu, mit dem ich von den Hauslehrern unterrichtet wurde. Nach Bedarf und Neigung — denn sie waren schon etwas älter — kamen auch manchmal Wilhelm Ciass-mann, der Sohn des Bleichenpächters am Steinweg, Ernst Grimm, der Sohn des erwähnten Skatspielers, der später ganz nach Japan ging und Heinz Wilkhaus. Auch an die Schengbergs aus der Pfarre erinnere ich mich dunkel, sie mochten wohl viel älter sein. Zuweilen erschienen von Dortmund die Enkel von Borgemann, die Zwillinge Stade. Da gab es dann Schokolade.

Im Sommer spielten wir richtige Jungenspiele, wie Räuber und Gendarm, Bäumchen verwechseln, Soldaten usw. Meine Fürstenauer Großmama hatte dazu eine soldatische Ausrüstung gestiftet mit Gewehren, deren Kammern sich öffnen ließen, Mützen und Patronentaschen, Zelten und einer Kanone, welche auf zwei Meter eine Holzkugel ausspie und auf der die Kanoniere sitzen konnten. Natürlich besaß ich auch eine Husarenpelzmütze, Säbel und Pappbrust, ebenso wie dieselbe Ausrüstung als Ulan; das gehörte jedoch einer früheren Periode an. Jetzt wurde die Sache unter der Aegide von Kandidat Hachtmann, der ein verfehlter Theologe und begeisterter Soldat war, sachgemäß betrieben. Zuweilen exerzierte die kleine Kompanie vor, mein Vater strahlte. Im Fichtenbusch gab es noch eine Dickung. Dort wurde das Lager aufgeschlagen und die Kanone in Stellung gebracht, während Posten überallhin sicherten. Konrad Erbach liebte es — als Achtzehn- bis Neunzehnjähriger — den General zu spielen, zu überraschenden Besichtigungen in grotesken Sätzen angesprengt zu kommen, Orden zu verleihen, oder auch sehr grob zu werden. Es war eine Fundgrube unerschöpflicher neuer Ideen und „militärischer Lagen“. Damals wurde unser „Militarismus“ auch noch von niemand als „Fluchwürdig“ bezeichnet, es war die Zeit des Burenkrieges und der Chinaexpeditin, das Wort von Marschall Seymour „The Germans to the front“ war in aller Munde und ich begann als Zehn- bis Zwölfjähriger schon alles zu tun, um die Schulzeit zu überwinden (freilich zuweilen mit wechselndem Kriegsglück), um nur recht bald Soldat werden zu können. Damals wollte ich „bei die Paderbörner“, Husaren nämlich, später hatten die Münster’schen Kürassiere infolge ihrer häufigen Einquartierung den Vorrang und niemand dachte daran, dass die Potsdamer Husaren später einmal das Rennen machen würden.

Es mag dahingestellt bleiben, ob das Spiel im Haus nach eingetretener Dunkelheit nicht vielleicht noch schöner war. Dazu gehörte freilich meine Oma.

Niemand, der es nicht selbst gefühlt hat, kann die zitternde Erwartung nachempfinden, mit welcher jeder Glockenschlag der Lippstädter Kleinbahn auf dem einsamen Wiedenbrücker Bahnhof von weit her belauscht wurde, bis das prustende Bähnchen in Sicht kam und bis die liebe Gestalt am beleuchteten Fenster erschien, um im Triumph in den Wagen gebracht zu werden. Das war Advent, dessen heutige Feier damals noch nicht allgemein bekannt war, das war Weihnachten, das war die goldene Zeit des Jahres. Mit ihr zogen die Spiele in meinem Kinderzimmer und später ins Weihnachtszimmer ein. Da wurde „Guts“ gespielt. Einige Pfeffernüsse oder Pralinen wurden auf den Tisch gelegt, einer musste sich umdrehen, während die Gesellschaft eins der Stücke bezeichnete. Nun konnte der, welcher das nicht mit hatte ansehen dürfen, anfangen abzuräumen, bis diese Tätigkeit durch das allgemeine gellende Geschrei „Guts“ jählings unterbrochen wurde. Wie ein elektrischer Schlag fuhr einem das durchs Gebein.

Auch ein Bilderlotto war sehr beliebt mit der „Muhkuh“ und Hähnchen, Eseln und anderen Getier. Oder Menschendenken. Immer war der Pompadour der Oma unerschöpflich an kleinen Preisen aus Süßigkeiten. Spielen ist mir mein Leben lang als die primitivste Art der Unterhaltung und als geistige Armut erschienen; diese großmütterlichen Spiele jedoch spielte ich mit Leidenschaft. Längst erwachsen spielte ich mit ihr in der Weihnachtszeit ein Kartenspiel „Schellibelli“ oder „Weli“ genannt. Das Spiel ist mir völlig entfallen, nicht aber das hohe Vergnügen, mit ihr spielen zu dürfen, denn sie geriet alsbald in Extase und war dann urkomisch.

Nicht nur in der Weihnachtszeit, wo meist ein reicher Büchersegen niederging, sondern lange vor- und nachher wurde vorgelesen. Lina tat das zwar auch, obgleich sie gar kein Talent dazu hatte, aber die alten Kinderbücher und Grimms Märchen höre ich noch heute Wort für Wort in ihrer Stimme, wenn ich sie anschaue. Da war die Oma anders; sie las mit Ausdruck und vor allem unermüdlich bis zu anderthalb Stunden und mit ihr — gerade wie mit Lina — sind für mich gewisse Bücher unlöslich verbunden. Derweilen trieb ich irgendeine Handarbeit. Zuerst zeichnete und malte ich, wozu mich Tante Emma früh angeleitet hatte und höchst freigebig mit Material die „Kunst“ unterstützte. Dabei blieb es ihrerseits jedoch nicht, sie musste auch häufig die ermüdete Oma ablösen und erzählen; sie hat mir die Haufschen und Andersen’schen Märchen liebgemacht und scheute auch ganz langen, welche einem stets vorenthalten wurden, die „Galoschen des Glücks“ und den „Müller Radlauf“ keineswegs. Später verpestete ich dann die Reck’sche Stube mit meiner Brandmalerei, welche um Weihnachten zu einem Gewerbebetrieb auszuarten drohte und alle nur denkbaren Menschen mit kleinen Scheußlichkeiten überschüttete.

Ganz schrecklich war dafür dann aber auch die Abreise und ich weiß, dass „der Menschheit ganzer Jammer mich anfasste“, wenn ich an meinem Fenster stand und den Wagen an „Potts Scheune“, die man damals noch gut sehen konnte, nach Wiedenbrück oder Lippstadt abrollen sah. Ganz verloren habe ich dann wohl am Bosqueteingang gestanden und „Oooomaa….“ hineingerufen. Das war das erste kindliche Weh.

Um diese Jahreszeit war der Eidthagen beiderseits der Ems immer unter Wasser gesetzt und fror auch meistens für eine Woche zu.

Das waren dann schöne Tage für Rheda und Umgegend, denn die weite Eisfläche, welche bis Wiedenbrück reichte, lud die Leute ein und wenn sie aus Bielefeld kommen mussten.

Man sah unwahrscheinliche Gestalten auf Schlittschuhen. Herr Kaiser verschmähte es keineswegs, seine einfache Kunst zu produzieren; er lief im langen Mantel mit dem typischen schwarzen Hut auf daher, als habe er einen Ladestock verschluckt. Aber auch die Gesellschaft war auf dem Eis. Man sah die jungen Damen Grimm, die sehr hübschen Poppenburgmädchen, die ältlichen Fräulein Niemann — damals waren sie wohl noch leidlich jung, es merkte nur niemand — und die junge Herrenwelt, die natürlich ständig gewechselt hat. Es wurden Spiele gemacht und alle beteiligten sich daran. Derweilen fanden erbitterte Kämpfe unter den Rhedaer und Wiedenbrücker Jungens statt, welche unter dem unerklärlichen Feldgeschrei „Püle, Püle!“ ausgetragen wurden und zweifellos ihren Ursprung in den verschiedenen Territorien beider Städtchen hatten.

Einmal hatte die neu gepflanzte Lindenallee am Fasanenwäldchen daran glauben müssen, welche vielleicht als Kampfmittel den Streitenden gedient hatte; da es nicht zu ermitteln war, war auch dieser Traum ausgeträumt, wie so vieles Schöne und seither wurde gesorgt, dass während der Frostgefahr kein Wasser auf den Wiesen war.

Mit etwa vierzehn Jahren durfte ich zum ersten Mal mit an einer großen Treibjagd teilnehmen, welche fast immer ganz kurz vor Weihnachten auf den damals noch fast ganz unbebauten Rhedaer Stadtfeld abgehalten wurde. Als kleiner Junge konnte ich von meinem Fenster die Treiberkette mit ihren Klappern über den Eidthagen avancieren sehen; nun war ich selbst mit dabei. Von Gütersloh kommend, mit Ferien und einem Zeugnis ausgerüstet, eilte ich in unglaublich kurzer Zeit gleich von der Schule nach Haus, wo ich von meiner Mutter mit Kleidung bis zur Unkenntlichkeit und vor allem Unbeweglichkeit ausgerüstet wurde. So hetzte ich dann hinaus und es fragt sich nur, ob das nicht vielleicht die allerschönste Weihnachtslust war, schöner noch, als der riesige Baum mit den altbekannten gemütlichen Dingen daran, den Ketten, Kugeln, Zuckerbrezeln, die ich während seiner Zurüstung in meiner Mutter Salon mit Fäden versehen musste und des Ludwig Richterschen Transparentes davor. Freilich waren die Tische auch nicht zu verachten und hatte früher ein Milchwagen mit richtigen Kannen und ein Bahnhof mit dazu gehöriger Eisenbahn darauf gestanden, so lag da nun ein einläufiges Gewehr, später eine richtige Doppelflinte, Jagdtasche, Muff, hohe Gummistiefel, die mir nicht passten, aber doch mein Traum gewesen waren sowie andere weidmännische Dinge.

Nach dem Fest wurde im Fasanenwäldchen gejagt und dann an den „Christinenteichen“, d. h. das Feld westlich von Herzebrock. Dabei erhielt ich immer den besten Platz und wurde regelmäßig Jagdkönig . Am Scheibenstand in Herzebrock am Wasserloch schoss ich dann auch im selben Jahr meinen ersten Bock unter Leitung meines Vaters, der darob viel stolzer war, als wenn ich zwei Klassen übersprungen hätte. Das alles konnte nur beim alten Löhrke vor sich gehen.

Unvergänglich mit der Weihnachtszeit sind auch meine Fahrten verbunden, welche ich stets zu unternehmen hatte, um die Geschenke meiner Eltern am Morgen des Heiligabend in die Hände der glücklichen Empfänger zu bringen.

Meine Mutter machte sich eine wochenlange Mühe damit, für die Kinder der Angestellten Geschenke zu kaufen, die zu voluminösen Paketen zusammengepackt wurden und die ich dann auszutragen hatte, zuerst mit Lina, später dann allein. Dabei kam ich mir wie ein Weihnachtsengel vor. Zunächst wurden die Männer im Haus aufgesucht, der Koch, die Diener in ihren Familienwohnungen, ebenso die Kutscher. Mein Vater gab von der Firma Leweke noch eine Kiste Zigarren dazu und Geld, meine Mutter Spielsachen für die kleineren Kinder oder Kleidung und Wäsche. Bei Schnee, der immer sehnsüchtig erwartet wurde und in jener Zeit wohl auch häufiger war, wurde mit dem roten zweisitzigen Schlitten gefahren, sonst mit dem blauen Wagen. Waren die Angestellten bedacht, ging es hinaus in den Gaukenbrink, wo alljährlich Lohmanns mit ihren vielen Kindern und auch Hesses beschert wurde.

Auch an den offiziellen Feiern im Krankenhaus, damals noch am Fasanenwäldchen in dem Haus, welches später der Kammerdirektor Krietemeyer bewohnte, wobei der Schneider Mense und Frau Heinrichs die Honneurs zu machen pflegten oder in der Kinderschule an derselben Stelle, wie heute, aber noch im alten Haus mit seinem riesigen Saal, nahm ich teil. Einmal überreichte mir dabei die Lehrerin, Fräulein Weber, ein Pferdegeschirr aus rotem Stoff und roten Leinen mit Glöckchen daran, das mir die Kinder auf ihre Frage, wer das wohl erhalten solle, einstimmig mit dem gellenden Ruf „Für den kleinen Prinzen“ überreichten. Leider kam ich nicht ganz in den Genuss dieser Überraschung, weil die Kinder mich klein genannt hatten, was Kinder bekanntlich nicht sein wollen.

In späteren Jahren wurde ich auch bei der Bescherung der Mädchen in ihrem Aufenthaltsraum neben der Waschküche zugezogen, denen unter Gesang eines Weihnachtsliedes unter dem Weihnachtsbaum beschert wurde, wie es später in ihrem Esszimmer geschah.

Und dann war der große Augenblick gekommen.

Mein Vater war schon den ganzen Nachmittag mit dem Christkind beschäftigt und nicht sichtbar, die gemütliche Teemahlzeit hatte jeglichen Reiz verloren, ich musste außerdem dauernd „verschwinden“ und dabei steigerte sich die Aufregung der Großmama zusehends, die gewöhnlich über die „Hunderttausend Knöpf “ schimpfte, welche in letzter Sekunde zu öffnen und zu schließen waren.

Von weit her, aus dem Billardzimmer, aus der Kalten Stube, aus dem Eckzimmer tönte dann endlich, endlich das wohlbekannte dünne Stimmchen der Glocke. Seitdem habe ich manches Jahr, mit und ohne eigene Kinder, dieses Glöckchen in Bewegung gesetzt, vom Saal her, vom Balkonzimmer, vom Kaminzimmer neben dem Konzertzimmer, von diesem aus oder auch von meiner Stube. Es blieb die Weihnachtsglocke mit ihrem ganzen deutschen Charme, sie klang heimlich und vergnügt, wehmütig in Erinnerung an die Vielen, die sie nun nicht mehr hörten, bezaubernd im Hinblick auf die staunenden Augen der eigenen Kinder. So wie damals hat sie nie mehr geklungen, „0 du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit“.

Zu Ostern „kam der Osterhase“. Er erschien immer im Garten und dazu waren die Kutscher- und Dienerkinder geladen. Die Buchseinfassungen der langen Beete sahen aus, als blühten die ersten Krokusse darin; das Versteck war einfach, aber auch die Findigkeit nicht allzu groß. Das Geheimnisvolle um den Osterhasen wurde streng gewahrt und doch sprach meine Mutter oft davon, wer denn dies Jahr den „Hasen finden“ müsse. Einmal habe ich ihn auch „gefunden“ und könnte noch heute die Stelle bezeichnen; es war ein sehr stattlicher Hase, der dann auf meiner Kommode sein Quartier aufschlug und dort gewiss zehn Jahre gestanden hat. Es wird berichtet, dass ich diese sonderbare Naturerscheinung in der Säugetierwelt schon zeitig in Zweifel gezogen habe durch den Appell an meine Mutter „Das muss aber wohl ein kranker Hase gewesen sein, der die Eier gelegt hat“.

Im weiteren Ablauf des Jahres kamen dann das Schützenfest und bald danach das Kriegerfest. Sie sind im wesentlichen bis zur allgemeinen Umwälzung und „Gleichschaltung“ des Jahres 1933 unverändert geblieben, ja auch dieses Jahr vermochte an der uralten Tradition des Aufmarsches und der Parade auf dem Schlosshof nichts zu ändern. Das war althergebracht und Kommunisten und Sozialisten aller Färbungen ließen an diesem Tage alle Glaubensartikel hinter sich und marschierten im strammen Schritt vorbei. Für die drei Freibiermarken pro Mann können sie es unmöglich getan haben.

Es war von hohem Reiz nicht nur für mich kleinen Kerl, sondern auch später noch und ebenso für zufällig anwesende fremde Gäste, wenn vom Städtchen her der dumpfe Paukenschlag immer näher rückte, die Musik allmählich zu hören war und dann der Schellenbaumträger in das Schlosstor einbog. Gewöhnlich waren einige Herren der Stadt zum vorausgehenden Essen geladen, der Bürgermeister, Herr Reinert als alter Schützenmajor, Dr. Müller, wie allsonntäglich und vielleicht der jeweilige Amtsrichter. Ein langer Heerwurm in weißen Hosen, schwarzen Schoßröcken, einen Zylinder mit schwarzweißrotem Band auf dem Kopf, ein Holzgewehr mit Fliederstrauß auf der Schulter, so rückte es heran und wand sich in mehr kunstvollen, als militärisch einwandfreien Figuren in den Schlosshof, wo sich das Batallion in Parade aufstellte, die Fahne vor seiner Mitte mit zwei schneidigen Fahnenoffizieren zur Seite, welche Frack und Schärpe nebst einem Säbel als Rangabzeichen trugen. Damals kannte man in dem kleinen Nest von 3.000 Einwohnern natürlich jeden und hierin lag der Hauptreiz.

Der Schützenoberst, welcher sich zum Aufstellen der Parade erst einmal ordentlich heiser geschrien hatte — es war Jahrzehnte Herr Josef Hagedorn, später dann Stuchtey, schritt mit strenger Miene und gezücktem Schwert zunächst die Front ab, indem er mit der Waffe jeden in den Bauch zu stechen drohte, der die schwierige Aufstellung in Linie zu stören drohte. Dann schritt er auf die Freitreppe zu, wo nun alles versammelt stand und meldete „untertänigst das Rhedaer Schützenbatallion mit 180 Mann zur Parade angetreten“. Die Schlosssoldaten, welche ihren großen Tag hatten, umkreisten die schaulustige Menge wie Schäferhunde, während mir die Augen aus dem Kopf quollen vor Erwartung; ich wollte doch Leweke sehen und alle die Bekannten und Freunde, außerdem musste ich nötig „verschwinden“. Tüi dadara bumtata setzten die Spielleute ein, aus der Ecke der Dienerstube vorrückend , um sich vor uns aufzustellen, nicht ohne dass häufig der Tambourmajor mit seinem Stock die noch stehende Parade durchbrach und in Unordnung brachte. Er war ein alter Tambour und somit vollkommen in seinem Recht, nur die Schützen waren auf dem dreieckigen engen Platz nicht so leicht zu manövrieren wie ein preußisches Batallion Garde. Aber schließlich gelang doch alles prachtvoll und zur allgemeinen Zufriedenheit, wenn auch mehr „nach Zeichen“, als „Auf Kommando“ exerziert wurde, weil das jeder verstand.

Das Kriegerfest verlief eigentlich ebenso, nur dass die weißen Hosen durch schwarze ersetzt waren und die Gewehre zu Hause blieben. Ich dagegen hatte Gala angelegt und stand wie ein Posten in meiner Husarenoder Ulanenbrust, zuweilen mit dem Säbel rechts, weil Lina vom Militarismus nichts mehr wissen wollte, da ihr Bräutigam 1870 nicht wiedergekommen war, auf der Treppe. Meist war der Reiz auch durch eine echte Militärkapelle sehr erhöht und jedenfalls flogen die Beine erheblich höher, als bei den Schützen, obgleich diese und die Krieger in Personalunion verbunden waren. Am Nachmittag ging ich mit den Eltern und Lina auf den Wert und fuhr bis zur Erschlaffung Karussell; Rummelplatzaufmachungen kannte man damals noch nicht. Leider wurde die Teilnahme an den Kinderbelustigungen nie gestattet. Ich musste zusehen, wenn meine Freunde auf die Futterschwinge sprangen, dass der Wassernapf hoch durch die Luft und in die jauchzende Menge flog oder wenn sie einen Groschen aus einem Mehleimer mit dem Munde herausholten usw.

Das waren Feste wahrer und nicht nur vorgetäuschter und erzwungener Volksgemeinschaft. Einmal hat Rheda sogar seinen Fastnachtszug gehabt, der natürlich auch über den Schlosshof zog. Der Schneider Lewe warf von einem hohen Rollwagen auf welchem allerlei phantastische Gestalten standen, deren Sinn nicht recht zu erraten war, zum größten Gaudium Würstchen unter die Menge, deren Inhalt sich als Pferdemist herausstellte. Das Ganze zog aber nicht sehr, denn es war eine „katholische“ Angelegenheit und Rheda war damals weit überwiegend evangelisch. Lina schätzte den Mfrnmenschanz überhaupt nicht, weil sie wegen meiner lebhaften Phantasie mit Recht für ihre Nachtruhe fürchtete und als ich einmal mit nach Münster fuhr, um den dortigen Zug zu sehen, gab sie mir den Wunsch auf den Weg, mit „Wenn er man nichts sieht“. Freilich, die Verkleidungen, welche meine Mutter mir alljährlich selbst anfertigte als Schornsteinfeger, als Clown, als Page, als Mohr, einmal sogar als „Herr im Frack“, die hatte sie nicht zu beanstanden.

Auch an die fünfundzwanzigjährige Wiederkehr des Sieges von Sedan erinnere ich mich noch dunkel. Dazu war auch die Jugend in einem Festzuge aufgeboten und ich sehe mich mit schwarzweißrotem Fähnchen in weißem Matrosenanzug mit langen Hosen sehr wider Willen in den langen Zug von Lina am Doktorsplatz eingereiht. Ich sah solchen Festen viel lieber von unserer Freitreppe aus zu und weiß auch nicht mehr, wie der Tag sich weiter gestaltete. Wohl aber klingen mir die drei Böllerschüsse aus der Gegend des Friedhofes noch im Ohr, die sich in aller Frühe alle halbe Stunden wiederholten als Zeichen höchster Rhedaer Festfreude, wie sonst nur noch an Kaisers Geburtstag am 27. Januar.

Waren dies auch festliche Begebenheiten, welche von mir und den Rhedaern keineswegs gering geachtet wurden, so nahmen sie doch einen mehr untergeordneten Rang ein. Ein stets besonders großer Festtag war dagegen mein Geburtstag.

Wenn möglich war dazu die Oma anwesend und wusste besonders dem Vorabend immer eine besondere Weihe zu geben. Einmal hatte sie eine Menge Lampions in allen Farben und Formen beschafft. Diese wurden vom „Bird“ — Vogelsang wurde seit seiner englischen Reise, welche er als Marschall mitgemacht hatte, im intimen Kreise nur noch „Birdsong“ genannt — zwischen den alten Linden am Bibliotheksturm aufgehängt. Ich durfte an dem Abend mitessen und als es dunkelte zog man unter die Linden und sah dort die schöne Überraschung, welche sich in der Juninacht ganz prächtig machte. Aber damit nicht genug: meine Großmutter machte sich hinter den Bäumen zu tun und plötzlich flammte bengalisches Feuer auf, Sonnenräder drehten sich und Raketen stiegen über den Wiesen zum Sternenhimmel auf. In das Staunen dröhnte plötzlich ein solenner Kanonenschlag gefolgt von Gewehrfeuer. Kaum verstummt prasselten Frösche unter die Zuschauer und brachten durch ihre unerwarteten Sprünge Unruhe in die bereits erschütterten Reihen. Der alte Pator Bodin, einst Hauslehrer meines Vaters, welcher die Behaglichkeit, gutes Essen und ein Spielchen liebte, fuhr von seinem Stuhl auf, unter dem sich im Schütze seiner langen Schöße ein Frosch entzündet hatte und eilte spornstreichs ins schützende Haus. Da aber strahlte eine riesige Sonne versöhnend auf das Schlachtfeld und bildete den Abschluss dieser reizenden Überraschung. Die Lampions fanden noch öfter Verwendung, wenn meine Eltern von einer Reise heimkehrten; dann wurden sie im kleinen Treppenhaus und etwa auf dem steinernen Gang erneut aufgehängt. Nicht immer verlief der Vorabend so harmonisch.

Ich aß mit Leidenschaft gern Käse, was mir jedoch wegen meiner Ausschlagneigung verboten war. Die Oma hatte jedoch an einem solchen Abend eine Ausnahme zu erwirken gewusst. Die ungewöhnte Speise oder ihre allzu große Quantität brachte jedoch alsbald derartige Explosionen hervor, dass diese Freude in Leid verwandelt wurde.

Und dann begann der mit großer Freude erwartete Tag. Diese Freude war auch wirklich gerechtfertigt, denn ich konnte mich damals über mein Dasein nur freuen, denn wem ging es wohl so gut, wie mir und wer wurde wohl mit so viel Liebe umgeben und mit so herrlichen Geschenken bedacht, wie ich. Der Geburtstagstisch aller Familienmitglieder befand sich stets im Schreibzimmer meiner Mutter. Er war stets voll bepackt, woran die beiden Großmütter ihren beträchtlichen Anteil hatten. Die Fürstenauer ist mir immer wie ein Krösus vorgekommen, denn sie schenkte alles, was meine Eltern abgelehnt hatten, weil es ihnen nicht praktisch erschien und wozu immer die Begründung „zu teuer“ herhalten musste. Aber auch die Rudolstädter war sehr großzügig, besonders in der Lieferung aller erdenklichen Spiele und Baukästen aller Sorten.

Ich erinnere mich aber besonders, dass dieser Tag besonders dazu angetan war, mir Spiele zu bescheren, die im Freien benutzt und benötigt wurden. Ich glaube, es war 1896, als der Peter, Onkel Arthurs Kutscher aus Erbach, „Peda“ geheißen, mit zwei sehr niedlichen Eseln erschien. Sie hatten bis dahin den Vettern gedient und gingen nun in meinen Besitz über, bis sie nach einigen Jahren ihre kleine Füße weiter setzten und ihr Leben in Guteborn bei den inzwischen erschienenen Kindern von Ulrich Schönburg beschlossen. Das war die große Zeit des „Leiwskutskers“ Ramsbrock, der sie wartete und mit mir ausfahren musste. Ich arbeitete auch selbst mit und hatte dafür eine blaue Schürze, wie die Kutscher. Ein kleiner Wagen wurde dazu beschafft, nachdem die kleine altmodische Kutsche des 18. Jahrhunderts sich als zu altersschwach erwiesen hatte und im Winter ward ein kleiner Barockschlitten schön gelb und rot angestrichen und damit ging es zur allgemeinen Belustigung, in Sonderheit auch der Zuschauer, hinaus bis zum Schafstall auf der Wöste oder die „neue“ Gütersloher Chaussee hinauf. Die besonders gutmütige „Molly“ ließ sich auch von mir reiten und man sagt, es sei urkomisch gewesen, wenn ich auf dem alten dicken Tier, wie ein Äffchen auf der Decke sitzend, im Galopp den Treibweg heruntergesprengt sei. Zuweilen fand das auch in der Husarenuniform statt, wenn ein Anlass dazu war. Der alte Bürgermeister a.D. Tamm, der geistig nicht mehr ganz frisch war, begegnete mir gewöhnlich im Bosquet und blieb regelmäßig selig lächelnd stehen „ach, ach die niedlichen Tierchen — die niedlichen Tierchen!“ Einmal fand ich im Garten an dem barocken Häuschen in seiner Nordwestecke eine große Schaukel vor. Dann wieder nicht weit davon hinter der Hecke ein kleines Gärtchen mit einer winzigen Laube unter einer Federbuche. Dort habe ich viel und ernstlich gearbeitet. Ein anderes Mal hatte sich zur Schaukel eine kleine Kegelbahn gesellt, die genau wie ihre große Schwester angelegt war. Damit war mein Quartier vom Sandplatz nun ganz hierher verlegt worden.

Ein Dreirad — damals noch eine große Seltenheit — besaß ich schon lange. Nun erfüllte mir die Großmama einen Herzenswunsch, indem sie mir ein Knabenrad von Dürkopp schenkte. Das hatte mein Vater stets abgelehnt, weil er das Radfahren für schädlich hielt. Was das bedeutete ist heute, wo jedes Kind ein Rad hat, kaum noch zu beschreiben; mit einem Male stand einem die Welt offen. Um so erschütternder war es dann auch, als ich einmal hinter Maßmanns Garten die kleine Kurve nicht bekam und mit voller Wucht gegen eine starke Fichte jagte, so dass der Rahmen brach und ich zwei Teile des schönen Rades in der Hand hatte. Damit war nun alles zu Ende, eine Reparatur schien unmöglich und mein Vater war wütend, weil ich mir von Rechts wegen eigentlich den Schädel hätte einschlagen müssen. Aber auch diese verzweifelte Lage meisterte die gute Großmama, indem sie selber mit Dürkopp verhandelte, der dann auch nach endlosen Wochen die Reparatur ausführte. Später erhielt ich dann ein Adler-Herrenrad, das mir 36 Jahre gedient hat, das ich auch pflegte wie ein Kind, aber so schön, wie das Erste war es nicht, es war ein nötiger Gebrauchsgegenstand geworden, während das alte mir das Tor in die Welt öffnete.

Das Schönste von allem sollte aber noch kommen.

Ich wurde elf Jahre alt, das weiß ich noch genau, deshalb muss es 1900 gewesen sein. Der Geburtstag war im Schreibzimmer mit bekränztem Tisch, Riesenbrezel und vielen schönen Sachen gefeiert worden. Da sagte mein Vater so ganz nebenbei, im Schlosshof stehe jemand, der mir auch noch gratulieren wolle. Neugierig, wer das wohl sein und die festgefügte Tradition unterbrechen könne, sah ich aus dem Fenster des Frühstückszimmers meiner Eltern. Ich glaubte, mir bleibe das Herz stehen.

Vor der Dienerstube stand Beckord und hatte einen sehr hübschen, ziemlich großen Pony am Zügel! Der kleine Kerl war ein richtiges kleines Pferd etwa von der Größe eines anderthalbjährigen Fohlens, war glänzend schwarz und sah mich sehr gutmütig an. Ein nagelneues Zaumzeug, eine Decke mit schönem Gurt und blankgewichste Hufe hoben seine Erscheinung sehr. Zu wünschen hatte ich mir so etwas nicht gewagt, um so größer war die Überraschung und Freude.

Unerhörte Aussichten eröffneten sich mir mit dem Pony; geritten und gefahren war ich immer gern, aber es waren doch nur Esel und mit diesem Pferdchen begann recht eigentlich erst der Sport. Mit ihm bin ich dann fast täglich zusammen mit meinem Vater spazieren geritten. Er ritt nicht gern weit und niemals schnell, das war gewiss ein Kummer. Aber Touren bis nach Marienfeld und die verschiedentlichen Begleitungen der Kürassiere kamen doch öfters vor. Wenn Onkel Karl oder Hermann Schönburg mitritten, dann wurde es besonders unterhaltend, auch meine Mutter ritt zuweilen mit uns, hatte aber damals ein zu unbequemes Pferd, um ihrer alten Passion weiter mit Liebe anzuhängen. Mein Vater liebte den Pferdewechsel nicht und wenn die Tiere alt wurden, wurden sie nicht getötet, sondern noch mehr geschont, so dass ich einmal erlebte, dass ein uralter Fuchs tot unter ihm zusammenbrach.

Mit der Zeit wurde der gutmütige Pony aber übermütig, wie alle unsere zu gut gepflegten Pferde, so dass mein Vater mich manchmal „an die Leine nehmen“ musste, um nicht genötigt zu sein, das Pferdchen wieder einzufangen, wenn ich runtergeflogen war. Abhilfe schaffte dann, dass es ab und an vom Kutscher Landwehr in der Bahn etwas zurechtgestaucht wurde.

Bald war auch der Eselwagen mit einer Scherdeichsel versehen worden, der Pony hatte ein hübsches Geschirr bekommen und nun ging es hinaus in Begleitung des Hauslehrers, der Aktionsradius war wesentlich erweitert worden.

Später hat das treue Tier noch viele kleine Arbeiten verrichtet, hatte einen leichten Ackerwagen bekommen und konnte damit alle Fuhren für das Haus und den Garten besorgen. 1919 oder 1920 musste ich es töten lassen, weil ihm die Luft ausging und es im Stall stehend mit den Flanken schlug und in Schweiß gebadet war; sein Alter muss annähernd 24 Jahre gewesen sein.

Im Jahreskreislauf, welchen wir von verschiedenen Seiten kennen gelernt haben und die Weihnachts- und Geburtstagsfeste sowie die Spiele des Jugendtraumlandes zur Sommers- und Winterszeit noch einmal haben vorüberziehen lassen, gab es auch ausgesprochen „Große Tage“, an denen der Schlossherr in fürstlicher Weise zu repräsentieren verstand.

Obgleich jährlich wiederkehrend, gehörten die „Großen Jagden“ unbedingt mit dazu. Revier und Wild bedingten immer nur eine beschränkte Anzahl von Schützen. Der Stamm war in den Rhedaer Honoratioren stets vorhanden, die auch immer mit den auswärtigen Gästen zugezogen wurden, Bürgermeister Schulte Mönting, Amtsrichter Dr. Dassau, Herr Hagedorn, Freiherr von Elmendorff aus Herzebrock; die ältere Generation wie Herr Reinert, früher auch der Bürgermeister Fettköter und der Kammerrat Borgemann wurden dann gewöhnlich zu Hause gelassen, weil sie schlechte Schützen waren und ihre Gewehre stets mit gespannten Hähnen vor der Brust baumeln hatten.

Nachdem schon einige Tage vorher eine gewisse Feierlichkeit über dem Schloss gelegen hatte und alles in fieberhafter Zurüstung begriffen gewesen war, ratterten dann die Wagen auf dem Steinweg , über die Brücke und durch den Torbogen. Lina hatte festgestellt, dass sie beim Ankommen freudiger zu rattern pflegten, wie bei der Abreise.

Ein festgefügter Kreis setzte sich im November zu diesen Jagdfahrten in Bewegung, welche zumeist bei uns begannen, sich in Thallwitz beim Großonkel Heinrich XIV. Reuss fortsetzten, weiter dann nach Guteborn, wo Onkel Karl dann den Hausherrn machte, da die Großmama im Winter in Rudolstadt wohnte, um in Hermsdorf bei Onkel Georg Schönburg zu enden. Im Januar fanden noch Saujagden bei „Onkel Günther und Tante Annchen“ Schwarzburg – die eigentlich meine richtige Kusine war – auf dem Ratsfeld am Kyffhäuser statt.

Mit den Schwarzburgern, inklusive Leibjäger Herms und Kammerfrau Fräulein Fuchs, die mir beide mindestens ebenso wichtig waren, kamen Onkel Karls, Onkel Arthur Erbachs und der alte Freund Reisenegger aus München. Wechselweise waren gewöhnlich noch Herr von Götz aus Hohenbocke bei Guteborn, Graf Schulenburg aus Hannover, Graf Dürckheim aus Hannover sowie Freiherr Etto von Fürstenberg aus Paderborn und der Bezirkskommandeur aus Bielefeld, Oberstleutnant von Coler entboten. Die Gäste hatten sich schon das ganze Jahr auf das Zusammensein gefreut und waren in bester Stimmung. Alle harmonierten ausgezeichnet und jeder kannte die Eigenarten des anderen. Viel Spaß wurde natürlich wieder mit Onkel Arthur getrieben, Günther Schwarzburg und Hermann Schönburg — wenn dieser es irgendwie einrichten konnte, kam er selbst von St. Petersburg — waren die ruhenden Pole. Graf Dürckheim war ein eleganter Causeur, Herr von Götz außerordentlich unterhaltend und belebend, voller Berliner Geschichten steckend, Reisenegger gab in diesem norddeutschen Kreise mit seiner unerwiderten Liebe zu allem Bayrischen ebenfalls viel Anlass zu Freude. Einmal hatte er meiner Mutter einen reizenden kleinen schwarzbraunen Dackel mitgebracht, den „Waldl“, welcher in dieser Saison infolge seiner Jugend und seines Ungehorsams jedoch eher störend wirkte. „Waldl, gehst her du Mistviech damisches!“ so hatte er ihn in dem illustren Kreise eingeführt. Später war er unzertrennlich von mir und als er starb vermochte ich es bei meinem sparsamen Vater sogar durchzusetzen, dass er einen Denkstein mit Namen und Datum unter der alten Fichte am „Grünen Häuschen“ erhielt.

Herr von Coler kam in der Regel früh aus Bielefeld herüber, meist fehlte ihm irgend ein notwendiger Gegenstand, einmal sogar Patronen zu seiner irgendwie besonders gearteten Flinte, die er sich in der Morgenfrühe mit Hilfe des Leibjägers noch schnell selbst anfertigte. Etto Fürstenberg war auch eine unvergängliche Type, so groß wie ein Kachelofen mit ganz heller Stimme, nur Jäger und Genießer von guten Dinners. Herr von Saldern, Landstallmeister von Warendorf, der ebenfalls ab und an kam, war sein Gegenteil, klein und kugelrund; es war eine Lust diese beiden nebeneinander stehen zu sehen. Gewöhnlich kehrte auch der Graf Franz-Xaver Kerssenbrock aus Brincke einmal ein, ein Kavalier der alten Schule, welche er am Päpstlichen Hof als Offizier der Päpstlichen Garden erlernt hatte. Er war schon ein älterer Herr, das hinderte ihn aber keineswegs einmal Schuhe und Strümpfe auszuziehen, als er in einen Wassergraben getreten war und nun barfuss die Herzebrocker Jagd mitzumachen, bis anderes Schuhzeug besorgt war. Wenn er abends nach Hause fuhr, sah man immer aus den Taschen seiner Frackschöße einige Knallbonbons, die es zum Dessert gegeben, herausschauen, welche er dann seiner zahlreichen Kinderschar mitbrachte. Die Jagden waren nicht so gut, wie sie später etwa von 1910 an wurden. Dafür waren die Dinners des „alten“ Keiser aber um so besser und das Bild an der Tafel konnte nicht besser sein. Meine Mutter war damals eine sehr anmutige Frau, ohne vielleicht eine Schönheit genannt werden zu können, ihre große Lebhaftigkeit sprühte geradezu Funken in diesem ihr sympathischen Kreise und sie hatte immer schöne Roben aus schweren Stoffen an, die mir besonders zusagten.

Nach der Tafel wurde von den Herren meistens ein endloser Whist gespielt, später auch Roulette, was sehr unterhaltend gewesen sein muss. Ich hatte mich natürlich bis dahin längst ins Bett zu verziehen, nicht ohne vorher den Dienern beim Abdecken der Tafel dadurch behilflich gewesen zu sein, dass ich die Champagnerreste rund um den Tisch austrank. Ab und an soll auch zu vorgerückter Stunde getanzt worden sein. Tante Gritty, die immer hilfsbereite, opferte sich dafür und spielte Klavier, während Annchen Schwarzburg sich in den Armen von Kandidat Hachtmann im Tanze schwang, sehr zum Missvergnügen ihres Mannes. „Da tanzt sie schon wieder mit dem Ziegenbock!“, soll er einmal gesagt haben. Im übrigen rauchte er immer zwei Importen zu gleicher Zeit, die er sich zwischen die Finger steckte, was mir besonders imponierte. Auch hierbei war Onkel Arthur eine Quelle des Vergnügens, der seine Partnerin und sich nicht selten in sehr unsanfte Berührung mit Möbeln und Öfen gebracht haben soll.

Zum Frühstück durfte ich mit den Damen immer mit in den Wald fahren und die Jagd bis zum Ende mitmachen. Meiner Kritik entging nicht, dass manche hoffnungslose Schützen waren und damit weidlich aufgezogen wurden. Ich begleitete eigentlich ausschließlich meinen Vaters, der weder schnell, noch weit schoss, aber gut. In seiner Tasche hatte er eine Elfenbeinpfeife in Gestalt eines Hundekopfes; damit pfiff er die Treiben an, bis der Leibjäger Reichelt kam und seine vielgeübte Kunst auf dem Hörn zum besten geben konnte. Mein Vater stellte stets selbst an, während der Oberförster Tuschhoff nur das Protokoll zu führen hatte.

Als ich dann in jungen Jahren selbst Jagdherr wurde, hat sich nichts wesentliches geändert, denn schöner und besser konnte es nicht werden. Selbst jetzt in dem Alter, wie die Jagdgesellschaft damals, kommt es mir doch immer noch sonderbar vor, dass diese „alten Herren“ sich genauso unterhalten und amüsiert haben sollen, wie wir es dann fortsetzten.

Es gab aber auch Tage, an denen Schloss und zahlreiche Dienerschaft allen Glanz entwickelte, der vorhanden war.

An einen der ersten solcher Ordnung, die ich miterlebte, erinnere ich mich an das fünfzigjährige Dienstjubiläum des Kammerrates Borgemann.

Die Tafel fand zwar, wie sonst bei großen Anlässen, diesmal nicht im Saal statt, sondern wegen des kleineren Kreises im Esszimmer. Die Dienerschaft aber war in Gala. Diese Livreen hatte mein Vater zu seiner Hochzeit, welche in Rheda gefeiert wurde, anfertigen lassen. Sie bestanden aus dunkelblauen Röcken, wie die alltäglichen, welche im Rokokoschnitt gehalten waren, mit vielen Silbertressen und Wappenknöpfen verbrämt. Dazu schwarze Samthosen mit beigefarbenen Gamaschen. Bis auf die Gamaschen, an deren Stelle weiße Strümpfe und Schnallenschuhe gehört hätten , wozu man sich aber nicht entschließen konnte, weil sonst viele Schuhe hätten angefertigt werden müssen, war die Livree sehr prächtig und großen Anlässen entsprechend. Der Haushofmeister trug eine davon etwas abweichende Bekleidung und der Leibjäger anstelle des üblichen Überrockes einen Waffenrock mit besonders prächtigem Hirschfängergehänge. Als Kopfbedeckungen wurden betresste Dreispitze getragen, während der Leibjäger einen solchen mit grünen Federn aufhatte.

Der alte Kammerrat, dessen rundliche Gattin ausnahmsweise mitgeladen war, wurde vor der Tafel mit dem Kronenorden dritter oder vierter Klasse geschmückt, den ihm mein Vater besorgt hatte. Damals kostete das eine kurze Bitte an den Regierungspräsidenten, um solch einen verdienten Beamten überglücklich zu machen. Er sah damit auch im Frack und seinem markanten Gesicht, das durch eine „Maurerfrese“ eingerahmt war, wie ein Minister aus.

An dieser Galatafel habe ich zum ersten Male in öffentlicher Rede gesprochen „Meine Damen und Herren, ich bitte Sie, mit mir auf das Wohl des Herrn Kammerrats anzustoßen. Er lebe hoch!“ Ich mochte etwa 6 Jahre alt sein, aber schon damals fiel mir diese „Ansprache“ gar nicht schwer; allerdings war ich gewaltig dadurch gehoben, dass ich selber auch im Frack erschienen war, jenem Maskenfrack, den dann fast 40 Jahre später auch meine Kinder noch getragen haben.

Ein Ereignis größeren Ausmaßes in Gala war dann die Beisetzung meiner Rudolstädter Großmama 1902. Ich sehe noch den vierspännigen Leichenwagen, dessen Bespannung schwarz verhängt war und durch vier Kutscher in schwarzen Mänteln geführt wurde, feierlich vom Bahnhof her durch den Torbogen schwanken, gefolgt von einem Landauer, in welchem mein Vater mit Kammerrat Borgemann saß. Die Aufbahrung fand in der schwarz verhangenen Kapelle statt, deren eines Schiff ganz in Blumen unterging und der Sarg auf einem Katafalk nur durch acht Girandolen kenntlich war. Tag und Nacht hielten zwei Schlosssoldaten Wache.

Allmählich kamen die Gäste, Geschwister, Neffen und Nichten und am Beisetzungstage Gäste aus Nah und Fern, Onkel Heino Reuß als Vertreter des Hauses der Großmama, die Schwarzburger, der Oberpräsident, Regierungspräsident und viele andere. Generalsuperintendent Braune, ein Freund der Verstorbenen, sprach am Sarge, alle Herren waren in Paradeuniform und das Bild war wirklich ein prächtiges. Dann ging es durch eine dicht gedrängte Menge hinaus zum Mausoleum, während die umflorten Straßenlaternen als Huldigung der Stadt am Wege glühten. Voraus marschierte die unvermeidliche Militärkapelle. Später fand im Saal ein Galabuffet statt, welches im Verein mit der galonierten Dienerschaft sich sehen lassen konnte.

Sieben Jahre später trug man an einem prachtvollen Maitag, an dem im Hof die Fliederbüsche überreich blühten, den toten Schlossherrn zum Tor hinaus. Ich hatte, von Berlin kommend, wo ich mich ja zum Examen vorbereitete, meinen Vater nicht mehr lebend getroffen; er lag in der schmalen kleinen Schlafstube in seiner Husarenuniform auf dem Bett und dasselbe Galagepränge, was ich 1902 eigentlich sehr genossen hatte, lief reibungslos ab, während mir zum ersten Male etwas davon aufging, dass „alles eitel“ sei. Schweren Herzens stand ich mit meiner Mutter in der Kapelle und weiß eigentlich nur, dass die Zahl der Leidtragenden unabsehbar war, dass mir viele bedauernd , andere voller Hoffnung die Hand schüttelten „Le roi est mort…“. Den Wunsch, mich noch in Uniform zu sehen, hatte ich dem Toten nicht mehr erfüllen können, es war zu schnell gegangen. Er hatte mir aber den Weg ins weitere Leben nach allen Richtungen hin so vorbildlich geebnet, wie es nicht alltäglich ist. Wenn ich heute im Mausoleum an seinen Sarg trete, kann ich ihm nur sagen, dass es nicht seine, aber freilich auch nicht meine Schuld ist, wenn ich sein Erbe nicht besser wahren konnte.

Damals tönten zum letzten Male die Trauerglocken acht Tage lang um die Mittagszeit, zum Zeichen, dass jemand aus dem früheren Landesherrlichen Hause heimgegangen sei. Ein neues Zeitalter begann drohend und langsam heraufzuziehen.

Zwischen diesen Trauerfeiern lag aber noch ein froher festlicher Tag – meine Konfirmation im Jahre 1905. Ich war durch den berühmten Pastor Professor D. theol. Möller, welcher Gymnasialpfarrer in Gütersloh war und der bereits meine Mutter im Luisenstift in der Lößnitz konfirmiert hatte — später taufte er dann auch unseren Ältesten in der Kapelle — unterrichtet worden und hatte die Prüfung in Gütersloh abgelegt, die eine wirkliche Prüfung war und nicht nur eine Unterhaltung zwischen Pfarrer und Konfirmanden, wobei der Erstere die Hauptkosten trägt In seinem Geiste, der streng lutherisch und vielleicht etwas zu orthodox war, ging ich damals ganz auf. Insbesondere hatten dazu seine Konfirmandenstunden und Bibelabende beigetragen, welche das Beste waren, was mir auf kirchlichem und religiösem Gebiet je begegnet ist. Wieder war ein Galatag. Zahlreiche Verwandte waren gekommen und die Kapelle glich einem Blumengarten. Ich selbst war der Mittelpunkt und stand etwas verlassen in einem neuen Smoking aus Menses Meisterhand vor dem Altar und vor dem Manne, der wie ein wahrhafter Hohepriester seines Amtes waltete. Mir war sehr feierlich zumute und die Verpflichtung, welche ich nun meinen Paten abnehmen und auf mich selbst übernahmen sollte, erschien mir eine sehr ernste und weitreichende. Wohl war die Stimmung eine festliche, aber auch eine gedrückte. Im lutherischen Geiste erzogen, hegte ich zwar keinerlei Zweifel, war aber doch sehr unter dem Eindruck einer vielleicht unwürdig genossenen Communion „… der isset und trinket sich selber das Gericht.“

Ich erinnere mich noch wohl, dass mich diese feierliche Stimmung, die nicht recht zu dem Glanz der Galatafel im Saale passen wollte, während der mein Vater eine kurze Rede hielt und ich auf den alten Möller mein Glas erhob — derartige Toaste hatte ich inzwischen gelernt, weil meine Eltern mich an ihren Geburtstagen stets dazu anhielten — noch lange angehalten hat.

Bis zu seinem Tode in den zwanziger Jahren bin ich mit Pastor Möller befreundet geblieben. Ihm habe ich es zu verdanken, dass ich gleich dem alten Januschauer Oldenburg von mir sagen darf „ich weiß, an wen ich glaube. Ich weiß, was feste steht…“. Im Wechsel des Lebens entwickelt sich der Mensch weiter, mit ihm auch der Glaube.“ „Der Glaube ist ein großer Strom mit vielen Armen; auf jedem gelangt man ins Meer“; so drückt es Dr. Schulz, der „Baltische Idealist“, einmal aus.

Ich sagte schon vorher, dass mit dem Hingang meines Vaters im Jahre 1909 andere Zeiten heraufzuziehen begannen. Nicht dass es jeder Einzelne schon greifbar empfunden hätte, es waren ja noch fünf Jahre bis zum Ausbruch der Weltkatastrophe; es wetterleuchtete aber bereits. Was einmal war, kehrt niemals wieder. Man könnte sich damit als mit einer notwendigen Weltentwicklung abfinden, wenn nur das Schlechte nicht wiederkehrte und eine stetige Fortentwicklung einträte. So will es uns Lebenden aber keineswegs scheinen. Auch das Schöne ist versunken. Wir haben auch später noch Feste gefeiert, in anderem Rahmen zwar, aber doch auch schön in der wahrhaft noblen Umgebung des alten Schlosses. Nach unserer Heirat im Sommer 1922 hatten wir die Prominenten Rhedas und des Kreises zu einem Büffet geladen, nach welchem im Saal getanzt wurde. Der Krieg war damals zwar verloren und eine Revolution und andere Erschütterungen waren über uns hinweggegangen. Aber viele der Alten waren noch da und die Neuen fügten sich gern in den alten Rahmen ein. Es war ein vergnügtes Begrüßungsfest, an dem etwa 80 Menschen teilnahmen. Wir konnten auch mussten Kinder in der alten Kapelle taufen und konfirmieren und nur die Konfirmation von Gustava musste wegen des Krieges im festlich hergerichteten Saale stattfinden.

Er hat das Wiederaufleben der alten musikalischen Tradition in den Kammermusikkonzerten des Wenzinger-Scheck-Kreises, der auf alten Instrumenten alte Werke aus der Bibliothek vortrug, einige Male erlebt, ein künstlerisches Ereignis, das weit über die Grenzen des Weichbildes hinausging und etwas von dem Musizieren des 18. Jahrhunderts wieder lebendig machte.

Aber das gehört schon nicht mehr zu dem Motto, unter das diese Blätter gestellt sind. Ein neuer Lebensabschnitt hatte begonnen.

Wenn man die „Jugenderinnerungen eines alten Mannes“ zur Hand nimmt, dann merkt man die ungeheure Schwierigkeit des Unterfangens und die eigene Unzulänglichkeit. Diese Darstellung möchte auch keinerlei Ansprüche erheben. Es sollte ein Versuch sein, vom „schönen alten Rheda“ etwas Historisches zu bringen, die alte Zeit sollte wieder lebendig werden und mit ihr die Menschen, welche heute von Wenigen nur noch gekannt sind.

Sofern der Erzähler nicht ein Künstler ist, wird er dazu neigen, beim Niederschreiben ohne weitere Korrektur die eigene Freude an der Erinnerung in den Vordergrund zu stellen, ohne Rücksicht darauf, ob auch der Leser gefesselt wird. Ersteres ist im hohen Maße gelungen; beim Überlesen erscheint es mir zweifelhaft, ob das entworfene Bild, das naturgemäß aus tausend Mosaiksteinchen zusammengesetzt ist, so plastisch wurde, dass auch das Letztere erfüllt worden ist.

Eine beherzigenswerte Mahnung, die dem Menschen viel Leid erspart, scheint mir jedoch sich durch diese Zeilen zu ziehen, welche etwas darzustellen versuchten, was in einem Menschenalter auf Nimmerwiedersehen verschwunden ist, jene Mahnung aus dem uralten Buch:

„Wir haben hier keine bleibende Statt, sondern die zukünftige suchen wir.“

Auszüge aus der Familiengeschichte

Der Begründer der Familie, Richard Le Forte, ist ein Nachfahre der normannischen Herren von St. Evremont-sur-l’Ozanne und Mesnil-Angot. Bei den Schlachten gegen die Angelsachsen von 1066 rettete Richard Le Forte Willhelm dem Eroberer das Leben. Für seine Verdienste erhielt er in 1068 die Herrschaft Nord Devon an der Südspitze Englands, die noch immer im Besitz der Familie ist. Seit dieser Zeit lautet das Motto der Grafen von Fortescue: Fortescutum salus Ducum, ein starker Schild schützt den Führer.

Das Wappenschild der Grafen Fortescue
Sir John Fortescue, seit 1442 oberster Richter Englands, wurde während des Exils von Heinrich VI Kanzler. Als herausragender Rechtsgelehrter ist Forstescue einer der Gründervater der britischen Verfassung. Er befürwortete die Stärkung des Unterhauses als Gegenpol zum Oberhaus, dem House of Lords. Für seine Verdienste erhielt er das Schloss Ebrington in Gloucestershire, wo er nach dem Sturz des Königs durch Eduard IV lebte. Seine juristische Abhandlung De Laudibus Legnum Angliae inspirierte William Shakespeare für seinen Hamlet.

Sir Adrian Fortescue, verwandt mit Königin Anne Boleyn über seinen Großvater, Sir Geoffrey Boleyn, wurde als enger Vertrauter seiner königlichen Cousine im Mai 1539 im Tower von London auf Befehl von Heinrich VIII hingerichtet. In der katholischen Kirche wird Sir Adrian als Martyrer verehrt. Zu seinem Andenken wurden in der Johanneskirche in Valetia und im Collegio di San Paolo in Rabato auf der Insel Malta Heiligenschreine geweiht.

1788/9 erhielt die Familie den Grafentitel (Earl Fortescue).

In diesem Jahrhundert hat sich die Familie auf militärischem Gebiet verdient gemacht. Sir John Fortescue lebte in Windsor Castle und schrieb eine 24 bändige Militärgeschichte der britischen Armee. Der Earl und dessen Geschwister waren hochdekorierte Soldaten in den letzten Kriegen. Er heiratete die Tochter des Vizekönigs von Indien, Viscount Harding von Lahore.

Der Vater von Prinzessin Marissa, The hon. Mr Seymour Fortescue, war einer der jüngsten Direktoren von Barclays Bank . Die Großeltern mütterlicherseits, Sir John und Lady Pilcher waren britische Botschafter in Tokio und Wien.

Nur wenige Menschen wissen heute noch, dass die Herrschaft Rheda und die Grafschaft Limburg an der Lenne mit der Burg Hohenlimburg einst selbständige Staaten waren. Die Geschicke dieser Regionen Westfalens waren über Jahrhunderte eng mit dem Haus Bentheim- Tecklenburg verknüpft.

Die Grafen und späteren Fürsten zu Bentheim-Tecklenburg waren souveraine Herrscher im Heiligen Römischen Reich. Im Lauf der Jahrhunderte waren die Schlösser in Rheda und Hohenlimburg wechselseitig Haupt- und Nebenresidenzen, von denen aus die Regierungsgeschäfte ausgeübt wurden. Seit 1988 bewohnt das Fürstenhaus, in der 24. Generation, wieder Schloss Rheda. Fürst Moritz-Casimir und Fürstin Sissi geb. Gräfin von Hardenberg haben von Schloss Rheda aus viel für die kulturelle und betriebswirtschaftliche Entwicklung ihres Erbes getan. Seit 2001 ist das Fürstenpaar auf den Alterssitz Kloster Herzebrock umgezogen. Die neuen Bewohner, Erbprinz Maximilian zu Bentheim-Tecklenburg und seine Gattin Marissa geb. Fortescue aus dem Hause der Earls Fortescue führen die mittelalterlichen Gemäuer und die Wirtschaftsbetriebe des Fürstenhauses in das neue Jahrtausend.

Zur Geschichte des Schlosses und der Herrschaft Rheda

Der erste urkundliche erwähnte Herr zu Rheda war Everwin, der 1142 als Vogt des Klosters Freckenhorst in die Annalen einging. Sein Sohn Widukind ging 1185 als Begründer des Zisterzienserklosters Marienfeld in die Geschichte ein. Durch seine verwandtschaftlichen Beziehungen zu den mächtigen Grafen von Werl, deren Herrschaft sich über weite Gebiete Nordwestdeutschlands erstreckte und die mit einer Vielzahl der deutschen Herrscherhäuser verwandt waren, konnte er eine einflussreiche Position am Hof Herzog Heinrichs des Löwen aufbauen. In Rheda besaß Widukind Eigengüter sowie die Vogtei- und Gerichtsrechte, die er teilweise auf das Zisterzienserkloster Marienfeld übertrug. Der Kreuzritter verstarb 1195 kinderlos bei der Schlacht von Akkon im Heiligen Land. Die Herrschaft Rheda erbte sein Waffenbruder Bernhard II. zur Lippe (um 1140 -1224). 1196 legte Bernhard seine Waffen nieder und wandte sich als Abt von Marienfeld und später als Bischof von Semgallen in Lettland einer kirchlichen Laufbahn zu.

Der älteste seiner zahlreichen Söhne, Hermann II (gest. 1229), erbte die Herrschaft und ließ das Schloss zur lippischen Hauptresidenz ausbauen. Die prächtige Doppelkapelle im Torturm des Schlosses mit der ältesten Darstellung der lippischen Rose stammt aus der Zeit Hermanns II. Sieben Generationen der Edelherren zur Lippe herrschten über das Rhedaer Land. Die lippische Herrschaft endete 1365 mit dem Tod Bernhard V. zur Lippe, welcher Rheda an seine älteste Tochter Adelheid vermachte, deren Erbe durch ihre Ehe mit dem Grafen Otto V dem Haus Tecklenburg zufiel. Von 1365 bis 1557 blieb Rheda Nebensitz der Grafen von Tecklenburg. Der letzte Nachkomme der Tecklenburger Grafen, Konrad (1493-1557) bezog Stellung in den Glaubensfragen seiner Zeit. Als überzeugter Protestant führte er die Lutherische Lehre in seiner Herrschaft Rheda ein.Das Haus Bentheim-Tecklenburg hat die Burganlage seit Beginn des 17. Jahrhunderts zur gräflichen und später fürstlichen Residenz ausgebaut. Beachtlich sind die im Stil der Weserrenaissance und des schlichten westfälischen Barocks erbauten Flügelbauten, welche die mittelalterlichen Wehrtürme verbinden.


Zur Geschichte der Burg und Grafschaft Hohenlimburg

Hohenlimburg liegt in Südwestfalen an der Grenze zum Sauerland, ungefähr einhundert Kilometer entfernt von Rheda. Die Geschichte der Hohenlimburg beginnt mit dem Anschlag auf den Kölner Erzbischof Engelbert von Berg durch Graf Friedrich von Isenberg. Um 1240 erbaute dessen Sohn Dietrich die Burg für seinen Streit um das verlorene Erbe des geächteten Vaters. Mit der Hilfe seines Onkels, des Herzogs von Limburg gelang es Dietrich, einen kleinen Teil des väterlichen Erbes an sich zu bringen. Die Grafen von Isenberg-Limburg herrschten auf Schloss Hohenlimburg bis zum Erlöschen des Geschlechts 1511. Die Burg wurde an die Grafen von Neuenahr vererbt, welche die Anlage durch Bauten am Pallas erweiterten. Graf Hermann von Neuenahr führte 1560 die Reformation in der Grafschaft Limburg ein. Er unterstützte den 1582 zum Protestantismus konvertierten Kölner Erzbischof Gebhard Truchseß von Waldenburg, dessen Nachfolger Ernst von Bayern sein erbitterter Gegner wurde. Der kinderlose Nachfolger Hermanns, Graf Adolf von Neuenahr musste1584 die Belagerung und Besetzung der Hohenlimburg durch Kurkölnische Truppen hinnehmen, die bis über seinen Tod hinaus andauerte.


Graf Arnold vereinigt die Bentheimischen Territorien

Im Ausgehenden 16. Jahrhundert wurden Rheda und Hohenlimburg in der Hand des Grafen Arnold von Bentheim vereint. Die Rechte an der Grafschaft Limburg mit der Burg Hohenlimburg erbte Arnold 1573 von seinem Schwager Adolf, dem letzten Graf von Neuenahr. Rheda gehörte zu dem Tecklenburger Erbe, welches Arnolds Mutter, die Gräfin Anna von Tecklenburg (1528-1582) 1553 durch ihre Ehe mit dem Grafen Everwin III von Bentheim (1536-1562) in die Familie brachte. Als einer der bedeutenden Landesherren des Deutschen Reiches herrschte Graf Arnold über die Grafschaften Bentheim, Tecklenburg, Steinfurt, Gronau und Limburg sowie die Herrschaft Rheda. Er ging verantwortungsvoll mit seinem bedeutenden Erbe um. Durch Schulgründungen förderte er vor allem die Wissenschaften und die Volksbildung. Graf Arnold war der erste Landesherr in Westfalen, der bereits zu sehr früher Zeit die Hexenverfolgung verbot.


Das gräfliche Haus Bentheim-Tecklenburg

In dem aufgeklärten Geist regierten auch Graf Arnolds Nachfolger die Bentheimischen Territorien. Der älteste Sohn Adolf erhielt Tecklenburg und Rheda. 1618 bekam er die Grafschaft Limburg mit der Hohenlimburg von seinem frühverstorbenen jüngeren Bruder Konrad-Gumprecht hinzu. Damit war die Grundlage des Hauses Bentheim-Tecklenburg gelegt. In der Geschichte des Tecklenburgischen Familienzweigs gab es verlustreiche Einschnitte. 1633, während der Wirren des Dreißigjährigen Krieges musste Graf Moritz  die Belagerung und Besetzung der Hohenlimburg durch den Feldherren Lothar Dietrich von Bönninghausen hinnehmen. Auch litt das Haus Bentheim-Tecklenburg bereits früher als andere Herrscherhäuser unter der Machtentfaltung Preußens. Die Besetzung der Grafschaft Tecklenburg durch die damals bedeutendsten Militärmacht zwang Graf Moritz-Casimir I sich 1729 in dem seit 1577 andauernden Erbstreit durch einen Vergleich zu einigen. Wegen des Verlustes der gräflichen Residenz in Tecklenburg wurde die Hofhaltung nach Hohenlimburg verlegt. Die Burg wurde entsprechend ihrer repräsentativen Nutzung für die gräfliche Hofhaltung erweitert und ausgebaut. Zu Begin des Siebenjährigen Krieges wurde Schloss Rheda mit einem repräsentativen Barocktrakt (1745-1756) und einem kleinen Hoftheater (1780) zur Residenz ausgebaut. Eine bedeutende Notensammlung mit Originalhandschriften wurde angelegt, welche durch das Hoforchester zur Aufführung kamen. 


Wirtschaftliche Vorteile

Ein gravierender Verlust an politischer Macht erfolgte durch die Okkupation Westfalens durch die Napoleonische Grande Armee. 1808 wurden die Herrschaft Rheda und die Grafschaft Limburg dem von Napoleon geschaffenen Großherzogtum Berg (Hauptstadt: Düsseldorf) zugeschlagen. Graf Emil Friedrich wurde nach dem Zusammenbruch der napoleonischen Herrschaft nicht wieder in seine Regierungsrechte eingesetzt. Rheda und Limburg wurde vorerst unter preußische Verwaltung gestellt und 1815 endgültig Preußen zugesprochen. Diese Jahre brachten dem Hause Bentheim-Tecklenburg nicht nur Nachteile, da mit der Säkularisation (=Verweltlichung kirchlichen Eigentums) der weltliche  Besitz der Klöstern und Stifte auf den Landesherren und sein Haus überging. Die in der Herrschaft Rheda gelegenen Klöster Herzebrock und Clarholz wurden 1803 von Moritz Casimir II. aufgehoben. Das Damenstift Elsey bei Hohenlimburg wurde von Emil Friedrichs nach großherzoglich-bergischen Recht säkularisiert. Damit wurde ein Jahrhunderte andauernder Interessenskonflikt mit den klösterlichen Landständen beendet, der den Landesherren bislang in seiner Entscheindungsfreiheit beschränkt hatte.


Die standesherrlichen Rechte und Pflichten

Das Haus Bentheim-Tecklenburg behielt wichtige Hoheitsfunktionen aus der verflossenen Landeshoheit. Darunter waren die Gerichtsbarkeit in erster Instanz, die Ortspolizei und die Kirchen- und Schulaufsicht. Am 20. Juli 1817 erhob König Friedrich Wilhelm III. von Preußen den Grafen Emil Friedrich zu Bentheim-Tecklenburg in den erblichen preußischen Fürstenstand. Das Haus Bentheim -Tecklenburg bewahrte die regionale Verwurzelung und Verantwortung für das Wohlergehen der Bevölkerung. Fürst Moritz Casimir I. (1795 – 1872) erkannte den Aufbau des Schienennetzes in Deutschland als Schlüssel der regionalen Entwicklung. Er nutzte seine guten Beziehungen zum Königlichen Hof in Potsdam für die Umverlegung der ursprünglich anders geplanten Bahnstrecke Dortmund-Berlin über Rheda. Im Interesse der Rhedaer Bevölkerung und Wirtschaft stellte Fürst Moritz-Casimir der Preußischen Verwaltung Flächen für den Trassenbau zur Verfügung. Seine Ehefrau Fürstin Agnes (1804-1866) diente dem Gemeinwohl durch die Gründung der Evangelischen Stiftung mit dem ersten Krankenhaus und Kindergarten in Rheda. Auch die Nachkommen fanden im Engagement für die Öffentlichkeit ihre Rolle in der Gesellschaft. 1872 folgte Franz (1800 – 1885) als dritter Fürst, danach dessen Neffe Fürst Gustav (1849-1909) der 1888 Thekla von Rothenberg (1862-1941) heiratete.


Eine neue Zeit beginnt

Das einzige Kind aus dieser Ehe, Erbprinz Adolf (1889-1967), folgte seinem Vater als fünfter Fürst. In seiner Jugend sah der Fürst die Welt der Belle Epoque in Rauch und Asche aufgehen. Im I. Weltkrieg geriet er als Leutnant des Leibgarde Husarenregiments in Gefangenschaft der Russischen Revolutionsarmee, der er in einer gewagten Fluchtaktion entkam. Mit dem Untergang der Monarchie endeten 1918 ein Großteil der persönlichen Vorrechte der Standesherren. Das Pflichtbewusstsein in der Region und die lokale Verwurzelung blieben. Besonders die Zeit des Wiederaufbaus nach dem II Weltkrieg brachte neue Herausforderungen. Durch die Bereitstellung von Siedlungsflächen für Ostflüchtlinge ermöglichte Fürst Adolf den ersten Wachstumsschub im damaligen Kreis Wiedenbrück. Der Fürst beteiligte sich am Wiederaufbau durch die Mitgründung der Möbelfirma COR. Fürstin Amelie (1902 -1995) erhielt für ihr Engagement beim Deutschen Roten Kreuz das Bundesverdienstkreuz und das Ehrenabzeichen des DRK.

Prinz Moritz-Casimir, der seit dem Unfalltod seines Vaters 1967 sechster Fürst zu Bentheim-Tecklenburg ist, trat in die Fußstapfen seiner Eltern. Das wesendliche Anliegen des Diplom-Forstwirtes ist die Pflege der Fürstlichen Patonate im den Kirchenkreisen Iserlohn und Gütersloh. Aus seinem vollen Namen geht die tiefe Verwurzelung des Hauses in der Tradition hervor: Moritz Casimir Widukind Gumprecht Fürst zu Bentheim- Tecklenburg, Graf zu Tecklenburg und Limburg, Herr zu Rheda, Wevelinghoven, Hoya, Alpen und Helpenstein, Erbvogt von Köln. Unbeschränkt vererbliches Prädikat: Durchlaucht. Fürst Moritz Casimir ist seit 1958 mit Gräfin Huberta von Hardenberg (geb. 1932), genannt Sissi, verheiratet. Die in Südafrika geborene Fürstin, die durch ihren Onkel Heinrich Graf von Hardenberg als Diplomatenkind aufgezogen wurde, hat sich im Umwelt- und Denkmalschutz engagiert. Mit ihrem autodidaktisch angeeigneten Fachwissen hat die Fürstin gemeinsam mit Fürst Moritz-Casimir die Rhedaer Archivbestände bearbeitet, Schriften zur Geschichte des Fürstenhauses verfasst, Forschungsprojekte begleitet und damit die Grundlage zur Forschung über das Haus Bentheim-Tecklenburg gelegt. Für die gewissenhafte Restaurierung der Innenräume des Schlosses Rheda wurde die Fürstin mit dem Denkmalschutzpreis der Deutschen Stiftung Denkmalschutz ausgezeichnet. Die musikalische Tradition lebte bei Konzertaufführungen auf historischen Originalinstrumenten durch die Pioniere der historischen Aufführungspraxis wieder auf. Ein weiteres Anliegen der Fürstin ist nach wie vor die Kunstförderung. Sie betreibt die Galerie unter den Linden in ihrem neuen Alterswohnsitz in Herzebrock, den sie 2001 gemeinsam mit Fürst Moritz-Casimir bezogen hat.

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Maximilian Erbprinz zu Bentheim-Tecklenburg und seine Frau Marissa, eine geborene Lady Fortescue aus London, mit ihren drei Kindern. Ein adliges Leben mitten in Nordrhein-Westfalen.

Die Bentheim-Tecklenburgs sind verwandt mit fast allen Königshäusern Europas. Ob Briten, Niederländer, Spanier oder Schweden: Alle haben die Fürstenfamilie bereits auf einem ihrer insgesamt fünf Schlösser besucht. Und auch die weltberühmte Bestseller-Autorin Rosamunde Pilcher, eine Tante von Erbprinzessin Marissa, war schon zu Gast auf Schloss Rheda – ihr zu Ehren wurde eine Rose im fürstlichen Garten benannt.

Das Leben der zu Bentheim-Tecklenburgs ist geprägt von Pflicht und Verantwortung. Immer wieder stehen sie vor dem ehernen Gebot, ihr privates Glück mit dem traditionsreichen Erbe der Familie in Einklang zu bringen. Seit Jahrhunderten ist ihr Werdegang auch von der Religion bestimmt, und sie selbst prägen seit dem 16. Jahrhundert – mit der Einführung der protestantischen Lehre nach Luther – die Kirchen ihres Landes, bis zum heutigen Tage halten die Bentheim-Tecklenburgs neun Kirchenpatronate.

Die WDR-Dokumentation „Die Fürsten zu Bentheim-Tecklenburg“ führt durch die lange Geschichte einer beeindruckenden Adelsdynastie aus Nordrhein-Westfalen. Deren Herrschaft Rheda und die Grafschaft Limburg waren einst selbstständige Staaten, die Grafen und Fürsten regierten als souveräne Herrscher im Heiligen Römischen Reich. So sind die Geschicke dieser Region über Jahrhunderte eng mit dem Haus Bentheim-Tecklenburg verbunden gewesen. Heute bilden die insgesamt fünf Schlösser – Hohenlimburg, Rheda, Clarholz, Bosfeld und Herzebrock – ein kulturelles und gesellschaftliches Zentrum Westfalens.

Filmautor Jobst Knigge erzählt die spannende Geschichte der Adelsdynastie. Neben einem Exklusivinterview mit Rosamunde Pilcher, in dem sie ihre besondere Beziehung zum Fürstenhaus beschreibt, kommen auch Familienmitglieder, Wegbegleiter und namhafte Persönlichkeiten aus Nordrhein-Westfalen zu Wort. Zudem sind viele bislang wenig bekannte Privat- und Archivfilmaufnahmen rund um die zu Bentheim-Tecklenburgs zu sehen.

„Die Fürsten zu Bentheim-Tecklenburg“: Eine Familienchronik gespickt mit tödlichen Unfällen und abenteuerlichen Geschichten, aber auch eine Geschichte über glückliche Ehen und freudige Ereignisse.

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Fürstlich zu Bentheim-Tecklenburgische Kanzlei